"Das digitale Tagebuch" (27.07. - 07.08.), No. 3
Achtundzwanzigster Juli, Tagebuch-Datei aufgeklickt.
Samstag am Nachmittag. Knapp nach fünfzehn Uhr. Genaue Uhrzeit: 15:02 Uhr.
Vater ist nach dem Mittagessen gegen dreizehn Uhr zu Tanja abgefahren. Hilft bei Tanja jetzt nachmittags bis irgendwann abends beim Garagenbau, sagte Mutti mir.
Solange er fort ist, kann Vater zumindest nicht für überraschende Überfälle bei mir am Zimmer gut sein.
Das nervt mich wirlich total an, daß ich noch bis spätestens Mittwoch hier im Haus abhängen soll. Bis eben die fünf Tausender von Heinz, dem Mechatroniker-Oberbosse, sich bei mir am Konto oben eingefunden haben.
Dann erst, daß ich beruhigt hier abreisen kann ...
Habe, nachdem Vater zu Tanja gefahren ist, mit Mutti in der Küche einiges durch die Gegend gequatscht. Hat sich jedoch nichts weiter Angenehmeres aus dem ganzen Geschwätz ergeben ...
Erst mal habe ich zu Mutti gemeint, daß ich noch bis zum Ersten warten möchte, ob ich nicht doch noch einen Anruf von Mauth bekäme, ich könnte doch bei ihnen am Gelände mit meiner Ferienarbeit anfangen. Bis Dienstag, Mittwoch, daß ich noch nicht in meine Wohnheimbude rauffahren möchte.
Hat Mutti gemeint, daß ich keine Angst zu haben bräuchte. Bis zum nächsten Wochenende müßte Vater mich wenigstens in Ruhe lassen. Schließlich könnte ich nichts dafür, daß die von Mauth insolvent gegangen sind. Das hätten schon die von Mauth selber verbockt; ganz andere Leute. Sonst würde ich heute ganz normal wie immer jedes Jahr am Ersten bei Mauth mit dem Arbeiten anfangen können, würde es wegen dem jetzt keine Scherereien geben.
War ich Mutti dankbar für ihre Worte. Sage ich zu Mutti, daß ich mir schon so vorkäme, wie einer, der nur faul auf seinem Hintern hockt, arbeitsscheu. Dabei bin nicht ich der Grund, daß ich nicht in die Arbeit fahren müßte.
Mutti wechselte das Thema, meinte, wie es mir in meinem Studium so ginge. Beim Studieren oben hätte ich doch keine Probleme oben, oder?
Ich verstand Mutti nicht recht. Wiederholte Mutti, alles bestens bei mir, was meine Studiererei anging. Null Problemo. Die einzige Sorge, die ich im Augenblick hätte, wäre, daß ich jetzt in meinen Semesterferien keinen Job hatte.
Erklärte Mutti mir, daß Bettina, mein älteres Schwesterherz, hinter meinem Rücken öfters die Frage in den Raum wirft, ob ich überhaupt noch studiere. Sie, Mylady Bettina, wüßte nichts Genaures davon; Vater, Mutti sollten mal nach den Ergebnissen meiner Klausuren, Semesterprüfungen, bei mir nachfragen. Am besten wäre für Mutti, Vater, sie beiden, sie würden sich was Handfestes von mir zeigen lassen. Daß jeder genau Bescheid wüßte, ob ich tatsächlich noch an der Uni eingeschrieben wäre.
Und, wenn ich zu nichts was sagen wollte, setzte Mylady Bettina Vater, Mutti des weiteren auseinander, sollten Vater, Mutti im Sekretariat meiner Universität anrufen, sich nach mir erkundigen. Welche Auskünfte Vater, Mutti dort gegeben würde, davon was zu hören, wäre sicherlich eine interessante Sache.
Es war nicht zu glauben, Mutti quengelte rum, daß sie, Mutti, ja nur aus meinem Mund wüßte, ob ich überhaupt noch studieren würde. Hinaufgelaufen bin ich aus der Kücheneinrichtung, habe auf mein Zimmer gemacht. Habe meinen Geldbeutel geholt, in dem ich unter anderem auch meinen Studentenausweis in ein Fach geschoben hatte. Den habe ich Mutti als Beweis, daß ich das letzte halbe Jahr immatrikuliert war, hinuntergetragen und Mutti meinen Studentenausweis unter die Nase gehalten.
