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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (27.07. - 07.-08), No. 1

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Siebenundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei offen.

Freitagnacht. Uhrzeit: 01:44 Uhr.

 

Fühle mich mitgenommen, elend.

Der Schweiß läuft mir in Strömen, nicht nur, weil im Zimmer Schwüle herrscht. Mein Herz schlägt schon beim kleinsten Geräusch um mich herum gefährlich schnell ...

 

Draußen lauert etwas.

Natürlich nicht etwas - sondern SIE.

SIE mit Namen Manuela. Mit ganzem Namen Manuela Dombrowski.

Warum ich meine, die ist das, die dort draußen ist, wenn die doch tot ist - weiß ich nicht.

Das ist eben der Horror, das Grauen.

 

Bei all meiner Recherche in der letzten Zeit, so richtig viel klüger bin ich in der Sache nicht geworden. Weil: Die Tatsache, daß Manuela Dombrowski tot ist, die ist amtlich.

Daran läßt sich von mir nicht rütteln.

Kein Mensch, der mir das Gegenteil sagt.

 

Die Redakteurin vom regionalen Fernsehsender - Frau Simmen, Ingrid Simmen -, hat zu mir am Telefon gemeint, daß sie Manuela Dombrowski selber auf der Liege gesehen hätte, nachdem die von der Feuerwehr die Liege die Anhöhe heraufgezogen hatten. Alles hätte auch für sie nicht anders ausgesehen, wie auf dem Kameraaufnahmen, die Hank, so hat Frau Simmen den Mann genannt, gemacht habe, die der Sender zum Senden im Frühabendprogramm aufbereitet hatte.

In einem Metallsarg wäre Manuela Dombrowski gelegt worden, in dem hätte man sie zu weiteren Untersuchungen in die Pathologie gefahren. Die Frage sollte noch geklärt werden, ob Manuela Dombrowski Alkohol im Blut hätte, Tabletten schluckte oder sonstwie Drogen genoß.

Manuela Dombrowski, die war nicht mehr zum Leben erwacht. Im Kühlhaus wäre Manuela Dombrowski geblieben.

War ich es zufrieden, das als Wiederholung zu hören, habe mich bei Frau Simmen für meine Aufdringlichkeit entschuldigt und das Gespräch beendet.

 

Mensch, Mensch.

Vorgestern war ich auf meinen zwei Beinen in der Sache Manuela Dombrowski unterwegs.

Gehen wir, Tagebuch, zurück in das noble Restaurant - Ristaurante Noblesse -, in dem ich zu Mittag gespeist habe.

Gutes Essen, nur Manuela Dombrowski, die ist nicht in die Restaurantwelt gekommen. Keine Ahnung, warum, wenn ich so schön sitze. Manuela Dombrowski, die hat sich, obwohl ich gut dafür unterwegs war, nicht bei mir blicken lassen.

Hatte keine Ahnung, welche Gründe es gab, daß Manuela Dombrowski mir fehlte. Keine Manuela Dombrowski weit und breit.

Auch niemand vor Ort, als ich mir im Ristaurante Noblesse die Rechnung bringen habe lasse, beim Oberkellner bezahlte. Nette Zahlen auf den Geldscheinen aus meinem Besitz, die mir in der Zukunft noch weh tun konnten. So, wie meine Welt momentan war.

Nach meiner Verabschiedung vom weißlivrierten Kellner bin ich hinausmarschiert, habe das Ristaurante Noblesse verlassen.

Dabei bin ich weiter alleine geblieben, als wäre Wüste, wo schon mal keine Wüste war. Keine Manuela nirgendwo, die mir auf der Bildfläche auftauchte, auf ihren langen, bleichen, wohlgeformten Beinen in einem schwarzsamtenen Sackminikleid daherschwebte. Zu mir her.

Weil mir keine des Weges kommen wollte, die Manuela Dombrowski ähnelte, habe ich mein Reisetelefon aus der kunstledernen Schutztasche an meiner Hüfte geholt. Die eingespeicherte Nummer des Taxiunternehmens auf die Bildschirmanzeige geholt und ein Taxi für mich herbeigerufen. So sieben, acht Minuten war ich danach beim Ristorante Noblesse am Spazierengehen.

 

Es war meine Idee, mich nach Geiersdorf fahren zu lassen. Einfach mal nach Geiersdorf aufzubrechen. Um mir die Kurve anzuschauen, aus der es Manuela Dombrowski in ihrem silbermetallikfarbenen Geländewagen bei zu hoher Geschwindigkeit jenseits die Leitplankenwelt geschafft hatte.

Zuallererst wollte ich jedoch die Wohnlandschaft von Manuelas Hansi in Augenschein nehmen. Das Gelände, von dem Manuela abgefahren war, Polizeiwägen hinter ihr her. Der ganze Zweck, daß Manuela Dombrowski in den geländegängigen Wagen ihres Freundes Hansi gesprungen war, war ein Ablenkungsversuch für die Polizei, deren Kommandos die Umgebung von Hansis Wohnhaus umstellt hatten. Eingefahren waren Polizeiwägen auch auf den Innenhof bei Hansi.

 

Zu einer kleinen Fluchtmöglichkeit wollte Manuela ihrem Hansi verhelfen.

Vollständiger Name der Person: Hans-Georg Tabert.

Hans-Georg Tabert, Manuela Dombrowskis Hansi. Beziehungsweise Beppis und Fransens Hans.

Im Taxi habe ich mich also vorgestern nach meinem mittäglichen Restaurantaufenthalt auf den Weg nach dem Zuhause jenes Hans-Georg Taberts gemacht.

