"Das digitale Tagebuch" (27.07. - 07.08.), No. 4
Sechster August, meine Tagebuch-Datei, kaum draufgeladen sofort aufgeklickt.
Montag am Nachmittag. Uhrzeit: 14:04 Uhr.
Vieles ist jetzt anders, Tagebuch. Seitdem ich hier in Dir den letzten Eintrag verfaßt habe, schaut meine Welt ein klein bißchen verändert aus.
Sitze erst mal nicht mehr im Haus meiner Eltern vor dem Rechner, sondern auf meiner Wohnheimbude vor meinem Laptop.
Seit Sonntag letzter Woche halb neun Uhr in der Frühe bin ich hier zurück.
Hatte bisher nur nicht die allergeringste Lust, Dich, mein verehrtes Tagebuch, von dem Stick, auf den ich Dich draufgespeichert hatte, nach hierher draufzutun.
Jetzt habe ich das aber vor einer halben Stunde kurz gemacht, habe Dich als Zubehör auf meinem Läppie oben. Damit Du wieder für was nütze bist. Wenn das nichts ist.
Es mußte einfach sein, daß Du mir auf das Läppie kommst. Vor allem von wegen dem Vergessen. Der Veränderungen der Dinge in meinem Kopf, je mehr Zeit verstreicht.
Diese kleinen, unmerklichen Abänderungen, gleichlaufend mit der ganz normalen Demenz. Plötzlich fehlen dir so locker Kleinigkeiten, die du vor kurzem noch klar parat hattest ...
Besser, ich halte ein paar Tatsachen für eine spätere Aufarbeitung fest. Fixiere sie sozusagen. Ist ja auch die Grundidee, das als Datei angelegte Tagebuch fortzuführen.
Schon alleine das mit Speicherstick, mein hochgeschätzter Freund von einem Tagebuch, das ist eine spaßige Geschichte, dafür gut, in Dir ausführlich wiedergegeben zu werden.
Es war also letzten Samstag am früheren Abend. Die Situation ist, daß ich auf meinem Zimmer vorm Monitor hockte. Zeilen habe ich in der Tagebuch-Datei getippt.
Das muß man sich mal vorstellen, was da mittendrinnen passiert ist: Mein Herr Vater, er stellt mir den Strom ab. Den Strom hat er mir abgestellt, mir nicht, dir nichts.
Klack hat es gemacht - der Monitor war schwarz. Zum Glück hatte ich eben Text abgespeichert. Weiß im Grunde nicht, warum.
Um mich herum war die Welt einigermaßen dunkel. Schließlich hatte ich den Rolladen meines Zimmers unten, was mit den unheimlichen Manuela-Dombrowski-Erscheinungen bei mir zu tun hatte.
Das Monitorblinken war länger vorbei. Auf meinem Drehstuhl bin ich herumgesessen, habe mich am Kopf gekratzt, mir das Kinn hergerieben.
Ich überlegte, daß ich Stromausfall hatte. Einen, der das ganze Haus lahm legte?
Wasser aus der Mineralwasserflasche habe ich getrunken. Den Verschluß wieder draufgeschraubt, die Plastikflasche auf den Boden links vom Rechnertisch zurück hinuntergestellt.
Eben hatte ich die Stuhlsitzfläche herumgeschwungen, wurde bei mir die Türklinke gedrückt, die Zimmertüre aufgestoßen.
Draußen am Gang brannte auch kein Licht.
Mit der Taschenlampe hat Mutti zu mir hin hereingeleuchtet und gemeint, daß ich ruhig bleiben sollte, Vati hätte auf meinem Zimmer und am Flur nur den Strom ausgeschaltet. Sonst wäre nichts. Sollte mich nicht lange aufregen.
Als ob in mir größere Aufregung gewesen wäre; die Ruhe in Person war ich. Kühl nahmen meine Gedanken Mutti und ihre Neuigkeiten zur Kenntnis.
Vor zehn Minuten wäre er von Tanja heimgekommen, mein Vati, erzählte mir Mutti mit gedämpfter Stimme. Vati wäre voller Zorn, wegen mir. Sie, Mutti, wüßte nicht, was es bei Tanja gegeben hätte, daß Vati so einen Haß gegen mich hatte.
Labere ich zu Mutti, daß ich keinen Grund kennen würde, warum Vati mich hassen müßte. Ich hätte nicht die kleinste Ahnung, was bei Tanja dort los war. Was ich denen Schlimmeres angetan hätte, daß Vati jetzt heimgekommen ist, so total die Abneigung gegen mich. Richtiggehend feindselig, der Mann. Wenn Vati nicht bald scharf aufpasse, käme ich dann mal zu ihm hinunter. Mal zu sehen, was sich daraus entwickelt. Außerdem, sollte Vati sich einen Angriff auf mich trauen, könnte einiges sich abspielen. Nicht nur bei und mit mir. Sondern vor allem auch mit ihm, Vati. Mal sehen, wie dem Kerl, Vati, meine Reaktionen schmecken.
Das war es, das Momentum, daß Mutti sich aufschluchzend mit ihrem Taschenlampenlicht von mir abgewandt hat, um bei mir die Zimmertüre zuzuwerfen.
Alleine bin ich in der Düsternis gehockt.
Mehrere Minuten lang habe ich auf irgendwelche weitere Geschehnisse und Entwicklungen gewartet. Daß etwa Vati bei mir einträfe.
Aufgewärmt für ungesunde, körperliche Auseinandersetzungen war ich nicht gerade. Hätte ich nicht Rücken gehabt, hätte ich mich vielleicht auf das zornerfüllte Hereinkommen meines Vaters sogar freuen können. Wäre nicht schlecht gewesen, den Mann im Schwitzkasten zu sehen.
Weil sich jedoch so überhaupt nichts weiter bei mir abspielte, habe ich mich schließlich auf die Füße gestellt.
Bei mir im Zimmer habe ich den Rolladen hochgezogen, durch das Insektenschutzgitter in den Garten hinunter herumgeblickt. Ohne irgend jemanden zu Gesicht zu kriegen. Wenigstens vorgetreten ist drunten nichts und niemand.
Daß ich wieder Elektrizität kriegen hätte können, das war nicht. Obwohl ich das eigentlich erwartete, daß Mutti Vater dahingehend beeinflussen könnte, daß das an dem Abend wieder würde.
Auf leicht wackligen Beinen - es war alles schon alles einigermaßen unüblicher Streß für mich, der viele ungesunde Möglichkeiten anbot, auch die schlimmsten - bin ich, nachdem ich meinen Schlüsselbund in den Fingern hatte, aus meiner Zimmerflucht raus auf den finsteren Flurgang.
Das Fernsehgerät im Wohnzimmer, das knallte vor Lautstärke. Auch wenn ich nicht drinnen hockte, tat mir das in den Ohren weh, während ich die Stiege hinunter bin.
Kein Mensch, der mir entgegentrat. Für mich öffnete ich die Haustüre, bin aus dem Wohngebäude hinausgetreten.
Dafür habe ich gesorgt, daß die Türe hinter mir nicht einrastete, sondern einen kleinen Spaltweit offenblieb.
Tief habe ich unter freiem Himmel mehrmals durchgeatmet, herumblickend. Hatte schon die Sorge, Manuela Dombrowski könnte mir von hinter einem Gebüsch, einem Baumstamm vortreten. Obwohl überhaupt kein Manuela-Dombrowski-Gefühl hatte. Nichts einer Gegenwart Manuela Dombrowskis empfand.
