"Das digitale Tagebuch" (30.09. - 05.11.), No. 1
Erster Oktober, foxy.jpg. auf.
Montag am Abend. 19:43 Uhr.
Heute vormittag: Uni.
Um vierzehn Uhr: Frau Doktor Hella. Für eineinhalb Stunden.
Eine einzige Belästigung, die Frau.
Sonst: keine besonderen Vorkommnisse. Bin eben bei Angelika in der Wohnung. Nur ist die verlassen von Angelika, und ich bins somit auch. Keine Angelika weit und breit. Alleine befinde ich mich hier in Angelikas Wohnung.
Der Samstag, der hatte ein paar berichtenswerte Momente ...
Da war am Nachmittag so richtig Leben in der Bude. Laila, Betty und Tina, die Kalifornierin und reiche Fabrikantentochter, die waren nachmittags um vier bei Angelika und mir in den Räumlichkeiten aufgelaufen.
Seine Kohle machte Tinas Papa in den Staaten mit ein paar Fabriken, in denen er diverses Verpackungsmaterial herstellen ließ.
Mensch, ein paar Leuten könnte das schon passiert sein. Trotzdem: Ich hab Tina unten ohne gesehen. Vorgestern, am Samstag, sehe ich Tina unten ohne.
Sagte mir auch kein Mensch, daß die Damen im gemeinsamen Schlafzimmer von Angelika und mir Kleidertausch machen. Die Tür war nicht abgesperrt. Ahnungslos latsche ich ins gemeinsame Schlafgemach von Angelika und mir rein. Ganz normal für mich, dort drinnen aufzutauchen. Als Angelikas Freund, Geliebter, derjenige, mit dem Angelika eng zusammenwohnt.
Sehe ich beide, Angelika und Tina, daß ich stehenbleibe, wie gegen die Wand gelaufen. Angelika war nackt, und Tina, die irre Reiche aus Kalifornien, die war halbnackt.
Tina hatte Angelikas roten, dünnen, mit winzigen Glitzerdiamanten besetzten Büstenhalter angelegt. Ein edles, sündhaft teures Teil, unter dem sich die Brustwarzen gut abbildeten, weil da bei der Bearbeitung mit den Steinen ein Kreis freigelassen wurde.
Beim Thema Reizwäsche zu erwähnen, der BH Angelikas.
Eben war Tina dabei, sich den zugehörigen roten Seidentanga die Beine hochzuschieben. Während sich Angelika mit dem Rücken zu mir herabbückte.
Puh! Natürlich bewunderte ich alles, was ich zu sehen kriegte. Besonders Tinas schmalen Strich. Den ich bei der Gelegenheit unverhofft betrachten durfte.
Mit einiger Verzögerung, daß Tina, die Staaten-Braut, die Augen aufriß, losquiekte und schrillte, während Tina ganz damit aufhörte, sich Angelikas sündigen Tanga weiter die Schenkel hinauf hochzustreifen. Der Augenaufschlag Tinas, vielversprechend, was mich anging; so spontan schob Tina die Hüfte vor, daß nur daran zu denken war.
Meinte Angelika - Angelika, die sich zu mir umgewandt hatte -, zu mir hin, ob ich das nicht mitbekommen hätte, daß sich hier Mädchen mal für eine Sekunde umziehen wollten; ich sollte bitte auf der Stelle rausmachen.
Tina, Miss California, sie wiegte die Hüften leicht, wurde breiter. Trotzdem, ich, ich schenke lieber Angelikas Fingerzeig Aufmerksamkeit. Dem gebe ich recht, daß Angelika die Beherrscherin war. Meinte Angelika, ich sollte fortgehen, ging ich fort. Unverrichteter Dinge bin ich auf den Flurgang hinausgelatscht. Obwohl ich in der Lage gewesen wäre ... Hätte sich sicher noch einiges mehr gerührt bei mir, als das, was sich gerührt hatte.
Tina hier, Tina da, Tina überall. Tina, der Wahnsinn.
Das ist hier auch erwähnenswert, etwas, was später am frühen Abend abgespielt hat. Als ich ein paar Minuten mit Laila in Angelikas Wohnküche alleine geblieben bin.
Warum denn nicht mit Laila alleinsein? Bisher brauchte ich noch keinen Waffenschein, für den Fall, daß ich mal irgendwo mit Laila auf einer einsamen Insel zurückblieb.
Mir hockte Laila am Küchentisch anbei, daß ich Laila vollständig überblickte. Vor sich hin starrte Laila, erfreute sich an der Stille zwischen mir und ihr. Plötzlich aber nannte Laila mich ein Glücks-Schwein. Sülzte weiter rum, daß ich ein echtes Glücks-Drecksschwein wäre. Die Betonung hier natürlich immer auf Schwein. Das Wort Schwein, wie Laila es ansagte, hatte was Tiefschürfendes. Echte Bedeutung. Schweine, Lailas Glauben nach nämlich unreine Tiere.
Eine richtig ärmliche, verkommene, verlogene Glücks-Dreckssau wäre ich. Was für ein Glück das Schwein bisher gehabt hätte. Das reinste Glück auf der Welt hätte das Glücks-Schwein. Einfach das Glück pur. Immer nur Glück, Glück, Glück. Eine echte Sau des Glücks, anders könnte man sie mich nicht nennen, Sau, Schwein. Eine Sau, ich, ein echtes Schwein. Nur die dreckigsten, verlogensten Säue, Schweine könnten dermaßen viel Glück haben. Solch ein Glück wie ich. Dabei müßte man mir nur einmal zuhören, wenn ich mein Maul aufmachen würde: Grunz! Grunz! Grunz, Grunz!
Das Schweinegrunzen hatte Laila voll gut drauf, mußte ich Laila lassen.