Der Mann hinter dem Taxi-Lenkrad fragte mich, ob ich in Geiersdorf wohne. Das habe ich verneint. Dann habe ich meinem Fahrer gegenüber nicht hinter dem Berg gehalten, weshalb ich auf dem Weg nach Geiersdorf war und was ich in Geiersdorf beabsichtigte. Daß ich die Reise angetreten hätte, um mir anzugucken, wie Hans-Georg Tabert so lebte, der, für den Manuela Dombrowski in den Tod gerast war. Anschließend wollte ich die Kurvengegend überblicken, die Örtlichkeit, die Manuela Dombrowski kein Glück gebracht hatte.

Der, der sich für ein Taxiunternehmen hinters Lenkrad klemmte, meinte plaudernd zu mir, er hätte, vor Monaten, als die Tabert-Sache noch aktuell war, jeden Tag ein paar Touren nach Geiersdorf unternommen. Nicht wenige Leute und Touristen, die das wollten, was ich heute wollte, sich die Kurvenlandschaft des tödlichen Unfalls Manuela Dombrowskis anzuschauen. Zum Wohngebäude Hans-Georg Tabert hinauf wollte der eine oder andere auch anschließend.

Mittlerweile wäre das aber wieder eingeschlafen, daß Menschen das Tabert-Gelände und die Todeskurve Manuela Dombrowskis zu sehen wünschten. Seit längerem wäre ich der erste, der sich wieder für Hans-Georg Tabert und Manuela Dombrowski interessierte. Hans-Georg Tabert, der durch seine Affäre mit der hübschen Moderatorin des lokalen Privatradios zu einer regionalen Berühmtheit geworden war. Hans-Georg Tabert, einer, der sich am Schluß nicht als so passend für das Berufsleben dieser Radiomoderatorin herausstellte.

 

Eine Taxifahrt von einer Viertelstunde war das, die Reiseunternehmung nach Geiersdorf.

Zuerst rauf auf die Autobahn. Dann, nach sechs Kilometern, dort herunter. Weiterfahrt auf der Landstraße. Abfahrt von der nach drei Kilometern. Schließlich ging die Fahrt eine relativ schmale Schlängelstraße kilometerweit den Berg hinauf.

Mir war am Schluß, als wäre ich zu schnell an meinem Bestimmungsort angekommen. Mitten in Geiersdorf gestrandet. Auf dem Marktplatz mit einem hübschen Brunnen, aus dem die Fontäneneinrichtung Wasser rhythmisch meterhoch hochschießen ließ.

Beim Vorbeifahren hatte der Taxi-Mensch mir die Todeskurve Manuela Dombrowski gezeigt. Ebenso das Wohnhaus des besagten Hans-Georg Taberts, an dem wir fahrend vorüberkamen.

Der vom Taxiunternehmen hatte mir zum Abschied des weiteren noch eine hübsche Stelle empfohlen, mit dem besten Blick auf die Tabertschen Gebäudeteile, die ich zu beschauen im Sinn hatte.

Damit, und weil er sein Geld mit einem netten Trinkgeld hatte, waren der Taxifahrer und ich geschiedene Leute. Und ich empfand, auf einer Stufe des Fontänenbrunnens hockend, die tiefste Reue, nicht augenblicklich wieder mit dem freundlichen Herren in seinem Taxi zurück abgefahren zu sein. Fort aus Geiersdorf, einer Örtlichkeit, für die ich überhaupt kein gutes Gefühl hatte.

Echt wahr, Tagebuch, kaum in Geiersdorf angekommen, gefiel es mir in Geiersdorf schon nicht mehr. Darüber habe ich philosophiert, wie geschwind man doch von einer Örtlichkeit zu anderen gelangen könnte. Ruckzuck war ich nun in Geiersdorf. Auf einmal in Geiersdorf, dem Wohnorts von Manuelas Hansi.

Auch Manuela Dombrowski, die hatte in Geiersdorf gewohnt. Bei Hans-Georg Tabert im Haus. War Manuela Dombrowski die vergangenen zweieinhalb Jahre auch öfters mal für Wochen, Monate im Gefängnis.

 

Geiersdorf, total kein unbekannter Ort für mich.

Als Kind, kleiner Junge war ich öfters in Geiersdorf, erinnerte ich mich. Zwei-, dreimal.

Mit Vati, Mutti, den Schwestern. Am Wochenende für einen Ausflug ins Grüne.

Seinen Wagen hatte Vati immer irgendwo in Geiersdorf geparkt.

Bei einem dieser Ausflüge hatten Bettina, Bettina, fünfzehn, bald sechzehn, und ich, zehn Jahre, es mächtig aufeinander abgesehen, erinnere ich mich.

Lange war die Erinnerung verschüttet. Am Marktbrunnenplatz in Geiersdorf hockend, daß mir die Bilder aus der tiefsten Vergangenheit in den Kopf gekrochen kamen.

Konnte das nicht abschütteln, das mit Bettina, meinem älteren Schwesternherz. Mußte es vor meinem geistigen Auge sehen. Das mit Bettina, Bettina, ein blaues, übergroßes, weites T-Shirt an, daß ich bei Bettina jede Menge von Bettinas Brustumfängen überblickte, wenn Bettina sich vor- oder herabbeugte.

Ständig war Bettina dabei, mich herzuhakeln und zu schubsen. Direkt mit mir konnte es eigentlich nicht zusammenhängen, daß Bettina dermaßen aggressiv unterwegs war. Da mußte etwas zwischen Vati, Mutti und Bettina gelaufen sein, was ich nicht so mitgekriegt hatte.