Dann habe ich den Weg zur Garage meines Vaters genommen.
Eigene Schlüssel zu besitzen waren von Vorteil. Deswegen konnte ich mir die Garageninnenwelt einfach aufsperren.
Habe die Kabelrolle sofort seitlich links bei Vatis gelbem Auto gesehen, das Teil hochgehoben und mitgenommen.
Kein Mensch, der mir bei meiner Rückkehr ins elterliche Haus entgegentreten hätte wollen. Weiterhin jedoch, daß der Fernseher voll laut war. Die Musik dröhnte, Stimmen gellten, schrien. Im besten Fall, daß sich leibhaftig im Wohnzimmer anwesende Personen mit Gesten miteinander unterhalten konnten. Sicherlich auch der Zweck des Ganzen: Vater fand das Geschwätz Muttis in seine Richtung ätzend. Wünschte im Moment nicht, daß ihm irgendwelche Fortsetzungen davon an die Gehörgänge drangen.
Oben war der Flurgang zwar dunkel, aber das Zimmer neben meinem alten Kinderzimmer hatte Stromfluß. Dort habe ich bei mir für frische Elektrizität gesorgt, indem ich die Leitung der Kabelrolle einsteckte.
Bei mir drinnen ist der Rechner zu neuem Leben erwacht. War neu zu starten.
Als alles wie eh und je funktionierte, habe ich als erstes die Tagebuch-Datei auf den einen Stick geladen.
Zeug habe ich zusammengepackt habe, in zwei Sporttaschen verteilt. Währenddessen immer wieder Musikdateien auf einen zweiten Speicherstick draufgetan.
Dann war ich - halb neun Uhr war es - zur Abreise fertig. Was ich machen wollte, das habe ich gemacht, aus die Maus. Dafür habe ich gesorgt, daß mein PC ordnungsgemäß heruntergefahren ist. Der Kippschalter am Mehrfachstecker wurde von mir umgelegt, damit war das mit der Internetverbindung per Modem auch aus.
Mit meiner mobilen Telefonie habe ich mir ein Taxi gerufen. Die Frau am anderen Ende der Leitung sagte, daß mein Fahrer in fünf Minuten bei mir vorm Haus stünde.
Das paßte. Mit Sack und Pack habe ich mein Zimmer verlassen. Im Nebenzimmer habe ich noch schnell den Kabelrollenstecker gezogen. Daraufhin bin ich dem Gang hinuntergeschritten, habe die Stufen der Stiege hinab bewältigt.
Im Nu war ich bei der Haustür draußen. Ohne daß mir irgendwer den Weg vertreten hätte wollen. Niemand war mir gewärtig, der etwas von mir gewollt hätte. Im Freien am Gartentor beim Warten auf das Taxi erschien mir nicht einmal Manuela Dombrowski. Die zeigte sich mir einfach nicht. Nicht für eine Sekunde.
Keine Mutti, die zu mir herausgekommen wäre, kein Vater. Obwohl drinnen im elterlichen Wohngebäude wieder Stille geherrscht hatte. Daß ich mir gedacht habe, jetzt haben sie den Fernseher ganz ausgeschaltet. Heute würde nicht mehr viel gemeinsam vor der Glotze geschaut.
Der Taxifahrer hat mich eine Zigarette rauchend vorgefunden, als er mit seinem Fahrzeug eingetroffen ist. Ein sehr leiser Wagen. Ein Motor ohne rechten Klang.
Als ich meine zwei Sporttaschen hinten auf den Rücksitzen plazierte, habe ich dem guten Mann vom Taxiunternehmen mitgeteilt, wo die Reise für mich hingehen sollte. Erst mal nach der Stadt. Die Hegelstraße.
Dorthin wurde ich gefahren. Hatte schließlich ein bißchen Zeit totzuschlagen. Erst kurz nach halb zwölf Uhr ging der Zug, den ich nehmen wollte.
*
Siebter August, meine Tagebuch-Datei aufgeklickt.
Dienstag am frühen Nachmittag. Uhrzeit: 14:04 Uhr.
In die Hegelstraße habe ich mich mit dem Taxi fahren lassen. Geradewegs in die Hegelstraße.
Ausgestiegen bin ich aus dem Fahrzeug, habe dem Taxifahrer sein Geld bezahlt. Dann habe ich dem Wagen des Taxiunternehmens hinterhergeschaut, bis es außer Sicht gefahren war.
Mit meinen beiden Sporttaschen links und rechts zu meinen Füßen, habe ich drinnen im Gebäude in der Hegelstraße bei den Eltern Manuela Dombrowskis an der Wohnungstüre geläutet. Auf meiner Digitaluhr war es dreiviertel neun.
Muß zugeben, ein wenig heiß war es mir schon. Sogar ziemlich heiß.
Keine Ahnung, was ich sagen hätte wollen, wenn der alte Herr Dombrowski derjenige gewesen wäre, der mir die Türe zur Wohnung aufgemacht hätte. Um mir in die Visage zu stieren.
War aber nicht. Die, die mir öffnete, war weiblich. Eine ältliche, schwammig aufgedunsene, überschminkte Person mit grell blondiertem Haar, gekleidet in einen blutroten Bademantel, hat mir die Holztüre geöffnet.
Erst dachte ich unvermittelt, das wäre eine andere. Frage: Hatte der alte Dombrowski eine neue Ehefrau? Brauchte wirklich den zweiten Blick, die Frau wiederzuerkennen.
Das war aber Mutti Dombrowski, heutzutage ziemlich abgehalftert. Eine, der nicht mehr viel von ihren weiblichen Reizen geblieben war. Als Manuela Dombrowski und ich damals, vor über einem Jahrzehnt, ein knappes Jahr ein junges Liebespaar waren, war Mutti Dombrowski eine, gewissermaßen ein heißer Feger, sehr hübsch, jugendlich. Eine Spitzenfigur, Mutti Dombrowski. Erinnere mich an Mutti Dombrowski im Minirock, mit Beinen, von denen Faszination ausging. Hinschauen wollte man, nicht wieder so schnell dort weg. Das eine oder andere Mal hat Manuela mich hergeboxt, wie sie bemerkt hatte, daß ich intensiv auf Mutti Dombrowskis Beinrundungen hinlinste.
Ich, mich vorsichtig mit der Frage vortastend: 'Frau Dombrowski ...?'
Sie antwortete mir: 'Ja, junger Mann? Was wünschen Sie von mir?'
Ich: 'Das kann ich hier nicht sagen, so zwischen Tür und Angel. Weiß nicht, würden Sie mir gestatten, mal kurz zu Ihnen hineinzukommen?'
Sie hatte einen Glanz in ihrem Blick, wie eine, die bei sich daran arbeitete, sich in größere Erregung zu kriegen. Sie: 'Weiß nicht. Sie wollen einfach zu mir reinkommen ...? Was sind Sie denn für ein schlimmer Finger? Ich bin eine schwache Frau, kenn Sie doch nicht.'
Ich: 'Doch, doch! Wir sind miteinander bekannt, Frau Dombrowksi. Ist aber ein bißchen länger her. Erinnern Sie sich nicht an mich? Eigentlich müßten Sie mich kennen.'
Mutti Dombrowski glotzte mich ausgiebig an, und mir war, sie hätte ein bißchen mehr Farbe auf die Wange gekriegt.
Ich: 'Wir kennen uns, Frau Dombrowski.'