Ein einziges Schweine-Gegrunze wäre ich. Nichts als abgefüllt mit schweinischer Falschheit, Lüge, ich. Andere Dinge kämen da nicht rausgegrunzt bei mir, dem Monster-Schwein des Glücks. Müßte jemand nur mal genauer mitbekommen, wüßte er über Schwein Bernd, Bernd, die Sau, Bescheid. Er würde wissen, daß ich nichts wäre als ein Lutscher. Ein Mösenlutscher. Wäre ich was andres als ein Mösenlutscher, wäre lange, lange nicht viel mit mir. Zumindest nicht das, was derzeit bei mir war.
Das war Lailas Sermon, während kein Mensch die Küche betrat. Mich glotzte Laila an, und ich glotzte zu Laila zurück.
Einen ihrer roten Pumps zog Laila am Küchenstuhl sitzend aus, Laila, total verachtungsvoll achtlos. Weil Laila bei ihrem Treiben der kniescheibenlange Blümchenrock hochrutschte, und mir tatsächlich Lailas blütenweißer Schlüpfer blitzte. Den Centstückabsatzschuh schleuderte Laila mit einem türkischen Wort, das sicher nichts Nettes als Bedeutung hatte, nach mir.
So eben, daß ich den Schuh erwischte, nach der Seite wegboxte, ehe der weibliche Schuh der Marke Luxus mich an Nase, Mund traf.
Der Lacknobeltreter mit dem hohen Absatz landete in Angelikas Küche beim elektrischen Ofen am Fliesenboden.
Erkundigte ich mich bei Laila, wie sie denn auf der Reise wäre. Man stelle sie, Laila, sich nur vor, sie, so ohne ein Kopftuch, Schleier, der mir ihr Gesicht verbarg. Wo wäre er, bei ihr, der Gedanke an ihre Religion? So stundenlang ungläubig, sündig im Auftreten, sie, Laila. Ein rasiertes Lämmchen, daß ich Laila nannte; was wäre sie doch für ein süßes, kleines, rasierklingenscharf rasiertes Lämmchen. Müßte sie doch sein, wie ich das über dem Daumen schätzte, wenn ich sie so sah. Dann habe ich mich bei Laila erkundigt, wie es denn so wäre, das Lämmchen. War es, so neu geschoren, wieder bereit, fürs Schächten? Hergerichtet für das nächste Schächten, das kleine Lämmchen? Was nun den Spaß mit dem Lutschen anginge, von dem sie, Laila, geredet hätte - wie mache sie, Laila, das denn im Moment, mit Achmeds Sohn? Oder wäre sie momentan mal nicht jungfräulich, eine, die wie eine Jungfrau küßt? Lailas Jungfräulichkeit, wenn ich an die dächte, wie es um die eigentlich gerade wieder stünde. Könnt sie mir doch erzählen. Einiges, was ich da läuten gehört hätte. Von Knutscherei, Anfassen. Da könnte immer viel passiert sein. Viel zu vieles. In der Hitze des Moments. Daß man wieder jungfräulich werden müßte. Demnächst.
Ehe Laila, der der Mund offenstand, die meinen wortreichen Angriff bis dahin überraschend ruhig ertragen hatte, der Vulkan ausbrechen konnte, kam Angelika mit der Kalifornierin Tina und Betty in die Küche hereingestöckelt.
Die Stimmung am Küchentisch, bei Laila und mir, schlagartig verwandelt sie sich. Alle Wolken der Bosheit gegen mich, bei Laila weggeflogen. Zu mir lächelte Laila mit dunkelrot verfärbten Wangen lasziv herüber, wie eine Verführerin, als Angelika sie fragte, ob Laila ihr, Angelika, nicht böse wäre, weil sie mit mir, Bernd, alleine bleiben hätte müssen. Nein, nein, sie, Laila, wäre Angelika deswegen nicht böse. Bestens hätten ich und sie, Laila, uns miteinander unterhalten. Eben hätten wir über Jungfrauen und Jungfräulichkeit in verschiedenen Kulturkreisen gesprochen. Unter dem östlichen Himmelskreis sei es wichtiger als hier im Westen, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Jungfräulichkeit hätte wirklich Bedeutung. Süßlich angelächelt wurde ich von Laila. Hoch kam Laila auf die Beine, humpelte Richtung Ofen, sich ihren Luxustreter, der ihr vorhin von den Füßen geflogen war, wiederzuholen. Das gute Stück, das bis zu der Sekunde unbesehen nahe dem Elektroofen am Fußboden herumgelegen war.
Mußte mich in der Folge voll und ganz Betty, Tina und Angelika widmen. Laila war für mich zu vernachlässigen, zum Glück.
Tina hatte sich Schmuckstücke von Angelika angelegt und stolz getragen. Und Angelika und Betty hatten sich jede mit einem großen Teil von Tinas Schliemann-Schatz behangen. Daß Angelika und Betty monstermäßig aufgebrezelt aussahen. Wie kleine Königinnen. Die Kalifornatorin Tina meinte fröhlich zu Laila, daß auch sie sich aus dem Museumsschatz des Schliemann-Museums Tinas ein paar hübsche Stücker aussuchen könnte. Daß Laila sofort wepsig herumhüpfte, um eine paar Momente drauf mit Tina aus der Küche Angelikas rauszumachen, dorthin, wo Tina ihre pralle Schmuckschatulle hatte, in Angelikas Schlafzimmer.
Zwei Stunden gingen mit Laila vorm Spiegel drauf. Mehrere Male, daß Laila sich umzog. Als Mann, daß Laila mich nicht sah, eher wohl als Eunuch. Weil Laila, die kam oben ohne in die Küche hereingelaufen. Aufgeregt, daß Laila Angelika zurief, Angelika, sie solle schnell wieder zurückkommen.
