"Das digitale Tagebuch" (30.09. - 05.11.), No. 3
Einunddreißigster Oktober, foxy.jpg. offen.
Mittwoch am Abend. 19:33 Uhr.
Angelika ist in ihr kleines, nettes Auto gestiegen, unten aus dem Parkdeck heraus. Um zu ihren Eltern abzufahren.
Möglicherweise ist Angelika bis Freitag nicht zurück.
Hat Angelika mich geistig darauf vorbereitet. Daß ich die nächsten paar Tage alleine in Angelikas Wohnung bleiben muß.
So Geschichten mit ihren Eltern, wenn sie ernst sind, hat Angelika gesagt, können dauern.
Schließlich: Es gibt Stunk.
Wegen mir.
Man muß das sehen, daß Angelikas Eltern das schlichtweg abgelehnt haben, daß ich Angelika heute zu ihnen begleite. Mich wollen Angelikas Eltern nicht bei sich in großen, schicken Doppelgeschoß-Villa sehen.
Gerade vor zwei Minuten hat Angelika mir eine Kurznachricht geschickt, daß sie an einer Tankstelle steht, den Gastank füllt. Im Text hat Angelika gemeint, daß sie mich regelmäßig auf dem laufenden halten wird, wie sich die Dinge bei ihren Eltern daheim entwickeln werden. Ob es ihr, Angelika, gelingt, den Wind zu drehen. Schwer zu sagen.
Ganz schön wütend war Angelika heute nachmittag, wegen ihren Alten.
Das Vorhaben, mich in naher Zukunft zu heiraten, das will Angelika jedoch nicht aufgeben. Trennen wird sie, Angelika, sich von mir auf keinen Fall. Wie es Mutti und Vati sich wünschen.
Das wird sie, Angelika, Vati und Mutti schon verklickern, daß sie das nicht so einfach eine Trennung verlangen können. Ihr damit drohen, daß sie bald weniger Geld bekäme. Nur noch so viel, wie für das Studium knapp nötig ist, daß Angelikas Unkosten gedeckt sind.
Angelikas Vati nennt mich einen Psycho, einen Verrückten. Angelika, seine älteste Tochter, hätte die Absicht, einem Verrückten die Türe aufzumachen. Als ob man einen Psychopathen in der Familie bräuchte. Außerdem: Wäre ich nicht weit unter Angelikas Niveau?
Eine Eheschließung mit ihr, Angelika, die wäre vor allem für mich von Vorteil. Vor allem, was die Geldseite angeht.
Früher hätte Angelika solche Sachen doch auch im Kopf gehabt. Kerle, die einigermaßen gut aussahen, nach ihrem Geschmack wären, die gäbe es auch dort, wo man selber Geld hätte. Wenigstens hätte sie, Angelika, das bis vor kurzem noch gewußt. Ehe sie mich kennenlernte. Daran sollte Angelika sich erinnern.
Der Ärger, den Angelika hat, der hat jedoch erst vor kurzem so angefangen. Nachdem Angelikas Eltern das mit meinen Aufenthalten im Meinhardt-Sanatorium erfahren haben. Beziehungsweise durch Angelika erfahren mußten. Seitdem haben Angelikas altvordere Herrschaften einen dicken Hals, wenn ich und mein Name erwähnt werden.
Beinahe einen Monat, daß ich im Meinhardt-Sanatorium verbracht hätte, ohne daß Angelika, das Kind, zur Besinnung gekommen wäre. Nach jedem anderen, von denen es welche im knappen Dutzend gäbe, hätte Tochter Angelika sich in der Zwischenzeit locker umschauen können. Alle Möglichkeiten dazu hätte Angelika gehabt. Statt dessen mußte Angelika mir treu bleiben. Mir hält Angelika weiterhin die Stange hoch, nicht zu fassen.
Nicht ein bißchen was, daß ich den Vorstellungen entspreche, die Angelikas Eltern von einem Mann an der Seite ihrer ältesten Tochter haben. In den Augen von Angelikas Vati und Mutti bin ich ein dumber Taugenichts. Ausschließlich dazu fähig, dumme, naive Mädchen, bevorzugt aus reichem Haus, anzubaggern. Um bei ihnen an die Schatzschatulle heranzukommen. Wenn die Truhe voll Gold mir offensteht, dann bin ich glücklich. Müßte man sehen, wie ich mich aufführe, klappt die Schatzkiste mir zu.
Damit muß ich die nächste Zeit zurechtkommen, daß Angelika - ganz entgegen von Angelikas ursprünglichen Absichten, weil ich ja erst seit dem Montag wieder aus dem Meinhardt-Sanatorium entlassen und richtig zu ihr, Angelika, zurückgekehrt bin - mich verlassen hat. Das wegen ihren alten Eltern tun mußte.
