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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (23.07. - 26.07.), No. 3

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Dreiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei für einen neuen Eintrag offen.

Früher Abend. Uhrzeit: 18:04 Uhr.

 

Bin wirklich aufgebracht, wütend.

 

Wegen Mutti.

Mutti war vorhin raufgekommen zu mir. Hatte an meiner Zimmertüre geklopft. Natürlich meine ich zu Mutti hinaus, daß offen wäre.

Hatte eigentlich keine Ahnung, was Mutti wollte. Hatte eben die Absicht, für das Abendessen in die Küche hinunterzugehen. Aber Mutti meinte, sie wolle mich mal schnell unter vier Augen sprechen.

 

Zu mir spricht Mutti, daß sie als meine Mutti das ja verstehen könnte, daß die Trennung von Helen mir zusetzen würde. Wäre mir auch deutlich anzusehen, das. Wie ich aussähe, schlafe ich nachts nur sehr schlecht. Kann schon eine Last sein, die Liebe für den Liebenden, manchmal. So lange wären Helen und ich ein Paar gewesen. Verlobt hätte ich mich mit Helen; heiraten wollte ich Helen. Gegen die Trauen, wenn die, die man geliebt hat, einen verläßt, wäre nur schwer anzukommen. Jeden Tag, wenn sie, meine Mutti, sie mich ansähe, könnte sie das deutlich an mir wahrnehmen. Die Liebe, die hätte wahrlich nichts mit Religion zu tun. Wenn jemand den anderen liebt, wirklich liebt, ginge man mit demjenigen durch Dick und Dünn, im wahrsten Sinne des Wortes überallhin.

 

Was labert da meine Mutti zu mir her - ich wäre weiter in Helen? Alles wäre, weil ich weiter Helen, Helen lieben würde?

Die Augen habe ich aufgerissen. Groß schaue ich meine Mutti an.

Meine Mutti schwatzt daher, daß die neue Handy-Nummer Helens immer noch im Telefon unten gespeichert wäre. Ich müßte Helen, hätte ich den Wunsch, nur anrufen.

Sie, Mutti, sie könnte mir auch den Zettel, auf den sie, Mutti, die Handy-Nummer Helens aufgeschrieben hätte, zu mir ins Zimmer raufbringen. Dann könnte ich Helen hier oben anrufen. Sofort, wenn ich wollte.

Jederzeit könnte ich Helen anrufen. Müßte mir nichts dabei denken. Müßte mir nur einen Ruck geben. Einen inneren Ruck. Sie, Mutti, sicher wäre sie sich, daß Helen mich nicht fressen würde. So schlimm würde Helen schon nicht sein, wenn ich richtig an die Sache heranging.

Außerdem: Kam Zeit, kam Rat. Vielleicht, daß Helen irgendwann wieder ihre harten Standpunkte aufgab. Toleranter würde. Weniger besessen. Jede Religion hätte so seine Vor- und Nachteile. Helen, die wäre eine kluge Frau, eine Studentin, die würde das sicherlich eines Tages erkennen. Übertreiben müßte man nicht in diesen Fragen.

 

Glaubt man das? Glaubt man das, was Mutti diese paar Minuten zu mir geredet hat?

Dachte, ich bin im falschen Film.

Erwidere ich Mutti, daß das, Helen anzurufen, die letzten Tage nie ein Gedanke von mir war. Nie. Nichts hatte ich im Kopf, was Helen anbetraf. Helen, die konnte mich mal. Und das kreuzweise. Das zwischen Helen und mir, das wäre vorbei, aus und vorbei. Finito. Helen, die wäre wirklich das Allerletzte. Ich dächte überhaupt nicht da dran, Helens Nummer zu wählen. Nicht für eine kurze Zahl.

In aller Deutlichkeit, Tagebuch, daß ich dann angefangen habe, meiner Mutti das zu verklickern, was die Tage tatsächlich mein Problem war. Nicht Helen, die wäre das Problem, eine andere wäre mein Problem.

Aus mir bricht es heraus, mein Tagebuch. Heraus bricht es bei mir. Die Geschichte mit Manuela setze ich Mutti auseiner. Die Manuela-Geschichte, kurz und am Punkt. Den ganzen Wahnsinn von dem mit Manuela teile ich Mutti mit. Den ganzen.

Armer Bernd, so guckte Mutti mich an, als alles draußen war, was die Sache mit Manuela anging, und es Mutti klargeworden war, was ich ihr da erzählte.

Armer Bernd, das hieß der Augenaufschlag, den Mutti für mich auf Lager hatte, nachdem sie über die Manuela-Vorkommnisse in allen Einzelheiten Bescheid gekriegt hatte.

 

Würde ich mir auch so denken, Tagebuch. Kann ich nur zu gut nachvollziehen, die Gedanken Muttis. So was kann man im Kopf haben, wenn einem der dreißigjährige Sohn mit so was kommt. Einer, dreißig Jahre, das der Mutti anbringt.

Aus dem Maul, daß das mit Manuela mit bei Mutti regelrecht geflogen ist. Das mit Manuela Dombrowski, was war bei der, mit der. Was mit der ist. Daß Manuela Dombrowski heute eigentlich, seit Monaten ... Und dann geschieht das, daß ich Manuela Dombrowski, vorm 'Unteren' ...

Meine Mutti sieht mich an, als hätte ich einen Klatscher am Kopf.

Das Beste wäre gewesen, ich hätte meiner Mutti gegenüber weiter die Klappe gehalten. Nur die Klappe gehalten.

 

Und, was ist jetzt? Wie geht das jetzt weiter?

Glaube ziemlich sicher, daß Mutti mit Vati darüber spricht. Zu einhundert Prozent teilt Mutti das Vati mit, was ich Durchgeknalltes dahergeredet habe.

Und, erfährt Vati die ganze Angelegenheit, wissen demnächst meine lieben beiden Schwester - Mylady Bettina und Tanja - über alles Bescheid. Vor allem Mylady Bettina, die mich ohnehin auf dem Kieker hat, hat eine freie Angriffsfläche, es ist nicht zu fassen.

Ob ich mir noch viel erlauben kann? Ob ich mir noch mal viel erlauben darf hier?

Könnte das Klinikum für geistige Erkrankungen tatsächlich in nächster Zukunft für mich fällig werden. Beim kleinsten Fehler von mir. Könnte mir schon ein aggressiverer Gesichtsausdruck reichen, den ich Mylady Bettina präsentiert hatte.

Dann ...

 

Die Gefahr besteht, daß ich schneller an einen solchen Ort einfahre, als es zu glauben ist. Geradezu bei erstbester Gelegenheit.

Zeige ich mich nur ein bißchen seltsam, daß sie sich aufführen, sich hinter meinem Rücken deuten. Eine Minute später telefoniert einer von ihnen. Am Telefon meint der mich.

Daß ich von Männern in weißen Kitteln abgeholt werde. Pflegepersonal. Könnte sogar ein leitender Arzt mit dabei sein, den Mylady Bettina aus der Kirche kennt.

Was der Grund ist, daß sie hergekommen sind, wird mir deutlich gemacht. Gebe ich mich angesichts der Anwürfe verständnislos, werde sogar ungebärdig - holt einer ein Elektroschockgerät hervor. Das wird mir aktiviert unter die Nase gehalten. Seine Wirkung erklärt. Mit dem Teil, bei mir angesetzt, bin ich in einer Sekunde außer Gefecht.

 

*

 

 

Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei offen.

Montagabend. Uhrzeit: 19:53 Uhr.

 

War nur kurz in der Küche unten.

Habe mich bei Mutti umgeguckt, die alleine in der Küche war.

Brötchen hatte Mutti auf Lager, mit Wurst und Käse belegt. Habe ich mir ein paar mitgenommen, am Teller hier aufs Zimmer hinauf.

 

Muttis Blick ...?

Weiß nicht.

Glaube trotzdem, ich sollte bald von hier abreisen, wenn nichts mit Mauth weitergeht. Sobald ich die fünftausend habe, könnte ich so weit sein.