Nicht einfach, die Suche Lailas nach dem einen Kleid Angelikas. Angelika mußte Laila helfen, mit Tina zusammen Hilfestellung sein. Weil, das Kleid, es mußte dazupassen, zu dem Schliemann-Schatz-Schmuckzeug dazu, das Tina Laila als Hals- und Ohrenbehang ausgehändigt hatte.
Exquisit teuer ausstaffiert fuhren wir, Laila, Tina, Betty und ich, dem als einzigen jede Art von Schmuck fehlte, der lediglich unter den zuschauenden Augen Angelikas und Tinas den mir von Angelika letztens gekauften stahlgrauen Nadelstreifenanzug überstreifen hatte müssen, gegen einundzwanzig Uhr dreißig im Taxi ab ins Molto.
Im Molto waren Tina, die aus Kalifornien, Laila, Betty und Angelika die Stars. Die Leute scharten sich um Tina, Laila, Betty und Angelika. Dreimal zahlte Tina im Molto Lokalrunden für alle.
Drei Fotos, die ich mit Angelikas Digitalkamera von Angelika und dem Rest und seinem Treiben im Molto geschossen habe, hat Angelika gestern abend bereits von der Kamera-Speicherkarte auf ihre Heimatseite im Netz rübergeladen.
Bei all den fliegenden Wertsachen mit irre viel Wert, die am Samstag im Molto herumflogen und -wanderten, wundert es mich zum jetzigen Augenblick, daß Tina nichts verlorenging.
Auch später nicht, als Tina und alle, die Tina wie die Fliegen den Speck umschwärmten, bei Achmed's Mode einflogen. Der Sohn des Hauses Achmed hatte sich angezogen wie ein Araberscheich aus der letzten grünen Wüstenoase, begrüßte Tina fast mit einem Kniefall und echtem Kuß auf die Hand.
Das Getue wegen Tina, bis in den frühen Morgen war es kaum auszuhalten. Während ich wie ein Adabei und Anzugträgerständer nichts anderes getan habe, als bei Angelika herumzustehen. Darauf zu warten, von Angelika angeredet zu werden. Daß meine Anwesenheit doch einen Zweck hätte.
Tina hier, Tina dort. Komm, Tina, wart mal, ich komm mit dir mit aufs Klo. Dort mach ich dann alles für dich. Wenn du von der Schüssel hochkommst, ich reich dir das Klopapier. Oder ich ...
War wirklich klasse, mitzukriegen, wie gut es doch war, als Kerl nichts direkt mit Tinas Schmuckstücken zu tun gekriegt zu haben. Schon ein Glück, daß ich, zwar bei allem in der Nähe, keine Einfälle zu haben brauchte. So Ideen, die ...
Am späten Sonntagnachmittag nämlich machte Tina am Wohnzimmertisch Angelikas Inventur, was den Inhalt ihrer großen Schmuckschatulle anbetraf.
Geradezu beiläufig kriegte ich mit, daß Kalifornatorin Tina anscheinend mit dem kleinsten ihrer Steinchen persönlich bekannt war. Angelika gegenüber konstatierte Tina, die am Sofa dasaß, mich zwischen ihre Beine hineinsehen ließ - so ein blaues Unterhöschen -, erfreut, daß ihr nicht der kleinste Diamantensplitter fehlte. Nichts war am späten Abend, im Lauf der Nacht bis ziemlich in der Früh aus der Fassung geraten, mußte zur Reparatur zum Juwelier gebracht werden.
Beiläufig erzählte Tina Angelika, daß ihr das doch schon des öfteren passiert war, daß sie Kleinigkeiten irgendwo erst wiederfinden hatte müssen. Brachte sie, Tina, Leibwache mit, war das kein Problem. Weit gekommen war meistens nichts.
Hin und wieder mußte was repariert werden, worauf Tina bestand. Das war alles.
Ein Vorhängeschloß mit fünfzehn Ratereihen, die Tina für Angelika und mich abzählte, legte das kalifornische Schätzchen Tina an ihre Schatzschatulle an.
Eine Stunde später, daß Tina, die für sich ein Taxi vorfahren ließ, mit Angelika zusammen zu sich nach Hause in die von ihr ausgesuchte, nicht gemietete, sondern sofort frisch gekaufte Wohnungseinheit aufbrach. Tina meinte zu Angelika, daß sie die Stadtwohnung, würde sie, Tina, demnächst früher oder später weiterziehen, vermieten würde. Ein sofortiger Wiederverkauf, kein Gedanke.
Sonntag gegen halb zehn am Abend kehrte Angelika von Tina heim zu mir. Fiel Angelika nicht ein, mir noch viel was weiteres von Tina, der Kalifornierin, zu berichten. Eigentlich küßte Angelika mit allem Geld, das ihre Eltern hatten, nicht das bißchen an den Reichtum der Kalifornierin Tina heran. Nicht mal in die Nähe.
*
Zweiter Oktober, foxy.jpg. auf.
Dienstag am Abend. Uhrzeit: 20:33 Uhr.
Hab keine Lust zu nichts, eigentlich.
Ist doch der gleiche Tag heute wie der gestern. Nur, daß ich eine Stunde später bei Frau Doktor Hella war. Draußen im Wartezimmer ist Angelika herumgehockt, bis ich wieder bei Frau Doktor Hella draußen war.
Angelika möchte, daß ich sie in Ruhe lasse.
Wenn ich es nötig hätte, da könnte ich die Hand nehmen. Sollte mir was Schönes vorstellen, könnte ich nicht drauf verzichten, müßte es unbedingt aus mir rauslaufen lassen.