Wenn etwas mit mir wäre, soll ich ein Telefonat mit Frau Doktor Hella führen. Oder mir ein Taxi rufen, das mich sofort in die Praxis Frau Doktor Hellas bringt. Frau Doktor Hella würde mir sicherlich helfen, beistehen. Und, wenn es zu schlimm würde, könnte ich mich ins Meinhardt-Sanatorium fahren lassen. Macht doch nichts. Wenn sie, Angelika, zurück ist, bin ich spätestens am Tag drauf wieder draußen von dort. Darauf könnte ich mich verlassen.
Schön. Sehr schön.
Bin ich also einsam und verlassen in der Weite der großen Wohnung Angelikas. Als prozac people fresse ich Stimmungsaufheller. Die, die Angelika für mich abgezählt hat, und welche, die ich mir selber genehmige. Direkt aus dem obersten Fach in dem Küchenschrank.
Von einer großartig besseren Stimmung kann deswegen jedoch bei mir lange keine Rede sein. Es ist nämlich so, meine Gedanken machen den Kreisel. Drehen sich ständig im Kreis.
Ich sollte bei Frau Doktor Hella die Telefonstation Musik spielen lassen, hab dazu aber keine Lust. Was machen wir da, bei Frau Doktor Hella?
Lieber ist mir, daß ich tippe. Das gefällt mir besser, in foxy.jpg. zu texten. Finde ich besser, als Frau Doktor Hella anzutelefonieren.
Scheiß die Frau an.
Hallöchen, das hier ist foxy.jpg., meine geheime Datei. Die ich vor den Leuten geheimhalte. Ist besser so.
Jene Mittwochnacht im August, kommen wir auf die zurück. Die Geschichte ist in foxy.jpg. überhaupt noch nicht abgeschlossen.
Die jener Mittwochnacht.
August hatten wir.
Du weißt was zuvor die Tage los war, mein Tagebuch.
Einen totalen Filmriß hatte ich da im August, der sich über mehrere Tage erstreckte. Vom neunzehnten bis zum einundzwanzigsten.
Was ich die ganze Zeit getrieben hatte, keine Ahnung habe ich - bis heute. Die Erinnerung daran, wie weggeblinkt. Ohne, daß ich groß gesoffen hätte. Habe nichts gesoffen, keine Drogen genommen. Nichts getan, was einem Gedächtnislücken reißen konnte.
Bis heute weiß ich nichts Genaues, was ich da im August von Sonntagnacht, den Montag, den Dienstag erlebt habe, daß ich bis heute nicht viel davon wissen dürfte. Nur eine Messerwunde hatte ich. Ein blaues Auge. Großflächige Abschürfungen, grüne, blaue Flecke.
An den Wahnsinn, der später die Mittwochnacht war, an das darf ich mich jedoch schon erinnern. Obwohl es doch auch ... Während das, was zuvor war seit Sonntagnacht ab dem neunzehnten August los war, mir weggeschaltet war und ist.
Schon komisch, wie das zugeht hier. Das eine, das löchst mir mein Gehirn total aus. Es bleibt die Lücke. Den Mist allerdings, wie es am Mittwoch dem zweiundzwanzigsten die Nachtstunden weiterging, auf das entsinne ich mich, als wäre es eben vor ein paar Minuten gewesen.
O ja, Tagebuch, das steht ganz genau in Dir beschrieben: Das Farbfotoporträt mit Manuela Dombrowski mit den rotgefärbten Bauschehaaren drauf hatte ich mir zum Dauerdraufglotzen vorgenommen. Ein Wahnsinniger war ich. Plemplem. Immer nur draufgeglotzt habe. Nur auf das Bild draufgeglotzt. Sicher mehr als eine Stunde. Wie blöde.
Plötzlich ist mir doch was gekommen. Eine Art Geistesblitz.
Um den, der Manuela Dombrowski fotografiert hatte, drehte sich der Einfall. Daß es doch eine Möglichkeit für mich geben könnte, den zu blicken, der der Fotograf jener Manuela Dombrowski mit der Kupferhaarfärbung sein könnte.
Die Augen Manuela Dombrowskis, die waren doch wie Spiegel. Wirkten wie Spiegel. Die Augen, die Dinge wiederspiegelten.
Warum hatte ich diese Idee mit Manuela Dombrowskis Foto nicht schon früher gehabt?
Bald drei Uhr nachts an dem Mittwoch war es, habe ich das Farbfoto Manuela Dombrowskis auf meinem Drucker eingescannt.
Erst mal das Bild gespeichert. Dann habe ich das Augenpaar Manuela Dombrowskis am Läppie größer gemacht.
Monitorfüllend, das linke und das rechte Auge Manuela Dombrowskis. Das Bildprogramm war auch dafür gut, unscharfe Umrisse scharf zu kriegen.
Mit einem Klick bin ich von einem Bild zum anderen gewechselt.