Mutti Dombrowski: 'Doch, jetzt fällt mir was ein. Klar kenn ich Sie. Warten Sie - warten Sie! Ich weiß sogar einen Namen ... Bernd! Sie sind Bernd, nicht wahr? Sie sind das, Bernd! Stimmt doch, oder?'
Ich: 'Ja!'
Mutti Dombrowski: 'Ach, Kinder, ist das lange her. Zehn Jahre müssen es sein, nicht? Sie waren mit Manuela zusammen. Ein ganzes Jahr, nicht wahr?'
Ich: 'Stimmt!'
Mutti Dombrowski: 'Kommen Sie doch herein, Bernd. Macht mir nichts, auch nicht um die Zeit. So lange her, das mit Ihnen und mit Manuela ... So, so lange.'
Ich: 'Danke, daß Sie mir hereinlassen.'
Meine beiden Taschen nehme ich hoch, trage sie über die Türschwelle, setze sie am Flurgang drinnen ab.
Mutti Dombrowski: 'Ach Göttchen, ist das lange her. Ist das alles heute wieder lange her. Wie die Zeit vergeht.'
Voll war ich für jede Art Gesäusel, wenn es mich nur meines Weges brachte. Ich: 'Hab Manuela geliebt, damals. Wirklich Manuela geliebt. Wollte mich damals nicht von Manuela trennen. Wäre gerne mit Manuela zusammengeblieben. Tut mir auch heute noch sehr weh, wie das damals zwischen mir und Manuela gelaufen ist, das müssen Sie mir glauben, Frau Dombrowski. Daß Manuela und ich uns trennen, das hätte nicht zu passieren brauchen. Nicht wegen mir. Deshalb hat mich das ziemlich zerstört, daß, als ich, jetzt vor kurzem erst, erfahren hab müssen, daß Manuela ... Daß Manuela ..., Frau Dombrowski. Hab es erst nicht glauben mögen. Mein Beileid, Frau Dombrowski ...'
Laut schluchzte Mutti Dombrowski auf. Mit dem Finger deutete Mutti Dombrowski. Mutti Dombrowski: 'Bitte, Herr Bernd! Wir müssen beide doch nicht lange hier am Gang rumstehen, ja? Kommen Sie hinter mir her ins Wohnzimmer, ja ...?'
Ich: 'Sehr freundlich von Ihnen, Frau Dombrowski, daß ich zu Ihnen ins Wohnzimmer ...'
Im Wohnzimmer, daß Mutti Dombrowski und ich eingetroffen sind.
Auf ein schäbiges, fadenscheiniges Sofa zeigte Mutti Dombrowski mir mit dem Finger. Frau Dombrowski: 'Bitte, Herr Bernd - wir müssen uns nicht im Stehen unterhalten. Setzen Sie sich doch. Im Sitzen spricht es sich viel besser.'
Ich: 'Seh ich auch so. Danke, Frau Dombrowski ...'
Zu dem mir bezeigten Rißstellen-Sofa begebe ich mich, plaziere mich mit meinem Hinterteil darauf.
Mir gegenüber setzte sich Mutti Dombrowski mit starrem heißem Blick und ihren übergroßen Brüsten nieder, die unter dem Bademantel zu betatschen ich direkt mal Lust gehabt hätte, auf einen alten, schwarzen Ledersessel, bei dem weißer Schaumgummi an den runden Ecken der Sitzfläche lugte.
Ich: 'Habe die Tage damals öfters geweint, nachdem Manuela sich von mir trennen hat müssen ...'
Mutti Dombrowski: 'Kann mich ziemlich gut erinnern, daß Manuela auch öfters Tränen in den Augen hatte, damals. Jede Sekunde brechen bei Manuela wieder Tränen aus, habe ich gemeint ... So üblich war das nicht, daß Manuela Kerlen viel hinterhergeweint hat. Wegen Mannsvolk hatte Manuela nie viele Sorgen. Zu zweit, zu dritt wollten sie zu Manuela kommen ...'
Ich: 'Noch mal mein herzlichstes Beileid, Frau Dombrowski. Weil Manuela ...'
Mutti Dombrowski: 'Das ist heute auch schon wieder ein paar Monate her, daß Manuela ... Auch schon wieder längere Zeit ... Auch das etwas, das nicht hätte sein müssen, daß Manuela das ...
Ich: 'Tja, ein schlimmes Unglück.'
Auf viel nackte Haut bei Mutti Dombrowskis feisten Oberschenkeln gucke ich, weil Mutti Dombrowski dort der blutrote Bademantel auseinanderklaffte. Ohne, daß Mutti Dombrowski da dagegen etwas unternehmen wollte, daß ich sogar weiter oben Dunkleres erahnte, wenn ich dort hinschielen mußte. Dorthin, bei Mutti Dombrowski. Mutti Dombrowski, die alte Nutte, immer auf zwei, drei Scheinchen aus. Größere, kleinere. Je nachdem, was einer zahlte.
Ich: 'Letztens bin ich bei Manuela an Manuelas Grab gestanden. Kann es auch jetzt nicht glauben. Daß das wahr sein hat können, was man mir sagte, daß Manuela wirklich tot ist. Ich meine, ich habe nicht viel mitbekommen, als es passierte. Ich studiere nicht hier in der Gegend, komme nur in meinen Semesterferien hier runter ...'
Mutti Dombrowski: 'O, Manuela konnte so dumm sein, Herr Bernd. Dumm, naiv. So dumm. Naiv. Das konnte Manuela wirklich nicht im Ernst gedacht haben, daß ihr da nichts passieren könnte, wenn sie zu schnell fährt. Irre schnell dran ist.'
Ich: 'Ja, hatte auch schon Unfälle mit dem Wagen ...'
Mutti Dombrowskis Schluchzer. Richtig zu weinen, daß Mutti Dombrowski mir anfängt. Manches der billigen, dick aufgetragenen Schminke, das Mutti Dombrowski schnell zerlaufen ist.
Ich: 'Hier, Frau Dombrowski!'
Mutti Dombrowski: 'Danke, Herr Bernd!' Das Papiertaschentuch, daß ich aus der Plastikpackung, die ich mir aus der Hemdtasche herausgeholt hatte, herausfingerte, nahm mir Mutti Dombrowski, sich vorbeugend, ab, daß ich etwas Einblick auf die Haut von Mutti Dombrowskis Brüsten gewann. Vielleicht sogar, daß ich mich von meinem Sitzplatz erheben hätte sollen, Mutti Dombrowski tröstend in die Arme zu nehmen, Mutti Dombrowski überall zu anzufassen und zu drücken, wo man Mutti Dombrowski nur drücken konnte.
Mutti Dombrowski: 'Sie sind ein ganz ein Netter, Herr Bernd. So ein Netter. Waren Sie eigentlich auch damals schon. Finde, es war damals ein Fehler Manuelas, Sie zu verlassen.'
Ich: 'Leider ist etwas schiefgelaufen, bei Manuela und mir. Habe Manuela nicht mehr viel wiedergesehen, seit damals. Alles so zehn Jahre her, das mit Manuela. Erst vor ein paar Tagen, daß ich von dem mit Manuela reden habe hören. Bei Joeys. Eine fürchterliche Sache, was Manuela passiert ist. Wünscht sich keiner. Wollte es nicht glauben, als mir alles erzählt wurde. Was für ein Unglück, Frau Dombrowsk, für Sie und ihre ganze Familie. Wäre schon viel früher bei Ihnen vorbeigekommen, hätte ich etwas davon gewußt. Nur leider, ich hatte von nichts eine Ahnung ...'