Ab in mein Wohnheimzimmer, das kann ich nur sagen.

 

Irgendwas von einer Gegenwart Manuelas, bis jetzt ist nichts davon.

Obwohl ich mich jetzt schon davor fürchte.

Das heißt, ich möchte unbedingt die nächsten Tage hier weg. Da führt kein Weg dran vorbei. Ich brauche eine Luftveränderung. Solange es mir noch einigermaßen geht. Solange ich noch selber freie Entscheidungen treffen kann.

 

Nun, habe ich hier in Dir in dieser Datei, Tagebuch, das noch nicht zu Ende ausgeführt, was da im Joeys los war. Was ich Schönes im Joeys erfahren habe.

Das möchte ich nun in Dir fortsetzen. Mich in Dir, mein liebes Tagebuch, in das Joeys jenes Abends zurückbegeben.

Jetzt waren wir zu dritt am Tisch. Neben meinem alten Freund Beppi hatte ich auch diesen schäbigen Penner namens Fransen bei mir sitzen, dem undefinierbare Soße in einem dünnen Faden aus den Mundwinkeln gelaufen ist, das Kinn herab. Dort sammelte es sich, tropfte weiter herunter, dem auf den grauen Trenchcoat. Keine Ahnung, was mit dem Kerl war, dem sich im Gesicht heller, dunkler Haut vom Gesicht abschälte, wie die Nachwirkung von zu langem Sonnenaufenthalt.

Weitergeredet wurde zwischen Beppi, Fransen und mir erst mal weniger. Zunächst waren noch ein paar Pils angesagt.

Dafür wollte ich einen Zehner aus meinem Geldbeutel fingern, den Beppi rüberzureichen. Statt dessen entdeckte ich, daß ich zwei Hunderter hochgezerrt hatte.

Ehe ich zu einer Reaktion kam, faßte Beppi hin, schnappte sich die beiden Hunderterscheine zwischen Daumen und Zeigefinger, zog sie mir ganz aus dem Seitenfach. Beppi: 'Dank dir schön, Bern-de-Arsch! Zwei Scheinchen - wie großzügig! Einer für mich, einer für Fransen hier. Wäre doch nicht nötig gewesen! Weiß das schon sehr zu schätzen. Bin gleich wieder da!'

Auf die Beine hüpfte Beppi hoch, erlaubte mir nicht, der Szene einen Satz einzuwerfen.

Fransen, der alles einwandfrei begriff, stand ebenfalls auf, Beppi, der für Pils ging, rauszulassen.

Zu dem Piraten mit dem Totenkopfmotivtuch am Schädel, der geschäftig hinter dem Tresen herumwuselte, begab sich Beppi hin, bezeigte dem Dinge.

Wieder sich hingesessen, beguckte mich dieser schmierige Fransen in einem unsäglichen Maß seltsam. Wie so ein hungriges Vieh, das am liebsten seinen Hunger gestillt hätte. An mir. Fransen, regelrecht von einer Unmenge von Schuppenflechte eingestäubt, zeigte mir im Sitzen die schwärzesten Zahnstummel. Nur die Eckzähne hatten noch an andere Farbe, waren gelblich.

Sonnenklar wie reinstes Schmutzwasser, daß ich im Joeys frisch an den verkehrtesten Umgang geraten war, den man sich vorstellen konnte. Die Frage stellte sich mir, warum es diesen Fransen überhaupt im Joeys gab. Diese Fransen-Type, von dem überdies ein leichter Duft wie nach Verwesung wegging, war selbst für das Joeys eine harte Nummer. Eine, die eigentlich den Piraten, angestellt im Joeys, auf den Plan rufen müßte. Beschwerden durch die Gäste im Joeys. Oder half gegen gewissen Geruch, daß im Joeys Zigaretten angezündet wurden? Daß die Duftentfaltung dieses Fransens samt dem tristen Rest, den der Mann an sich hatte, deswegen so nicht rüberkam?

Was weiß ich.

Erinnere mich nur, daß im Joeys durchaus ein paar hübsche Mädels rumhockten. Zwar auf atmosphärische Dunkelheit gestylt, mit kupferrotem, schwarzem, blauem Haar, pinken, grünen, gelben Haarsträhnen. Aber sicher eigentlich ein relativ teures Styling. Mit mehr oder weniger Metall im Gesicht. In blutroten langen Mittelalterröcken, engen Jeans, in knappen ledernen oder schottenrockähnlichen Miniröcken mit löchrigen Nylonstrumpfhosen. Oder so was der Marke Pippi Langstrumpf. All das auf jeden Fall besser als die traurige, bedrohliche Fransen-Realität bei mir am Joeys-Tisch.

Mit einer echten Batterie an Pilsen auf einem schwarzen Serviertablett ist Beppi, der mit dem pinkgefärbten Haupthaar zu diesem Fransen und mir an den Tisch im Joeys zurückgekehrt. Das Mitgebrachte plazierte Beppi grinsend auf der Tischfläche.

Von einem Wechselgeld war durch Beppi zu mir hin keine Rede. Oder Beppi hatte beim Joeys-Mongolen mit dem Piratenkopftuch am Kopf einen Teil seines Schuldenberges bei Joeys abgetragen.

 

Beppi war dieser Fransen nicht irgendwie unangenehm. Man war bestens miteinander bekannt. Der Vogel, Fransen genannt, soff auch Pils. Pils, das mit meinem Geld bezahlt war.

Voll der Spott, daß Beppi mich anguckte, Beppi, der sein nächstes Pils auf ex unten hatte. Wie so ein Alkoholiker-Schwamm.

Über nichts habe ich mich beklagen mögen. Am Pilsglas habe ich mich festgehalten. Allerhöchstens, daß mir die Augen getränt haben. Konnte allerdings auch an der schlechten Luft in meiner Umgebung oder im Joeys überhaupt liegen.

Wenn eins sicher war: Entkam ich dem Joeys heil und gesund, so schnell sah man mich im Joeys nicht wieder.

Die Hand hielt sich Beppi vor den Mund, rülpste laut in die Umgebung. Währenddessen dieser Fransen mich mit seinen schwarzen Äuglein anstierte, als wäre ich die nächsten Minuten demnächst hinterm Gebüsch sein nächstes Opfer.

Beppi eröffnete eine neue Gesprächsrunde. Das Thema mit Manuela, das Beppi keine Ruhe ließ. Beppi: 'He, Bern-de-Arschgesicht, sag das noch, damit Fransen das jetzt ganz deutlich von dir hört: Was hast du gesagt, hast du heute nachmittag?'

Kein Wort, das mir in Richtung Beppi über die Lippen drängte.

Beppi: 'Komm, Bern-de-Arsch, sag es noch mal. Laut und deutlich. Damit jeder es hören kann. Ob es einer versteht oder nicht, egal. Was hast du heute nachmittag? Heute nachmittag hast du sie getroffen, und sie dann sogar zu sich nach Hause gefahren, sie, Manu. Echt nicht möglich. Echt wahr? Nach Hause hast du Manu gefahren? He, Fransen, heim hat er Manu gefahren. Aber nicht heim zu Hans fährt er sie. Sondern fährt sie heim, wo er dachte, daß Manu heute noch wohnen würd. Wo Manu früher mal gewohnt hat ... Hahaha!'

Ich: 'Ja. Hab Manuela heimgefahren. Dachte ich wenigstens, daß Manuela dort noch wohnt. Nur, wohnt Manuela nicht mehr da. Ihre Eltern mußten woanders hinziehen.'

Zur Seite nach Fransen hin blickte Beppi grinsend einen Moment, Fransen, dem das Pils, das er halb ausgetrunken hatte, anscheinend nicht sonderlich gut bekam. Jedenfalls lief bei Fransen die dunkle Flüssigkeit weitaus stärker aus den Mundwinkeln, über das Kinn herab, tröpfelte rasant links und rechts das Kinn herunter. Ekelhaft, daß das aussah. Mit seinen braunfleckigen Fingern drehte Fransen sein Pilsglas hin und her.