Jedenfalls stieß Bettina mich irgendwann auf steilem Gefälle, daß es für mich ein paar Meter rutschend hinabging. Was für eine Gefahr für mein Leben! Hätte ich mein Rutschen nicht kreischend abrupt stoppen können, hätte ich für ein Kinderbegräbnis den Abflug in die Tiefe des Steinbruchs mit seinen kantigen Vorsprüngen gemacht.

Trotzdem mußte ich von Mutti versorgt werden. Aufschürfungen hatte ich mir zugezogen, mir mein linkes Knie aufgeschlagen. Minutenlang habe ich ziemlich lautstark in den Armen meiner Mutti geflennt, während Vati, Bettina und die kleine Tanja woanders waren.

Am Ende des nachmittäglichen Wanderausflugs hat mir Bettina, die Familie war bereits auf dem Heimweg zum Auto, meine geliebte Zorro-Maske heruntergerissen und jenseits das Gefälle hinabgeschmissen.

Meine schwarze Augenmaske sah ich fliegen. In der Granitwand landete die. So vier Meter in der Tiefe. Für mich überaus schwer zu erreichen.

Dorthin hinabzuklettern, mir meine Zorro-Maske wiederzuholen, das untersagten mir Vati und Mutti. Obwohl ich herumkreischte und heulend tobte, unbedingt zu meiner Lieblingsmaskierung hinuntersteigen wollte.

Niemals wieder habe ich danach in meinem Leben eine Zorro-Maske getragen. Trotz der Tatsache, daß mir Mutti schon am Montag der neuen Woche in der Stadt eine neue gekauft hat. Eigentlich keine andere als die alte. 

 

*

 

 

Siebenundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei aufgeklickt.

Freitagnacht. Uhrzeit: 02:53 Uhr.

 

Ich war wahnsinnig. Total wahnsinnig.

Im Endeffekt: total bekloppt.

Das Schlimmste hätte passieren können. Das Allerschlimmste.

Weil: Ich bin erst kurz wieder auf meinem Zimmer zurück.

Mann, Du mußt das sehen, Tagebuch, es ist mitten in der Nacht. Mitten in der Nacht. Trotzdem war ich unten. Habe mir die Haustür aufgesperrt. Und ich war draußen, draußen vorm Haus.

Zweimal bin ich um mein altes Elternhaus herumgelaufen, die Hand links gegen die Brust gedrückt, wo mir mein Herz gerast hat.

Jede Menge Umrisse in der nächtlichen Dunkelheit und bei den Straßenleuchten.

Allerdings: Nichts und niemand wollte mir gegenübertreten. Als wäre SIE wirklich aus irgendeinem Grund plötzlich fort. Daß ich meinen Gefühl vertrauen habe können, das mir sagte, daß da im Moment keinerlei Präsenz mehr von IHR wäre.

Keine Manuela Dombrowski - oder wer oder was immer das war, der mich bedrängte - weit und breit. Irgendwie keiner da, mich unmittelbar zu konfrontieren. Sich mir gegenüber aufzustellen und mich schlimmstenfalls tätlich anzugreifen.

 

Trotzdem finde ich es schrecklich von mir, daß ich aus dem Gebäude unter freien Himmel hinausgemacht habe. Alles hätte ganz anders sein können - dann hätte SIE mich gehabt. Sich alles von mir abholen können, was SIE sich nur wünschte.

Tagelang jetzt, daß ich mich des Nachts kaum vom Drehstuhl hier weggewagt habe. Selbst das Klo im Badezimmer war nicht immer meine Wahl, sondern öfters der abgedeckte Eimer, den ich bei Rechnertisch stehen habe.

Und jetzt renne ich, mir nichts, dir nichts, aus dem Haus raus. Ohrfeigen könnte ich mich dafür.

Wiederholt sich so was, ich weiß nicht ...

So Gefühle lassen sich täuschen. Das Leben ist oft genug voller Täuschungen, Trugbildern, denen man aufsitzt.

Genausogut hätte ich IHR geradewegs in die Arme laufen können. Daß SIE wirklich nicht da war, das reinste Glück.

 

Alles aber in allerbester Ordnung, Tagebuch, es ist mir überhaupt nichts geschehen. Ich kann in Dir davon weitertippen, was vorgestern war, als ich in Geiersdorf oben war.

Am Marktplatz in Geiersdorf bin ich erst mal zu Jagd+Fisch rein, ein Bekleidungs- und Zubehörgeschäft für Angler und Jäger.

Bei Jagd+Fisch habe ich einen dunkelgrünen Jägersleuterucksack gekauft. Ein echtes Sonderangebot. Dreißig Prozent reduziert. Dazu eine neue Sonnenbrille. Sogar um fünfzig Prozent preisreduziert. Der halbe Preis also.

Danach bin ich in den Gemischtwarenladen nach nebenan. Dort kaufte ich mir zwei Literflaschen Mineralwasser und ein Sechserpack Halbliterdosen helles Bier. Alkoholgehalt: 5,3 Prozent.

Das mußte als Verpflegung reichen, fand ich. Zu Mittag gegessen hatte ich ja im Ristorante Noblesse. Mit Nachtisch und teurem Wein.

Das Eingekaufte habe ich in meinem neugekauften Rucksack verstaut. Anschließend habe ich mich zu Fuß auf den Weg gemacht. Hinaus aus Geiersdorf, die Bergstraße hinauf, wie so ein Wandertourist in Jeans und billigen Turnschuhen.

Oberhalb von Geiersdorf war die eine mir vom Taxifahrer beschriebene Kurve. Auch gewissermaßen eine Gefahrenkurve. Trotz verstärkter Leitplanke war sicher alles möglich, wollte einer, eine es bei überhöhter Geschwindigkeit mit dem Auto wissen, wie es in der Geschichte vielleicht zugehen könnte.