Ich war verrückt. Es hat mich aber noch verrückter gemacht. Ich wollte die Welt nicht begreifen. Weil: Da war nichts. Rein gar nichts.
Das reinste Nichts.
Nichts zu erkennen auf den Augen-Vergrößerungen. Keine Art Widerspiegelung von irgendwen, -was. Nicht mal eine Landschaft spiegelte sich in den Augen der Foto-Manuela.
Habe gedacht, das kann es nicht geben. Das Foto muß manipuliert sein, bereinigt.
Bloß - wieso? Warum denn? Wer kommt denn auf so was? Wem fällt überhaupt ein, daß ich dieses Farbbild Manuela Dombrowskis in Besitz bekommen könnte, ich den Einfall hätte, beide Augen Manuela Dombrowskis zu vergrößern, mit einem Bildprogramm, das mir jeden unscharfen Umriß scharf rechnet, herstellt? Und zwar so, daß ich den Fotografen und die Umgebung rundherum hübsch erkennen hätte können.
Was Manuela Dombrowskis Augen widerspiegelten: Keinerlei Umriß irgendeiner Landschaft. Ebensowenig war da ein Mensch präsent. Einer zum Beispiel, der das Foto geschossen hätte.
Einfach nichts. Nichts. Nichts.
Nur die Originalaugenfarbe Manuela Dombrowskis. Das Farbspektrum von Manuela Dombrowskis linkem und rechtem Auge.
Ansonsten allerdings - keine Art in den Augen gespiegelte Umwelt.
Das war nochgerade schrecklicher, als wenn ich denjenigen, der sich hinter dem Fotoapparat befand, zu sehen gekriegt hätte.
Was hätte dagegen gesprochen, wenn ich ein klein wenig Umgebung überblicken hätte dürfen. Die Örtlichkeit der Aufnahme. Oder den Umriß einer Gestalt. Jemanden, der einfach nicht deutlicher zu machen war. Wäre da wirklich mehr verlangt gewesen als das Handelsübliche?
Den Kopf habe ich, in meiner Wohnheimbude an meinem Schreibtisch dem Läppie-Monitor gegenüber geschüttelt und geschüttelt.
War nicht in der Lage, den Spaß zu verstehen.
Immer erschrockener hat mich die Unheimlichkeit hat mich das gemacht. Diese Leere, dieses Nichts war ein einziges Entsetzen.
Zu zittern habe ich angefangen, nervös in meiner Studentenbude herumgeschaut. Als könnte bei mir drinnen aus dem Nichts etwas, jemand auftauchen.
Konnte es einfach nicht fassen, das mit dem Manuela-Dombrowski-Foto.
Hatte das gleiche wie bei der Fotografie mit Manuela Dombrowski drauf schließlich früher mal bei zwei, drei Fotos von Helen gemacht. Länger her. Bei den Fotos Helens hatte alles ganz einwandfrei funktioniert.
Ein Gedanke, der mir aus Eifersucht gekommen war. Ich dachte, Helen würde sich mit irgendeinem Kerl treffen. Da könnten mir bestimmte Fotos mit Helen drauf, die ich mir bei Helen daheim besorgte, gewiß etwas zeigen, daß dem so war.
Bloß, Helen hatte mich nicht angelogen. Helen war nicht ab und an mit anderen Typen unterwegs. Sondern wirklich mit ihrer Freundin Inge zusammen.
Inge war die, die Helen bei sich im heimischen Garten fotografiert hatte. Im Café. Und vorm Kino.
Deutlich war Inge die, die ich widergespiegelt sehen konnte. Inge, die ihren Fotoapparat vor die obere Gesichthälfte hielt.
Eindeutig Inge. Nur Inge.
Oder sollte ich eifersüchtig auf Inge sein?
Die Fotografien Helens waren demnach unzweideutig klar. So, wie das eben zu sein hatte.
Während mir mit dem Foto Manuela Dombrowskis, dem mit Manuela Dombrowski mit den gefärbten Kupferhaaren, schon wieder ein Problem entstanden war. Eins, das sich mir nicht auflösen wollte.
Es blieb die Frage: War da an Manuela Dombrowskis Foto herummanipuliert worden? Etwas bereits für einen möglichen Betrachter der Augen fortretuschiert? War das quasi ein bereinigtes Foto Manuela Dombrowskis, das ich bei mir auf meiner Bude hatte?
Müßte derjenige das vorausgesehen haben, daß in der Zukunft mal jemand Ideen mit dem Foto Manuela Dombrowskis haben könnte. Die, die ich bei dem Foto hatte.
Mußte sich dabei ja nicht unbedingt um mich handeln, für den das Foto Manuela Dombrowskis im vorausschauend bearbeitet worden war. Eventuell, daß einer einer polizeilichen Soko einen vergleichbaren Gedankengang hatte. Das Foto größer zu machen, um sich das mit den Augen Manuela Dombrowskis näher anzugucken.