Mutti Dombrowski: 'Vielen Dank für Ihre Anteilnahme, Herr Bernd. Daß Sie extra hier vorbekommen, mir Ihr Beileid auszudrücken. Nach all den Jahren, daß Manuela und Sie sich getrennt hatten. Obwohl Sie und Manuela im Unfrieden auseinander gegangen sind. Nachdem Sie das erst kürzlich erfahren haben. Das sagt mir viel, wie Sie Manuela damals geliebt haben, Herr Bernd.'
Ich: 'O ja, Frau Dombrowski. Hat mich fast wie der Schlag getroffen, daß Manuela tot sein sollte. Konnte es erst nicht glauben. Dann bin ich am Gnaden-Friedhof vor Manuelas Grab gestanden. Kann das sogar jetzt nicht recht glauben, daß Manuela dort drunter liegen soll. Viele Dinge mit Manuela sind mir heute erst ganz frisch vor Augen ... Zu Bewußtsein ist Manuela mir gekommen, voll in den Kopf gedrungen ...'
Neue tieftraurige Schluchzer Mutti Dombrowskis. Ins papierne Taschentuch schneuzte Mutti Dombrowski sich, Mutti Dombrowski, die im Gesicht schminktechnisch mittlerweile total derangiert ausschaute.
Ich: 'Die letzten Wochen, Monate waren sicher eine schwere Zeit für Sie, Frau Dombrowski. Manuela, einfach verunglückt. Ich kann es auch nicht glauben. Daß Manuela ... Irgendwie ist mir heute, jetzt und hier, irgendwas Besondres muß das zwischen Manuela und mir gewesen sein. Schwer für mich, es in Worten auszudrücken. Als hätte zwischen mir und Manuela seit damals immer ein Band bestanden. Etwas, was nicht zerrissen ist, seitdem. Seit unserer Trennung vor zehn Jahren. So was. Mir ist richtig so, als könnte Manuela nicht tot sein. Jeden Moment könnte Manuela irgendwo hereinkommen, vor mich hintreten und mich anlächeln. Schon komisch, Frau Dombrowski, nicht? Als könnte Manuela nicht tot sein. Müßte Manuela noch leben. Schlimm, schlimm.'
Tieftraurige Schluchzer Mutti Dombrowskis. Während ich auch traurig blinzele, nach Mutti Dombrowski fassen möchte, Mutti Dombrowski streicheln, trösten. Trotz des Trostes, den gewiß auch ich nötig gehabt hätte. Schließlich war das mit Manuela eine gemeine Kiste für mich. Geschehnisse waren bei mir in der jüngsten Vergangenheit, an denen Manuela Dombrowski nicht in einem geringen Maße Anteil hatte, obwohl Manuela Dombrowski zu der Zeit schon Monate tot war.
Ich: 'Ich denke, das war das mindeste, was ich tun habe können, Frau Dombrowski, zu Ihnen in die Hegelstraße zu kommen, meine Anteilnahme Ihnen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Ein paar tröstende Worte zu Ihnen zu sprechen. Erinnere mich als wäre es heute, daß ich mich damals mit Manuela verloben wollte. Mir einen Verlobungsring für Manuela kaufen ...'
Glatt gelogen, das, was ich Mutti Dombrowski daherplapperte. Höchstens gescherzt haben Manuela und ich darüber, daß wir bald ein richtiges Ehepaar wären. Jeden Tag mindestens einmal Sex. Ob Ehepaare so viel Sex hatten? Das jedoch, tatsächlich aufbrechen zu wollen, die Geschichte zwischen uns amtlich zu machen, das hat eigentlich weder Manuela gemacht noch ich. Wir beließen es irgendwie bei unserer Geschichte, die ja auch nach einem Jahr zu Ende ging.
Mutti Dombrowski flennte jetzt einigermaßen in sich gekehrt vor sich hin, sich mit meinem papiernen Tuch die Wangen herwischend.
Ich: 'Zu einhundert Prozent wäre ich auf die Beerdigung Manuelas gekommen, hätte ich früher was davon gewußt. Hätte ich gewußt, daß Manuela verunglückt war. War aber nicht. Erst bald drei Wochen habe ich von dem Unglück Manuelas erfahren, Frau Dombrowski. Bei Joeys. Durch Beppi. Sie kennen Beppi doch sicher noch. Und einem gewissen Fransen.'
Frau Dombrowski guckte sich mich auf einmal undurchdringlich, kühl an, als hätten ihr meine Namensnennungen gerade überhaupt nicht gefallen.
Ich: 'Ja, bei Joeys habe ich davon gehört. Von Beppi. Dieser Fransen, Beppi hat dafür gesorgt, daß er bei mir am Tisch gessen ist. Wie ein echter Penner hat der ausgesehen. Dieser Fransen, der hat auch was dazu gesagt. Hat gesagt, daß er von oberhalb dabei zugeschaut hat, wie sie die tote Manuela abtransportiert haben. Getan und geredet hat der auch, als würde er Manuela besser kennen.'
Irgendwas ratterte hinter den Augen Mutti Dombrowskis, nur laut wurde das nicht für mich in Worte verpackt. Eher kriegte ich so das Gefühl, ich könnte auch Fehler machen, bei Mutti Dombrowski. Das Mutti Dombrowski mir eventuell sogar die Türe weisen könnte.
Ich: 'Drei Wochen her, das im Joeys. Seitdem muß ich jeden Tag oft an Manuela denken. Fertig macht mich das mit Manuela. Richtig fertig. Weil, Manuela und ich, wir waren schließlich wirklich zusammen. Wenn auch vor zehn Jahren. So daß ich total überrascht bin, wie ich davon, von Manuelas Tod zu erfahren, so fertiggemacht werden kann. So, so fertig. Fertig macht mich das, Frau Dombrowski. Voll fertig. Bis heute. Bis jetzt. Daß ich bei Ihnen hier vorbeikommen muß. Mit Ihnen sprechen. Wegen Manuela. Manuela, die tot am Gnaden-Friedhof liegt, nicht? Nicht wahr?'
Mutti Dombrowski nickte. Mutti Dombrowski: 'Leider, leider. Mein kleines Mädchen ist tot. Hat in den Tod fahren müssen.'
Ich: 'Vor Manuelas Grab bin ich gestanden. Auf Manuelas Grab gab es Veilchen, Astern. Ein schönes Bild von Manuela war am Metallkreuz angebracht. Dieses Bild, ich ...'
Mutti Dombrowski: 'Hätte damals gerne gehabt, wenn Sie, Herr Bernd, und Manuela doch noch länger zusammengeblieben wären. Mit Ihnen war das bei Manuela irgendwie was andres als mit den anderen, die es da sonst noch gab. Ich hätte da wirklich nichts dagegen gehabt, auch wenn Vati das gefreut hat, als das mit Ihnen und Manuela dann vorbei war. Viel, viel hat Vati geschimpft, wegen Ihnen, Herr Bernd. Weil Sie dafür gesorgt haben, daß Manuela so selten bei Ihrer Familie war. So selten war sie mit ihrer Familie dabei. Daß alles wie vorher gewesen wäre, das hätte Vati lieber gesehen. Später war das ja wieder besser ...'