Über den Leitplankenviertelkreis bin ich drübergestiegen. Ungefähr zehn Meter tiefer habe ich mich auf das sattgrüne Bergwiesengras niedergehockt und die erste Runde herumgestarrt. Im Sitzen habe ich meinen Rucksack heruntergenommen. Anschließend war ich weiter zugange, habe mir die Sechserpackung Dosenbier aus dem Rucksackinnern herausgeholt.

Die erste Dose, die von mir aufgerissen wurde. Die Dosenöffnung, aus der es heraussprudelte, habe ich mir an den Mund gehalten. Ein paar tiefe Trinkzüge, der Doseninhalt war von mir ausgetrunken. Ex und hopp.

 

Wie von dem Taxifahrer mir versprochen, war Geiersdorf hier von oberhalb recht gut zu überblicken. Besonders aber das Gehöft von Hans-Georg Tabert war in den Blick zu nehmen. Die Bauernhaus- und Stallungenanlage Hans-Georg Taberts am unteren Dorfrand Geiersdorf.

Etwas abgesetzt von Geiersdorf, die Gebäude Taberts. Als hätten die Wiesengrundstücke, die bei Tabert angrenzten, keine Besitzer gefunden, der dort, knapp bei Tabert, bauen hätte mögen. Oder die Grundstücke gehörten den Tabert-Leuten längst, so daß dadurch verhindert wurde, daß zu nahe an das Tabert-Wohneigentum herangebaut wurde.

Wie immer dem war, die Minuten, die ich unterhalb der Bergstraßenkurve auf Gras gehockt bin, rührte sich bei den Tabert-Gebäuden nicht das bißchen irgendwas. Kein Traktor, der bewegt wurde, kein anderes Fahrzeug, das hinein- oder von irgendwoher heraus abfuhr. Keine kleinen Männlein, die am Innenhof herumschritten, -liefen. Nichts und niemand, der sich bei Tabert unten mit irgendwas beschäftigte. Als wäre man gänzlich ausgestorben.

Voll was für den Freund der Häuserfassadenbetrachtung, sonst für keinen. Was hätte ich eigentlich ein Fernglas brauchen können, wenn unterhalb nicht das bißchen was los war? Außerdem konnte ich mich auf die Beine stellen, runtermachen, beim Tabert-Ort unmittelbar vorübermachen. Dort zu gucken, was ging.

Nach der zweiten Bierdose reichte mir das mit der sterbenslangweiligen Herumhockerei auf der Wiese. Auf die Füße habe ich mich taumelig gestellt. Wirklich, etwas taumelig war ich bei der Blasenentleerung am Schräghang. Daß ich mich danach über mich gewundert habe, daß ich nicht umgefallen und talwärts gekugelt bin.

Zurück auf die geteerte Bergstraße oben habe ich gemacht. Dort habe ich mir gesagt, von nun an nur noch Wasser zu trinken. Was ich an Alkohol intus hatte, reichte. Einmal, eine Dreiviertelliterflasche Wein, den ich im Ristorante Noblesse genossen hatte. Mit zwei Hellen aus der Dose relativ schnell hintereinander den kleinen Sud jetzt aufgefrischt. Da sollte ich auf der Straße aufpassen, daß mich keiner überfuhr.

Daß ich mir Bier kaufen habe müssen, darüber war ich unvermittelt ziemlich verärgert. Richtiggehend beschimpft habe ich mich deswegen. Mit ein paar derben Worten, die beim Hinuntergehen am Rand der Teerstraße nur für mich zu hören waren.

 

*

 

 

Siebenundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei offen.

Freitag am sehr frühen Morgen. Uhrzeit: 05:13 Uhr.

 

SIE ist seit Stunden jetzt nicht da. Und SIE fehlt mir.

Weil SIE fort ist, geht mir hier etwas ab.

 

Ziemlich voll gewesen während dieser Nacht, die Chat-Kurbel. Jede Menge Geilheit-Gelaber. Der Zweier-, Dreier-Separees sind viele. In den Neben-Räumen drängt es sich nicht wenig.

Will sagen, worauf ich abziele: Heute ist erst Freitag. Wir haben die Morgenstunden, sind nicht abends, haben die Samstagnacht. Das Wochenende steht für die Entspannung der arbeitenden Bevölkerung eigentlich erst an. Und jede Menge hier sind älter, als daß sie Schüler sind, die Ferien haben. Oder sie alle sind Lehrer? Rentner, die sich jünger machen?

Laser04 und kleinesHäschen, weiterhin meine Besten. Toll auf der Rolle.

Schon wirklich komisch, das mit Laser04 und kleinesHäschen.

Irgendwie gerade das Spiel, es jemand mit kleinen Gemeinheiten besorgen zu wollen, ohne daß man was von den Sachen, die man sich so wie nebenbei hintextet, für den Anwalt verwenden könnte.

Trotzdem, nett ist hier nichts. Die Freundlichkeit, woanders hingekommen. Laser04 und kleinesHäschen beharren darauf, mich fertigmachen zu wollen. Der pure Haß gegen mich spricht aus ihnen.

Man muß sich das Spiel von kleinesHäschen einmal ansehen. kleinesHäschen und ihre Smilies. Hämisch grinsende Totenköpfe. Weiße Gruselgespenster. Mehrfach die Variation von Gevatter Tod mit der Sense. Gelbe, bleiche Grinsegesichter mit aus dem Mund vorstehenden Spitzzähnen, von denen das Blut tropft - ein Vampire-Smilie-Hagel.