Dergestalt sind die Verhältnisse zwischen Angelika und mir: Angelika will, wenn sie will. Aber nicht, wenn drängele ich mich an sie ran.
Angelika hat mich noch mal genau instruiert: Klingelt das Normalo-Telefon, darf ich nicht drangehen.
Nur wenn es Tinas Nummer sehe, soll ich bei Angelika anklopfen, ihr das Telefon geben.
Läutet es an der Wohnungstüre, darf ich höchstens durchs Guckloch schauen, wer draußen steht. Aufmachen: nicht. Aufmachen ist verboten. Es sei denn, es ist Tina.
Paßt das einer, einem vom Rest nicht, sie, Angelika, braucht keinen, keine von ihnen. Außerdem hätte sie mich. Ich käme jederzeit, wenn ich gerufen würde. Die andern tatsächlich eigentlich auch. Die wären auch nicht ewig beleidigt. Irgendwann ist jede, jeder wieder da, um Angelikas Freund, Freundin zu sein.
Seit halb sieben Uhr am frühen Abend hat Angelika sich in ihr Arbeitszimmer eingeschlossen. Lautlos gestellt, ihre Smarties. Das heißt, ab und zu guckt Angelika auf die Anzeige drauf. Sollte jemand ihr wirklich wichtig sein, unterläßt Angelika es sicher nicht, zurückzurufen.
Das Reingehen in ihre Zimmerflucht hat bei Angelika sehr lange gedauert. Erst mal hat Angelika wie nebenbei zu mir gemeint, daß, auch wenn ich nichts für mein Studium zu tun hätte, sie schon was dafür tun müßte. Sie jedenfalls hätte einiges nicht gemacht; für sie gäbe es jede Menge Nachholbedarf.
Wenn ich nicht ohne Angelikas Gegenwart glücklich wäre, könnten wir, Angelika und ich, morgen in einen Sexshop gehen. Dort könnte ich mir was Nettes aussuchen, was mir aushelfen könnte, wäre sie, Angelika, nicht für mich da. Abwaschbares Spielzeug für den Mann, das ihm die Frau macht, setzte Angelika fort, hätte sie noch nicht in der Hand gehabt. Das wäre interessant, das mal in Gebrauch zu sehen. Was ich für ein Gesicht schneide, hätte ich das Gerät an mir in Einsatz.
Zwei dicke Wälzer aus der Unibibliothek lägen bei ihr auf dem Zimmer rum, wechselte Angelika wieder das Thema. In denen müßte die nächsten Stunden herumgeblättert werden. Das mit der Leihfrist, das würde langsam bedenklich knapp. Sie, Angelika, hätte nicht die geringste Lust, sich auch nur eines der Bücher selber zu kaufen, um es in der eigenen Bibliothek herumstehen zu haben. Was nichts anderes bedeute, als das, die Fotokopier-Funktion am Drucker würde zum Einsatz kommen.
Lesen, Recherche. Zumindest die nächsten Tage bis zum Wochenende soll es bei Angelika so bleiben. Bloß für meine vor- oder nachmittäglichen Besuche bei Frau Doktor Hella will Angelika sich Zeit freischaufeln. Für die Tablettenausgabe an mich ebenso.
Damit hier keine Mißverständnisse aufkommen, ich werde das nicht machen, an mir selber herumzumachen. Auch wenn Angelika meint, ich soll. Es bleibt klüger, beherrsche ich mich. Kann zu jeder Zeit für Zärtlichkeiten für Angelika bereitstehen.
Wenn Angelika es nötig hat, in meine Arme genommen werden möchte, kann Angelika nämlich zu mir hereinmachen. Für eine halbe, dreiviertelte Stunde.
Die Sache ist eben: Aber nur dann, wenn sie, Angelika, mich sehen will. Nur dann.
Um das zu wiederholen, wie die Verhältnisse nun mal sind: ICH brauche nicht bei Angelika an die Tür klopfen. Mir braucht das nicht einzufallen. Will ich was von Angelika, kommt Angelika dafür nicht extra zu mir raus.
Daß ich Angelika zwinge, bei sich rauszukommen, weil ich überhaupt nicht mehr bei ihr von der Tür weggehe, das sollte ich mir dringend überlegt haben.
Sieht Angelika das am Ende nicht positiv, könnte es sein, daß ich demnächst eine eigene Wohnung brauche und Angelika mir ihre Wohnungstüre nie wieder aufmacht.
Im Grunde ist an den Verhältnisse, die ich droben zu vermitteln versuche, nichts mißzuverstehen.
Liebe nach Stundenplan, darüber denkt Angelika auch nach. Eigentlich sollte ich besser tippen, Sex zu genau festgelegter Stunde. Die Liebe hat ja nicht unbedingt etwas mit Sex zu tun.
Sobald das Semester richtig anläuft, könnte das im Bereich des möglichen sein.
Sagt Angelika an, Liebemachen um zwanzig Uhr, dann heißt das Liebemachen um zwanzig Uhr. Es sei denn - nur das kann etwas am ursprünglichen Plan ändern -, Angelika wird zu stark von ihren Nöten übermannt. Daß Angelika nicht weiß, wohin damit. Daß Angelika sich daraufhin sagt, besser, sie zieht mich zu. Damit ich Abhilfe bei ihr schaffe. Schließlich wohne ich bei ihr in der Bude. Schon die Frage, für was ich sonst bei ihr da bin.
Also, ich sollte Angelika nicht weiter bei irgendwas stören.
Auch wenn es mich juckt, bei Angelika anzuklopfen. Bis Angelika mir aus dem Zimmer kommt.
Tippe gerne doch gerne hier drinnen. Jetzt eben foxy.jpg. genannt ... Erfreue mich daran, daß Angelika keine Ahnung von foxy.jpg. hat. Wie Frau Doktor Hella nichts von foxy.jpg. weiß.