Beppi: 'Hörst du, was der sagt, Fransen? Ey, Manu, Fransen! Der hat Manu heimgefahren, dorthin, wo Manu heute nicht mehr wohnt ... Hahaha!'

Reglos bleibt Fransen, glotzte nur in einer Tour zu mich her.

Vor beugt sich Beppi, grient breit zu mir her. Beppi: 'Also, noch mal, in aller Ruhe, zum Mitschreiben, Bern-de-Arschgesicht: Du sagst, du hast Manu, Manu Dombrowski - Manu Dombrowski, Fransen! -, heute nachmittag vorm Unteren getroffen? Vorm Unteren hast du Manu getroffen? Echt wahr, heute nachmittag triffst du Manu vorm Unteren?'

Ich, leicht angenervt: 'Sag ich doch! Vorm Unteren hab ich Manuela getroffen, am Nachmittag. Glaub nicht, daß daran was komisch ist. Komisch ist erst, daß Manu dort reingeht, wo ich dachte, daß sie bei ihren Eltern wohnt. Nicht mehr für mich rauskommt, wie ausgemacht. Dann wohnt Manuela überhaupt nicht mehr in dem Haus, weil ihre Eltern dort ausziehen mußten.'

Beppi klatschte bespaßt in die Hände. Beppi: 'Manu also, Manu, wie sie leibt und lebt, was? Hahaha!'

Fransen, der jetzt kränkere Fieberaugen hatte wie zuvor, wischte sich was Soße vom beidseitig von den Kinnpartien weg. Nicht zu mir, sondern zu Beppi hin winkte Fransen mit trunkener Bewegung ab.

Beppi: 'Ganz versteh ich das alles nicht, Bern-de-Arsch. Manu, Bern-de-Arsch, was läuft die auf ihren beiden Beinen vor dir rum? Wie macht die das, Bern-de-Arsch? Nicht zu verstehen, wie Manu da vor dir rumlaufen kann. Wie macht Manu das denn, Bern-de-Arsch?'

Ich: 'Wie das so eben eine macht, wenn sie dich wo trifft, Beppi. Weiß gerade nicht, auf was du hier rumreitest? Was meinst du denn? DICH versteh ICH nicht, Beppi.'

Beppi: 'Nein, nein, Bern-de-Arschgesicht! Mir ist alles klar. Bei dir weiß ich das nicht so recht. Du mußt mir hier erklären, wie was zugehen kann. Weiß schließlich jeder, daß Manu die Böschung runter ist. Schwupps. Zu schnell in der Kurve, Manu, Leitplanken durchbrochen - Abflug! Steil die Wiese runter ist Manu in ihrer Karre. Hansis Karre. Und - peng! Mitten gegen den Baum. Die Kurve dort, da stehen bis heute jede Menge Kerzlein. Blümchen liegen rum. Ganze Sträuße, Kränze da, nicht wahr, Fransen. Lieferst doch selber frische Blumenware, nicht?'

Fransen nickte mit dem Kopf. Fransen: 'O ja! Teelichter, Grabkerzen stehen dort in der Kurve rum. Blümchen, Blumensträuße. Auch Gestecke. Kränze schon weniger. Öfters komm ich im Auftrag der Familie von Hans die Kurve runter, stell eine neue Kerze auf, lege eine Blume hin, einen Strauß. Schau nach, ob das gerahmte Bild mit Manu drauf noch da ist.'

Ich, sehr blöde, daß ich aus der Wäsche geguckt haben muß. Ich: 'Wovon sprecht ihr hier, Leute? Was sagt ihr hier zu mir? Manuela, die hat einen Abflug gemacht ...? Wa-as?'

Beppi: 'Hast schon richtig verstanden, Bern-de-Arschgesicht.'

Ich: 'Ihr sagt, Manuela, die ist ...? Die ist ...?'

Beppi: 'Genau das will ich sagen, Bern-de-Arsch. Genau das.'

Ich: 'Ihr sprecht davon, daß Manuela tot ist, ja? Daß Manuela schon länger tot ist?'

Beppi: 'Nichts anderes, Bern-de-Arsch. Nichts anderes ist mit Manuela. Als das, daß Manuela tot ist. Schon ein Ding, daß du eine Tote triffst, Bern-de-Arschgesicht. Eine Tote hast du getroffen. Hahaha!'

Was Beppi da zu mir gesprochen hat, ich wollte es nicht glauben. Den Kopf schüttle ich. Ich, ein einziges Kopfschütteln.

Beppi: 'Du brauchst nicht lange so doof zu schauen, Bern-de-Arsch. Manu, die mußte nicht lange ins Krankenhaus gefahren werden. Manu, die war sofort tot. Auf der Stelle. Tot wie noch was war Manu. Manus nächste Station: Leichenschauhaus, Bern-de-Arschloch.'

Ich: 'Ich glaub das nicht. Ich glaub das nicht.'

Beppi: 'Sag du Bern-de-Arsch was, Fransen. Du warst doch dort, oder? Hast zugesehen, wie sie Manu drunten am Hang aus dem Geländewagen vom Hans herausgeholt haben. Sag ihm was, Fransen, er hört es gerne ...'

Fransen: 'Erst waren die hektisch. Sind hektisch um Manu herumgewuselt. Dann war plötzlich alles reglos. Die Leute von der Feuerwehr sind zurückgetreten, haben die Köpfe gebeugt. Die Ärzte, die Sanis hab ich alle stehen gesehen. Manu war auf der Liege. Auf der Liege, auf der sie Manu festgeschnallt hatten, haben sie Manu an einem Seil, das von einem Feuerwehrauto heruntergeholt worden war, hochgezogen. Nicht mehr der allerkleinste Muckser bei Manu.'

Beppi: 'Hätte das nicht tun müssen, Manu, für Hans abzufahren. Für Hans hat der Tod Manus nichts gebracht. Überhaupt nichts. Aber Manu, die war tot. Tot wie noch was.'

Ich: 'Aber, ich hab Manu heute nachmittag vorm Unteren getroffen ...'

Beppi: 'Das darfst du mir ruhig glauben, daß Manu tot ist, Bern-de-Arsch. Manu, die ist tot. Tot wie noch was. Am Friedhof liegt Manu. Haben sie eingebuddelt, Manu ... Keine Ahnung, Bern-de-Arschgesicht, wen du da heute nachmittag vorm Unteren getroffen hast, Manu kann es auf alle Fälle nicht gewesen sein. Manu nicht - hahaha!'

 

Der Wahnsinn, Tagebuch. Das konnte nicht wahr sein. Das konnte nicht stimmen. Manuela, die konnte doch nicht tot sein. Wenn ich Manuela nachmittags vorm 'Unteren' treffe, mit Manuela dann in der Stadt unterwegs bin, bis ich mit Manuela im 'Cafe Mezzolatte' lande ... Da kann Manuela doch nicht tot sein.

Nein, Manuela, die konnte nicht tot sein. Beppi, der Mistkerl mit dem pinkgefärbten Haar, und dieser Fransen, diese irre Pennertype im grauen Trenchcoat, dem die Soße die Mundwinkel herausgelaufen ist, die beiden mußten mich angelogen haben ...

 

*

 

 

Dreiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei für den nächsten Eintrag.

Montagabend. Uhrzeit: 21:27 Uhr.

 

Das, was ich von Beppi und diesem Fransen an dem Abend erfahren habe müssen, nachdem ich Manuela Dombrowski nachmittags vorm 'Unteren' getroffen hatte, die hat mich alle gemacht. Total hin und weg war ich davon. Manuela, mit der ich in der Stadt unterwegs war, die ich zu sich nach Hause gebracht hatte, obwohl sie dort, wo ich meinte, daß sie wohnte, nicht mehr gewohnt hatte, die konnte doch nicht tot sein. Manuela Dombrowski, die war mir so lebendig vorgekommen, wie du und ich. Tot war die nicht gewesen. Und jetzt sagen Beppi und der Penner mit Namen Fransen zu mir, Manuela wäre nicht mehr am leben. Seit ein paar Monaten, daß Manuela am Friedhof unter der Erde läge.