Echt ungewöhnliche Smilie-Dinger hat kleinesHäschen auf Lager. Welche, die ich vorher noch nicht gesehen hatte, während Laser04 meistens den Daumen für kleinesHäschen und jeden, der nichts Nettes in meine Richtung schreibt, hoch hat. Klopp-Lach auf viele Art und Weise, das Laser04 herzeigt.

Selber habe ich ja eine Smilie-Auswahl auf der Leiste. Aber keine solche, wie sie kleinesHäschen hat. Am liebsten möchte ich kleinesHäschen fragen, wo sie diesen oder jenen ihrer Smilies her hat.

Tja, wäre ich nicht der, um den es sich bei kleinesHäschen an erster Stelle dreht. Mich, daß kleinesHäschen gerne als ihr Opfer hätte. Auch als Todesfall hätte kleinesHäschen mich gerne; würde sich das nicht krumm nehmen.

 

Lassen wir das mit kleinesHäschen und Laser04 wieder hier beiseite, Tagebuch. Was soll's?

Kümmern wir uns wieder da drum: Vorgestern war ich in Geiersdorf und der Umgebung von Geiersdorf. Mir ein bißchen einen Eindruck darüber zu verschaffen, was das mit der Todeskurve Manuela Dombrowskis und der Lebenswelt ihres Freundes, Geliebten, dieses Hans-Georg Taberts, war.

Hans-Georg Tabert, er war der Mann, Manuela Dombrowskis Herzensliebling. Gewaltig war Hans-Georg Tabert Manuela Dombrowskis Herzensliebling. Und zwar derart, daß Manuela Dombrowski in Hans-Georg Taberts schwarzmetallikfarbenes, vierrädriges Geländefahrzeug gesprungen war. Um für Hans-Georg Tabert ein verzweifeltes Manöver zu starten, das die Polizeikommandos, die das Tabert-Gelände umstellt hatten, ablenken sollte. Zweck des Ganzen: In letzter Sekunde, daß Manuela Dombrowski ihrem Hansi noch zur Flucht verhelfen wollte, Hansi, dessen neuerliche Festnahme durch die Staatsmacht unmittelbar bevorstand.

Mit vollem Risiko, bereit, ihr Leben für ihren Hansi hinzugeben, Manuela Dombrowski. Wie am Roulettetisch, an dem sie alles auf Zero setzte, schaute Manuela Dombrowski der Kugel beim Fallen zu. Und in einem Augenblick war alles verloren.

In der Kurve, die Geiersdorfer Bergstraße runter, machte Manuela Dombrowski bei überhöhter Geschwindigkeit den Abflug. Am Gnaden-Friedhof der Stadt hat Manuela Dombrowski ihr Grab. Vor Manuela Dombrowskis Grab bin ich selber schon gestanden.

Das heißt, SIE, SIE müßte unten im Sarg drinnen liegen, eigentlich. Dürfte nicht mehr woanders herumgeistern.

 

Nur, ich habe mit Manuela Dombrowski trotzdem ein Problem. Trotz dieses Fakts. 

Schließlich, es ist nicht zu glauben, hat sich bei mir etwas mit Manuela Dombrowski abgespielt.

Vorm Unteren, daß Manuela Dombrowski mir den Weg fürs Weitergehen vertrat, Manuela Dombrowski, eine mit einer dicken Sonnenbrille auf dem Näschen. Manuela Dombrowski, die auf mich zwar bleich im Gesicht wirkte, aber sonst ganz nett und sexy ausschaute. Richtig miteinander geredet haben Manuela und ich. Sind in der Gegend herumgelatscht, haben uns in ein Café gehockt.

Ganz unmittelbar, sehr real, Manuela Dombrowski. Eine Unübersichtlichkeit geradezu universellen Ausmaßes ist diese Tatsache für mich. Voll haut das bei hinter der Schädeldecke rein.

Auch, weil Manuela Dombrowsik quasi keine Ruhe gibt. Bis heute nicht. Hier, beim Haus meiner Eltern treibt sie sich herum. Drei-, viermal, das glaube ich, habe ich Manuela Dombrowski seit dem zehnten Juli während eines flüchtigen Moments wiedergesehen. Seit ein paar Tagen bedrängt mich spätestens nach dem Einsetzen der Dunkelheit dieses Gefühl IHRER Gegenwart.

Die Frage, die sich mir tatsächlich hierbei stellt: Wie geht es zu auf der Welt? Wenn man tot ist, ist man tot, oder? 

Tot ist tot. Dazwischen gibt es nicht viele Zustände. Nicht wahr? Daß es andernfalls heißen müßte: Wenn eine nicht tot ist, lebt sie. Muß sie am Leben sein? Oder nicht?

Oder was?

Ist eine tot, lebt aber trotzdem immer noch - kann die Möglichkeit bestehen, daß daran etwas gedreht ist. Irgendwas in der Art.

Nicht wahr?

Fast könnte ich meinen, mir fehlt irgendwie bloß der rechte Überblick. Weil mir fehlende Puzzlestücke den Blick auf das große Ganze des Bildes verwehren. Hätte ich die Stücker, könnte sie am richtigen Platz einsetzen ...

 

Also, ziehen wir das mal aus der Sicht auf.

Zunächst einmal, das muß festgehalten werden: Hans-Georg Tabert, Manuelas Hansi, das ist kein armer Mensch.

Armut, die findet sich woanders, nicht bei Hans-Georg Tabert.

Zum Beispiel: Vorgestern bin ich nachmittags vor dem Gehöft Hans-Georg Taberts am unteren Dorfrand von Geiersdorf herumgestanden. Außerhalb davon durch die Gegend geschritten.