Unwissend, was foxy.jpg. angeht, die Weiber.
Was ich keinem Menschen sage. Nicht Angelika. Bestimmt nicht Frau Doktor Hella. Davon steht in foxy.jpg geschrieben.
Und das kann ich auch nur in foxy.jpg. mitteilen. Das, daß ich mich sehne. Ich sehne mich. Ich sehne mich nach IHR.
Ich sehne mich. Sehne mich. Wie verrückt sehne ich mich. Nach ...
Manuela.
Nach Manuela.
Das Feuer lodert auf, wenn mir Manuela im Kopf erscheint. Wie eine Glut ist das, die mich verzehrt.
Hätte Manuela sich doch am Freitag bei mir materialsieren können. Bereits auf meinem Sofa ist Manuela gesessen. War gut bei mir im mir von Manuela zugewiesenen Zimmer für den Zeitvertreib am Ankommen ...
Gemein das jetzt, daß ich, obwohl ich Manuela so deutlich auf mir sehe, als säße sie wirklich oben bei mir drauf - nicht weitermachen darf.
Weil mir Angelika eingefallen ist. Für Angelika sollte ich frisch bleiben.
Deswegen lasse ich von mir ab.
Es ist kaum zu fassen, daß ich das gemacht, aufgehört habe. Wegen Angelika. Nur, weil es die Möglichkeit gibt, jeden Moment könnte Angelika nach mir schauen. Zu mir hereinkommen. Um mich zu umarmen anzufangen, und ...
Verflucht soll sie sein, sie, Angelika.
Angelika habe ich zu verdanken, daß ich nichts mehr von Manuela habe. Hätte ich nämlich noch ein Foto von Manuela. Dann wäre das hier eine ein wenig andere Welt. Eine ganz andere Zauberei.
Weil - so ein Foto, auf dem Manuela drauf ist. Das kann schon mehr. Das ist eher was Besonderes sein. Der Wahnsinn.
Aber ohne irgendein Foto von Manuela. Ohne irgendwas von Manuela am Läppie Gespeichertes, das ich ausdrucken kann ...
Das heißt, nichts auf dem Läppie, ist nichts von mir auf Fotopapier zu bannen.
Da fehlen Möglichkeiten.
Reine Einbildungskraft reicht nicht hin, es braucht Zwischenträger.
Knapp davor war Manuela zwar, körperlich manifestiert zu erscheinen. Aber auch nur knapp.
Es bleibt dabei, ich brauche wieder ein Manuela-Foto. Am besten sogar ein Besonderes. Eine dieser Fotografien. Auf denen Manuela mir lebendig werden könnte.
Weil das ja bei mir schon mehrfach so war, daß Manuela mir zumindest auf bestimmten Fotos wieder zum Leben erwacht ist.
Obwohl, eigentlich könnte ich jedes Manuela-Foto erst mal in Betracht ziehen. Jetzt, jetzt, wo ich so weit wäre. Daß ich es annehmen würde. Das mit ihr. Und zwar ALLES. ALLES, was es für mich mit sich bringt, würde ich in Kauf nehmen. Wäre Manuela nur bei mir hier.
Auch den Tod. Auch der Tod kann mich nicht schrecken. Daß allzu viel Nähe Manuelas zu mir am Ende zu schrecklich werden könnte.
Hätte ich ein einziges Foto mit Manuela. Oder einen farbigen Ausdruck.
Nur leider, es hat passieren müssen.
Das Foto, das ich als letztes noch von Manuela hatte, hatte ich letzten Dienstag noch schön auf meinem neuen Läppie oben. Zu jeder Zeit ausdruckbar.
Das Bild Manuela Dombrowski hatte ich aufgeklickt. Groß oben hatte ich es am Läppie-Bildschirm. Um mit herabgezogenen Mundwinkeln draufzustarren.
Als das Unglück geschah. Unvermittelt war Angelika bei mir im Zimmer. War so in der Betrachtung Manuelas vertieft, daß ich vom Hereinkommen Angelikas nicht das geringste mitkriegte. Hinter mir stand Angelika. Unmittelbar bei meiner Drehstuhlrückenlehne, daß Angelika sich aufbaute. Von rückwärts links fragte Angelika mich, wer das denn sei.
Antworte ich Angelika, ohne groß an irgendwelche Folgen zu denken, daß das Manuela ist. Sie, Angelika, betrachte Manuela Dombrowski. Jene Manuela Dombrowski mit den rotgefärbten Haaren. Das Bild von Manuela Dombrowski, das ich Vom alten Läppie hätte ich das Manuela-Foto auf meinen neuen Läppie rübergeholt. Wie alle wichtigen anderen Dateien. Sage weiter zu Angelika, daß das das Bild wäre, das schuld hätte, daß Christine Dombrowski mich deswegen anging. Deswegen hätte Christine Dombrowski mich attackiert. Wegen dieser Fotografie.
Vor die Tastatur gedrängelt hat Angelika sich, daß ich am Drehstuhl zur Seite rollen mußte. Dachte, Angelika wolle sich das Manuela-Bild aber ganz genau ansehen.
Breit befand Angelika sich meinem Läppiebildschirm gegenüber. Erst mal hat Angelika das Bild Manuelas mit den kupferrotfarbenen Haaren weggeklickt. Geschaut, was noch Schönes sich im Bilderordner befand.
Die Dateien Eigen-Fotos1, Eigen-Fotos2, Eigen-Fotos3 hat Angelika mit gespitzten Lippen überblickt, dort in die Dateien reingesehen. Dann hat Angelika hat mir alles gelöscht. Nicht vergessen, im Papierkorb nachzuschauen, dort runtergelöscht. Danach hat Angelika weiter in den Bilddateien herumgesucht.