Wäre das denn die Möglichkeit gewesen? Was hätte das denn sein können, was auf der doofen Manuela-Dombrowski-Fotografie zu verbergen gehabt hätte? Was durfte kein Mensch sehen?
Antwort: Zunächstdiejenige Person, die fotografiert hat. Das zweite: die Landschaft hinter und links und rechts vom Fotografen.
Was war das nun, dort? Was hätte sich damit entlarvt?
Mutti Dombrowski sagte, daß ihr ihre Tochter Manuela nie mit solch einer Kupferhaarfrisur bekannt war ... Manuela Dombrowski, ihr Kind, mochte das Haarefärben schon während ihrer Kindheit nicht sehr, im Gegensatz zu ihrer Schwester Christine.
Mir ist Manuela Dombrowski im Juli vorm Unteren begegnet, mit ihrer Original-Haarfarbe ...
Wenn das Foto demnach nach dem Tod Manuela Dombrowskis entstanden wäre ...? Das Foto ein Beweis wäre, daß Manuela Dombrowski nach ihrem Tod ...?
Manuela Dombrowski, die doch tot war. Am Gnaden-Friedhof der kleinen Stadt unten hat Manuela Dombrowski ihr Grab. Unter schwarzer Erde. Mit Blümchen und Metallkreuz.
Das heißt, wenn die Taberts nicht in der Zwischenzeit dafür gesorgt haben, daß Grabsteine die letzte Ruhestätte Manuela Dombrowskis schmücken.
Die Taberts ...
Hans-Georg Tabert, der im Gefängnis saß ...
War Manuela Dombrowski nun tot - oder war Manuela Dombrowski noch am Leben?
War ein Beweis dafür in Manuela Dombrowskis Augen zu entdecken, daß Manuela Dombrowski am Leben war?
Fast ein Gedanke für einen Kriminalfall.
Nur ... Solange alles für mich seltsam bleibt. Dem Gefühl nach.
*
Zweiter November, foxy.jpg. auf.
Freitag am frühen Abend. 18:49 Uhr.
Für die Sauberkeit der Hausstiegen hat Angelika einen Putzdienst engagiert, der, wenn im Gebäude die Reihe an Angelika ist, daß sie das machen muß, von Montag bis Samstag so um acht Uhr hier im Haus erscheint.
Zu uns in die Wohnung dürfen die Leute dieser Reinigungsfirma jeden Mittwoch am Vormittag rein. Alles wird gemacht: die Arbeit mit dem Staubsauger, alles.
Nur fürs Essenmachen muß ich bei mir selber sorgen. Ich mache mir mein Mittagessen. Für eine Person.
Ab Montag esse ich vielleicht mit Angelika in der Mensa an der Uni.
Die Anrufe für Angelika nehme ich am Normalo-Telefon entgegen.
Bei Angelika frage ich per Kurznachricht nach, ob ich an den Mann von der Bank oder den Professor, der Angelikas Nummer verloren hat, die Smartie-Nummer Angelikas weitergeben darf. Auch Freunde, -innen wollen mittels normalem Telefon mit Angelika sprechen. Nicht zu fassen ist das.
Ausschließlich mit meinem Smartie telefoniere ich mit Angelika. Momentan erzählt Angelika die meiste Zeit, wie sehr sie daheim angenervt wird. Wie es für Angelika ausschaut, muß sie auch das Wochenende in der Villa ihrer Eltern bleiben. Sozusagen, um das mit der Landschaftspflege weiter zu betreiben.
Obwohl: Die Spannungen zwischen Angelikas Eltern und Angelika sind ein wenig geringer geworden. Ein bißchen, spricht Angelika, daß sich die Stimmung aufgehellt hätte.
Vor allem hat das damit zu tun, weil Angelika nicht mehr unbedingt darauf besteht, sich in nächster Zukunft mit mir verheiraten zu wollen. Deswegen - und vor allem deswegen - wird Angelika bis auf weiteres wohl nicht ihrer monatlicher Apanage beraubt oder gar von Vati und Mutti enterbt.
Außerdem darf Angelika in ihrem bisherigen Lebensstil weiterleben. Statt daß ihr sämtliche Konten gesperrt würden, behält Angelika ihre Platin-Karte. Obwohl Angelikas Vati das Angelika gegenüber wiederholt, daß er das gerne sehen würde, wie ich mich ihr, Angelika, gegenüber verhalte, hätte Angelika ihren ganzen Reichtum nicht mehr.
Trotzdem, trotzdem, muß zugeben: Angelikas Vati und Mutti haben Angelika auch ein paar Zugeständnisse gemacht.
Angelika darf mal mit mir zusammenbleiben. Und, sollte ich meinen Studiengang zu einem erfolgreichen Abschluß bringen, ich danach eine Arbeitsstelle fände, dürfte auch einer Hochzeit Angelikas mit mir nicht viel im Wege stehen.