Dabei habe ich mir überlegt, daß ich, wollte ich das, was ich überblickte, Hans-Georg Tabert selbst oder Hans-Georg Tabert über einen Mittelsmann abkaufen, müßte ich sicherlich einige Millionen in der Hinterhand haben. Vielleicht sogar im zweistelligen Bereich.

Vorne, relativ knapp zur Straße hin, der langgezogene Flachdachbetonklotz, der ein Silo oder etwas dergleichen sein konnte, nutzte man den Bau. Ober- und unterhalb war von der Geiersdorfer Bergstraße her auf einen weitläufigen Innenhof einzufahren. Am doppelgeschossigen wuchtigen Ökonomenbauernhof, dem Flachdachbauwerk aus Betongußwänden gegenüber befindlich, an dem zählte ich vorne zehn blumengeschmückte Holzbalkone, deren Zierlatten dunkelbraun gestrichen waren; neu wirkte Anstrich zudem auf mich. Dann gab es unten und oben seitlich des hochherrschaftlichen Wohngebäudes für die vielköpfige Großökonomenfamilie je einen Riesenstall. Für jede Menge Vieh und einen großen Fahrzeugpark. Der obige zeigte Geiersdorf seitlich die lange Hinteransicht, versperrte den Geiersdorfer Randbewohnern die freie Sicht auf das Wohnhaus und den Hof drinnen.

 

Habe, als ich die gesamte bauliche Anlage, die Hans-Georg Taberts Eigentum war, bewundert habe, stark da dran gedacht, daß sich Verbrechen für den einen oder andern und seine Familie wirklich lohnen konnte. Zumindest ich, hatte ich mein Studium demnächst abgeschlossen, würde mich in meinem ehrlichen Beruf lange nach der Decke strecken, mancherlei leisten müssen, bis ich mir derartigen Besitz auch nur ansatzweise zulegen würde können. Vielleicht war ich bis dahin auch mehrere Male verheiratet. Weil meine hübsche Frau daheim, beruflich eingespannt und mit wenig freier Zeit ausgestattet wie ich war, sich bald einen oder mehrere Liebhaber zulegte.

Das, Hans-Georg Tabert lediglich bescheiden mit Kleinkriminalität in Verbindung zu bringen, wie es der Geiersdorfer Bürgermeister in einem Zeitungsinterview getan hatte, fand ich ziemlich abwegig. Viel eher dachte ich daran, daß hier einer, Hans-Georg Tabert mit Namen, war, der Erfolg hatte bei den Dingen, die er in seinem Geschäftsleben unternahm.

Anstatt Hans-Georg Tabert als Kleinkriminellen abzutun, hätte ich in Hans-Georg Tabert lieber den Kopf einer kleineren kriminellen Organisation gesehen. Zumindestens das.

Hans-Georg Tabert, eine Art lokaler Mafia-Boß.

Wenn man sich nicht besser noch genauer anschauen hätte sollen, was das mit der unterirdischen Metastasen-Bildung war. Am Schluß war das mit Hans-Georg Tabert ein ein riesiges Krebsgeschwür, das man nur mit der größten Mühe aus dem Körper herausschneiden konnte.

 

Mittlerweile wußte ich einige Dinge besser, die Hans-Georg Tabert anbetrafen.

Schon alleine Manuelas Geschichte, als Manuela und ich im Café Mezzolatte zusammen am Tisch hockten. Da erzählte mir Manuela die Sache mit Rocko, Rocko, der für Hansi auf Tour fuhr. Eine Drogentour auf niederländisches Gebiet unternahm.

Das hieß für mich bereits am zehnten Juli, als ich unheimlicherweise stundenlang mit Manuela unterwegs war, daß Manuelas Hansi einer war, einer im Drogengeschäft.

Und Beppi, als ich mit Beppi und diesem seltsamen Fransen am späteren Abend des zehnten zur Nacht des elften Julis bei Joeys zusammensaß, erwähnte auch so Sachen. Daß ich daraus haarscharf schließen könnte, daß Hansi neben den Drogenleuten auch noch andere hatte, weitere Banden. Bestimmte, die für Hansi Einbrüche verübten.

Kriege ich das Geschwätz Beppis und Fransens am Joeys-Tisch richtig auf die Reihe, erzählten Beppi und Fransen mir, daß Hansi ein bestimmtes Objekt auswählte. Und Gestalten wie Beppi stiegen dann, war die Gelegenheit günstig, dort am Ort in die Anliegenschaft ein, nahmen alles Zeug mit, das ihnen mitnehmenswert schien. Nach dem verübten erfolgreichen Bruch bekam das Mitglied der Einbrecherbande - zum Beispiel Beppi - einen fix vereinbarten Betrag bar auf die Kralle. Während Tabert, der Auftraggeber, derjenige war, der das Einbruchsgut nach Gutdünken an gute Kontakte im In- und Ausland weitervertickte.

 

Schon zwei Sachen, kriminelle Machenschaften, waren das also, in die ich durch gewisse Umstände einen kleinen Blick auf das Tun und Lassen Hans-Georg Taberts hatte. Anderes, um das sich die Zeitungsreporter in ihren lokalen Artikeln um die Zeit der Geschichte Hans-Georg Taberts mit Gina, der blonden Radiomoderatorin, kümmerten, waren Prostitution, Prostitution in den Klubs und Lokalen der Umgegend. Und Menschenschmuggel. Für Geld halfen von Hans-Georg Tabert bezahlte Freunde, Asylsuchenden, unbesehen über die Grenze zu gelangen. Außerdem, das stand in einigen Zeitungstexten zu lesen, daß die Behörden Hans-Georg Tabert beschuldigten, in größerem Stil Geldwäsche zu betreiben.