Beppi hat mich nur noch ausgelacht, an dem Tisch bei Joeys drinnen. Nur noch gegrient hat Beppi, seinen Hohn über mich ausgeschüttet, ich, der ich einer Toten über den Weg laufe. Dieser Fransen war zwar nicht so am Lachen wie Beppi, aber auch ihm war Häme in meine Richtung anzusehen, Spott.

Weil ich am Nachmittag eine Tote leibhaftig mir gegenüber gesehen habe. Eine, wohl extra aus ihrem Grab herausgestiegen, für mich. Um ausgerechnet mir vor die Füße zu laufen.

Gewehrt habe ich mich, Beppi ein paar entscheidende Worte gesagt, da hat Beppi lauthals im Joeys herumgeschrien. Leute sind zu mir, Beppi und Fransen an den Tisch gekommen. Jede Menge Leute. Denen Beppi das irre Geschehnis, das ich ihm, Beppi, auseinandergesetzt hatte, klarmachte. Nichts blieb unverstanden von denen, und ein paar war selber mit Manuela Dombrowski bekannt, wie der Mongolen-Pirat Manuela Dombrowski kannte. Mittendrinnen war ich der Mittelpunkt der bespaßten, mich auslachenden Joeys-Runde.

Gelacht haben sie vielköpfig über mich. Gelacht. Auf die Schulter wurde mir gehauen. Einem, der zugab, die Nachmittagsstunden mit Manuela Dombrowski verbracht zu haben, Manuela Dombrowski, die eigentlich seit Monaten unter Friedhofserde im Holzsarg verrottete.  Anscheinend hatte Manuela Dombrowski es geschafft, für mich als Extraschicht von unten wieder heraufzukommen. Nur für mich.

Es war kaum für mich auszuhalten, was im Joeys mit mir passierte. Die Männer und die Weiber juchzten um mich her. Eine langhaarige Type meinte zu mir her, das würde schon wieder werden, das mit mir; müßte mir keine Sorgen machen deswegen. Warum Manuela sich aber mich aussucht, unten aus dem Sarg rauszukommen, das könnte er nicht verstehen; gerne hätte er Manuela auch wiedergetroffen. Hat schon geil ausgesehen, Manuela, als sie lebte.

Drei Einhunderterscheine habe ich aus dem Seitenfach meines Geldbeutels herausgefingert. Die Hunderter habe ich der wie ein Pirat ausstaffierten männlichen Bedienung im Joeys unter die Nase gehalten, damit der Mann wieder fortgehen und was weiter seiner Arbeit nachgehen konnte: eine Lokalrunde Pils im Joeys für alle. Pils im Joeys für sämtliche Anwesenden. Für jeden im Joeys ein Pils.

Dann habe ich vorgegeben, ich müßte im Joeys kurz mal aufs Klo. Ich müßte aufs Klo. Schläge gingen auf meine Schultern nieder, gelacht und gekreischt wurde um mich her. Voll die Bespaßung. Aber ich durfte abdrehen, an spotterfüllten Grinsegesichtern vorüber mich zum Ausgang drängeln. Entdeckt habe ich mich draußen, außerhalb der Kneipenräumlichkeit des Joeys. Tatsächlich war ich dem Irrenhaus entkommen, befand mich alleine. Weit und breit von mir keiner; nichts und niemand. Nicht mal zur Tarnung mußte ich in Joeys Pils Pub für den Klobesuch machen. Sofort konnte ich abdrehen, den langen Gang hocheilen. War ganz draußen vom Joeys, fand mich auf dem Parkplatz wieder, dort, wo mein Wagen geparkt war.

Hinter das Lenkrad habe ich mich keuchend atmend, mit rasendem Herzen gesetzt. Habe den Schlüssel eingesteckt, den Motor gestartet. Ausgeparkt beim Joeys wurde von mir, ohne daß ich mit der Karosserie gegen ein anderes Auto gebumst bin. Weggefahren bin ich vom Joeys, durch die nächtliche Stadt mit ihren hellen Lichtern, erleuchteten Geschäften. Richtung Heimat habe ich gesteuert. Innerhalb kürzester Zeit war ich daheim, fand mich im Haus meiner Eltern wieder. Oben auf meinem Zimmer legte ich mich aufs Bett, hatte meinen Arm vor den Augen. Wie tot fühlte ICH mich. Dabei war ICH nicht tot. ICH war hier nicht der Tote. Von MIR mußte noch keiner sagen, ICH wäre tot.

 

Schließlich habe ich mich wieder aufgerichtet in meinem alten Kinder-, Jugendlichenzeitenbett. Das Bett mit seinen Metallstreben, das war wirklich seit Jahrzehnten unverwüstlich. Nur die Matratzen hatten nicht die Jahre durchgehalten.

Beschworen habe ich mich, das Geschwätz Beppis und dieses Fransens, der Penner-Type, und des ganzen Gesindels im Joeys doch nicht ernst zu nehmen. Die konnten einem viel erzählen. Wenn der Tag lang war, soffen die nicht nur jede Menge, sondern schwätzten auch tonnenweise Müll.

 

Die Frage, die sich mir stellte: Was war das mit Manuela? Warum das?

Und wenn alles stimmte, was die im Joeys daherredeten, wer hätte Interesse daran, mir einen solchen Streich zu spielen? Wer könnte das überhaupt, wie Manuela Dombrowski aussehen, Manuela spielen?

Wirklich, ich wollte die gesamte Manuela-Angelegenheit vernünftig sehen. Alles in aller Ruhe und mit Vernunft.

Den Kopf habe ich mir zermartert, wen ich kannte - und wer wie Manuela aussah. Wer sah Manuela früher ähnlich, daß er mir gegenüber heute als Manuela Dombrowski gegenübertreten könnte? Wem würde das überhaupt interessieren, das für länger im Gedächtnis zu behalten, was Manuela ihm von mir und ihr und den Geschehnissen, als Manuela und ich ein Liebespaar waren, zu erzählen hatte? Zehn Jahre vergangen seitdem. Zehn lange Jahre. Während denen sich einiges auf der Welt bei Manuela und mir getan hatte.

Das war ein Aspekt, mit dem ich meinen Kopf zermarterte: Wen interessierte das in der Gegenwart überhaupt noch irgendwie, für wen war das von Interesse, daß ich mal was in Sachen Liebe und Sex mit Manuela am Laufen hatte?

 

Christine Dombrowski, die Schwester von Manuela? Stimmte schon, Christine Dombrowski, die hatte ein gewisses Wissen, was Manuela und mich anbetraf.

Selber konnte Christine Dombrowski allerdings nicht so einfach Manuela sein.

Der Grund: Christine Dombrowski schaute Manuela Dombrowski wirklich nicht viel ähnlich. Daß Christine und Manuela Schwestern waren, darüber mußte man informiert werden.

Kaum, daß es zu Verwechslungen von Manuela und Christine kommen konnte, war man in der Lage, die Namen zuzuordnen.

Blickte man die beiden Schwestern Manuela und Christine, konnte man vielmehr daran denken, die Schwestern Manuela und Christine, die hätten verschiedene Väter.

Falls es Christine Dombrowski hätte sein wollen, die sich ein Späßchen mit mir erlauben hätte wollen, sah Christine Dombrowski mich des Weges kommen, nach all den Jahren, hätte Christine Dombrowski eher darauf verzichtet, Manuela Dombrowski sein zu wollen. Als Manuela Dombrowski hätte Christine Dombrowski, schlagsiger, größer als ihre Schwester Manuela, sicher nicht persönlich bei mir antreten können. Eher, daß Christine Dombrowski, hätte sie sich den Spaß gemacht, jemanden bei mir die Rolle Manuelas spielen lassen hätte. Bloß, warum das Ganze?