Ehe das jedoch nicht geschehen ist: nichts mit dem Aufgebotbestellen, der Heiraterei. Höchstens verloben kann Angelika sich mit mir.
Auch als Angelikas Verlobter bleibt es für mich jedoch dabei, daß ich deswegen lange nicht Familienmitglied bin. Nicht einmal einer, der als Besucher von Angelikas Eltern in der Groß-Villa gerne gesehen ist. Auch vom Rest der Familie sollte ich mich am besten fernhalten.
Sprich, das Obige heißt: Angelika hat mit mir Zeit gewonnen. Die Welt, nicht mehr ganz so düster für Angelika, Angelika, die mich will, sonst keinen.
Schon gar nicht, daß Angelika demnächst beginnen muß, einzelne edlere, teurere Stücke aus ihrer vollen Schmuckschatulle zu verkaufen. Oder zu versetzen.
Zum Beispiel einen mit hochkarätigen Diamanten besetzten Armreif. Die Halskette aus dem neunzehnten Jahrhundert, über deren genauere Karat-Besetzung und Benennung ich im Moment nicht so gut Bescheid weiß, von der mir Angelika jedoch mitteilte, daß sie für das Teil einen Rolls fabriksneu kriegen könnte. Oder eines ihrer Golddiademe nach der Art altägyptischer Prinzessinnen. Beziehungsweise die beiden Paare dicker Platinohrringe in Tropfenform.
Mensch, Angelika und ich, wie es aussieht, hätten wir beide voll am Hungertuch zu nagen, hätte Angelika auf eine Eheschließung mit mir bestanden.
Frage mich: Soll ich von Angelika nun irritiert sein? Oder mich beleidigt fühlen?
Mensch, nichts aus ihrem vollen Schatzkästchen muß verkaufen oder zum Pfandleiher bringen. Alles bleibt beim alten. Das sorglose Weiterleben mit mir ist für Angelika gebongt.
Eh, bloß, Tatsache: Würde es mich momentan wirklich stören, hätte Angelika ihrer alten Herrschaften gehorcht?
Ich meine, beinahe bin ich von allem enttäuscht. Daß zwischen Angelika und mir die Welt bleibt, wie sie war, das bessert mir meine Gefühlswelt in keinstem Maße auf.
Das, daß ich nicht bei Angelika rausgeworfen werde. Nicht muß ich mir eine eigene Wohnung suchen.
He, vielleicht, daß ich sie mit Angelikas Hilfe schneller gefunden hätte als üblicherweise Leute aus dem Studentenmilieu Wohnungen finden. Oder Wohnheimbuden.
Wenn ich mir überlege, wie viele Namen die örtlichen Wohnheime vorgemerkt haben ... Wenn ich läuten höre, welche Probleme welche bei der Wohnungssuche haben ...
Würde mich bei Angelika sicher eher nach hinten werfen, als nach vorn bringen, würde Angelika das zu lesen bekommen, was ich hier gerade lustig tippe.
Kann mir das richtig bildlich vorstellen, wie Angelika die Augen aufreißen würde. Starr angeglotzt würde ich von Angelika. Kein Wort, nicht eine Zeile, nichts, das Angelika irgendwie passen würde.
Vielleicht, daß Angelika mir ansagen würde, daß sie jetzt bei mir Konsequenzen zieht.
Wenn ich jetzt sogar glasklar texte, wie sehr ich davon enttäuscht bin. Daß ich weiterhin mit Angelika zusammenbleiben muß.
Warum soll ich eigentlich hier in foxy.jpg. um den heißen Brei herumreden?
Kann das hier drinnen alles deutlich zum Ausdruck bringen. Nämlich das, wie mich das ankotzt, daß ich, statt daß Angelikas und meine Wege sich trennen, weiter bei Angelika in der Kiste herumsitze.
Bei Angelika bleibe ich in der Wohnung, muß gewissermaßen auf Angelika achtgeben, auf sie aufpassen. Habe des weiteren Frau Doktor Hella am Hals. Mit Frau Doktor Hella habe ich ständig das beschissene Meinhardt-Sanatorium im Hintergrund am Bild stehen. Die umdunkelten Mauern des Meinhard-Sanatoriums drohen mir von hinter Frau Doktor Hella.
Frau Doktor Hella, die hat mich gegen fünf am Nachmittag angerufen hat. Frau Doktor Hella möchte, daß ich ab nächste Woche wieder keine meiner Sitzungen bei ihr ausfallen lassen. Entschuldigungen gibt es für mich keine mehr bei ihr. Ich habe bei ihr, Frau Doktor Hella, zu erscheinen. Oder ich habe meine Zeit wieder im Meinhard-Sanatorium zu verbringen. Mit Angelika hätte sie vor einer halben Stunde erst telefonisch über alles gesprochen, Angelika wüßte wieder besser Bescheid.
