"Das digitale Tagebuch" (30.09. - 05.11.), No. 2
Dritter Oktober, foxy.jpg.
Nachmittag. Genaue Uhrzeit: 14:23 Uhr.
Bin für einen neuen Eintrag hier.
Die Indizien: Muskelkater. Von meinen Bandscheiben her strahlte es heute morgen ziemlich schmerzensreich aus.
Die zwei mittleren Knöchel meiner rechten Hand tun mir weh, wenn ich ein wenig stärker drüberstreiche. Seit kurzem, bekomme ich dort erst Grün-, und jetzt immer deutlicher sogar eine Blaufärbung.
Schaut ganz danach aus, als hätte ich mit der Rechten zugeschlagen.
Das heißt: Gewaltausübung.
Das führt zu den folgenden Fragen: Habe ich mich geschlagen? Boxhiebe verteilt? Mit der Faust zugehauen?
Und getroffen? Daß es zu was nütze war? Wirkung erzielte?
Muß wohl so sein. Als Beweis habe ich IHN: den metallenen Spazierstock Fransens. Etwas von Fransen, das Fransen mir kaum freiwillig übergeben würde.
Im Badezimmer war ich, weil mir das mit den Handknöcheln zu Bewußtsein kam, noch mal, mich im Spiegel genauer zu betrachten. Jetzt wirklich verschärft.
Den Kopf habe ich gedreht und gedreht. Nach oben, nach unten. Einen Handspiegel wie aus dem Friseursalon genommen, bei mir den Rücken anzusehen ...
Fällt mir tatsächlich meine Nase ins Auge, um es so zu umschreiben: Beide Nasenlöcher hatten einen ganz leichten Blutrand. Wirklich nur einen Hauch.
Als hätte ich Nasenbluten gehabt.
Eine Aussage, daß ich auch einstecken habe müssen. Der eine oder andere Hieb, der mich erwischt hatte.
Des weiteren hatte darüber nachgedacht, was ich gestern abend anhatte. Welche Kleidung hatte ich an?
Antwort: Ich entsinne mich auf eine lange schwarze Turnhose und mein blaues Shirt mit der Aufschrift UNI. Ohne Unterwäsche.
Jetzt trage ich eine rote, knielange Bermuda und die zugeknöpfte Jacke von meinem schwarzweißgestreiften Schlafanzug.
So gekleidet bin ich am Morgen aus meiner Umnachtung, die ich als Schlaf ansah, auf meinem Liege- und Sitzsofa zu mir gekommen.
Wo waren die Sachen abgeblieben, die ich die Nachmittags- und Abendstunden gestern getragen hatte?
Der Wäschekorb neben der Waschmaschine war leer. Habe die Waschmaschinentrommel geöffnet.
War auch danach nichts in der Maschine drinnen.
Die nicht hinuntergetragenen blauen, weißen Mülltüten, deren Verschnürung habe ich aufgefingert, nach dem Inhalt zu schauen.
Nichts. Es blieb dabei, meine vorabendliche Gewandung war unauffindbar. Auch von den Sandalen, die ich am Vortag an den Füßen hatte, fehlte jede Spur. Von den schwarzen Socken ebenfalls.
In meinem Kleiderschrank, in dem ich alles durchgeschaut habe, befand sich die braune Kunstlederjacke nicht an ihrem Kleiderhaken.
Die braune Kunstlederjacke, die Angelika mir letzten Dienstag für drei-fuffzig gekauft hatte. Ein Schnäppchen.
Zweimal, daß ich das mit der Kleidersuche wiederholt habe. Auch bei Angelikas Sachen.
Das Ergebnis: nichts davon in der Wohnung, was ich am Vorabend zuletzt am Körper anhatte. Rein gar nichts.
Migräne hatte ich. Schweiß auf der Stirn. Bewußten Herzschlag, einigermaßen schnell.
Was mir übrigblieb, weiterzusuchen, waren die Mülltonnen unten.
Das hat ein schönes Weilchen gedauert, bis ich mich dazu bringen konnte, Angelikas Wohnung zu verlassen, den Aufzug hinunterzufahren.
Jetzt ist es halb drei Uhr nachmittags, und ich bin seit einer Viertelstunde in Angelikas Wohnung zurück. In der außer mir und Angelika niemand war, weil ich nach meinem Reinkommen sofort in sämtlichen Räumen nachgeschaut habe. Auch unter dem Schlafzimmerbett, den Sofas.
Nur bei Angelika war ich nicht drinnen.
Worum drehte es sich, daß ich hinuntermachen mußte? Ich dachte, wenn ich meine gestrige Kleidung in die Resttone geschmissen hätte, müßte sie in der Tonne drinnen sein.