Das mußte man von langer Hand vorbereiten. Von sehr, sehr langer Hand. Eine andere als Manuela zu präparieren, extra für mich. Wenn man nicht mal weiß, wann und wie ich aus meiner Universitätsstadt herunterkomme. Sehr viele Zufallsmomente waren da vonnöten, wie beim Lottospielen.

 

Nein, das, Manuela nachmittags in der Stadt zu treffen, nachdem alle im Joeys sagten, daß Manuela lange tot sein würde, das war von mir vernünftig nicht auf die Reihe zu kriegen.

Ganz egal, wie ich es drehte und wendete, es knallte hinter der Schädeldecke.

Erst mal mußte ich mich versicher, daß Manuela, Manuela Dombrowski wirklich tot war. So tot, wie die im Joeys das zu mir meinten.

Der Gnaden-Friedhof, auf dem sich Manuelas letzte Ruhestätte befinden sollte. Der Gnaden-Friedhof, auf dem sollte ich das Grab Manuelas finden. Das sagte Beppi zu mir, während Fransen kopfnickte, daß das stimme, was Beppi mir mitteilte.

Auf meinen zwei Beinen bräuchte ich, Bern-de-Arschgesicht, mich lediglich kurz auf den Gnaden-Friedhof zu begeben, nach dem Grab Manuela Dombrowskis zu fragen. Dann würde ich, Bern-de-Arschgesicht, sehen. Mit meinen eigenen Augen könnte ich mich von der Wahrheit, daß Manuela Dombrowski am Gnaden-Friedhof liege, überzeugen.

 

*

 

 

Dreiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei für den nächsten Eintrag offen.

Eine Stunde vor Mitternacht. Uhrzeit: 22:59 Uhr.

 

Spüre nichts, daß jemand unten wäre.

Nehme da nichts wahr, so empfindungsmäßig.

 

Es ist der reine Wahnsinn. Es war der reinste Wahnsinn.

Jetzt weißt auch Du davon, mein Tagebuch. Jetzt bin ich endlich in Dir zum springenden Punkt gekommen.

Schon eine unglaubliche Sache, die mit Manuela, Manuela Dombrowski.

 

Aber, ich bin noch nicht fertig.

Das heißt, ich will ausdrücken, ich mußte mich selber überzeugen.

ICH war am Gnaden-Friedhof!

Am darauffolgenden Vormittag war ich vormittags in der Stadt. Zunächst habe ich die St.-Michaels-Kirche aufgesucht. Habe einen der in voller weißen Talar-Montur für eine Beerdigung herumlaufenden Meßdiener mal kurz gefragt. Habe dem die ungefähre Frage gestellt, ob er vielleicht das Grab von Manuela Dombrowski wüßte; ich könnte es leider nicht finden, irgendwie hätte ich die falsche Wegbeschreibung zu dem Grab.

Zwar gelogen, weil ich noch nicht mal ansatzweise angefangen hatte, das Grab Manuela Dombrowskis zu suchen; aber egal. Der vielleicht knapp Achtzehnjährige wußte jedenfalls aus dem Stand, wo sich Manuela Dombrowskis Grab befand. Weil er bei der Totenmesse Manuela Dombrowskis als Ministrant, der dem Kaplan vorausgegangen war, dabei war.

Mannomann! Ganz anders war mir. Hinsinken wollte ich mich lassen auf die Fliesen der Kirche.

 

Die Wegbeschreibung war so genau für mich, daß ich Manuela Dombrowskis letzte Ruhestätte ruckzuck gefunden hatte.

Vor Manuela Dombrowskis Grab stand ich.

Senkrecht mir gegenüber eine Grabfläche schwärzester Blumenerde. Ein Rechteck mit geglätteten Kanten, Spitzen. Blümchenbepflanzung am Kopfende. Purpurne Veilchen, Blumen mit gelbem Blütenstand seitlich. Ein schlichtes Metallkreuz, daran darunter eine weißgestrichene Holzlatte von Handflächenbreite waagrecht am Kreuzfuß befestigt.

Der Name, deutlichst in schwarzer Blockschrift für mich zu lesen: Manuela Dombrowski.

Zwischen Manuela und Dombrowski befand sich ein Bildnis Manuela Dombrowskis unter einer Klarsichtplastikabdeckung.

Darunter, etwas kleiner geschrieben: das Geburtsdatum Manuela Dombrowskis. Der Todestag von Manuela Dombrowski mit einem Kreuzsymbol dahinter.

 

Mensch, Mensch, ich fand mich einem Herzschlag nahe. Wer war das nur, der mir am Nachmittag am Tag zuvor in der Stadt über den Weg gelaufen war?

Davon war ich total fertig.

Herum guckte ich. Die Reihe der Grabstätten links und rechts von Manuela Dombrowskis Grab waren alle mit Grabsteinen ausgestattet. Jede Menge Sandstein, Granit, Marmor, wo immer ich hinblickte. Was mich zu der Überlegung brachte, daß das Grab Manuela Dombrowskis ein Provisorium sein mußte. Hier sollte in naher, fernerer Zukunft ebenso eine hübsch mit gemeißelten Schriftzeichen versehene Steinplatte Manuela Dombrowskis Grabstätte schmücken.

Wer aber bezahlte das? Erst mal war schon ein Begräbnis eine immense Kostenfrage. Noch dazu sicherlich für die Dombrowskis, Vater, Mutter Dombrowski, die alles andere als reiche Leute waren. Sonst hätten die Dombrowskis nicht in der Hegelstraße des Städtchens wohnen müssen. In der Hegelstraße, in der die Stadtgemeinde mittelloser Bevölkerung billig Wohnraum für einen festen Wohnsitz zur Verfügung stellte.

Manuela Dombrowskis Eltern, gesellschaftlicher Bodensatz. Manuela Dombrowskis Vater, ein Trinker, Gewalttäter mit jeder Menge Gefängniserfahrung. Und Manuela Dombrowski Mutter, die war irgendwas von einer Hausfrau. Christine Dombrowski, der Schwester Manuelas, der war auch nicht zuzutrauen, daß sie für ein Grab mit schwerer steinerner Platte Unsummen ausgeben würde. Eher fürs Einäschern, einen abseitigen Urnenplatz.

Das war es: höchstens verbrennen, daß Mutter und Vater Dombrowski Manuela, ihre jüngste Tochter, lassen hätten können. Genau das gleiche, was Manuelas Schwester Christine veranstaltet hätte. Wenn nicht überhaupt die gesamte Geschichte über das Amt gelaufen wäre, was Manuela Dombrowski anging. Weil jeder der Dombrowskis den Leichnam Manuelas liegengelassen hätten, wo immer er in der Kühlung gelegen wäre.

Wer war das also nun, der ominöse Spender, der für Manuela so viel übrig hatte, daß er mitten unter besseren Leuten, bei denen selbst nach dem Tod noch alles gepflegt ausschaute, einen Grabplatz für Manuela bezahlte? Sogar als Kultstätte für Besucher, die Blümchen pflanzten, geweihtes Weihwasser spritzten, konnte Manuelas Begräbnisstätte dann zukünftig weggehen.

War das dieser Hansi, von dem Manuela mir erzählt hatte? Hans hatten Beppi und Fransen ihn im Joeys genannt. Ehe Manuela das Unglück mit ihrem Wagen in der Kurve geschehen war, hatte es sich ereignet, daß Manuela von diesem Hans abgefahren war.

Hans, der feste Freund Manuelas. Hans, für den Manuela sogar gestorben war. Redeten Beppi und Fransen im Joeys jedenfalls zu mir hin. Bei Hans war Manuela, und von Hans war Manuela weg.

 

Das Herz hat mir weiterhin schnell geschlagen, beim Blick auf Manuelas Grabstelle. Der Schweiß ist mir nur so gelaufen, die Nase heruntergetropft. Voll im Tran war ich. Angesichts von Manuelas Grab hatte ich das Gefühl, als wäre ich auf Drogen. Hätte was geraucht oder eingeschmissen. Das seine Wirkung voll entfaltete. Dabei war alles, was ich zu mir genommen hatte Frühstück bei Mutti und Kaffee, den ich mir nach durchwachter Nacht extra stark gewünscht hatte.