Aus den Fingern hat Mutti mir das Teil genommen, es mit geschürzten Lippen rundum genau beschaut. Jeden Stempel, jede Unterschrift und Zeitangabe. Alles war zur vollsten Zufriedenheit meiner Mutti. Nur ich, ich war deswegen nicht glücklich. Mich hatte Mutti mit ihrem Getue und Mienenspiel ganz schön gallig gemacht hat. Über Mylady Bettina und Tanja habe ich im Angesicht meiner Mutti herzuziehen angefangen. Ein bigottes Miststück wäre Mylady Bettina, Dauergast im Pfarrhaus, Kaffee und Kuchen mit dem Kaplan, darauf, daß Mylady Bettina abfahren würde. Ob das jedoch beim Sündenablaß wirklich helfen würde, das wollte ich dann doch sehr bezweifeln. Tanja, meine jüngere Schwester, die wäre die, wenn Mylady Bettina eine Kleinigkeit spricht, an Mylady Bettinas Lippen klebt, als könnte Tanja sich von nichts nicht selber ein Bild von irgendwas machen. Beide sollten vor ihren eigenen Türen kehren, Mylady Bettina und Tanja. Hätten die zwei mit ihren Ehemännern sicher genügend mit zu tun. Aber klar, das stimmte, ich war Mylady Bettinas jüngerer Bruder. Ließ sich nicht leugnen. Natürlich dürfte Mylady Bettina sich um alle Dinge kümmern, die mit ihrem jüngeren Bruder zu tun hätten. Andere Sorgen gäbe es zwar anscheinend für Mylady Bettina nicht auf der Welt. Aber bitte, wenn Mylady Bettina das meint. Ganz genau wüßte ich im übrigen, warum Mylady Bettina hinter meinem Rücken redet. Da sollte übrigens auch Tanja öfters scharf aufpassen. Weil: Mylady Bettina wollte erben. Groß erben. Wenn es eines klar wäre, dann das, daß Mylady Bettina vor allem eins wolle: ihre Schäfchen ins trockene bringen. Momentan schaute es leider aus, als könnte Mylady Bettina mich leicht aus dem Weg räumen. Daß Mylady Bettina das vielleicht auch bei Tanja wolle, das würde Tanja vielleicht in der Zukunft wieder mehr erfahren, wenn sie es momentan nicht mehr genau wüßte, wie es bei Mylady Bettina zuginge.
Versetzt Mutti zu mir hin, daß das stimmt, daß Mylady Bettina schon sehr religiös geworden wäre, die letzten Jahre. Ein paar Gebete, die würde mir allerdings auch nicht fehlen. Die könnten auch mir weiterhelfen. Könnte sein, daß, wenn ich wenigstens einmal am Morgen in die Kirche ginge, ich mich wieder ein wenig besser verstünde mit der älteren Schwester. Und gegen Tanja könnte ich eigentlich wirklich nichts sagen. Tanja, die hätte im Leben nie etwas gegen den älteren Bruder gehabt. Daß Tanja Bettinas Papagei wäre, wie ich das nennen würde, das wäre einfach nicht wahr. Tanja hätte einen eigenständigen Charakter; immer schon einen solchen gehabt. Nicht Tanja oder Bettina wären ihr, Muttis, Problem, sondern ich. Das, was bei mir los wäre.
Ah, Tagebuch, es war alles nur unappetitlich, zum Abdrehen. Schließlich habe ich das auch, abgedreht. Habe unvermittelt zu Mutti gemeint, daß ich die Schnauze jetzt voll hätte vom ganzen doofen Gelaber in der Küche. Daß ich dann wieder zu mir hochginge. Bin auch raus aus der Küchenwelt Muttis.
Möchte das hier in Dir, liebes Tagebuch, noch mal festhalten: Spätestens nächste Woche am Donnerstag bin ich hier abgereist, Dann bin ich weg aus dem Gebäude. Wieder in meiner Bude im Wohnheim oben.
Fertig. Aus.
Die können mich doch alle. Und das kreuzweise.
Dann, das hoffe ich, daß mir droben, mit der höheren Zahl an Kilometern zwischen dem hier und meiner Wohnheimbude, auch die dauernde Bedrückung von wegen einer Person mit Namen Manuela Dombrowski weggeht.
Auf jeden weiteren Horror, über den hinaus, der seit dem zehnten Juli über mich gekommen ist, kann ich gut verzichten. Auf alles.
Das Maß an unglaublichen Dingen ist bei mir voll. Übervoll.
Manuela Dombrowski, daß ich die nachmittags treffe, daß die sich bis heute bei mir in der Umgebung meines Elternhauses herumtreibt, das kann es alles nicht geben. Wenn Manuela Dombrowski doch eigentlich am Gnaden-Friedhof der Stadt ihr Stammplätzchen in einem Sarg hat, unter bunten Blümchen und schwarzer Gartenerde.
Was läuft mir, wenn dem bereits Monate so ist, eine Manuela Dombrowski vor die Füße? So eine richtige Erklärung für das habe ich immer noch nicht.