Bis zum jetzigen Sekunde hat Angelika das mir gegenüber bei keinem Smartie-Gespräch erwähnt. Wohl aus dem Grund, weil das, was Frau Doktor Hella gesagt hat, bedeutet, Frau Doktor Hella dürfte nichts davon erfahren, daß Angelika mich alleine bei sich in der Wohnung hocken läßt. Ganz ohne jede Beaufsichtigung bin ich.
Sonnenklar, käme es dazu, daß Angelika mich heiratet. Passierte Angelika und mir irgendwann ein Weilchen später eine Scheidung - käme alles ganz auf den Ehevertrag an, den ich und Angelika unterzeichnet haben.
Auch im Moment fänd ich es überhaupt nicht schlecht ... Würde Angelika mir ansagen, daß sie und ich uns trennen sollten - wäre ich frei. Tun und lassen könnte ich, was ich will.
Das heißt, ich müßte mich auch von Frau Doktor Hella befreien können. Daß Frau Doktor Hella mich frei gäbe. Daß eine Trennung von mir und Angelika möglich wäre - ohne daß ich auf geradem Wege ins Meinhardt-Sanatorium verbracht werde.
Andererseits ist das Meinhardt-Sanatorium was für den bessergestellten Personenkreis. Ohne Angelika gäbe es für mich sicher bald keine Frau Doktor Hella und kein Meinhardt-Sanatorium mehr. Senken die im Meinhardt-Sanatorium den Daumen, was meine Anwesenheit im Meinhardt-Sanatorium anginge, hätte das gewiß längst nicht die große Freiheit für mich zu bedeuten. Sondern eher, daß es für mich aus dem Meinhardt-Sanatorium woanders hingeht, in ein gewöhnliches Klinikum für jedermann. Vom Staat bezahlt.
Wirklich gewaltig, im Augenblick, der Wunsch, eine Bude für mich zu haben.
Auf meiner eigenen Bude müßte auf nichts Rücksicht nehmen. Mit nichts müßte mich zurückhalten. Vor allem hätte ich niemandem bei mir dabei.
Auf einer eigenen Bude ohne die Gegenwart könnte die Wahrscheinlichkeit größer sein, daß ...
Daß ...
Daß Manuela Dombrowski zu mir kommt. Und daß sie ausschließlich für mich käme.
Wäre ich frei und ungebunden, wäre nicht an Angelika gebunden, hätte nichts mit einer Frau Doktor Hella, die mir auf den Zahn fühlt, wäre die Wahrscheinlichkeit groß, daß ich Manuela ausschließlich für mich haben könnte.
Daß Manuela von irgendwoher zu mir käme. Wo immer Manuela im Augenblick ist.
Heute überlege ich bereits den ganzen Tag, ich könnte im Zug zu Mutti Dombrowski hinabreisen. Drunten mich im Taxi zu Mutti Dombrowski in die Hegelstraße fahren lassen.
Um bei Mutti Dombrowski nachzufragen, ob Mutti Dombrowski nicht noch weitere Fotos von ihrer Tochter Manuela hätte. Die alten Fotografien wären mir beim Umzug zu meiner neuen Freundin Angelika leider verlorengegangen. Auch das Sterbebildchen Manuela wäre mir abhandengekommen.
Mutti Dombrowski, ihre Fotoalben. Etwas, was ich bisher noch überhaupt nicht näher bedacht habe.
Alte und neuere Fotos Manuelas könnte ich mir zusammen mit Mutti Dombrowski am Sofa angucken. Könnten interessante Dinger für mich dabei sein. Von denen Mutti Dombrowski mir ein, zwei Bilder mitgeben könnte.
Ich könnte Mutti Dombrowski dazu bewegen, mit mir ins Zimmer Christines zu machen. Mutti Dombrowski könnte herumsuchen, während ich ihr nur zusehe ...
Vielleicht, daß Mutti Dombrowski dabei per Zufall was Nettes in die Finger gerät. Etwas von der Sorte ... Jener Bilder, die ...
Etwas mit Manuela Dombrowski mit den Kupferhaaren zum Beispiel. Oder ein weitere Aufnahme: Manuela Dombrowski auf dem Koppeltor sitzend.
Der Wahnsinn, der sich mir beim Betrachten dieser Fotoszenen schon abgespielt hat. Ohne daß es dafür eine plausible Erklärung gab, wie das auf diesen Aufnahmen passieren konnte, daß sich das Bild plötzlich in Bewegung setzte, wie bei einem Fernsehbildschirm, bei dem man kurz auf Pause gedrückt hatte.
Manuela Dombrowski mit den kupferrotgefärbten Haaren, solch eine Fotografie aufzufinden ... Das wäre es gewesen. Hätte sich die Reise zu Mutti Dombrowski wirklich gelohnt.