Konnte man also, wenn sich so vieles summierte, bei einem wie Hans-Georg Tabert wirklich noch von so einem Idioten aus dem Kleinkriminellen-Milieu sprechen?

Oder unterrichtete das nicht vielmehr von der eigenen bürgermeisterlichen Spießbürgerignoranz beziehungsweise einem geistigen Horizont, der kaum über enge regionale Grenzen hinausreichte? Wenn das mit der Regionalität nicht die reinste Schutzbehauptung war, weil man mit Herrn Hans-Georg Tabert und seiner Familie eigentlich besser bekannt war. Um nicht zu sagen: mit der Tabert-Familie verfilzt.

 

*

 

 

Siebenundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei geöffnet.

Freitagvormittag. Uhrzeit jetzt: 09:18 Uhr.

 

Stimmt aber, liebes Tagebuch, Hans-Georg Tabert, ein Mann, dem man alles zutrauen darf. Alles kann es bei dem geben.

Alles!

Trotzdem sagt mir etwas in meinem Gefühl, daß ich nachts nicht zu IHR hinausmachen sollte. Da ist Unübersichtliches, eine Gefahr.

Besser, ich belasse alles so, wie es ist: Ich, drinnen im Haus - und SIE draußen irgendwo.

Wenn Sie was möchte, muß Sie hereinkommen. Oder zu mir herauf - und hier herein. Unaufgefordert.

Sehe nicht, wo da das Problem für SIE ist. Warum das nicht hinhauen sollte. Was SIE meine Ansage groß braucht, daß ich IHR Einlaß gewähre.

 

Lassen wir dieses Thema wieder, Tagebuch. Das dreht sich sowieso alles nur im Kreis.

Der Großökonomen-Bauernhof im Stil des neunzehnten Jahrhunderts mit seinen schmucken, hölzernen Lattenbalkonen, blümchengeschmückt und mit vielen Fenstern ausgestattet, der sich im Besitz Hans-Georg Taberts befindet, war wirklich so was von einem wuchtigen Bauwerk, lang und breit.

Drinnen im Gebäude, durfte ich den Informationen der Zeitungsleute und ihren Artikeln glauben schenken, bewohnte Hans-Georg Tabert mehrere Zimmerfluchten. Ganz im Gegensatz zur Bauernhoffassade nach dem Geschmack Hans-Georg Taberts modern, großstädtisch eingerichtet.

Was in dem Zeitungsartikel, der Hans-Georg Tabert zum Mittelpunkt hatte, beiläufig ebenfalls zu lesen stand, war, daß Hans-Georg Tabert sich gerne Prinzipal nennen ließ.

In einer Kleinhalle hielt in seinem Bauernhof immer wieder hof. Ein richtiger Hofstaat, der sich bei Hans-Georg Tabert in der Halle einfand, sich überall in der Räumlichkeit auf den teuren Sofas herumräkelte, während elektronische lauter, leiser Tanzmusik spielte. Je später die Stunde, um so ausziehfreudiger wurden die tanzenden Mädchen, Frauen und Lustknäblein. Bis einige überhaupt nichts mehr am Leib anhatten. Nur dazu da, sich heranwinken zu lassen, um vom Prinzipal und seinen Nächststehenden, dem inneren Kreis aus Familienmitgliedern, engeren Vertrauten, Leibwächtern abgetestet zu werden. Der Speichellecker war viele, die sich um den Prinzipal versammelten. 

Der Prinzipal - Hans-Georg Tabert -, saß wie in einem Thronsaal auf einem erhöhten Stuhl, betrachtete von dort das ausgelassene Treiben. Dann geschah es, daß Abordnungen aus nah und fern vor ihn hintraten. Männer, Frauen, die sich vor tief vor den Prinzipal verbeugten. Der goldene Siegelring, den der Prinzipal am Zeigefinger seiner Rechten trug, wurde von den vor den Prinzipal Gekommenen geküßt. Ihre Sorgen, Kümmernisse, dringenden Anliegen teilten sie dem Prinzipal mit. Mit ernster Miene hörte sich der Prinzipal die Geschichten an. Und wenn der Prinzipal es zufrieden war, versprach er, sein Bestes zu tun, daß die Not demnächst gelindert würde. Unter anderem gewährte der Prinzipal, überhaupt nicht blutsaugerisch, zinslose Kredite. Nur der Zeitrahmen, bis zu dem zurückgezahlt werden mußte, der war einigermaßen eng gefaßt. Und die Raten zu zahlenden Raten waren nicht klein.

 

Großzügigste, ausschweifenste Feste, die der Prinzipal - Hans-Georg Tabert - bei sich im Großökonomenbauernhaus feierte. Themen-Parties, die zu den wildesten Orgien ausarten konnten, Orgien, bei denen alles geschah, was man an Ausschweifungen vorstellen konnte.

Hans-Georg Tabert als der Prinzipal jedoch immer der Mittelpunkt, Taktgeber, Entscheider. Klatschte Hans-Georg Tabert in die Hände, war die schönste Festivität mittendrinnen unvermittelt vorüber. Alle Leute hatten zu gehen, weil Hans-Georg Tabert keine Lust mehr auf irgendwas von ihnen und ihre Visagen hatte.

Wer das nicht begriff, was los war, daß eine Party vorbei war, für den konnte es eine blutige Nase setzen. Gleichgültig, wie gutaussehend und weiblich diejenige Person war. Aufs übelste, daß man bei Hans-Georg Tabert hinausgeschmissen werden konnte, daß man froh sein konnte, unverletzt geblieben zu sein.