Ich schaue Mutti Dombrowski in das aufgedunsene Gesicht, Mutti Dombrowski, fast halslos in der Gegenwart. Mit einem Dreifachkinn. Bloß, die Brustumfänge, nach denen hätte ich trotzdem gerne gefaßt. Schienen trotz der Größe fest zu sein. Ich, der ich doch um die Möglichkeiten Mutti Dombrowskis wußte. Hätte auch für kürzeste Momente gereicht.
Mutti Dombrowski: 'Hatte viel Pech mit den Kerlen, in die sie wirklich verliebt war, Manuela. Sie, Herr Bernd, sie haben Manuela nie ausnützen wollen. Davon war bei Ihnen nie die Rede, erinnere ich mich heute noch richtig. Andere aber ... Andere habe geglaubt, sie könnte mit Manuela ... Umspringen könnten sie mit Manuela. Ja, welche von denen sind auf Ideen gekommen, sag ich Ihnen, Herr Bernd. Daß Manuela sogar froh war, daß sie noch Vati hatte. Vati kannte sich bei den Kerlen aus, wußte ihnen was zu erzählen. Konnte schon mal schlimm sein, daß Manuela geweint hat. Da war Manuela dann wieder lieber alleine. Kannte sie sich wenigstens aus. Da dagegen Sie, Herr Bernd, da mußte Vati nie so dazwischengehen, wie bei denen, von denen ich Ihnen was gesagt habe. Gegen Sie konnte Vati nie was sagen, Herr Bernd. Ich auch nicht. Vati hat das eine Zeitlang wirklich geärgert. Sie waren ein Ärgernis für Vati.'
Ich: 'Danke, Frau Dombrowski! Danke für das, was Sie mir sagen. Weiß zwar nicht, ob ich Ihre Worte wirklich so verdiene ... War schon ein Problem für mich, vor Manuelas Grab zu stehen, auf Manuelas Grabkreuz zu blicken, auf das Bild Manuelas ... So lebendig war mir Manuela da am Bild. Lebhaft ...'
Mutti Dombrowski: 'Ja, Manuelas Grab ... ER hat dafür gesorgt, daß Manuela dort liegt. ER. Alles hat ER gezahlt. Das Begräbnis mit Kirche. Den Kaplan. Die Grabstelle. Den Sarg. Für alles hat ER gesorgt.'
Ich: 'Es war, glaub ich, auch sein Wagen, oder?'
Mutti Dombrowski: 'O ja! Sein Wagen war das. Für IHN war alles. Eigentlich ist ER der Schlimmste von allen. Von allen, die Manuela in ihrem Leben hatte, war ER der schlimmste.'
Ich: 'Was ...?'
Mutti Dombrowski: 'Wie Manuela diesen Einfall haben konnte, in den Geländewagen von ihm reinzuspringen, ich kann das nicht begreifen. Warum bleibt sie nicht einfach bei ihm, wartet alles ab. Auch wenn Massen von Polizei den festnehmen will - was tut Manuela das, was sie getan hat? Kann das als Manuelas Mutter bis heute nicht verstehen.'
Ich: 'Ja ...?'
Mutti Dombrowski: 'Das können Sie sich nicht vorstellen, Herr Bernd. Einiges, was Manuela mir von ihm erzählt hat. Manchmal. Wenn Manuela mal wieder bei mir war, sprechen mußte. Wie er Manuela öfters behandelt hat, böse. So was von böse. Konnte das dann nicht fassen. Und wenn Manuela dann wieder geredet hat, an seiner Seite fühle sie sich wie eine Prinzessin. Wie eine echte Prinzessin, das ein Reich unter ihren Füßen hätte. Nein. Ich hätte mir gewünscht, Manuela hätte sich von ihm getrennt. Ganz einfach. Statt immer wieder zu ihm hinzufahren. Prinzessin ...? Echt wahr, viel eher war Manuela sein Fußabstreifer. Wie Manuela sich dann aber trotzdem als Prinzessin fühlt ... - nein. Für ALLES hat ER Manuela mal hergenommen, wissen Sie, Herr Bernd. Für ALLES. Über die Jahre. Bloß, mit Manuela war nicht zu reden. Wenn ich mal wieder wirklich etwas zu Manuela wegen IHM gesagt hab, war Manuela mir immer tief beleidigt. Ist wochen-, sogar monatelang nicht mehr zu mir zu Besuch gekommen. Bis Manuela dann überraschend doch wieder bei mir an der Türe gestanden ist. In meine Arme mir zu fallen, heulend wie ein Schloßhund. Nein, ich kann das nicht glauben, daß Manuela, mein Kind, für den in den Tod hat fahren müssen. Das konnte Manuela doch nicht im Ernst meinen, daß sie da heil aus der Situation rauskommen würde. Ich kann das alles bis heute nicht begreifen. Für mich ist Manuela unter Drogen gestanden. Obwohl die Ärzte gesagt haben, Manuela hätte zuvor nicht mal einen Schluck Alkohol getrunken gehabt. Und - Manuela tut das für IHN. Für IHN. Und ER - ER kommt nur für eine Sekunde hinten bei seinem Haus raus. Hatten sie ihn IHN am Wickel. Bloß Manuela, die ist heute nicht mehr. Manuela, die ist tot.'
Ich: 'Manuela ist also tot? Wirklich für IHN in den Tod gefahren?'
Mutti Dombrowski: 'O ja!'
Ich: 'Das muß Liebe gewesen sein, Frau Dombrowski. Wahre Liebe. Manuela hat IHN sehr geliebt.'
Mutti Dombrowski: 'Obwohl er am Schluß nur noch ekelhaft zu Manuela war. Nur noch ekelhaft, eigentlich. Ins Gefängnis hat sein Treiben Manuela gebracht. Jeder konnte das mitbekommen, was sich abspielt. Nur, Manuela, die ... Manuela, die ... Trösten hab ich Manuela müssen. Dachte mir, daß Manuela mal erwachen könnte. Das mit der Liebe zu ihm müßte irgendwann einmal vorbei sein. Daß Manuela sieht, was das in Wirklichkeit für einer ist. Muß ich doch auch eine Prinzessin erkennen, daß sie nur noch glaubt, daß sie auf dem Thron sitzt. Wenn die ganzen Dinge nicht mehr sind wie bei einer Prinzessin. Wenn um sie rum viele Schlampen sein Krönchen aufhaben. Nur, Manuela, sie hat da was anscheinend nie recht mitbekommen wollen. Mir wäre er es auf alle Fälle nie wert gewesen. Nie.'
Ich: 'Finde auch, daß Manuela noch leben könnte ... Hätte gut ein Gefühl dafür, daß Manuela ...'
Mutti Dombrowski: 'Nein! Der Fußabstreifer war Manuela für ihn. Das ist die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit. Als einen seiner Fußabstreifer hat er Manuela hergenommen. Dabei hat Manuela immer alles für ihn gemacht. War immer für ihn da. Was braucht eine, die tot ist, daß einer ihr das Grab am Friedhof zahlt. Wirklich wahr. Für alles hat er Manuela mal hergenommen, die vergangenen Jahre über. Nur, mit Manuela war nicht zu reden. Wenn ich mal was zu Manuela gesagt hab, war Manuela tief beleidigt. Ist wochen-, sogar monatelang nicht mehr bei mir hier vorbeigekommen. Er hat sich auch nur selten bei uns blicken gelassen. Obwohl Vati gern gehabt hätte, daß er öfters vorbeikommt. Vati hätte bei bei ihm liebend gerne beide Füße in der Türe gehabt. Nur hat er Vati ... - ach, lassen wir das. Es ist einfach für mich nicht zu begreifen, wie Manuela für den in den Tod hat rasen können. Das konnte Manuela wirklich nicht annehmen, daß sie, so wie unterwegs war, dem heim entkommen konnte. Es ist so sinnlos, was Manuela gemacht hat. So sinnlos. Auch er hat eigentlich nichts davon gehabt. Nicht das geringste. Kaum eine Sekunde die Nase draußen - hatten sie ihn am Wickel. Und dafür ist Manuela gestorben. Es ist ... Es ist einfach nicht ... Wie Manuela das tun konnte, ich kann Manuela nie begreifen.'