He, habe ich je viel an irgendwelche Spukgeschichten geglaubt? Klare Antwort: Nein! Habe ich nicht.
Frage: Bin ich ein unvernünftiger, gar irrationaler Mensch? Antwort: Auch nicht.
Kann ich nicht von mir behaupten. Eher, das würde ich sagen, stehe ich solchen Dingen kühl gegenüber.
Frage: Was war dann aber bei mir am Losgehen? Feststellung: Keine Ahnung habe ich.
Weiß nicht, wie was bei mir losgehen hat können. Wie Manuela Dombrowski mich unter diesen Umständen überkommen hat können. Das ist unbegreiflich.
Fällt mir nicht viel ein, was Manuela Dombrowski früher an sich hätte haben können, daß irgendwas von und mit Manuela Dombrowski mir heutzutage derart spezifisch ankommen könnte. Daß Manuela Dombrowski eine sein könnte, die zu mir kommt, obwohl sie seit Monaten einen gesicherten Liegeplatz im am Friedhof sechs Fuß unten drunter unter der Erdkruste hat, darauf wäre ich bestimmt früher nie gekommen.
Mit welcher Art schwarzer Magie Manuela Dombrowski sich beschäftigt hat, daß sie eine wäre, die wiederkommen könnte, wenn sie tot ist - das übersteigt meinen geistigen Horizont. Es ist nicht zu begreifen.
In jeder Öffentlichkeit ist der Tod Manuela Dombrowskis breit aufgestellt beglaubigt. Dagegen kann keiner ankommen.
Das Gegenteil, das müßte ich den Leute mal beweisen wollen. Was dann für mich bei rüberkommen würde wäre die Irrenanstalt. Psychiatrie.
Das heißt, es sieht ganz so aus, solange ich der einzige bleibe, der Manuela Dombrowski wo sieht ... Schließlich: Wenn Manuela Dombrowski tot ist, kann Manuela Dombrowski nicht leben, oder?
Der Rest, der ...
Der Rest, den ich erfahren habe, ist also ein Problem.
Daß ich der bin, der anderes weiß. Das bedeutet: Ich kann nur einer sein, der nicht ganz dicht ist.
Ich bin es, der nicht richtig tickt.
Ich wäre gut für einen Ort, an dem psychische Erkrankungen, Nervenkrankheiten behandelt werden.
Sollte ich mich nicht am besten sofort freiwillig dort hinbegeben? Wie mir das Laser04 und kleinesHäschen, meine guten Chat-Freunde, das bereits dringendst empfohlen haben.
Auf meinen Geisteszustand sollte ich mich untersuchen lassen.
Würde sicher alles nicht zu schlimm werden. Nette Gespräche mit Psychiatern der verschiedensten Fakultäten. Über alles würde ausführlichst gesprochen. Bis in meine frühesten Kindertage würden wir im Erinnerungssee hinabtauchen, um dort Dinge aufzufinden, die Hinweise darauf geben. Daß ich ...
Keine größeren Schätze eigentlich. Eben so Sachen, die bei einem anders gewesen sein konnten. Schlimme Auswirkungen könnten sie trotzdem auf mein Heute haben. So was.
Elektroden, die mir immer wieder an die Stirn geklebt würden. Oder ich sollte mal so eine Haube mit Elektrodenenden aufsetzen. Die elektrischen Ströme meines Gehirns, immer neu zu vermessen. Die Interaktionen zwischen den Gehirnarealen. Auf der Suche nach Anomalien. Schließlich habe ich ein Problem.
Trotzdem, alles halb so wild. Das eine, das wären Unterhaltungen. Die jedoch einen Zweck hätten. Das andere, das würde mir ebenfalls nicht sonderlich weh tun. Nur, ein freier Mensch wäre ich deswegen lange nicht mehr.
Andererseits, mein Tagebuch: Wenn bei mir unter Schädeldecke so chemische Prozesse verkehrtherum laufen. Daß es zu einer Vermengung zwischen Realität und Einbildung kommt - woran könnte ich jetzt schon noch denken?
Dem bin ich jetzt vorhin im weltweiten Netz nachgegangen. Ergebnis: Die ganze Geschichte, die ich erfahren habe, könnte ein Hinweis auf einen Tumor sein. Gewebe, das in den letzten Wochen, paar Monaten so angewachsen ist, daß es angefangen hat, sich bei auszuwirken. Es drückt wo dagegen.
Ein Gehirntumor, größer geworden.
Macht es mir also wegen eines Tumors, der mir im Kopf gewachsen ist, Dinge vor, die normal so nicht sein können? Halluziniere ich, weil die Menge an unpassendem, gefährlichem Gewebe langsam das statthafte Maß überschritten hat, daß ich es nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte?
Kommt die Geschichte mit Manuela Dombrowski bei mir also von so was, von einem tumorartigen Körper?