Die Tonne Angelikas unten war aber so gut wie leer. Gestern hatten sie in der Straße die Resttonnen geleert.
Deswegen hätte jedoch etwas von meinen Kleidungsstücken von gestern auffindbar sein müssen. Alle Müll-, Wertstoff-, Bio- und Papiertonnen am Hinterhof habe ich aufgeklappt, hineingeschaut.
Keines meiner Kleidungsstücke vom Vortag weit und breit.
Auch nichts in den Tonnen der Nachbarhäuser der unmittelbaren Straßenumgebung, in denen ich nachgeschaut habe.
Nicht zu verstehen. Wo meine Kleidungsstücke und Sandalen abgeblieben sind, keine Ahnung. Mir ein Rätsel. Hatte sich ein Penner mein Zeug geholt? Mülltonnenforschung war durchaus angesagt in den Städten. Das war gut die Möglichkeit, daß irgendwer meine Kleidungsstücke herausholte.
Als ich die Stiegen zurück in Angelikas Wohnlichkeit hochgestiegen bin, hat mir das Herz ziemlich gerast. Und das nicht wegen des Treppensteigens.
Die quälende Frage: Was hatte ich angestellt, daß sich der komische, obskure Spazierstock Fransens jetzt bei mir und in den Räumlichkeiten von Angelikas Wohnung befand? Wie war das zugegangen, daß ich das Metallding in meinen Besitz bringen konnte?
Das war schließlich kein Spaß, mit Kleidertausch und so. Der Gehstock Fransens konnte außerdem einiges an Wert haben, daß Fransen ihn sich zurückholen würde wollen, irgendwie.
Hier mußten einige gewalttätige Sachen vorgekommen sein. Daß Wut und Haß auf mich ins Spiel kommen konnten.
Fransen muß einfach die Idee in Betracht ziehen, das teure Stück Metall, das ich ihm irgendwie abgenommen habe, wieder zurückzubekommen.
Anders war das nicht denkbar.
Das heißt, ich habe mit Fransen zu rechnen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Daß Fransen sich mit mir konfrontieren möchte. Damit, daß Fransen sich mir gegenüber aufbaut, Fransen, der zu mir meint, ich soll ihm seinen Spazierstock zurückgeben. Den könnte ich nicht behalten. Keinesfalls.
Daß sich keinerlei Erinnerung an die letzte Nacht bei mir einstellen mag, das macht mich fertig.
Daß ich einen Schock erlitten habe, mir danach Erinnerungsvermögen fehlt, nicht zum erstenmal.
Was ich gesucht haben, weswegen mir eingefallen sein könnte, mich nachts aus den Wohnräumen Angelikas hinauszugeben, mich in den Stadtschluchten herumzutreiben - das genau zu wissen, dafür fehlen mir zu viele Zusammenhänge.
Keine einzige meiner Fragen kann ich mir ohne genauere Erinnerung beantworten.
Allerdings: In der letzten Zeit war schon einiges bei mir los, wovon zum Beispiel Frau Doktor Hella nichts wissen darf.
Eine Sehnen nach Manuela Dombrowski war in mir. Zu gern wollte ich, daß Manuela Dombrowski wieder zu mir käme.
Kann mich gut darauf entsinnen, daß ich mich gefragt habe, wo Christine Dombrowski und dieser Fransen eigentlich abgeblieben waren. Die Idee geisterte mir im Kopf, würde ich Christine Dombrowksi wiedertreffen, könnte Christine Dombrowski mir vielleicht Dinge hinsichtlich ihrer jüngeren Schwester Manuela erzählen können.
Weil - in mir, diese schreckliche Sehnsucht. Ein wüstes Begehren. Daß mir das Blut heiß kocht. Manuela wiederzusehen.
Da käme Christine Dombrowski mir doch recht, auch wenn mein letztes Zusammentreffen mit Christine Dombrowski eher unangenehm verlaufen war. Mich erst ins Krankenhaus und dann in das Meinhardt-Sanatorium gebracht hat.
Besonders, wenn es dunkel wird, ist es seit drei, vier Tagen schwer für mich, sitze ich alleine rum, nicht an Manuela zu denken. Abends, nachts kochen all meine Erinnerungen an Manuela bei hoch. Auf mir sehe ich Manuela sitzen, nackt; Bilder von vor zehn Jahren. Und Manuela, die mir plötzlich am zehnten Juli beim Unteren, dem Kino, gegenübersteht.
Wie gerne ich jetzt bei wäre, bei Manuela. Manuela im Arm zu halten ...
Die Vorstellung, wie Manuela mich küßt, küßt, küßt. Besonders die Stellen am Hals fangen mir zu pochen an, wo ich kleine Narben, Hinterlassenschaften habe, wie von vier Spitzen Zähnen.