Ich: 'Einfach die Liebe, Frau Dombrowski. Manuela hat ihn geliebt. Wirklich geliebt. Auch für mich ist alles kaum zu verstehen. Ich sehe Manuela heute so deutlich vor meinem geistigen Auge. So deutlich. So lebendig. Als könnte das nie und nimmer sein, daß Manuela tot sein könnte. Manuela, daß Manuela tot ist ...? Ich - ich ...'
Unvermittelt erhabt Mutti Dombrowski sich mir auf die feisten Beine, daß mir die Hälften ihres Bademantels im Stehen um die Hüften zusammenklappen, das Teil an Länge gewinnt. Fast wie bei einem Zauber plötzlich bei den Knien runter.
Mutti Dombrowski: 'Da ist was komisch, Herr Bernd.'
Ich: 'Ja ...?'
Mutti Dombrowski: 'Letztens ist mir was aufgefallen.'
Ich: 'Was?'
Mutti Dombrowski: 'Hab da Staub gewischt, Schubläden aufgezogen, daß die Ränder vorkommen ... Stöbere nebenbei ein bißchen in den Sachen. Hab da letztens was Seltsames bemerkt. Zeig Ihnen mal was, Herr Bernd ...'
Ich schlucke. Plötzlich hatte ich Widerwillen, was gezeigt zu bekommen. Ich: 'Was denn? Was wollen Sie mir zeigen?'
Mutti Dombrowski: 'Warten Sie eine Sekunde, Herr Bernd, ich muß es erst vorholen ...'
Ich: 'Klar.'
Vor den schäbigen Wohnzimmerschrank begab Mutti Dombrowski sich. Mitte links seitlich zog Mutti Dombrowski einen Schubladen heraus. Herumzusuchen fing Mutti Dombrowski an. Unter Papierzeug. Große, kleine Zettel, Briefe hob Mutti Dombrowski heraus. Am liebsten wäre ich davongelaufen. Ohne daß Mutti Dombrowski die Gelegenheit haben hätte können, mir irgendwas vorzuzeigen, aus der Wohnung geflohen.
Mutti Dombrowski: 'Ah! Hier ist es. Hier haben wir das ja. Hab es, Herr Bernd.'
Statt was zu sagen, glotze ich.
Das von ihr Aufgefundene in den Fingern haltend, ist Mutti Dombrowski zu mir zurückgekehrt, plazierte sich auf dem Wohnzimmerstuhl wie vorhin.
Mutti Dombrowski: 'Sehen Sie, Herr Bernd!'
Zwei Fotografien schob Mutti Dombrowski die schwarzschartige Holztischfläche zu mir hinüber. Auf alles schaue ich großäugig.
Das eine war ein Sterbebildchen Manuelas. Eins, wie sie bei Beerdigungen zum Mitnehmen in der Kirche ausgelegt werden. Kleiner Text: Ruhe in Frieden, Manuela. Ein schwarzweiß Paßfoto von Manuela Dombrowski, die ernst in die Kameralinse guckte.
Ein Blick, der stimmungsmäßig sehr gut zu dem Totenbild paßte.
Das zweite Foto Manuelas jedoch, das war ein großes Farbbild. DIN-A4. Auf dem Bild war Manuela breit grinsend abgebildet, mit spaßigem kupferrotem Haar.
Eine überlegene, kühle Frau, Manuela, fand ich beim Betrachten Manuelas auf der Fotografie.
Ich: 'Was ist damit, Frau Dombrowski? Seh nichts Besonderes.'
Mutti Dombrowski: 'Die Fotos sind von Christine. Vor ein paar Tagen war Christine hier bei mir, zu Besuch. Da sind Christine und ich hier im Wohnzimmer gesessen, hat Christine mir Fotos gezeigt. Das große Bild da muß Christine hier irgendwie vom Tisch heruntergewischt sein, Herr Bernd. Jedenfalls habe ich vor drei Tagen beim Sofa, auf dem Sie gerade sitzen, Bierflaschen weggeräumt, habe ich was unterm Sofa vorlugen sehen. Habe es vorgezogen. Das, was ich gefunden habe, war das. Keine Ahnung, wie das Foto dort eigentlich hinkam. Müßte Christine doch sehen, daß ihr was runtergefallen ist ...'
Ich: 'Und, Frau Dombrowski ... Seh nur, daß das Manuela ist ... Könnte Manuela heute vor ein paar Monaten gewesen sein ...'
Mutti Dombrowski: 'Nein!'
Ich: 'Was? Was nun? Versteh nicht.'
Mutti Dombrowski: 'Schauen Sie sich Manuela an, Herr Bernd. Sie und Manuela, Sie waren doch auch mal zusammen ...'
Ich schüttle den Kopf. Ich: 'Bitte, ich seh da nur Manuela, die grinst.'
Mutti Dombrowski: 'Manuela mit rotgefärbtem Haar, Herr Bernd. Manuelas Haar, kupferrotgefärbt. Manuela hat sich die Haare gefärbt, Herr Bernd. Manuela hat gefärbte Haare. Manuela färbt sich doch nicht die Haare. Manuela mochte die blonden Haare, die sie hatte. Immer schon. Haarefärben, nicht Manuela. Kann mich nicht erinnern, daß Manuela je irgendwelche anderen Haare gehabt hätte, als ihre blonden.'
Ich: 'Ah - ja ...? Jetzt, wo Sie es sagen, Frau Dombrowski.'
Auf Manuela auf dem Farbbild glotze ich in einer Tour. Jetzt sehe auch ich, daß das kupferrote Haare waren, die Manuela hatte. Jetzt, nachdem Frau Dombrowski es mir gesagt hatte.
Mutti Dombrowski: 'Ich bin Manuelas Mutti, und ich kann mich nicht erinnern, daß Manuela je ihre Haare gefärbt hätte. Nicht ein einzigesmal. Nicht schwarz, nicht blond, nicht rot. Manuela war immer die Dunkelblonde. Viel schminken hat Manuela sich auch nie mögen. Ich meine, Manuela ist überhaupt nicht auf den Einfall gekommen. Wenn eine sich die Haare gefärbt hat, dann war das Christine. Christine hat das mit dem Schminken geliebt, seit sie ein Kind war. Haarefärben, das hat Christine auch ständig gemacht, immer wieder eine neue Frisur. Schon mit zwölf, dreizehn. Ich kann mich beim besten Willen nicht da dran erinnern, daß ich Manuela je mit einer anderen Frisur gesehen hätte als mit ihrem langen, dunkelblonden Haar. Rotgefärbtes Haar bei Manuela, Herr Bernd, glaubt man das? Sie waren doch ein Jahr mit Manuela zusammen ...'
Ich: 'Hm! Aufgedonnert hat Manuela sich nie. Selten einen Mini. Hosen waren viel mehr Manuelas Sache. Schminken, nur unauffällig. Gurke hat Manuela sich unter die Augen gelegt, weil sie sagte, sie hätte Krähenfüße ...'