Keine Ahnung, die Tagebuch-Datei als Fenster, die wollte Angelika nicht beachten.
Das hat Angelika wirklich angetan, mir einfach das Manuela-Dombrowski-Bild vom Läppie runterzulöscht. Unwiederbringlich. Nicht wiederherstellbar.
Hätte ich es nur auf Stick geladen, wie ich es ursprünglich vorhatte, wäre die Welt heute für mich eine andere.
Wie blöd kann einer nur sein! Blöde wie ich.
Was soll man aber von einem erwarten, der eben erst frisch vom Meinhardt-Sanatorium raus war? Belämmert. Voll von den Tagen zuvor noch im Tran. Als die Szene Meinhardt-Sanatorium hieß.
Die Tragweite der Treibens Angelikas war mir an jenem Nachmittag überhaupt nicht klar. Erst heute habe ich das begriffen, daß mir jetzt was abgeht. Daß mir seitdem was fehlt.
Weil ich das jetzt möchte, das, daß Manuela zu mir kommt. Und zwar so, wie Manuela an dem Nachmittag in der Stadt vorm Unteren zu mir gekommen ist.
Ich möchte, daß sich das mit Manuela für mich wiederholt. Daß ich Manuela wiedersehe. Wie an jenem Sommernachmittag im Juli.
Manuela rufen zu können, reicht es nicht, an Manuela zu denken. Irgendwas bräuchte ich in der Hand ...
Deswegen: Angelika hätte mir das Foto Manuelas nicht vom Läppie löschen dürfen. Das hätte Manuela sich nicht ungefragt erlauben dürfen.
Das habe ich Angelika überhaupt nicht erlaubt, das, daß sie mir das Manuela-Foto und den Rest runterlöschen darf. Angelika, die hat das einfach gemacht.
Angelika, du Miststück!
Ich könnte dich umbringen dafür, Angelika. Dafür umbringen.
*
Dritter Oktober, foxy.jpg. geklickt.
Mittwoch am Vormittag. 10:43 Uhr.
Heute muß ich nicht zu Frau Doktor Hella.
Das ist schön. Mal einen Tag Pause von der.
Weil ich sie nicht in Ruhe lassen will, hat Angelika sich jetzt aus der Küche einen Eimer besorgt. Mit dem hat Angelika sich wieder in ihr Arbeitszimmer eingesperrt.
Wirklich wahr, Angelika geht auf den Eimer. Mit einem parfümierten Tuch deckt Angelika den ab.
Richtig Folgen hat Angelika mir angedroht.
Sollte ich noch mal nicht damit aufhören, bei ihr, Angelika, an die Türe zu klopfen, würde sie sich ernsthafte Gedanken über mich in ihrer Wohnung machen.
Daran sollte ich denken, daß es für sie, Angelika, ein leichtes wäre, bei Frau Doktor Hella anzurufen. Ein bißchen was sich mit Frau Doktor Hella zu unterhalten. Darauf die Sprache zu bringen, wie unausstehlich, lästig ich wäre.
So hätten wir bald nicht gewettet, wie ich mich aufführe. Sollte das doch begreifen, das, daß das eine ziemlich simple Möglichkeit für sie, Angelika, mich vom Hals zu kriegen, rufe sie bei Frau Doktor Hella an. Außerdem, wie es aussieht: Ein paar Wochen im Meinhardt-Sanatorium, die würden mir außerdem nicht schaden. Vielleicht sogar mehrere Monate. Die wären schon gut für mich. Ich müßte das wissen, was ich will.
Unmißverständlich, die Ansage Angelikas.
Hatte das begriffen, daß es keine gute Idee von mir war, darauf zu bestehen, bei Angelika anzuklopfen, von Angelika in den Arm genommen zu werden. Obwohl mir, Angelika gegenüberstehend, der Schweiß auf der Stirn stand. Dringend hätte ich eine Umarmung nötig gehabt. Das, daß mich jemand gehalten hätte.
Statt dessen: Angelika schnarrt, die Tabletten, die ich nehmen müßte, die könnte ich gewiß alleine einnehmen. Der Schlüssel des Kistchens sei im Schlafzimmer, in ihrer, Angelikas, alten Daheim-Jeanshose, hinten links. Das wäre kein Problem, das mit der Selbstmedikation. Die Dinger zum Schlucken seien klarerweise abgezählt. Wäre ich so doof, eine zu viel einzuschmeißen, würde Angelika die Tatsache eben Frau Doktor Hella gegenüber erwähnen müssen. Meine Entscheidung, ob das passiert.
Ich sollte ihr, Angelika, wirklich jetzt sagen, was denn los wäre. Warum ich dastehe, sie in einer Tour dämlich anglotze. Was ich denn hätte, mir über die Leber gelaufen wäre.
Die Kühlschränke wären so voll, daß sie aus den Nähten platzten, obwohl seit Freitag keiner mehr beim Einkaufen war. Jederzeit könnte ich mir selber was kochen, Nudeln, Reis mit Soße. Sachen könnte ich zum Auftauen aus dem Gefrierfach nehmen. Alles, auf was ich nur Lust hätte, könnte ich mir schmecken lassen.
Sie, Angelika, hätte Studentenfutter, Müsliriegel, zwei Kästen Mineralwasser. Lange könnte sie sich einsperren.
Das müßte ich doch einsehen. Daß das einfach sein müßte, daß meine Angelika mal was intensiver unternähme, was das Studium anbetraf. Mehr Fleiß müßte von ihr, Angelika, an den Tage gelegt werden. Das müßte ich verstehen. Am Wochenende wäre wieder Ausgehzeit. Bis Sonntag später am Abend. Bis mit dem Montag die nächste Woche losging. Ab Montag hatte es wieder Pause.