Das mit Manuela bedrängt mich so heftig, daß ich mir das schon öfters überlegt, zu meinen Eltern hinunterzufahren. Mich unten in der Stadt vor das Grab Manuela Dombrowskis auf dem Gnaden-Friedhof zu begeben. Nachts. Mich in dunkler Nacht vor das Grab Manuelas hinzustellen.
Nur - für was? Was soll am Schluß dort passieren? Daß sich Manuela mir von unterhalb aus der Graberde herausbuddelt, wie so eine Untote in einer Gruselgeschichte? Oder ein weiblicher Vampir?
Oder - was sind das für Überlegungen? Bei mir daheim die Geiersdorfer Bergstraße hochzumarschieren. Zu der Kurve, bei der Manuela Dombrowski in dem Tabert-Geländewagen in Tod abgeflogen ist?
Was denke ich denn da? Daß Manuela Dombrowski dort irgendwo in der Kurvenumgebung umgeht? Daß ich Manuela dort wo wiedertreffen könnte, triebe ich mich dort herum?
Solche Ideen verwirbeln mir das Hirn unter der Schädeldecke, daß ich das Frau Doktor Hella eigentlich in einem Telefonat sagen müßte. Frau Doktor Hella darüber informieren, daß ich mich in Not befinde. Daß Dinge bei mir aus dem Ruder laufen.
Der metallene Gehstock Fransens, der ist allerdings ein unleugbarer Beweis.
Ein ziemlich massives Schlaggerät habe ich damit zur Hand. Mit dem könnte ich jetzt auf der Stelle mein Läppie zertrümmern, die Einrichtung meines Arbeitszimmers kurz und klein schlagen.
Das sich dieses metallische Dings heute in meinem Besitz befindet? Unvorstellbar.
Wenn ich den habe, niemand bei Angelika und mir in den Räumen ist, muß es so gewesen sein, daß ich letzte Nacht aus Angelikas Wohnung hinausspaziert bin.
Die Ketten muß ich vor der Tür weggenommen haben, mir die Wohnungstüre aufgesperrt. Habe ich hinter mir abgeschlossen? Muß ich eigentlich. Also, entweder fahre ich mit dem Lift oder mache die Stiegen zu Fuß hinunter. Hinaus trete ich aus dem Gebäude, auf den Gehsteig. Dann verschwinde ich irgendwo in den Straßen der nächtlichen Großstadt ...
Um tatsächlich eine Begegnung zu haben. Einhundertprozentig mit keinem anderen als diesem Scheiß-Fransen. Dem seinen Metallspazierstock mit Monsterfratze am Knauf ist das schließlich, den ich als eine Art Beute, Prise oder was zu Angelika in die Wohnung mitgebracht habe.
Zwischen mir und diesem Fransen muß sich eine Szene abgespielt haben. Eine, daß ich mich beim Tippen dieser Worte wundere, wie ich sie überhaupt heil und gesund überstanden habe. Habe ich jedoch. Sogar den metallenen Gehstock Fransens konnte ich in meinen Besitz bringen.
Für alles ist dieser Metallstock der Beweis.
Freiwillig gibt Fransen MIR den nicht, verhilft mir damit zu einer Trophäe.
Ein edles, wertvolles Teil, der metallene Spazierstock Fransens. Der mit der fein herausgearbeitete Plastik eines Drachenmonstrums oben am Knauf.
Den konnte ich nicht ohne weiteres in Angelikas Wohnung heimbringen.
In meinem und Angelikas gemeinsamen Schlafzimmer entdecke ich das gute Stück jedoch, gegen mein Nachtkästchen gelehnt.
Ich meine, ich habe den Spazierstock Fransens doch nach Hause gebracht, oder?
Oder nicht?
Scheiße ist das, daß die Tür bei Angelika für mich zu ist. Als einziges, daß ich bei Angelika drinnen nicht richtig nachsehen kann.
Andererseits: Wäre Fransen bei Angelika und mir drinnen, was würde Fransen hindern, mir offen gegenüberzutreten.
Offensichtlich habe ich ein Problem.
*
Dreißigster Oktober, foxy.jpg., wieder geöffnet.
Dienstag am frühen Abend. 19:38 Uhr.
Angelika ist auf ihr Arbeitszimmer gegangen. Für ein wenig Recherche für ihr Studium.
Kann ich also foxy.jpg. hier sorglos starten und drauflos tippen.
Zunächst einmal: Die Freiheit hat mich wieder.
Ja, die Freiheit hat mich wieder.