Mutti Dombrowski: 'Aber, auf dem Foto hat Manuela rote Haare ...'
Ich: 'Was weiß ich. So was kann auch Manuela mal einfallen, denk ich. Jede könnte mal die Lust haben, ihren Typ verändern zu wollen.'
Mutti Dombrowski: 'Manuela hatte immer die gleichen Haare und die gleiche Haarfarbe. Alles, was Manuela, was ihre Frisur angeht, eingefallen ist, daß sie sich Kleinmädchenzöpfe gemacht hat. So was hat auch IHM gefallen.'
Das Kinn habe ich mir hergerieben, auf die Farbfotografie geglotzt. Das mit den roten Haaren und der besonderen Bewandtnis, die es damit haben sollte, ohne Mutti Dombrowski wäre mir nie von selber da drauf gekommen.
Mutti Dombrowski: 'Da ist noch was Komisches, Herr Bernd. Etwas, was ich nicht versteh. Ich kann das nicht verstehen. Hinten, Herr Bernd, wenn Sie das Foto umdrehen ... Bitte, Herr Bernd, drehen Sie das Foto mal kurz um. Schauen Sie sich hinten das weiße Papier an. Vorgestern hab ich das Foto von Manuela wieder und wieder angeschaut, und da ist es mir plötzlich aufgefallen. Was da zu lesen ist, es ist nicht zu glauben. Sie werden das nicht glauben. Aber, bitte, Herr Bernd, schauen Sie sich das bitte erst mal selber an. Dann sagen Sie mir bitte, was Sie dazu sagen. Ob das verrückt ist oder nicht.'
Keine Ahnung habe ich, warum ich das Foto nicht längst schon mit meiner zittrigen Hand umgedreht habe. Es dann gedreht auf die Tischfläche gelegt. Eben wollte ich tun, was Mutti Dombrowski meinte, daß ich tun sollte - da schrecke ich zusammen.
He, Dummfotze, was schreibst du mir ne Kurze, daß ich heimkommen soll, wenn ich doch nicht heimkommen hätte sollen? Wenn da ein Jungchen aus der Blase-Kapelle da ist, schreibst du, ich soll heimkommen. Scheiße, jetzt bin ich daheim. Denke nicht, daß ich daheim sein sollte. Scheiße, Scheiße.
Vati Dombrowski, der breit auf der Türschwelle steht.
Vati Dombrowski: 'Es sieht nicht aus, als obs bei dir Probleme gäbe, Frau. Oder - was ist mit dem? Meinst du, ich soll ihn mir anstellen? Kommt er nicht mit der Geldtüte raus bei dir?'
Mutti Dombrowski: 'Nein, Vati, laß bleiben. Schau hin, kennst du ihn nicht. Du mußt ihn doch kennen. Das ist Bernd, ein alter Freund Manuelas. Mit Manuela war er mal zusammen. Ein paar Jahre her schon wieder heute. Er ist vorhin extra zu mir hier an die Wohnungstür hergekommen, um mir wegen dem, was mit Manuela passiert ist, sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Er hat erst kürzlich davon gehört, sonst wär er schon auf dier Beerdigung Manuelas gewesen.'
Vati Dombrowski: 'Warum soll ich den kennen? Nee, einen seh ich, sonst seh ich da nix. Ein Affe ist der. Ein Affe, nichts andres. Nein, Mutti, der Affe, der kann nicht einfach hier reinkommen zu dir, wegen nix. Er hat zu zahlen. Achtzig kostet das Gebläse vorn. Einhundertzwanzig das Nähen. Es ist, wies ist: Wenn mit dem Stecher nichts los ist, kostets auch. Und wenn er jetzt dann bezahlt hat, schert er sich hier sofort wieder raus, sag ich. Ich brauch keinen von den Lutschern Manus. Nicht einen einzigen von denen, die Manu je gelutscht hat. Nicht ein brauch ich von denen, für nix.'
Mutti Dombrowski: 'A-aber, Vati ...'
Ich: 'Ich glaub, ich geh mal besser, Frau Dombrowski ...'
Hoch auf die Beine schaff ich mich. War sicher besser, für Vati Dombrowski dazustehen. Obwohl Vati Dombrowski weniger wie ein Faustkampfkandidat ausschaute. Eher wie ein dünn und abgehärmt gewordener Mann, Vati Dombrowski, stahlwollgraue Altherrenhose an, olivgrüne Strickweste, braune Pantoffel an den Füßen, die neu an ihm wirkten.
Ein kränkliches Klappergestell erkenne ich heute in Vati Dombrowski, schmallippig, die Wangen eingefallen.
Vati Dombrowski: 'Der kann mich aber anschauen, Mutti. Anschauen kann der mich. Wenn er da ist, bei dir, Mutti, will ich auch, daß er dafür zahlt. Ich will was Knete von ihm sehen, daß du das weißt. Könnte doch wirklich jeder kommen. Oder wir lernen uns kennen, hier ... Wir lernen uns mal noch mal richtig kennen ...'
Mutti Dombrowski: 'Aber bitte, Vati ... Das ist doch Bernd. Du mußt doch Bernd kennen ... Manu und Bernd waren ein ganzes Jahr zusammen. Fandst damals, das wär mal ein anständiger Kerl, bei Manu ...'
Vati Dombrowski: 'Hör mal, Mutti - spinn ich? Spinn ich? Es gibt keine anständigen Kerle hier, sondern nur welche, die zu zahlen haben, hier drinnen. Das weißt du ganz genau.'
Mutti Dombrowski: 'Bitte, Vati ...'
Ein bißchen kam Herr Dombrowski ins Wohnzimmer hereingewankt. Ließ damit vor allem eins merken: daß er ziemliche Schlagseite hatte.
Vati Dombrowski: 'Nein, Mutti, nein! Jede Latte hat ihren Preis. Jede einzelne. Auch die, die mal Manus waren. Die erst recht. Nichts auf der Welt ist für umsonst. Am allerwenigsten, wenn einer hier bei uns drinnen ist. Der zahlt hier was - jetzt sofort, Mutti!'
Überraschend flink hat Mutti Dombrowski sich von ihrem schäbigen Wohnzimmerledersessel erhoben, vertrat Vati Dombrowski, der sich mir gegenüber aufbauen wollte, den Weg.
Vati Dombrowski: 'Der hat was abzudrücken, Mutti. Auch der. Auch wenn er nichts gemacht hat, ist er mit seiner Latte hier bei uns drinnen. Er hat Scheinchen auszupacken. Er zahlt für seine Latte. Sofort. Oder es passiert ihm was.'
Ich: 'Ich geh dann mal, Frau Dombrowski. Auf Wiedersehen!'
Vati Dombrowski war am Wanken, während er mit Fieberblick auf mich stierte.
Was wäre es nütze gewesen, hätte ich beim Vorübergehen dem alten Dombrowski, den seine fettgewordene Ehefrau die Unterarme ohne weiters festhielt, mit der rechten Faust gegen den Kinnwinkel geschlagen? Sturzbetrunken wie er war, war der alte Dombrowski tatsächlich nicht in der Lage, sich von seiner Frau freimachen und diese wegschubsen zu können. Außer bösen Worten, Flucherei gegen mich und die Mutti war nichts los mit dem Mann.
Am Flurgang fand ich mich unvermittelt vor, der vermüllten Wohnzimmereinheit und dem Geruch nach billigen Fusel entkommen. Flott war ich aus der ganzen Wohnung der Dombrowski draußen, atmete in der Gebäudevorhalle erst mal tief durch.