Weil ich nichts weiter gesagt habe, ist die Zimmertüre Angelikas mir unmittelbar vor der Nase zugegangen, ins Schloß gefallen. Drinnen wurde mit dem Schlüssel abgesperrt; zweimal volle Umdrehung.
Draußen, daß ich geblieben bin. Alleinegelassen mit meinen Problemen.
Was ist nun los? Was bringt mich so weit, daß es mich nach Angelikas Umarmung verlangt? Was macht, daß es mich danach gedrängelt hat, öfters bei Angelika anzuklopfen?
Größeres fehlt mir im Grunde nicht. Hinten und vorne habe ich mir vorm Spiegel im Badezimmer angesehen. Ohne irgendeine Art von Spur irgendeines Treibens zu Gesicht zu kriegen
Fehlen tut mir in dem Sinne rein gar nichts.
Vielmehr ist etwas da.
Und das, was da ist, das ist schrecklich. Wirklich schrecklich.
Einen metallenen Spazierstock habe ich in meinem Zimmer herumliegen. Das ist das Schreckliche.
Momentan habe ich das Teil unter mein Sitz- und Liegesofa geschoben. Damit der Eisenstock wenigstens ein bißchen außerhalb meiner Sicht und Reichweite ist.
Am Knauf des Gehstocks ein Drachenkopf oben.
Ein Maul, zum Zubeißen aufgerissen. Fürchterliches Gebiß, detailliert zu betrachten. Drei Hörner am geschuppten Schädel. Ein gräßlicher Drache der Unterwelt mit starrenden Augen.
Das abgebildete Monstervieh, etwas, das ungeheuerlich lebendig wirkt. Als könnte jede Sekunde irgendwas geschehen, würde irgendein Funke genügen, daß Leben in Monster hineinkommt. Daß ich dann schauen konnte, was mit mir los war, wenn das war, daß es lebendig geworden war.
Bitte, eigentlich fehlen mir die Worte, den Schrecken dieser plastischen Lebendigkeit auch nur einigermaßen zu beschreiben.
Der Künstler, der diese Plastik geschaffen und in Metall gegossen hatte, hatte die Möglichkeit, in dem Gußeisernen eine schreckliche Präsenz einzufangen. Unglaublich.
Wirklich ein Ding, in der Lage, fundamental zu erschüttern. Den Betrachter in den Bann zu ziehen und mit Grauen zu erfüllen.
Von was ich hier in foxy.jpg. tippe, ist - ich habe Fransens Spazierstock.
Wahnsinnigerweise habe ich hier auf meinem Zimmer, mir von Angelika zugewiesen, Fransens Spazierstock!
Wie das aber sein kann, daß der in meinen Besitz geraten ist, das weiß ich nicht.
Also, ich bin heute morgen gegen dreiviertel sieben Uhr auf meinem Liege- und Sitzsofa in meinem Zimmer aufgewacht. Beziehungsweise eher, plötzlich zu mir gekommen.
Hatte von manchen Stellen an Armen, Beinen her ein Ziehen, Art kleiner Muskelkater, als hätte ich die Nachtstunden über was Bewegungssport betrieben. Von meinem unteren Rückgrat her spürte ich grelle, böse Stiche, die Bandscheiben.
War mir unerklärlich, alles, weil ich dachte, ich hätte die Nacht durch auf meinem Arbeitszimmer gepennt. Und daß etwas mit schmerzensreiches von meinem Rücken her mir bewußt werden könnte, wenn ich mit Angelika nicht mal mit Sex hatte, konnte höchstens daran liegen, daß ich mich verlegen hatte.
Erinnerte mich an rein gar nichts. Meiner Meinung nach hatte ich die Nacht ab halb ein Uhr durchgepennt. Ohne erinnerbaren Traum.
Brauchte eine Zeitlang, mich mit Gestöhne in die Sitzposition hochzurappeln. Hätte ich Angelika am Flur draußen gehört, hätte ich Angelika um Hilfe gerufen.
Saß so am Sofa rum, verdrehte vor Schmerz die Augen, stöhne.
Mein Läppie-Monitor am Schreibtisch war schlagartig angegangen, ein update meines Virusschutzes, das sich sich um sieben Uhr herunterlud. Also hatte ich vergessen, mein Lappie herunterzufahren.
Nachdem ich doch noch aufstehen hatte können, stelzte ich Richtung Laptop. Minimiert hatte ich nichts. Das Ding war an, Zweck: Stromverschwendung.
Daraufhin habe ich zum Lichtschalter gemacht, habe den Schalter gedrückt, daß das elektrische Licht schlagartig die Räumlichkeit voll fluten konnte.
Das Wahnsinnige hat sich erst richtig eingestellt, nachdem ich barfuß ins gemeinsame Schlafzimmer von Angelika und mir getrottet bin.
Dort, an das Nachtkästchen auf meiner normalen Schlafseite, wenn Angelika und ich zusammen die Nacht verbrachten, stand er angelehnt. Der Spazierstock.
Der Schreck ist mir in sämtliche Glieder gefahren. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund bin ich dagestanden.
Kannte das metallene Ding schließlich nur zu gut. Wußte auf der Stelle, um was es sich dabei handelte. Wer der war, dem das eigentlich gehörte.
Was ich mir nicht erklären konnte, war, wo das gute Stück urplötzlich herkam. Warum befand sich Fransens Geh-, Spazierstock hier an dem Platz in dem gemeinsamen Schlafzimmer von Angelika und mir?
Hatten wir unerwünschte Gäste, Angelika und ich?
Obwohl mir die Knie sehr weich waren, bin ich sämtliche Räumlichkeiten von Angelikas Wohnung abgelaufen. Fast die Schließmuskeln hinten und vorne, bei mir außer Kontrolle.