Seit dem gestrigen Vormittag gegen halb zehn bin ich aus dem Meinhardt-Sanatorium entlassen.
Zunächst hatten ich und Angelika noch ein bißchen Bürokram mit Unterschriften zu bewältigen. Außerdem kam Herr Doktor Heinz, Ober-Psycho des Meinhardt-Sanatoriums, daher, für ein paar langatmige Ansagen an meine Adresse. Den Worten mußten Angelika und ich aufmerksam zuhören, dazu mit den Köpfen nicken.
Dann aber durfte ich zusammen mit Angelika raus, durfte mich unter freiem Himmel räkeln. Ade Sanatoriums-Luft.
Hinten stiegen Angelika und ich in das auf Veranlassung Angelikas hin wartende Taxi ein, hockten uns nebeneinander auf die Fondsitze. Angelika saß zu meiner Rechten, nahm meine kühle Patschehand.
Nach Hause in Angelikas Wohnung sind wir gefahren, Angelika und ich.
Das war nett von Angelika, das, daß sie weiter zu mir halten wollte. Bei Angelika darf ich wohnen bleiben, mit ihr in ihrer Wohnung zusammenwohnen.
Die Geschichte hätte eine ganz andere Wendung nehmen können.
Gestern und heute mittag waren Angelika und ich im Fisch-Restaurant zum Essen. Weil ich erst im Lauf der nächsten Woche mein Studium wiederaufnehmen wollte.
Habe dazu momentan kaum eine Einstellung, kann ich nicht anders sagen.
Nur, das war nicht Angelikas Wünschen, daß das zur Dauereinrichtung würde, daß sie im Bus von der Uni weg mußte. Um statt in der Mensa mit mir irgendwo Essen zu gehen, ob es nun das Fisch-Restaurant war oder nicht.
Selber sollte ich mir ein Mittagessen zubereiten, solange ich mittags daheim und nicht auch am Universitätsgelände war. Vielleicht, daß ich Angelika, kam sie abends aus der Universität zu sich in die Wohnung zurück, auch Abendessen mit zubereiten konnte.
Dafür mußten jedoch die Kühlschränke gefüllt sein, sagte ich. Das hieß, es mußte frisch eingekauft werden. Also: Gegen sechzehn Uhr heute der erste gemeinsame Einkauf von Angelika und mir seit Wochen.
Zu zweit haben Angelika und ich das ganze Eingekaufte später in die Wohnung heraufgeschafft und das Zeug in die Kühlschränke verstaut.
Habe ich lange nicht mehr gemacht, mich um Obst und Gemüse zu kümmern, Nudel-, Saucenpackungen in die klimatisierten Küchenschrankfächer von Angelikas Nobelküche zu räumen. Wurst, Käse in den Kühlschrank, Pizzen, Fleisch und Fisch, auftaubare Fertiggerichte in die Gefriertheken.
Im Meinhardt-Sanatorium bekommt jeder sein Essen fertig zubereitet serviert. Das Meinhardt-Sanatorium hat eine Kantine mit Küchenchef. Jede Menge helfende Hände in der Küche. Im Meinhardt-Sanatorium gehörte ich nicht zu denen, die Küchendienst gemacht haben. Keine Ahnung, ob mir das erlaubt worden wäre, hätte ich um einen Küchen-Job nachgefragt.
War, als ich vor sieben Tagen ansagte, daß ich bereit wäre, im Meinhardt-Sanatorium eine Arbeit zu machen, bei einem Putz-Team eingeteilt. Drei Leute und ein fetter wichtigtuerischer Ansager mit Handfunk, als könnte einer von uns jederzeit Händel anfangen. Dabei war nicht mal eine Frau bei uns, um die wir uns streiten hätten können; ganz davon abgesehen, daß wir gedämpft waren. Fühlte mich jedenfalls seit ein paar Tagen so. So abgestumpft, dröge. Daß es auch Angelika während der Besuchszeit bei mir merkte.
Etwas, was sich heute wieder verbessert hat. Kann demnach nur bedeuten, daß Angelika sich beschweren hätte sollen. Oder? Keine Ahnung, warum die Atmosphäre im Meinhardt-Sanatorium plötzlich derart gegen mich war. Bei denen hatte ich schließlich nicht viel angestellt.
Wäre ich nicht mit Angelika zusammen, Angelika, die sich von Seiten ihre Eltern her eine teure Detektei leisten kann, hätte ich sicher viele, viele Monate im Meinhardt-Sanatorium zubringen können. So lange eben, bis die Polizei bei ihren Ermittlungen zu einem Ergebnis gekommen wäre.
Drei Wochen haben die Detektive dann gebraucht, zu einem Ergebnis zu kommen. Fransen haben sie ausfindig gemacht.