Möglich wäre, daß mir daraufhin neue unerklärliche Dinge passieren konnten. Wieder, daß so Sachen mit Manuela Dombrowski bei mir loszugehen anfingen. Wie lange nicht mehr. Sachen, bei denen jeder normale Mensch sich gegen die Stirn tippt. Weil es sie nicht geben dürfte, normalerweise.
Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, daß sich so was auf Fotografien abspielen kann, an denen sich nicht der allerkleinste technische Schnickschnack befand. Nichts, damit es sich mit Vernunft erklären ließen. Wie viel zu vieles mit und bei Manuela Dombrowski eigentlich.
Vollkommen unverständliche Vorkommnisse sind das, die mir seit dem zehnten Juli begonnen haben. Daß man sich eigentlich fragt: Wer oder was ist Manuela Dombrowski?
Ach, hätte ich nur so ein Bildchen von Manuela Dombrowski, mit dem was sein könnete. Etwa eins, auf dem Manuela Dombrowski diese kupferfarbenen Haare hat ...
Eines derr Art, das mir momentan vollständig abgeht.
Dieses frisch in meinen Besitz gelangte Foto Manuela Dombrowskis könnte ich sofort auf meinem Läppie einscannen. Schnell nachschauen, ob sich bei Manuela Dombrowski wirklich nichts in den Augen spiegelt.
Vielleicht könnte ich diesesmal jedoch in den Augen dieser Manuela Dombrowskis eine Widerspiegelung von Dingen entdecken. Das ich durch Zufall einen Hinweis darauf erhalte, wo Manuela Dombrowski sich im Augenblick aufhält.
Die rätselhaften Phänomenen, die sich mir auf schon auf Manuela-Dombrowski-Fotos einstellten ...
Muß nur an diese Mittwochnacht im August denken. An die Nacht des zweiundzwanzigsten Augusts. Was da alles plötzlich bei mir los war.
Der Wahnsinn.
Zunächst das: Dauernd habe ich zwischen den Augenvergrößerungen auf meinem Läppie hin und her geklickt. Wollte es einfach nicht glauben, daß da nichts wäre, was sich in den Augen widerspiegelt.
Keine Landschaft. Nichts und niemand. Nicht mal so was wie blauen Himmel.
Bis mir etwas anderes einfiel. Etwas ganz anderes. Daran dachte ich, daß das nicht mit dem Foto zusammenhängen mußte. War etwa beim Einscannprozeß ein Fehler vorgekommen?
Das Manuela-Dombrowski Fotoporträt habe ich wieder in die Hand genommen. Mir angeguckt. Frage: Das Foto noch mal einscannen? Das mit der Vollständigkeitsanzeige des Scannprozesses für mich in den Vordergrund bringen, damit ich wüßte, daß der Vorgang tatsächlich zu einhundert Prozent abgeschlossen war?
Die Fotografie Manuela Dombrowskis hatte ich bei mir am Schoß liegen, klickte weitere vier-, fünfmal genervt von einer Augenformatsvergrößerung Manuela Dombrowskis zur anderen.
Anscheinend blieb nichts übrig: Das Ganze wieder einscannen und gucken.
Plötzlich erinnerte ich mich, daß Manuela Dombrowskis Mutti etwas Bestimmtes zu mir gesagt hatte. Das, daß sie, Mutti Dombrowski, etwas entdeckt hätte, was ich mir anschauen sollte.
Mutti Dombrowski meinte die Rückseite der Manuela-Fotografie.
Aus irgendeinem Grunde hatte ich mich bisher nicht großartig darum gekümmert, was Manuelas Mutti Schönes in meine Richtung gelabert hatte. Nur das Foto mit Manuela Dombrowski drauf war mir wichtig, nichts sonst.
Umgedreht habe ich das Manuela-Fotoporträt, mir die rückwärtige Seite angesehen.
Das Foto stammte aus einem Geschäft her, war dort entwickelt worden. Der Name des Geschäftsunternehmens war rotfarben in Druckbuchstaben abgedruckt - FOTO HAENDEL.
Foto Händel kannte ich.
Hatte mir selber bereits Fotostrecken bei Foto Händel anfertigen lassen. Zwar kostete mich das Geld, ersparte mir jedoch Zeit. Die Zeit, die ich vorm Rechner und mit dem eigenen Drucker verbringen hätte müssen.
Die Qualität, die Foto Händel lieferte, war außerdem verläßlich. Immer gleich gut. Die bei Foto Händel verstanden was von ihrer Arbeit. Hatte doch Geld, konnte mir deswegen die Herummacherei mit meinem Fotoprogramm sparen.
Foto Händel, das war klar. Das zweite, die Nummern, die sich unter den Strichcodes befanden, ebenso.
Zu lesen kriegte ich auch ein Datum - 21.07. ...
Der einundzwanzigste Juli des Jahres ...?
Dieses Jahr?
Die Zahl, die das Jahr sein sollte - spontan draufgesehen war das heuer.