Habe jedoch kein stärkeres Nasenbluten, irgend so etwas. Oder will ich die Symptome nur nicht erkennen?
*
Achtundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei für einen neuen Eintrag.
Samstagnachmittag. Uhrzeit: 16:37 Uhr.
Ziemlich heiß wird mir bei dem Gedanken, ich könnte ein Krebsgeschwür unter der Schädeldecke haben.
Das mit dem Tumor, Tagebuch. Größer geworden, sein Gewebe, daß er sich mit einen gewissen Druck im Kopf auswirkt.
Das könnte mir tatsächlich einiges erklären. Ein klein weniges davon, daß ich Dinge vor Augen sehe, die normal kein Mensch normal sieht.
Unter anderem zum Beispiel, Fotografien, die mir unvermittelt zum Leben erwachen, als wären sie die Anzeige eines kleinen technischen Geräts. Nur, daß das Fotos sind, und daß ich nichts darüberhinaus weiß, als daß das Fotos sind.
Weil es zum großen Thema gehört, mein Tagebuch, nehmen wir nur das in Geiersdorf wieder her. Das am Mittwoch, der Nachmittag, als ich in Geiersdorf war.
Im Laufe dieser Nachmittagsstunden war da das eine oder andere wieder mal nicht recht normal bei mir.
Was war, das will ich jetzt kurz in Dir hier texten. Die Abläufe der Geschehnisse festhalten. Sie sozusagen in Dir, der Tagebuch-Datei, fixieren.
Also, ich war am Straßenrand gegenüber vom Tabert-Gelände. Ein paar Minuten, daß ich dort schon auf und ab gegangen war. Rauf und runter. Ohne, daß mir irgendwas Großartiges ein- oder aufgefallen wäre.
Oberhalb sehe ich beim Hinkommen immer den massiveren Stallbau, bei dem das Ein-, Ausfahrtstor offenstand. Ein fahrbereiter grüner Traktor, dessen Schnauze mir entgegenschaute. Schließlich überblicke ich die Ein-, Ausfahrt oben, betrachte aufs neue das lange, doppelstöckige Großökonomenbauernhaus.
Kein einziges Fahrzeug stand auf dem Innenhof geparkt. Fahrzeuglose Leere herrschte drinnen auf der Teerfläche.
Die Pracht des großen Bauernhofes mit seinen zehn blumengeschmückten Balkonen, den zahllosen Fenstern.
Dann schritt ich das nächstemal hinunter, hatte nichts als die lange, körnig verputzte Betonwand des Art Siloklotzbaus mit Flachdach zu begucken.
Drunten: die andere Straßenein-, -ausfahrt. Linker Hand der ausschließlich aus Holzlatten zusammengezimmerte Viehstall.
Beste freie Sicht auf mich von drinnen vom Wohngebäude aus von einem der Fenster heraus für Augenpaare. Ausführlich angucken konnte man sich mich, wollte man sich um meine rucksackbewährte Wandergestalt kümmern. Und ich habe schließlich auch feste nach den Gebäudefassaden bei Tabert drinnen Ausschau gehalten. Neugierig ausgiebig jede Einzelheit in Augenschein genommen, die es an im Grunde langweiliger Äußerlichkeit zu überblicken gab.
Keine für mich wahrnehmbare Bewegung nirgendwo bei einem der weißen Vorhänge hinter den Fensterscheiben des Bauernhauses, solange ich auch dort hinstarrte.
Trotzdem war mir irgendwann, ich würde auf unbestimmte Weise angesehen. Und wenn dem so war, wenn ich schon dieses Gefühl hatte, begafft zu werden, dachte ich, könnte ich doch locker mal auf den Hof hineintrotten. Mich auf die Innenhoffläche begeben, mich ein wenig bei Hans-Georg Tabert umtun. Bis einem, einer das mit meiner Anwesenheit nicht paßte. Er, sie zu mir heraustrat, sich bei mir zu erkundigen, was mich denn Schönes dahertrieb. Was mein Begehr wäre.
Nur ... Nur ... Ich konnte nicht reinkommen. Immer war es Schnitt.
Ich kam nicht hinein. Es gab für mich ab einem gewissen Punkt kein Weiterkommen. Ich meine, ich gehe drauflos, will bei Tabert die untere Ein-, Ausfahrt auf den Innenhof latschen, dann weiterqueren, zum protzigen Viele-Leute-Wohngebäude.
Aber, mittendrinnen, entdecke ich mich stehengeblieben.
Da war für mich eine Grenze. Eine unsichtbare Grenze.