Jedoch, Tagebuch, das muß ich auch in Dir festhalten, ist es nicht dabei geblieben, daß ich nur am Grab Manuelas herumgestanden bin, die Örtlichkeit in jede Richtung überblickt habe. Etwas hat sich mit mir an Manuelas Grab ereignet. Man könnte auch so sagen, ich habe etwas angestellt.

Fast möchte ich davon nichts tippen. Es paßt aber so richtig zum ganzen Irrsinn dazu, der hier in der Tagebuch-Datei immer stärker zum Ausdruck gebracht wird.

Im Grunde genommen könnte man es auf eine Peinlichkeit reduzieren, bei was ich mich entdecken habe müssen. Das, was ich am Grab Manuela Dombrowskis dann untergebracht habe. Erreicht beinahe das Maß einer Grabschändung.

Wirklich, wenn ich das könnte, würde ich das als Realität, die ich getrieben habe, aus der Szene löschen. Die Zurücktaste drücken, die Bilderreihen weglöschen.

Andererseits: Könnte ich das, gäbe es das gesamte Ereignis nicht, daß mir Manuela Dombrowski vorm 'Unteren' vor die Füße läuft. Dieser Auftritt Manuela Dombrowskis würde sich nicht abspielen.

 

Wie ich dann am Grab Manuelas ins Bewußtsein zurückkehrte, mein Tagebuch, das war nicht von schlechten Eltern.

Also, will mal aufklären ...

Weiter, daß ich Manuelas Grab gegenübergestanden bin.

Begonnen habe ich, in einer Tour auf das hölzerne Namenschild mit Manuelas Namen am gußeisernen Kreuz zu starren. Zwischen MANUELA und DOMBROWSKI war da hinter Klarsichtplastik dieses Portätfoto Manuelas.

In meinen Gedanken, wie lebendig unter der durchsichtigen Schutzplastik ausschaute. Nichts davon, daß Manuela sich ausdachte, demnächst tot zu sein und in einem Holzsarg am Gnaden-Friedhof zu liegen.

Sehr deutlich, daß mir Manuela auf dem Foto wurde. Manuela, das mit der, das war Lebendigkeit pur.

 

Wie soll ich jetzt richtig beschreiben, was mir mitgespielt hat, dort, am Grab Manuelas, bei meinem Hinstarren auf das Porträtfoto Manuelas?

Alles der Perspektive gewann an Größe, kriegte leibhaftiges Format. Beinahe wie eine Weitung meines Horizonts. Außerdem war plötzlich regelrecht Bewegung im Bild. Wie wenn ich die Augen erst richtig aufmachen, über etwas hinaussehen würde.

Ich blicke überraschend nicht mehr lediglich das Gesichtsporträt Manuelas. Nun steht mir Manuela gegenüber, Manuela in einem weißen Bauschehemd und einer schwarzen Röhrenjeans, hauteng.

Die gesamte Straße, die Gebäude - die gesamte Umgebung Manuelas ist für mich in Sicht gekommen, als wäre ich dort eingetroffen.

Die Straßengegend war mir nicht unbekannt. Ich wußte, wo wir uns aufhielten.

Es war die Hegelstraße. Die Hegelstraße.

Manuela befand sich vor dem Wohnhaus ihrer Eltern in der Hegelstraße am Trottoir.

Ich hörte ...

Es war der blanke Irrsinn. Die Stimme, die ich hörte, war mir nicht unbekannt. Hatte sie zwar länger nicht mehr gehört, trotzdem kannte ich die Stimme sofort wieder. Die Stimme Christines. Christines Stimme. Die Stimme von Manuelas Schwester Christine. Christine Dombrowski.

Mensch, Cheese, Manu! Cheese! Was ziehst du nur für ein doofes Gesicht, Manu! Ich dachte, du willst, daß ich dich fotografiere. Jetzt will ich dich lachen sehen. Lachen, Manu. Cheese! Cheese!

Die Miene, die bei Manuela ernst war, verzog sich jetzt zu einem spitzbübischen Grinsen.

Das Geräusch, daß mit der Digitalkamera geknipst wurde.

Schau mal, Christine. Schau mal, Christine, wer plötzlich da ist. Wer da plötzlich zu uns beiden dazugekommen ist. Du glaubst es nicht. Hast ihn lange nicht mehr gesehen, Christine. Du kennst ihn aber sofort wieder, Christine. Links von dir ist bei mir rechts, Christine. Zur Straße hin mußt du gucken. Schau mal, wer da steht, Christine. Haben wir lange nicht mehr gesehen, den. Warum schaust du nicht, Christine? Wirst ihn sofort wieder kennen ...

Manuela, die bespaßt daherredete, breit grinste, zeigte mit dem Finger.

Auf mich, daß Manuela deutete.

Auf mich.

 

*

 

Vierundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei wieder geöffnet.

Dienstag jetzt. Eine Stunde nach Mitternacht. Genaue Uhrzeit, abgelesen: 01:01 Uhr.

 

Mußte gestern aufhören zu tippen. Konnte nicht mehr fortsetzen.

Hatte diese Szene - Manuela Dombrowski in der Hegelstraße im weißen Bauschehemd, schwarze Röhrenjeans hauteng an den Beinen - zu deutlich. Viel zu deutlich.

Gleichzeitig die Furcht, etwas könnte unten im Garten sein ...

Obwohl ich nichts einer unmittelbareren Gegenwart spürte. Auch jetzt habe ich kein solches Gefühl. Ist es eher: keiner wäre da.

 

Wie wahnsinnig hatte ich herumgezittert. Das Herz war mir am Rasen. Gefährlich.

Ein geraumes Weilchen hat es gedauert, mich am Drehstuhl hier von dem zu erholen. Dachte, ich könnte an Herzschlag sterben.

Habe mich gewundert, daß mir nicht schwarz vor Augen wurde. Bewußtlosigkeit.

 

Jetzt bin ich wieder einigermaßen erholt. Kann hier Tippen. Das heißt, ich tippe Worte an, die mir autovervollständigt werden. Zeichensetzung wird auch für erledigt.

Das einzige, was ich also machen muß, ist die Geschichte fortzusetzen. Die Erzählung von dem, was mich dort am Grab Manuela Dombrowskis erwischt hatte.

Würde ich das irgendwem normal erzählen, glauben würde mir das kein Mensch.

Echt niemand. Kein Mensch.

Es ist wahnsinnig. Wahnsinnig. Fällig für die Einlieferung in die Psychiatrie.

 

Keine Ahnung habe ich, wie das mit mir, Manuela und Christine Dombrowski, die Manuela Dombrowski in der Hegelstraße fotografiert hat, weitergegangen wäre. Christine Dombrowski, die einen blauen, knielangen Kittelstoffrock anhatte, die silberfarbene Digitalkamera vor den Augen.

Eine aufgebrachte Männerstimme drängelte sich im an die Gehörgänge.

Die Stimme: 'Hal-lo! Hal-lo! Was treiben Sie denn in dem Grab? Mensch, was soll das denn? Gehen Sie gefälligst sofort wieder da raus, Sie -! Aber schnell! Wo denken Sie denn, daß Sie hier sind?'

Schlagartig war für mich das Bild, das ich sehe, ein anderes. Nichts mehr mit Manuela in der Hegelstraße. An dem Ort - dem Grab Manuela Dombrowskis am Gnaden-Friedhof - habe ich mich wiedergefunden. Mich in der Kniebeuge entdeckt.

Was war, das war kaum auszuhalten. Eine schlimme Geschichte.