Warten Sie, Herr Bernd! Warten Sie!
Mitten im Schritt, der mich zur Haustür bringen sollte, verharre ich. Ich wende mich um, sehe Mutti Dombrowski auf der Wohnungstürschwelle stehen.
Mutti Dombrowski: 'Kommen Sie bitte noch mal her zu mir, Herr Bernd.'
Mit dem Kopf nicke ich, mache zu Mutti Dombrowski in der Wohnungstür zurück, stelle mich ihr gegenüber wieder auf.
Mutti Dombrowski: 'Entschuldigen Sie, Herr Bernd! Aber Vati verträgt nicht mehr so viel wie früher. Eigentlich dürfte er überhaupt nichts mehr trinken. Hat ihm sein Arzt verboten.'
Ich zucke die Schulter. Ich: 'Tja, also, Frau Dombrowski ...'
Mutti Dombrowski: 'Schauen Sie, Herr Bernd - Sie waren so nett, sind hier vorbeigekommen, nachdem Sie das mit Manuela gehört haben ... Dafür geb ich Ihnen das. Das von Manuela. Als Erinnerung an Manuela. Hätte ja ganz was andres werden, das mit Ihnen und Manuela. Waren ja nicht Sie, sondern Manuela hat mit Ihnen Schluß gemacht ...'
Das schwarzweiße Totenbild Manuelas und die große DIN-A4-Farbfotografie Manuelas, das mit Manuela mit den Kupferhaaren drauf, hielt Frau Dombrowski mir hin. Und ich konnte nicht anders, als beides mit meinen zittrigen Fingern zu nehmen.
Ich: 'Danke, Frau Dombrowski! Wär aber nicht nötig gewesen. Geh dann aber jetzt. Muß dann bald zum Bahnhof. Um halb zwölf rum geht mein Zug.'
Mutti Dombrowski: 'Auf Wiedersehen, Herr Bernd. War schön, Sie mal wieder zu sehen.'
Auf dem Absatz mache ich kehrt, entferne mich, Richtung Haustür.
Warten Sie, Herr Bernd. Haben Sie nicht was vergessen?
Natürlich hatte ich etwas ganz verdrängt: meine beiden Sporttragetaschen. Das war meinem bewußten Denken total entschwunden, daß die bei den Dombrowski am Flurgang drinnen herumstanden.
Ein nächstesmal, daß ich zur Wohnungstür der Dombrowskis zurückkehre. Frau Dombrowski lächelte mir entgegen.
Frau Dombrowski: 'Ihre beiden Taschen dürfen Sie wirklich nicht bei uns vergessen, Herr Bernd. Vati macht sie sonst noch auf, kramt drinnen herum. Wenn er was zum Versetzen findet, versetzt er das. Das würde er sicher nicht am Pfandhaus abholen, Herr Bernd.'
Ich: 'Denke ich auch, Frau Dombrowski.'
Die beiden Sporttaschen nehme ich Mutti Dombrowski ab, plaziere sie am Boden. Den Reißverschluß der linken Tasche zerre ich auf, lege das Sterbebild und das große Farbfoto auf die zusammengelegte schwarze Jeans oben.
Mutti Dombrowski: 'Wenn Sie sich das Bild Manuelas mit den roten Haaren hinten anschauen, Herr Bernd, werden Sie das sicher auch seltsam finden. So wie ich. Weiß wirklich nicht, wie ich das verstehen soll, Herr Bernd. Kann sich eigentlich nur um einen Fehler handeln, das. Irgendso ein Druckfehler ... Wenn Sie der Sache nachgehen, vielleicht etwas herausgefunden haben, rufen Sie mich bitte an, Herr Bernd ...'
In Mutti Dombrowskis Rücken torkelte ihr Ehemann über die Schwelle des Wohnzimmers auf den Gang. Einen armlangen Baseballschläger hielt der alte, dürre Herr mit dem kränklichen Hohlwangengesicht, der den Flurgang hochkam, zuschlagbereit in beiden Händen vor sich.
Vati Dombrowskis Ansage: 'Jetzt werde ich den obergeschissenen Geckaffen, der nichts zahlt, aber schnell mal totschlagen, Mutti. Den bring ich um, den Gecken. Der ist reif für den Friedhof, der obergeschissene Affe. Mir die Frau herlachen, aber den Preis dafür nicht zahlen wollen, nachdem er bei meiner Frau in der Wohnung war. Dafür kriegt er jetzt schnell was ab. Den schlag ich tot.'
Das war er, mein nächster Auftritt in der Hegelstraße. Zwei Puppen haben getanzt, Mutti und Vati Dombrowski. Froh war ich auf dem Trottoir draußen vorm schönen Wohngebäude, daß ich gesund und munter war. Schließlich hatte ich Vati Dombrowski beinahe auf Zuschlagdistanz an mich herankommen lassen. Nur noch Mutti Dombrowski befand sich vor ihm in seinem Weg, und Mutti Dombrowski hatte nicht die Lust jetzt, ihrem Ehemann nochmals den Weg zu mir hin zu blockieren. Zur Seite trat Mutti Dombrowski.
Der Spaß hätte eskalieren können, daß der Notarzt und die Polizei einen Einsatz hätten haben können, wäre ich nicht plötzlich zu mir gekommen. Trotz seiner unmittelbaren Gegenwart und seinen Schlaginstruments war ich flinker als der greise, ekelhafte Gewalttäter in seinem Suff. In einer Sekunde hatte ich mich abgewandt, befand mich samt meinen Sporttaschen bei der Haustür, war draußen.
Ein paar Meter weiter fort von der betreffenden Wohnanlage, die die Dombrowski mit bewohnten, daß ich im Neonröhrenlicht unter der Straßenlampe stehenbleibe. An meinem Standort unbelästigt von irgendwem, daß ich mir mit meiner mobilden Telefoniergerätschaft ein Taxi gerufen habe. Nach etwa fünf Minuten war der Taxifahrer mit seinem Fahrzeug bei mir eingetroffen, hat mich Richtung städtischer Bahnhof gebracht.
Am Bahnhofsgelände habe ich mir am ersten Fahrkartenautomaten bei der Abwärtstreppe eine Karte gezogen. Um dreiundzwanzig Uhr dreiunddreißig ist mein Ruckelzug gekommen. Dreimal, daß ich während meiner Reise umsteigen habe müssen. Zweimal, daß ich länger auf meinen Anschlußzug gewartet habe.
Ausgiebig habe ich während des Verlaufes meiner Zugfahrten in meinem Klasse-Zwei-Abteil auf die fotografischen Werke draufgeglotzt, die Mutti Dombrowski mir mitgegeben hatte und die Manuela Dombrowski zeigten.
Nicht, daß deswegen auf den beiden Bildern etwas gewesen wäre. Auch beim rückwärtigen Anschauen der Bilder bin ich auf nichts draufgekommen, was Mutti Dombrowski genau meinen hätte können.
Keine Ahnung, warum alles so ruhig blieb da. Warum, wenn woanders, Dinge sich nicht auch da in meinen Zugabteilen abspielen hätten können.
Schon eine Frage, die sich mir stellt, warum ich so unbelästigt von allem reisen habe können. Nicht einmal das die Zahlenumrisse hinten auf dem einen Farbfoto gaben bei mir am Platz viel für mich her. Daß ich schon ein klein wenig enttäuscht war.
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