Mehrfach bin ich angelaufen, in der bewußten Absicht, über die Linie hinwegzukommen. Bloß: Immer, daß ich abrupt im Schritt anhielt. Als ob ich gegen was dagegenliefe. Aber ich war nirgends dagegengelaufen. Wenigstens körperlich zu spüren war so was für mich nicht unbedingt. Meinen schlenkernden Armen bot sich kein Widerstand..
Wie soll ich das beschreiben, was mit mir los war? Wie es in verständliche Worte fassen?
Dagestanden bin ich wieder, ich wollte mich nicht fassen. Mit der Hand bin ich mir durchs Haar gefahren.
Noch mal habe ich alles auf Anfang geschaltet: Ich bin zurückgeschritten. Jenseits der Geiersdorfer Bergstraße den Tabert-Bauten gegenüber habe ich mich breitbeinig aufgestellt, angenervt.
Ich sagte mir, ich werde das doch bringen können, zu Tabert auf den Innenhof hineinspazieren zu können. Das dürfte doch schließlich kein Problem für mich sein, dem beschissenen Tabert-Bauernhof einen Besuch abzustatten. Da gab es doch kein Problem, oder?
Einen neuen Versuch wollte ich starten, Tabert-Eigentum zu betreten. Neuerlich bin ich über die Straße gelatscht, auf der die ganze Zeit meiner Anwesenheit in der Umgebung von Hans-Georg Taberts Grund und Boden kein einziges Fahrzeug Geiersdorf hinauf- oder herunterfuhr.
Mich hineinzubegeben zu Tabert, das war für mich angesagt. Ein paar kurze, kleine, harmlose Fragen zu stellen.
Als Ortsfremder konnte ich sicherlich die eine oder andere Frage an den Mann, die Frau bringen, ohne daß mir das krumm ausgelegt wurde. Nicht wahr?
Bloß ... - Schnitt.
Es war - Schnitt. Wie ein Schnitt im laufenden Film.
Blinzelnd bin ich mir mitten in der unteren Ein-, Ausfahrt bewußt geworden. Im Stillstand. Und außerhalb stehend. Was mir auch genau wußte, daß ich mich weiterhin draußen befand.
So ein Gefühl war plötzlich in mir, ich hätte einen leichteren Bums auf die Nase gekriegt. Aber nicht schlimm. Etwas, kaum wahr, schnell zu vergessen.
Hätte schon echter Schmerz sein müssen, daß ich Nasenbluten gekriegt hätte, dann wäre das ernst zu nehmen gewesen.
Trotzdem: Ich verhielt an einer Grenze. Es war vor Ort einfach Grenze für mich.
Eine für mich unsichtbare Grenze, der ich mich gegenüber befand.
Die Arme habe ich lang vor mich ausgestreckt, als wolle ich eine Kniebeuge machen. Oder wie ein Schlafwandler.
Durch die Luft geschlenkert habe ich mein Armpaar. Die Luft bin ich durchschwommen.
Zurücktreten konnte ich. Vortreten auch.
Bis ...
Nicht weiter vor, nicht einen Millimeter darüberhinaus.
Das war eine unsichtbare Barriere, über die ich mich nicht hinwegschaffen konnte.
Habe mir mit dem Papiertaschentuch mein Gesicht hergewischt. Total verschwitzt. daß ich war, während mir das Herz geschlagen hat. Der Schweiß, der ist mir in Strömen heruntergelaufen.
Habe mir mit dem Papiertaschentuch mein Gesicht hergewischt. Das feuchte Taschentuch habe ich geknüllt geworfen. Das papierne Tüchlein konnte drüberfliegen, am grauen Teer jenseitig landen.
Hatte voll das Gefühl, ich würde echt spinnen. Ich war nicht in der Lage, hineinzumarschieren. Zu Tabert auf den Hof zu machen. Mir unmöglich.
Auf die Idee bin ich gekommen, mich einfach nach vorfallen zu lassen.
Konzentrierte mich geistig darauf, mit den beiden Handflächen am Teerbelag unten aufzuschlagen.
War mir echt scheißegal, ob ich mir bei der Bodenlandung die Händflächen blutig kratzte.
Hautaufschürfungen, Kratzer, all das wollte ich gerne ertragen. War für mich in Kauf zu nehmen.
Ein bißchen Jod drauf später ... In ein paar Tagen war alles wieder vollkommen in Ordnung.
Ich lasse mich also nach vor niederfallen, die Hände voraus ... - blink!
Blinzelnd entdecke ich mich, beim Dastehen.
Alles an mir war in Ordnung. Nicht das allerkleinste Stäubchen an den Flächen meiner beiden Patschehände.
Ich war nicht am Erdboden drunten gewesen. Mit Sicherheit nicht. Obwohl ich mich ganz genau erinnerte, wie ich mich fallengelassen habe, ist mir nicht bewußt, wie ich mich abgefangen und vorm Niederfallen bewahrt habe.