Eine Zeugin berichtete dem Zeitungsreporter, einer Freundin hätte ein Tabert-Rausschmeißer beide Arme gebrochen. Eine zweite meinte, daß sie Leute kenne, denen bei Tabert das Nasenbein gebrochen worden wäre. Sogar von einer zerschlagenen Kniescheibe wüßte sie. Hans-Georg Tabert hätte den jungen Mann mit einer hohen Summe entschädigen müssen, weil er Fußballer war und seinen Sport nicht mehr ausüben konnte.

 

Am Mittwoch beschaute ich mir selbst ein bißchen was vom Tabert-Reichtum, Tagebuch. Ziemlich begütert hatten seine Geschäftsunternehmungen Hans-Georg Tabert gemacht.

Das alles, das sagte jedoch nur etwas darüber aus, daß Hans-Georg Tabert ein reicher Mann war. Daß er materielle Güter im Übermaß hatte.

Trotzdem allerdings, daß Herrn Hans-Georg Tabert, dem Prinzipal, etwas fehlte. Was war das aber? Wonach gelüstete es einen, der eigentlich alles hatte, alles sofort haben konnte, noch? Was war das, was ihm weiterhin fehlte? Nach was hatte dieser Mann sonst noch Verlangen?

Hier die Antwort, mein Tagebuch: Prestige.

Neben dem Ansehen, den Respekt noch das: Prestige.

Nicht länger nur durch den Pöbel, der ihm ohnehin dauernd ankam, etwas von ihm wollte. Denen, die ihm unverlangt ständig die Füße herbusselten, ihn beknieten.

Ein Jäger war Hans-Georg Tabert. Ein passionierter Jägersmann.

Wie in einem anderen Artikelchen auf der Lokalseite zu lesen stand, hatte Hans-Georg Tabert vor zwei Jahren unter seinem eigenen Namen erstmals eine eigene Jagd gepachtet.

Dorthin lud Hans-Georg Tabert immer angeseheneres Volk, das den Landkreis bewohnte, zu Jagdgesellschaften ein.

Seine Einladungen verschickte Hans-Georg Tabert zunächst an jagdbegeisterte Schullehrer, Ärzte, Rechtsanwälte, Kleinunternehmer. An diesen Personenkreis. Dann kamen Gemeinderatsmitglieder hinzu. Bürgermeisterkandidaten. Zuletzt folgte sogar der eine oder andere Kommunalpolitiker der Einladung zur Jagd.

Mitten unter diesen  nannte Hans-Georg Tabert sich einen Unternehmer. Wissen ließ Hans-Georg Tabert, daß er sein Geld mit Aktien gemacht hätte. Bei Spekulatationsgeschäften an der Börse wäre er sehr erfolgreich gewesen. Größere Aktienpakete, die er, Hans-Georg Tabert, weiterhin in Besitz hätte. Nicht nur, um sie bis zum Sankt Nimmerleinstag zu halten, sondern sie bei nächstbester Gelegenheit zu verkaufen. Wie das ein guter Börsenhändler eben tun sollte. Herr Hans-Georg Tabert unterrichtete darüber, daß er selber und über Dritte an ein paar regionalen Wirtschaftsunternehmen beteiligt wäre.

 Das Obige zusammengefaßt: Hans-Georg Tabert suchte die bessere Gesellschaft. Die oberen Zehntausend. Zu denen mit Ansehen, Macht zog es ihn immer stärker.

Und was kam bei solch einem Mann auch noch dazu?

Nach besseren Bräuten gelüstete es ihn.

Nicht länger die, mit denen Hansi ohnehin im Dutzend Umgang hatte. Die, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen, jedem Fingerzeig von ihm gehorchten.

Mehr Klasse wünschte Hans-Georg Tabert sich bei seinen Weibern. Eine, die an seiner Seite auch einen Namen hatte, nicht nur hübsch aussah. Richtig hermachen sollte eine für Hans-Georg Tabert was.

Das mußte Manuela Dombrowski eigentlich mitbekommen haben, daß ihr Hansi sich umguckte. Daß ihr Hansi andernorts der Nette war, während er bei ihr, Manu, die Mucken hatte. Sie herablassend, schlecht behandelte.

Mir hatte Manuela ja am Nachmittag des zehnten Juli ein bißchen was davon hingeredet, wie es zwischen ihr und Hansi zwischendrinnen mal zuging. Daß ihr Hansi äußerst schwerhörig bei ihr in der Nähe wurde, wenn sie die Rede auf das Thema Heirat, Ehe brachte.

Verstehe ich die Dinge richtig, mußte es in Echt so gewesen sein, daß Hansi seiner Manu Dombrowski am Schluß immer seltener echte, liebevolle Aufmerksamkeit schenkte. Nicht nur, daß Manu von Hansi verarscht wurde, sondern voll grob konnte Manu von Hansi angepackt werden. Mit dem Hosengürtel, daß Hansi Manu öfters geschlagen hatte, habe ich gelesen. Daß es nicht zu fassen war, welchen Narren Manu Dombrowski an Hansi gefressen hatte.

Zeitweise, daß Manus Gegenwart Hansi außerdem mal für ein paar längere Monate abging. Zum Beispiel, weil Manu im Gefängnis einsaß. Was zuletzt tatsächlich der realen Welt Manuela Dombrowski entsprach. Und durfte ich der Manuela Dombrowski glauben, die ich getroffen hatte, war eigentlich ihr Hansi hauptsächlich dafür verantwortlich. Weil Leute, zu denen Hansi gute Kontakte pflegte, die Hansi komischerweise danach nicht abreißen lassen wollte, während Manuela dabei war, Sachen anbrachten, die Manuela in die Gefängniszelle schafften. Einiges an Gefängniszeit, die Manuela zu verbüßen hatte. Deswegen auch nicht bei Hansi in der Umgebung sein konnte.

 

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