Nicht länger bin ich vorm Grab Manuela Dombrowskis gestanden, das Metallkreuz mit der hölzernen, dran angebrachten Holzleiste mit dem schwarzfarbenen Namenszug MANUELA DOMBROWSKI und dem Foto dazwischen mir gegenüber. Sondern mittendrinnen war. In die Hocke gegangen. So knapp mit dem Gesicht von dem Bildnis Manuela Dombrowskis unter der Klarsichthartplastik entfernt. Sofort hätte ich dort hinküssen können, wäre mir das noch eingefallen.

Tief war ich mit meinen gelben Turnschuhen in die locker aufgeschüttete, abgezogene schwarze Erde eingesunken. Blaue Veilchen hatte ich niedergetrampelt, welche mit gelber Blüte zur Seite hingesetzt.

Fast nicht erträglich, diese Peinlichkeit. Wollte mich nicht fassen, was mir eingefallen war, nur um Manuela auf dem Porträtbildchen deutlicher zu blicken.

Der Friedhofsgärtner, nach dem ich mich umwandte, hat mich angenervt angeschaut. Den Kopf schüttelte er wegen mir. Der Mann in olivgrüner Arbeitskleidung, ungefähr das spricht er weiter zu mir: 'Was ist, mein Herr? Worauf warten Sie? Wollen Sie noch länger drinnen stehenbleiben? Kommen Sie jetzt bitte sofort da raus, ja? Was soll das denn? Was denken Sie, wo Sie hier sind? Was Sie hier tun, dafür kann ich Sie anzeigen. Das ist grober Unfug. Das kann belangt werden, wissen Sie?'

Tatsächlich, das säuselte der zu mir hin, was davon, mich anzuzeigen. Eine Anzeige bei der Polizei, daß er mich bei der Polizei anzeigen würde.

Das verfluchte Manuela-Foto mitten an der beschriften Holzleiste am Kreuzfuß, das hatte mich in den Bann gezogen. Gedanken hatte ich anscheinend in das fotografische Werk hineinprojeziert, was Manuela anbetraf. Daß ich alles um mich her vergessen hatte, nur noch das Foto im Kopf hatte, um dann, ohne mein bewußtes Wissen, auf die Graberde draufzusteigen, mich mitten in die Erdfläche hineinzubegeben.

Ich: 'Bitte entschuldigen Sie!'

Der Friedhofsgärtner: 'Nein, ich entschuldige nicht! Eine Entschuldigung reicht hier nicht hin. Zwar will ich mal nicht so sein, von einer Anzeige gegen Sie absehen. Das heißt, wenn Sie friedlich bleiben. Wenn Sie mir das außerdem bezahlen. Das hier, das kostet vierhundert. Vier Hunderter kostet Sie das, was Sie sich hier geleistet haben. Ich muß das Beet wieder neu herrichten, frische Blumen pflanzen ... Vier Hunderter verlange ich dafür, ja. Für vierhundert sind wir quitt, zeige ich Sie nicht an.'

Ich: 'Ja ...?'

Der Friedhofsgärtner: 'Klar kostet Sie das vier Hunderter. Arbeitszeit ist dabei schließlich auch noch einzurechnen. Da kommen vier Hunderter schon hin. Oder, soll ich doch die Polizei rufen? Habe mein Phon hier in der Hosentasche ...'

Ich: 'Ist ja gut! Nur die Ruhe!'

Der Friedhofsgärtner: 'Gut, dann kommen Sie bitte jetzt schnell kurz mit mir mit. Wir gehen in die Sakristei. Da befindet sich ein kleines Büro neben der Umkleide. Ein Raum mit Rechner. Dort möchte ich Ihren Ausweis kopieren. Und ich schreibe Ihnen die Rechnung.'

Unzufrieden muß ich ausgesehen haben.

Der Friedhofsgärtner: 'Das muß sein. Tut mir leid! Darauf möchte ich nicht verzichten, Ihre Daten aufzunehmen. Keine Sorge, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe: daß ich Sie nicht anzeigen werde. Diesesmal. Eine Anzeige erhalten Sie jedoch von mir, wenn sie mir die vierhundert nicht zahlen. Dann rufe ich die Polizei. Die kommt dann auf jeden Fall, wenn sich das mit Ihnen hier noch mal wiederholen sollte. Deswegen möchte ich Ihre Daten haben. Die Kopie Ihres Ausweises. Daß wir schon etwas haben, sollten Sie noch einmal hierherkommen, sich ungebührlich aufführen. Dafür haben Sie aber sicher Verständnis, oder?'

Durchaus war ich in der Lage, Dingen gegenüber verständnisvoll zu sein. Ich: 'Ja. Klar. Verstehe schon.'

 

Eine plötzliche Eingebung hatte ich. Die, ehe ich mit dem Friedhofsangestellten in Gärtnereifragen fortging, einen letzten Blick auf Manuela Dombrowskis Fotografie an der Holzleiste am Metallkreuz zu werfen. Derart habe ich mich schnell hingedreht, daß ich das Bild Manuela Dombrowski ins Auge fassen konnte.

Den Atem habe ich vor Schreck scharf eingesogen.

Von der Fotografie hier hat Manuela Dombrowski breitest nach mir hergegrinst. Ein breites Grinsen bei Manuela Dombrowski.

Den Mund habe ich aufgerissen vor Staunen. Das war ich mir sicher, daß, als ich erstmals auf das Foto Manuela Dombrowskis blickte, Manuela eher schmallippig, griesgrämig Richtung Fotokameralinse geguckt hatte. Eigentlich hätte Manuela Dombrowski von dem Foto genauso zu mir herblicken müssen. Von so einem abgefeimten, ausgelassenen Grinsegesicht bei Manuela Dombrowski konnte bei meinem allerersten Hinsehen auf das Foto nicht die Rede sein.

 

Was war das hier? Nicht zu begreifen, was das war.

Wirklich, ich kann das hier in Dir nur wiederholen, Tagebuch: Manuela hat nicht gegrient, als ich dieses Foto unter der Klarsichtplastikabdeckung an der Holzleiste da zwischen den Worten Manuela und Dombrowski zum erstenmal angesehen habe. Manuela Dombrowski hatte nicht mal ansatzweise ihre Lippen zu einem Lächeln verzogen gehabt. Das war eine todernste Miene bei Manuela Dombrowski, eine Depression konnte man von so einem Anblick kriegen.

Und jetzt war bei Manuela Dombrowski dieses hämische Gegrinse fixiert. Wie für alle Zeit. Ging nicht wieder weg.

Es war wahnsinnig. Einfach wahnsinnig.

Außerdem, verehrtes Tagebuch: Das, was ich zuerst auf dem Manuela-Dombrowski-Foto schaute, war einzig und alleine das Gesicht Manuela Dombrowskis und ein klein wenig Hals. Jetzt konnte ich jede Menge Schultergegend dazu blicken, ein paar Stückweit Manuela Dombrowskis blaues Hemd. Und eine größere Ahnung von der weißgrauen Mauer des Wohngebäudes in der Hegelstraße, in der Manuela Dombrowskis Eltern wohnten.

 

Gefröstelt hat es mich dort am Gnaden-Friedhof, Tagebuch, wie es mich jetzt hier fröstelt. Ich hatte das Gefühl, ich müßte auf der Stelle verrückt werden. Sofort bräuchte ich eine Zwangsjacke für mich.

Räuspern erklingt in meinem Rücken. Neuerliches Geräuspere.

Es war derjenige, der für die Gärtnerarbeit auf dem Gnaden-Friedhof verantwortlich war. Auf ein neues, daß der Mensch mich in meinen Betrachtungen störte, mich aus meinen Überlegungen riß.

Vollkommenes Unverständnis bei dem Mann. Er, in meinem Rücken: 'He, ich verstehe Sie nicht! Was Sie hier treiben, so was habe ich noch nicht erlebt. Etwas nicht mehr ganz in Ordnung bei Ihnen. Welches Problem haben? Was ist los mit Ihnen? Aber - ich habe Ihnen jetzt wirklich lange genug hier zugesehen. Jetzt sehen Sie aber zu, daß Sie dort herauskommen. Auf der Stelle!'