Und zwar einen Fransen, der am Leben war.
Welch ein Glück für mich!
Obwohl ich das gewußt habe, daß ich dem Scheißkerl nichts angetan hatte. Daß der weiter irgendwo auf der Welt herumturnte. Putzmunter. Soweit man das bei einem wie dem sagen konnte.
Entgegen meiner tränenreichen Aussage bei der Polizei hatte ich Fransen nicht groß verletzt. Umgebracht hatte ich Fransen schon gar nicht. Sonst hätte ich weiter im Meinhardt-Sanatorium bleiben müssen. In das Frau Doktor Sybille Hella mich einliefern hatte lassen. Am Donnerstag, dem vierten Oktober.
Mal eins nach dem anderen, die Geschichte der Reihe nach ...
Es war die Nacht des vierten Oktobers. Ich hatte schreckliche Nachtstunden. Voll mit Wohnungsrennerei, Herzrasen und Schweißausbrüchen. Unvorstellbar, die Ängste, die mich heimsuchten. Bei dem kleinsten Wohnungsgeräusch bin ich zusammengefahren, mit dem Smartie in der Hand losgelaufen. Die Nummer der Polizei auf der Anzeige, daß ich lediglich zu drücken brauchte.
Jedoch war nichts als eine Serie von Fehlalarmen, infolge meiner Nervosität, inneren Unruhe. Am Donnerstagsmorgen habe ich gegen halb acht Uhr in der Frühe gegen Angelikas Arbeitszimmertüre geklopft. Weil ich mit dem Anklopferei an der Türe nicht aufhören wollte, hat Angelika mir schließlich aufgemacht. Angefressen von mir.
Ganz auseinandergesetzt war ich in Angelikas Gegenwart, ein heulendes Häuflein Elend. Einen Zusammenbruch hatte ich bei Angelika auf der Türschwelle. Das Gesicht an den hölzernen Türrahmen angelehnt, habe ich wie noch was geflennt. Ein wahrer Sturzbach an Tränen, der mir die Wangen hinuntergestürzt ist. Nicht zu fassen. Gezittert habe ich wie der letzte Köter, der sich vor seinem schimpfenden Herrchen fürchtete. Mit tränenerstickter, brüchiger Stimme meine ich zu Angelika hinauf, Angelika, die entsetzt auf mich herunterglotzt, daß ich die vorletzte Nacht vielleicht jemanden umgebracht hätte. Den Penner mit Namen Fransen. Als Beweis präsentierte ich Angelika Fransens metallene Spazierstock. Raunte Angelika hin, der silberfarbene Gehstock, der gehöre dem Mann, ihm, Fransen. Ihm, Fransen, hätte ich das Ding abgenommen. Vielleicht hätte ich Fransen sogar damit, mit Fransens Eigentum, erschlagen.
Ich machte das Angelika plausibel, daß Fransen mir den Spazierstock sicherlich nicht freiwillig gegeben haben konnte. Es mußte nachts irgendwas Schlimmes passiert sein. Woran ich mich nicht erinnern konnte. Etwas, daß zu befürchten stand, daß ich diesem Fransen irgendwo in der Stadt was angetan haben mußte. Anders könnte der Gehstock nicht in meinen Besitz kommen. Freiwillig gab Fransen mir das Ding nicht.
Angelika kannte die Namen, Fransen, Christine Dombrowski. Wußte das eine oder andere der Angelegenheiten, die ich mit Christine Dombrowski hatte. Auch jener Fransen war da als Begleiter Christine Dombrowskis eine Figur, die ihr im August von mir bekannt gemacht worden war. Im August, als die Wohnheim-Geschichte mit mir war. Die mich und sie, Angelika, überhaupt erst zusammenbrachte.
Herumgekreischt habe ich Angelika, ich wär ein Mörder; ein Mörder wär ich. Angelika wußte nicht, was sie schnell mit mir anstellen sollte. Dann ist Angelika Frau Doktor Hella eingefallen. Frau Doktor Hella hat Angelika angerufen. Frau Doktor Hella meinte, daß ich einen Termin bei ihr in den Praxisräumen hätte, sofort. Unmittelbar nach dem Telefonat Angelikas sind Angelika und ich gemeinsam in einem Taxi zu Frau Doktor Hella in die Praxisräume gefahren.