Allerdings: Kein Mensch war bei Angelika und mir drinnen. Oder doch?
Wo ich nicht hineingeschaut hatte, war Angelikas Studier- und Arbeitszimmer. Es blieb nur noch das Zimmer Angelikas.
Habe ich hin und her überlegt, ob ich bei Angelika anklopfen durfte. War mir schließlich verboten, Angelika mit irgendwas Unwichtigem zu belästigen. Auch mit mir. Mußte schon ganz was Wichtiges sein, daß ich mir das mit dem Klopfen trauen durfte.
Wenn jedoch etwas mit Angelika war, und ich mich nicht darum kümmerte. Der Spazierstock Fransens war Realität. Kurzentschlossen hatte ich also mit dem Fingerknöchel bei Angelika geklopft.
Weil Angelika einfach nicht herbeikommen wollte, mir aufzumachen, um auch nur kurz zu mir herauszugucken und mich dumm anzufahren, habe ich angefangen, kräftig mit der Unterfläche der geballten Faust dagegengehauen. Drei-, viermal.
Jetzt öffnete Angelika mir, meinte zu mir, ob ich einen Vogel hätte.
An Angelika habe ich sofort vorbeigeschaut, alles bei Angelika überblickt. Aber bei Angelika schien keiner drinnen zu sein. Höchstens hinter der Türe konnte eine Person stehen.
Herzflattern hatte ich. An Angelika habe ich vorübergeschaut, alles in der Räumlichkeit Angelikas überblickt. Aber bei Angelika schien keiner drinnen zu sein. Höchstens hinter der Türe konnte eine Person stehen.
Der Ausdruck von Angelikas Augen, der verhieß nichts Gutes. Die Art, wie Angelika mich anblickte. Es war zu vermuten, daß ich nicht ganz bei Trost war.
Glücklicherweise war Angelikas Laune nicht übermäßig schlecht. Daß Angelika unverzüglich Frau Doktor Hella anrufen hätte müssen, weil ich mich bei ihr vorbeidrängelte, um auch hinter ihre Zimmertüre zu blicken, war nicht. Beruhigen konnte ich Angelika. Ich hätte gemeint, ich hätte gehört, daß sie, Angelika, mich gerufen hätte. Und als ich dann vor der verschlossenen Türe gestanden wäre, hätte ich gedacht, Angelika wäre nicht alleine auf ihrem Arbeitszimmer.
Lustig fand Angelika mich. Ausgelacht hat Angelika mich. Wegen meiner Sorgen. Wegen ihr, Angelika. Sie hätte eben mit Tina gesprochen. Am Läppie. Der Ton sei wohl ein wenig zu laut eingestellt gewesen. Daß ich mir was einbilden habe müssen. Täte ihr, Angelika, sehr leid. War wirklich nur Tina gewesen, mit der sie gesprochen hätte. Sonst war nichts.
Nichts und niemand bei Angelika und mir in der Wohnung.
Wo Fransens Gehstock herkommt, mir immer unerklärlicher.
An nichts konnte, kann ich mich erinnern. An überhaupt nichts. Was gestern abend oder im Verlauf der Nacht war, ein einziges schwarzes Loch.
Ab dem Moment meines seltsam muskelverkaterten Erwachens heute morgen fängt mein Erinnern an.
Mein Läppie-Aufnahmegerät war leider nicht an. Vielleicht sollte ich zumindest das anmachen. Wirkt wie ein Auge, das meine Zimmerwelt soweit überblickt. Zusätzlich habe ich noch zwei weitere Minikameras. Die könnte ich zusätzlich anschließen.
Irgendwie muß ich mich und mein Treiben zukünftig überwachen, wenn ich schlafe. Das kann nicht sein, daß ich während den Nachtstunden Dinge treibe, von denen ich nach meinem Erwachen nicht das geringste weiß.
Hatte das bereits mal ähnlich so im August.
So darf das mir nicht wieder bei mir anfangen.
Das mit den Minikameras, ein hübscher Einfall.
Damit nicht zuviel Speicherkapazität draufgeht, könnte ich die Kameras auf Bewegungsmeldung einstellen. Das heißt, wenn sich was regt, geht es los mit den Filmaufnahmen.
Die nächsten Tage könnte ich überhaupt die ganze Wohnung Angelikas verwanzen. Wenn jemand nachts bei mir und Angelika in Angelikas Wohnung eindringt, könnten mir die Kameraaugen, die das aufzeichneten, das am nächsten Tag zeigen.
Bräuchte dazu nur ein paar Klicks, hätte ich Beweise. Könnte ich was in die Hand kriegen, was Angelika sich angucken kann.
Das heißt, das Licht müßte von da an überall in den Räumen anbleiben. Wenn ich die Idee in die Tat umsetze.
Was für eine Geschichte hat das mit Fransens Spazierstock überhaupt?
Nicht vorstellbar, daß Fransen in Angelikas Wohnung zu mir und Angelika hereinspaziert. Irgendwas bei uns in der Wohnung treibt. Später entschließt Fransen sich wieder für den Abgang hinaus. Etwa am Morgen. Um mir einen Hinweis darauf zu geben, daß er bei Angelika und mir drinnen war und ist, läßt Fransen dann extra seinen eisernen Spazierstock sichtbar zurück.
Kaum möglich, daß Fransen sich so verhält. Oder? Was hätte Fransen davon, bei Angelika und mir seinen Metallgehstock offen herumstehen zu lassen, als hätte Fransen ihn lediglich bei uns vergessen?
Kann ich mir nicht vorstellen.
Bloß: Der Gehstock Fransens muß irgendwo herkommen.
Nur - wie und woher kommt das gute Stück zu mir und Angelika ins Schlafzimmer?
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