Der Kehlkopf hüpfte mir in einer Tour. Wirklich in einer Tour. Kränklich fühlte ich mich. Ich, krächzig: 'I-ich ... I-ich ...'

Er, der Friedhofsgärtner: 'Dachte, Sie wollten mir keine weiteren Umstände machen. Bitte, ich sage es jetzt zum allerletzten Mal: Kommen Sie dort raus jetzt!'

Das, was ich jetzt hier tippe, war für mich das Allerschrecklichste an der Situation bis dahin: In der Hockstellung bin ich mir bewußt geworden. Beide Hände hatte ich links und rechts auf den waagrechten Flügeln des schwarzgestrichenen Metallkreuzes.

So, daß ich aus allernächster Nähe auf Manuela Dombrowskis Bildnis und der durchsichtigen Plastikabdeckung gestiert hatte.

Die gesamte Sachlage, wie alles aussehen mußte, ist mir schlagartig zu Bewußtsein gekommen. Zutiefst vor mir und allem, was sich bei und mit mir abspielte, bin ich aus der Hocke schleunigst auf beide Beine hoch. Zu dem Gärtner in Olivgrün habe ich mich umgewandt.

Der Friedhofsgärtner nickte zu mir hin. Er: 'Bitte, mein Herr, sehen Sie sich das an. Das ist mein Smartphon. Ich habe die Nummer der Polizei auf der Anzeige. Wenn Sie mir weiter hier verrücktspielen, komische Sachen machen, werde ich draufdrücken. Weiß überhaupt nicht, warum ich das nicht längst gemacht habe. Die Nummer der Polizei, Sie verstehen? Ich rufe die Polizei an. Ich werde ein paar Worte zu dem am anderen Ende der Leitung sagen. Dann kommt ein Polizeiwagen sofort hierher. Und Sie werden festgenommen, hier abgeführt. Mit einer Anzeige müssen Sie rechnen. Jede Menge Ärger. Wollen Sie das?'

Ich: 'Nein!'

Er: 'Dann kommen Sie bitte da raus, ja? Ich schaue Ihnen wirklich nur noch deswegen länger zu, weil das Grab so oder so von mir neu hergerichtet werden muß. Ob Sie also wirklich alles noch zertreten wollen, darauf kommt es jetzt nicht mehr an.'

Ich: 'Ja?'

Er: 'Kommen Sie bitte friedlich mit mir mit. Vierhundert müssen Sie bezahlen. Zahlen Sie in Bar oder schreiben Sie mir eine Überweisung aus, ist mir totalegal. Bitte, kommen Sie. Gehen wir in aller Ruhe hier weg. Oder - was soll ich tun? Doch endlich die Polizei rufen? Wäre schließlich langsam an der Zeit. Oder, was denken Sie? Nur ein leichter Fingerdruck von mir ...'

Seine Gerätschaft für die zwischenmenschliche Kommunikation präsentierte mir der Gärtner noch mal nachdrücklich.

Ich, wie ein begossener Pudel mich anhörend: 'Warten Sie, ich komm ja schon. Ich geh ja hier raus. Weiß selber nicht, was mir hier einfällt.'

Er: 'Dann kommen Sie endlich da raus, ehe ich die Geduld mit Ihnen verliere.'

Aus dem Beet schwarzer Erde, in dem ich die Veilchen und einiges von der Blumenart, die eine gelbe Blüte hatte, zertreten hatte, steige ich heraus.

Keinen Blick mehr auf das Manuela-Dombrowskis-Foto wollte ich werfen. Weg gehe ich mit dem Friedhofsgärtner von Manuela Dombrowskis Grab, trotte brav hinter dem Mann im olivgrünen Arbeitskleid her. Zusammen mit ihm begebe ich mich in die besagte Sakristei. In dem kleinen Nebenraum, jedoch mit Rechnertisch mit PC, Drucker und Telefonanlage, habe ich meinen Ausweis hergezeigt, ihn mir für das Kopieren abnehmen lassen. Danach habe ich in Form von vier Einhunderterscheinen den Obulus für mein schändliches Treiben am Gnaden-Friedhof bei Manuela Dombrowskis Grab entrichtet. Das gut als Grabschändung interpretiert werden hätte können, hätte man das gewollt.

Anschließend war ich ein freier Mensch, konnte meiner Wege gehen. Darauf verlassen hat man sich, daß ich das Gelände des Gnaden-Friedhofes ohne weiteres Neues verlasse. Und das habe ich denn auch getan, von dort wegzugehen. Und zwar beinahe im Laufschritt.

 

Wie soll ich das hier weiter tippen, mein Tagebuch? Als ich auf dem Fahrersitz meines Autos gehockt bin, hat mich das große Zittern befallen. Mit den Nerven war ich so was von runter, nicht zu sagen. Überdies empfand ich die Oberpeinlichkeit, wie das mit mir am Gnaden-Friedhof zugegangen war. Das, was ich an Manuela Dombrowskis Grab getrieben hatte. Mittenrein in das Beet da bin ich gestiegen, und sogar zweimal, daß ich das gemacht habe, während mir bei meinem Tun zugeschaut worden ist.

Es war alles nicht zu fassen. Ich faßte mich nicht. Der Schweiß ist mir in Strömen gelaufen, das Herz hat mir wild geschlagen.

Das mit den Dingen, die ich mit meinen Sinnen wahrgenommen habe, das war unbegreiflich. Beschworen habe ich mich in meinem Fahrzeug, die Dinge vernünftig zu betrachten. Die Vernunft zu wahren. Es mußte für alles eine Erklärung geben.

Wahrscheinlich, daß meine Sinne übereizt waren, mir einen Streich spielten. Sonst war das nicht zu erklären, daß mir das Porträtfoto Manuela Dombrowskis an dem mit dem mit dem Namen Manuela Dombrowski beschrifteten Holzleistending zum Leben erwachte.

Realität konnte das nicht gewesen sein. Das konnte nicht die Möglichkeit sein, daß ich auf eine Fotografie draufschaue, mir die Fotoszene zum Leben erwacht. Daß dann die Veränderung am Foto sichtbar blieb. Wie es bei mir geschehen war.

 

Oder war das irgendwie vorstellbar, daß sich auf einer Fotoabbildung plötzlich filmische Szenen abspielten?

Klar, die Antwort für mich: nein!

Um solches real in Betracht ziehen zu können, hätte das Foto mit Manuela Dombrowski drauf, keine Fotopappe sein müssen. Sondern ein Minibildschirm. Zubehörteil eines technischen Geräts. In der Lage, einem Betrachter, tat er bestimmte Dinge, plötzlich einen Film zu zeigen.

 

Danach hatte das unter dem Klarsichtplastikdeckel aber nicht ausgesehen, Tagebuch. Außerdem - wer würde bei einem Foto an Manuela Dombrowskis Grab auf solche Einfälle kommen?

Da hätten schon andere Leute, die draufguckten, davon in Schreck versetzt werden müßten. Zum Beispiel Friedhofsangestellte, die vorüberkommenden Friedhofsbesucher, deren Blick kurz am Manuela-Dombrowski-Foto verweilte, die Priester, die rumgingen. Alles, was so einen Friedhof einmal kurz oder länger bevölkerte.

Aber, der Friedhofsgärtner wußte von nichts. Nur ich, dem das mitgespielt hatte.

Und ich war ohnehin fertig. Bereits vor meinem Eintreffen am Gnaden-Friedhof war ich angesichts von mir mitgeteilten Kleinigkeiten und wegen zu wenig nächtlichen Schlafes überreizt.

Das hieß, es konnte nur die eine Möglichkeit geben: vor Ort, am Gnaden-Friedhof, waren mir infolge einer Hirn-Irritation die Gäule durchgegangen. Der Fehler war ausschließlich bei mir zu suchen. Das, das dazu führte, daß ich mir am Gnaden-Friedhof die oben beschriebenen Oberpeinlichkeiten erlaubte. Mit denen diesem Tag die Krone aufgesetzt wurde.

 

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