Es war verhext. Das zweitemal, daß es genau das gleiche war.
Den Rücken drehe ich allem zu. So bringe ich mich nach rückwärts in schnelleren Tritt. So, denke ich, müßte es für möglich sein, hinweg und drüber zu kommen.
Blink!
Mit dem Rucksack am Rücken entdecke ich mich auf der Teerfläche sitzend. Ich staune Richtung Straßenteer.
So besoffen war ich doch nicht, daß das die Möglichkeit sein konnte, was sich bei mir abspielte.
Hochgerappelt auf die Füße habe ich mich.
Alles, zu was ich imstande war, war, blöde dazustehen. Auf die Innenhoffläche und die Bauernhausfassade mit den vielen Fenster bei Taberts zu glotzen.
Da reinzugehen, das war nicht für mich.
Abzudrehen, das brachte ich leicht. Das konnte ich locker, das mit dem Weggehen. Quer über die Geierdorfer Bergstraße rüber auf die gegenüberliegende Straßenseite.
Von dort aus konnte ich allem bei Tabert am Gelände drinnen den Blick zuwenden. Die Innenhof- und Großbauernhofszenerie übergucken, auf der sich während meiner Gegenwart bisher nie was verändert hatte.
*
Achtundzwanzigster Juli, Tagebuch-Datei aufgeklickt.
Samstag am späteren Nachmittag. Uhrzeit: 17:49 Uhr.
Scheißdreck, was die Möglichkeit eines Gehirntumors angeht, Tagebuch ...
Vor drei Monaten war ich beim Arzt.
Mein Onkel Doktor in der großen Universitätsstadt oben, für eine Ganzkörperuntersuchung.
Krebsvorsorge, das ganze Programm.
Also, Urin habe ich für das Labor abgegeben. Blut wurde mir für so was auch abgezapft.
Herr Elbers, mein Hausarzt, hat mich abgetastet. Am Hodensack, am Hals, unter den Achseln. Hinten und vorne ein Blick auf meine Muttermale geworfen, auch genauer mit einem Vergrößerungsglas.
Die Zusammenfassung aller Ergebnisse drei Wochen später bei meinem nächsten Besuch in der Praxis: Es war nichts. Keine Art von Befund bei mir.
Gesund war ich.
Das hieß, von meinem Bandscheibenschaden abgesehen. Der war irreparabel. Das blieb Tatsache.
Treibe ich ein bißchen zu viel irgendwie Sport, hebe ich unbedarfterweise ein größeres Gewicht und das irgendwie falsch, zum Beispiel beim Sex, kann es mir geschehen, daß ich mich daraufhin im Rollstuhl wiederfinde.
Mit der allerbesten Chance, daß bei mir alle Rehabilitationsmaßnahmen fehlschlagen. Daß die Rollstuhlfahrerei bei mir zur Dauereinrichtung wird.
Wie das Leben so spielt. Beim Tier nennt sich das HD.
Daß heute die Möglichkeit eines Hirntumors bei mir wäre ...
Vor drei Monaten rund gab es dahingehend nichts. Nichts, was der Hausarztbefund dahingehend hergegeben hätte.
Andererseits: Drei Monate, die könnten reichen, daß sich bei mir unter der Schädeldecke etwas ausgebildet und vergrößert hat, was vorher so nicht war. Kein Ding der Unmöglichkeit.
Und das, was ich davon wahrnehmen kann - von dem, daß tatsächlich etwas bei mir falsch ist -, sind die Dinge, die sich mir vor Augen abspielen. Zum Beispiel der Wahnsinn dieser ganzen Manuela-Dombrowski-Sache.
Manuela Dombrowski, schließlich weiterhin eine Tote, eine jedoch, die mir leibhaftig vor die Füße gelaufen ist. So, als wäre sie körperlich, real.
Dann die weiteren Kleinigkeiten. Die, daß die Bilder auf Fotografien mir in Bewegung geraten. Wie bei einem Film, der am Monitor auf Pause stand. Mit einem Fingertippen auf die Fernbedienung, daß der angehaltene Spielfilm weiterläuft.
Nur, wo hätte ich unterwegs etwas zum Knöpfchendrücken in der Hand gehabt? Ich zumindest nicht.
Und dazu das Späßchen, das ich im andern Tagebucheintrag oben beschrieben habe. Die Wahrnehmung, daß da eine unsichtbare Grenze für mich war, daß ich, von der Geiersdorfer Bergstraße aus, nicht zu Hans-Georg Tabert auf den Innenhof der Gebäudeanlage hineingehen habe können.
Schuld an allem wäre demnach ein Tumor. Einer, der mir drinnen im Schädel hockt und zu einer gewissen Größe angewachsen ist. Daß er sich auf Hirnregionen auswirkt.