Frau Doktor Hella hat sich das angehört, was ich zu erzählen hatte. Gemeint hat Frau Doktor Hella angesichts meines Zustands zu Angelika, daß es als Vertrauensperson Angelikas und meine psycholgische Betreuerin das Beste wäre, wenn sie sich mit dem Meinhardt-Sanatorium in Verbindung setzte. Im Meinhardt-Sanatorium wäre ich sicher besser aufgehoben als in einer Untersuchungszelle. Das müßte ganz im Interesse Angelikas sein. Schließlich kannte Angelika die Vorteile des Meinhardt-Sanatoriums, was die Möglichkeiten für den Besucher anging. Das war Angelika klar; mit einem Kopfnicken hat Angelika allem zugestimmt. Nach kurzer Verabschiedung von Angelika bin ich eine halbe Stunde später von einem Meinhardt-Sanatorium-Transporter ins Meinhardt-Sanatorium gebracht worden.
Noch am Nachmittag des Donnertags sind zwei Polizisten in Zivil zu mir ins Meinhardt-Sanatorium gekommen. Haben sich meine Geschichte, die Fransen zum Mittelpunkt hatte, nochmals in allen Einzelheiten schildern lassen. Soweit man dabei von Einzelheiten sprechen konnte. Weil ich ja eigentlich nichts Genaures in Erinnerung hatte, was ich während den besagten Nachtstunden wirklich getrieben hätte. Einzig und alleine der Spazierstock Fransens, der war der Beweis, daß ich während der Nacht irgendwo in den Schluchten der Stadt unterwegs war. Daß es dabei eine Begegnung mit unübersichtlichen Geschehnissen gegeben habe mußte.
Als die Polizeiherrschaften am Aufbrechen waren, das Zimmer mit mir und später das Meinhardt-Sanatorium zu verlassen, war keine Rede davon, daß ich vielleicht hätte mitgenommen werden können, um etwa normale Untersuchungshaft kennenzulernen. Die von der Polizei fanden vielmehr, wie sich das, was ich von mir gab, anhörte, daß ich im Meinhardt-Sanatorium bleiben sollte. Im Meinhardt-Sanatorium wäre ich ganz gut aufgehoben.
Angelika hatte an dem Donnerstag am Telefon einen solchen hysterischen Anfall, daß ihre Mutter von daheim abreiste, um sich in Angelikas Wohnung einzufinden. Ihrer Mutti setzte Angelika alles detailliert auseinander, zeigte ihrer Mutti Fransens Gehstock, den Angelika da noch nicht zur Polizei gebracht hatte, was Angelika eigentlich auf Anweisung der Polizeibeamten sofort tun hätte sollen.
Dieser metallene Spazierstock Fransens war als Realität nicht zu leugnen. Angelika war das Teil nicht als Besitz von mir bekannt. Irgendwie mußte das Ding demgemäß zu ihr, Angelika, in die Wohnung gekommen sein. Was bedeutete, es mußte als Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß ich des Nachts in den Straßen der Stadt herumspaziert war. Dabei war ich auf denjenigen gestoßen, dem der Gehstock gehörte.
Das, was Angelika und ihre Mutti schließlich miteinander ausbaldowerten war, daß man nicht alleine auf die Polizeiarbeit vertrauen wollte. Es gab zusätzliche Möglichkeiten. Angelikas Mutti sorgte dafür, daß die Detektei Schneider, mit denen Angelikas Vater öfters in Sachen Arbeitsmoral seiner Firmenmitarbeiter und ähnlichem zusammenarbeitete, in dem Fall zugezogen wurden.
Mit Hilfe zweier Angestellter der Detektei Schneider, die am Samstag, dem sechsten Oktober, am Vormittag zu mir ins Meinhardt-Sanatorium kamen, habe ich ein Phantombild Fransens erstellt. In einer dreistündigen Sitzung entstand eine Zeichnung, auf der Fransen bis ins Detail bestens getroffen war, fand ich. Sogar eine 3-D-Farbbild-Datei Fransens, daß die von Detektei Schneider die Tage drauf an die Damen und Herren von der Polizei weiterreichten.
Trotzdem: Bei Fransen, obwohl nicht gänzlich polizeibehördlich unbekannt, blieb es dabei, es fehlte von ihm jede Spur.
Bis sich letzte Woche am Mittwoch ein Stadtpenner bei der Detektei Schneider meldete.
Einer von drei, vier Leutchen aus dem Stadtstreichermilieu, dem Mitarbeiter der Detektei Schneider ein paar Scheinchen rüberwachsen hatten lassen und einen Farbausdruck des Gesichts Fransens hinreichten. Mit der Ansage, sie sollten ihre Augen offen halten, was jemanden anbeträfe, der so ausschaute.
Jedenfalls wurde Fransen unvermittelt wieder hier in der großen Stadt gesehen. Einer der Penner, die von der Detektei Schneider auf die Sache angesetzt waren, erhielt davon Nachricht, informierte die Detektei Schneider.