Gespürt habe ich nicht direkt viel von dieser Grenze, die es für mich am Tabert-Grund gab. Es war mir im Grunde genommen nur unmöglich, dort jenseits zu kommen und auf den doofen Innenhof zu gelangen.
Trotz vielerlei Versuchen blieb ich draußen. Fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen.
Apropos, gestoßen.
Stoß?
Stoß - habe darüber ein wenig nachgedacht.
Tatsächlich, meine ich jetzt, könnte in der Hinsicht doch etwas gewesen sein. Wenn ich das jedesmal auch nur mehr wie eine Irritation wahrnahm. Ein flüchtiges Momentchen, daß ich mal meinte, es hätte mir eben die Nase leicht geplättet gehabt.
Eine kleine Bedröhnung sogar.
Nichts Großartiges. Nichts der Rede wert. Eher ein klein wenig was für die Desorientierung. Nachdem ich mir wieder bewußt war.
Besser kann ich das nicht beschreiben, was dort in Geiersdorf war, als ich zu Hans-Georg Tabert auf das Grundstück wollte.
Komisch war das. Äußerst komisch.
Weil, war ich nicht ganz dicht? Wo war denn hier ein Problem, daß ich außerhalb gebannt sein hätte müssen? Für wen oder was?
Warum sollte ich nicht locker dort hineingehen können?
Warum sollte ich auch nur unbewußt an irgendwelchen Hemmungen leiden, ein Getue entwickeln, statt mich bei Hans-Georg Tabert auf die Innenhoffläche zu begeben, dort zur Haustür und an bei ihr den Klingelknopf zu drücken?
Hat nicht schon jemand sich in einer Tür geirrt, verkehrt irgendwo geläutet? Derartiges kann vorkommen, oder? Daß Leute bei einem klingeln, nach irgendwas fragen, sei es nach dem Weg, wo man mit dem Hund am besten Gassi gehen kann. Oder bei Geiersdorf in der Umgebung in die Pilze.
Eine kurze Entschuldigung wegen des Klingelns, ich hätte mich abgewendet.
Hinter mir habe ich geschürzte Lippen. Blicke bohren sich mir in den Rücken. Trotzdem wäre ich nach einigen Schritten wieder dort fort gewesen. Sicherlich, ohne gefressen worden zu sein. Und wer wüßte heute dort bei Tabert, daß ich an der Türe war? Wen würde das sonderlich bekümmern?
Um das Problem noch mal deutlich zum Ausdruck zu bringen, Tagebuch: Ich habe das einfach nicht geschafft, bei diesem Hans-Georg Tabert in Geiersdorf bei der oberen und unteren Ein- und Ausfahrt auf den Innenhof des Geländes über eine für mich unsichtbare Grenze hinweg zu kommen. Nicht für einen weiteren Zentimeter.
Unzählige Anläufe dafür, die ich unternommen habe.
Weil ich das nicht gebracht habe, war ich nicht bei Tabert drinnen.
Wer immer das bereits geschafft hat, unerwartet bei Hans-Georg Tabert an der Haustür zu läuten, ich gehöre nicht zu diesen Leuten.
Was dem Zeitungsausträgern, Postboten oder sonstiges Personal locker schaffte, auch schon mal ganzen Scharen von Polizisten - mir war das nicht gegeben.
Mir war das nicht vergönnt, eine für mich sichtbare Grenzlinie zu überschreiten.
Meine sämtlichen seltsamen Versuche, zu Tabert auf den Hof hineinzuspazieren, hörten auf, als es mir unvermittelt unheimlich wurde.
Die dunklen Fenster des Wohngebäudes mit den vielen Holzbalkonen, alles hatte plötzlcih eine Atmosphäre der Bedrohlichkeit für mich. Abgewendet habe ich mich verdattert, bin auf weichen Knien von dem Bauernhofkomplex, der Hans-Georg Tabert Eigentum war, fortgetaumelt. Daß ich für jeden, der mich gesehen hat, wie einer ausgesehen haben muß, total besoffen. In wahren Strömen, daß mir der Schweiß überall heruntergelaufen ist. Das Herz hat mir rasend geschlagen. Namenlose Furcht, die mir jetzt im Nacken saß, daß ich nur weg von dort wollte.
Kann die Umstände, die mir bei der Tabert-Örtlichkeit mitspielten, in keinster Weise fassen.
So etwas hatte ich noch nicht erlebt.
Als wäre ich das Opfer einer Hexerei. Wäre ich mit einem Bann belegt gewesen, der es mir unmöglich machte, mich zu Tabert hineinzubegeben.
Oder - was war das? Was war das dort?
Was war da los mit mir am Platz, und das mit dem Unheimlichen war für mich damit nicht etwa vorbei. Es sind weiter so Dinge bei mir vorgekommen. Erzählen sollte ich so was besser wirklich nicht öffentlich.
Eine Flasche Wein hatte ich im Nobelrestaurant getrunken, zwei Halbliterbüchsen Bier oberhalb von Geiersdorf aufgerissen. Die eine ex und hopp hinuntergeschüttet, die andere relativ schnell ausgesoffen. Trotzdem ...
Daß ich so besoffen gewesen wäre?
Fühlte mich nicht besoffen. Eher zu mir gebracht, wach, voller Schrecken.
*
Achtundzwanzigster Juli, Tagebuch-Datei war offen. Mein nächster Eintrag.
Samstag am früheren Abend. Uhrzeit: 19:12 Uhr.
Bis vor einer Minute war Mutti bei mir am Zimmer.
Mutti, immerhin besser als Vater. Trotzdem habe ich angefangen, Mutti gegenüber die Stirn zu runzeln, kaum daß Mutti kurz bei mir drinnen war. Mit was für Text Mutti mir wieder ankam!
Zunächst hat Mutti mir aufs neue versichert, daß ich mir wegen nichts Sorgen machen müßte.
Ich dürfte solange im Haus meiner Eltern wohnen bleiben, wie ich das wünschte. Schließlich hätte ich Semesterferien, und das, daß ich nicht bei Mauth arbeiten würde, das hätte nicht ich verbockt. Da müßte man sich schon eher Verantwortliche aus der Führungsetage von Mauth vorknöpfen, Leute, die schlechte Arbeit geleistet hätten. Und wenn ich, nachdem das mit dem Arbeiten bei Mauth für mich flach fiele, ich nicht sofort eine andere Ferienarbeit fände, weil die Nachrichten von Mauth bei mir so überraschend eingetroffen sind, daß ich mich bisher nicht anders orientieren hätte können, müßte mit dieser Tatsache auch gelebt werden können.
Vati, der wäre die letzten Tage eben gereizt; ich wüßte ja, warum. Müßte mir deswegen aber nicht lange viel denken. Wenn ich Vati einfach aus dem Weg ginge, dürfte es für mich keine größeren Probleme mit Vati geben. Auch wenn Vati - wie mir Mutti weiter daherredete - gedroht hätte, mich bei der nächsten Gelegenheit richtig anzupacken. Daß ich bald merken würde, was los wäre.
Nur, da würde sie, Mutti, schon aufpassen, daß sie rechtzeitig etwas mitbekäme und dazwischengehen könnte. So was, daß sich Familienmitglieder mit der Faust oder mit anderem aufeinander losgingen, das bräuchte man nirgends. Und das würde sie, Mutti, Vati auch noch mal deutlich auseinandersetzen, wenn Vati jetzt dann nach Hause zurückgekommen war. Jede Sekunde jetzt, die Vati eigentlich von Tanja zurück heimkommen müßte.
Am Kopf habe ich mich angesichts von Muttis Gesabbel, das ich ähnlich die Tage schon öfters gehört hatte, gekratzt. Wo waren wir denn hier hingekommen? Mutti, sie wollte mich vor Vati beschützen? Mutti, mich will die schützen, vor Vati? Also, wo waren wir hier denn? Bin ich nicht heute über dreißig, bin ich noch sechzehn? Oder was?
Spreche ich deutlich zu Mutti, daß Vati mal hübsch selber auf sich aufpassen sollte. Am Schluß schmeckt ihm das nicht, was ihm passiert ist, nachdem er mich tätlich angegriffen hat. Müßte ich mich zur Wehr setzenm würde Vati echt sehen. Würde immer noch ein paar hübsche Griffe zur Selbstverteidigung kennen. Hatte schließlich genügend Zweikampftraining in meinem Leben gehabt, als ich noch Soldat war. Während der Zeit, daß ich mich auf ganz andere Sachen vorbereitet hatte, als auf die Möglichkeit, daß einer wie Vati mir blöde ankommen könnte. Auf Auslandseinsatz wollte ich gehen. Wäre mir das mit der schweren Materialkiste nicht geschehen, die mir beim Verladen ins Transportflugzeug ins Kreuz gekracht war, wäre ich ein paar Wochen drauf selber der Kiste in das Einsatzgebiet hinterhergeflogen.
Das wiederhole ich Mutti, daß ohne weiters Vati der sein könnte, der dann am Schluß bei mir im Schwitzkasten landet. Daß er nicht weiß, wie ihm geschieht. Desgleichen konnte ich gewiß gut noch anbringen, bei einem wie Vati, wenn der den Wunsch hätte. Auch wenn ich als Folge davon einen Termin beim Physiotherapeuten, Heilpraktiker vereinbaren müßte. Bei jemandem, der sich ausgiebiger um meinen Rücken
*