Ein Fingerzeig genügte, die Mitarbeiter der Detektei Schneider entdeckten Fransen unter dem Germanenbrückchen in der Nähe des Stadtparks Ost. Fransen, der um die Zeit abends nicht etwa schlafen ging, sondern eben von unter den großen zusammengeschobenen Pappkartons herausschlüpfte. Anscheinend hatte Fransen, auf dickem Zeitungspapier liegend, den regnerischen Tag verpennt. Erst des Nachts wollte Fransen auf Rolle gehen.
Die von Detektei Schneider verständigten augenblicklich die Polizei. Fransen hatte es allerdings nicht damit eilig, von unter der Brücke wegzumachen und sich unter freiem Himmel naßregnen zu lassen. Abseits von ein paar anderen Pennergestalten, die sich nach und nach unter dem Brückenpfeiler einfanden, hockte Fransen teilnahmslos herum.
Die Männer der Detektei Schneider begaben ein kleines Weilchen nach dem Telefonat mit der Polizei Richtung Fransen, bauten sich ihm gegenüber auf, sprachen Fransen an. Als drei mobile Polizeigruppenstreifen eintrafen, beabsichtigte Fransen eben, gegenüber den Detektiven handgreiflich zu werden. Wegen den frisch eingetroffenen Uniformierten regte Fransen sich ab, ließ sich ohne größere Gegenwehr Handschellen anlegen. Auf die nächste Polizeiwache wurde Fransen verbracht.
Vom Chef der Detektei Schneider persönlich hat Angelika von der Festnahme Fransens durch die Polizei erfahren. Kurze Zeit darauf erreichte Angelika ein Anruf der Polizei. Der Wachleiter teilte mit, daß der gesuchte Mann, dieser Fransen, von Beamten festgenommen worden sei. Großartig viel außer Landstreicherei und ähnlichem läge jedoch nicht gegen dem Mann vor. Vielleicht, daß Fransen am darauffolgenden Tag schon wieder auf freien Fuß gesetzt werden müßte. Erst mal würde er ausgenüchtert.
Angelika ist während der Vormittagsstunden des folgenden Tages sofort zu mir ins Meinhardt-Sanatorium gekommen, durfte mit mir zusammen in eine Zimmerflucht für privates Zusammensein gehen. Dort hat Angelika mich über die Einzelheiten, die Fransens Festnahme anbetrafen, in Kenntnis gesetzt.
Meine Entlassung aus dem Meinhardt-Sanatorium wurde von Angelika unverzüglich in die Wege geleitet. Grund: Bei der polizeilichen Vernehmung hat Fransen nicht lange um den Brei herumgeredet. Offen hat Fransen zugegeben, daß zwischen mir und ihm eine körperliche Auseinandersetzung stattgefunden hatte.
Wie es dahin kommen hatte können, bietet nicht viel Geheimnisvolles: Das Haus, in dem ich mit Angelika zusammenwohne, hätte er, Fransen, bereits seit Tagen beobachtet. Der Grund, warum Fransen das mit der Observation machte, erläuterte Fransen den Polizisten auch ohne weiteres. Einzig und alleine das hätte damit zu tun, weil er und ich miteinander bekannt waren. Als einzigen in der großen Stadt, daß er, Fransen, mich persönlich kannte.
Fransen erzählte weiter, daß er wieder mal vor das Wohngebäude, in dem ich mit meiner Freundin wohnte, zurückgekehrt wäre, dort herumlungerte. Einfach nur die Fassade beobachtete, die Lichter bei mir und meiner Freundin oben. Da wäre gegen halb zwei, drei Uhr, mitten in der Nacht, überraschend die Haustür des Gebäudes aufgegangen. Und der, der zur Tür heraustrat, das war ich. Lange genug wäre im Licht gestanden, daß er, Fransen, mich natürlich sofort erkannte. Fransen wußte, daß ich das war. Für einen nächtlichen Spaziergang kam ich heraus. Oder ich wollte schnell wohin. Vielleicht zu einer Nutte.
Richtung Stadtzentrum wäre ich spazierengegangen, während er, Fransen, mir mal hinterherschlich. Einfach, um zu sehen, wo ich hingehen wollte, wo hinein verschwinden.
Irgendwann hätte ihm, Fransen, das mit der ziellosen Herumgeherei gereicht. Schließlich war das eine Chance für ihn, mal was wegen mir zu unternehmen. Aus einer schmalen Seitengasse, durch die er von der anderen Richtung mir entgegenkam, trat Fransen vor mich hin. Baute sich direkt vor mir auf.
Den Polizisten erläuterte Fransen, daß es ihm dabei ausschließlich um Geld gegangen wäre; um nichts anderes als Geld.
Daß ich Geld vom Bankautomaten ziehen sollte, hätte er, Fransen, von mir verlangt. Geld, das ich ihm dafür geben sollte, daß er, Fransen, mich die nächsten Wochen in Ruhe ließ; für ein, zwei Monate wollte er vergessen, wo ich wohne. Dann wollte er wieder zu mir zurückkehren, sich frisches Scheinchen von mir zu besorgen.
Jedoch kam es anders als von Fransen gewünscht. Ich wollte ich mich nicht von ihm, Fransen, einschüchtern lassen, mich nicht auf den Weg machen, mir einen Bankautomaten für meine Plastikkarte zu suchen. Ich wiederholte das Fransen, daß ich ihm, nicht einen müden Cent zu zahlen beabsichtige.
Dann wäre ich derjenige gewesen, hätte ich Fransen mit einem Angriff auf ihn überrascht. Zu einer Rangelei mit mir wäre es gekommen. Nicht von schlechten Eltern. Zugeschlagen hätte ich, mit dem Fuß getreten, wie einer, der so was konnte. Einen Volltreffer hätte ich am Schluß gelandet, daß der Hieb ihn, Fransen, zu Boden geschickt und total benebelt hätte. Mitgekriegt hätte er Fransen noch, daß ich ihm seinen Spazierstock entriß. Mit dem metallenen Stock hätte ich angefangen, auf ihn, Fransen, einzuhauen, bis er, Fransen, es für besser gefunden hätte, sich herumzuwerfen, die Füße in die Hände zu nehmen und die Flucht zu ergreifen, solange er das noch einigermaßen gesund konnte.
Klingt passabel, die Geschichte. Ganz plausibel, das mit dem Geld. Das mit dem Geld, das Fransen wortreich auf der Polizeiwache abgelassen hat.
Mit Geld erklärt Fransen den Leuten die Welt. Daß sie ihm die Dinge glauben müssen.
Nur, ich bin mir dessen nicht sicher. Nein, ich weiß das sogar, daß es bei meiner Begegnung mit Fransen mitten in der Nacht nicht um schnöde Geldscheine sich drehte, die ich am Geldautomaten für Fransen ziehen sollte. Das heißt, wenn um Geld ging, dann in einem geringeren Maße, als Fransen es bei der Polizei aussagte.
Ich meine, Geld. Geld ist schon was Klares. Wegen Geld passieren Dinge auf der Welt.
Was allerdings mich angeht, meine Person: Hatte ich denn überhaupt meine Scheckkarte dabei, als ich mit Fransen zusammentraf? Eher wahrscheinlich, daß ich ohne Karte aus der Wohnung Angelikas hinausmachte. Was mich im Griff hatte, war, daß kaum fünf Minuten vergingen, ohne daß ich nicht an Manuela Dombrowski denken mußte. Das ging so weit, daß ich im gemeinsamen Schlafzimmer von Angelika und mir mit Angelika zusammen war. Auf mir befand Angelika sich oben. Da passierte mir, daß ich - Angelika bewegte sich auf mir auf und ab - plötzlich Manuela zu Angelika sagte. Komm, Manuela, komm. Komm jetzt, Manuela, komm. So bist du gut, Manuela. Jetzt, Manuela, jetzt, jetzt. O ja ...
In mir die Überzeugung, daß nur das Verlangen Manuela Dombrowski irgendwo wiederzusehen, -treffen, die Antriebskraft war, die mich außer Haus trieb. Deswegen bin ich ausgegangen. Aus keinem anderen Grund habe ich nach Fransen gesucht.
Wenn das mit meinen Gedächtnislücken nicht wäre, wäre alles klar.
Angelika möchte gegen Fransen gerichtlich erwirken, daß Fransen sich ihr oder mir nicht auf einhundert Metern nähern darf. Sehen ich oder sie, Angelika, Fransen irgendwo in unserer unmittelbareren Umgebung, verständigen wir die Polizei, hat Fransen mit einer Festnahme zu rechnen. Danach könnte es sein, daß Fransen, der sich auf Bewährung in Freiheit befindet, für länger ins Gefängnis muß.
Nur - hilft mir das eigentlich irgendwas gegen Fransen, was Angelika vorhat? Wenn Fransen wieder bei mir auftauchen möchte, taucht er auf.
Wenn das wieder losgeht bei mir, das ich Manuela unbedingt wiedersehen möchte, begebe ich mich sogar auf die Suche nach Fransen.
Wenn ich selber wieder die Suche starte, die Suche nach Fransen ... Ob ich Fransen hier in der Stadt finde, oder Fransen irgendwo in der Umgebung von Geiersdorf suche.
Schließlich ist Fransen der, der mich zu Manuela bringen könnte.
*