Bloß, die Druckerpatrone war hier schlecht geworden.
Interpretierbar, die zwei Zahlen. Schwer zu sagen. Gebrauchte ich meine Phantasie, konnten das alle mögliche Zahlen für das Jahr sein.
Es konnte das heurige Jahr sein. Oder doch eine andere Jahreszahl.
Die Möglichkeiten schränkte ich dennoch ein: der 21.07. dieses Jahres. Oder des nächsten Jahres.
Heuer war Manuela Dombrowski am 21.07. jedoch bereits ein mehrere Monate tot. Und nächstes Jahr war Manuela Dombrowski ebenfalls lange tot.
Vibriert hat alles in mir, als es mir aufging, worauf Mutti Dombrowski hingewiesen hatte. Die rechte Hand habe ich mir vor der Brust in das Unterhemd gekrallt. Das Herz, das hat mir bis zum Hals geschlagen.
Mit einer Lupe aus Angelikas Arbeitszimmer guckte ich mir den Spaß noch einmal ganz genau an.
Mitten in der Nacht konnte ich nicht bei Foto Händel anrufen. Versuchen, bei Foto Händel Erkundigungen einzuziehen. Wenn die bei Foto Händel überhaupt Auskunft über ihre Kunden gaben. Hörte die Ansage in meine Richtung: Da kann doch jeder kommen. Wenn Sie nicht von der Polizei sind, teilen wir Ihnen keine Kundendaten mit ...
Wenn die eine Manuela Dombrowski tot war? Gab es eine zweite Manuela Dombrowski?
Die Überlegung war, eine Zwillingsschwester Manuelas ...
Nur - das mit der doppelten Manuela hatte ich auch schon. Weiter gebracht hatte mich das nicht. Zu nichts geführt.
Schon vor zehn Jahren kannte ich nur Christine und Manuela, Christine, die älteste Tochter der Dombrowskis, und Manulea, die jüngste. Nur zwei Kinder hatte Mutti Dombrowski. Darüberhinaus war auf wiederholter Nachfrage bei Mutti Dombrowski nichts zu erfahren. Obwohl Mutti Dombrowski mir das doch sagen hätte können, hätte Manuela bei der Geburt ein Schwesterchen gehabt.
Warum hätte Mutti Dombrowski nicht auch Manuela hergegeben, wenn Mutti Dombrowski das andere Kind hergab? Wo wäre für Mutti Dombrowski das Problem gewesen?
Was dazu kam: Überschaute ich die Szene bei Familie Dombrowski richtig, rechnete alles hinzu, was ich von den Dombrowskis wußte, war der alte Dombrowski, Christines und Manuelas Vater, einer, der hatte was für Töchter übrig. Höchstens mit Söhnen, daß es Vati Dombrowski nicht leicht gehabt hätte. Da wäre Vati Dombrowski unter Umständen einer einer zuviel gewesen. Den er vielleicht hergeben hätte können. Vielleicht. Aber, eine Tochter, wohl kaum.
*
Dritter November, foxy.jpg. offen.
Samstag am Nachmittag. 15:23 Uhr.
Angelika ist weiter bei ihren Eltern in der Villa, bewohnt ihr altes Zimmer.
Erst am Montag oder im Laufe des Dienstagsvormittages wird Angelika von dort zu mir zurückkommen, hat Angelika mir geschrieben. Schließlich muß Angelika auch noch was studieren.
Gestern hat Angelikas Vater einen abendlichen Empfang in der Großvilla gegeben. Eine Art Gesellschaftsfest gepaart mit wirtschaftlichen Interessen. Richtig privat war da eigentlich nichts. Jede Menge weibliche, männliche Firmenvertreter aus Nah und Fern waren der Einladung von den Eltern Angelikas in die Villa gefolgt. Sogar auswärtige Geldadlige und welche von echtem Adelsstand.
Eine richtig feine vielköpfige Gesellschaft. Auf der Angelika eigentlich eines fehlte: der Mann an ihrer Seite. Und das ließ Angelikas Vati Angelika auch merken.
Im Laufe des Banketts und bei den Tänzen haben Angelikas Mutti und Vati dann einiges unternommen, Angelika gutaussehende Kerle vorzustellen und Angelika deren Vita näherzubringen. In einige Gespräche war Angelika verwickelt, daß es Angelika peinlich war, erklären zu müssen, daß sie verlobt wäre; aber ihr Verlobter, der sei leider nicht da. Der Mann, mit dem sie, Angelika, sich verlobt hätte, hätte eben mit einer größeren Arbeit für sein Studium zu tun; deswegen hätte er Angelika nicht zu Angelikas Eltern begleiten können.
Alles so nebenbeipeinliche Geschichten für Angelika. Blicke, die beiläufig auf sie, Angelika, fielen. Der eine oder andere, als wüßte der-, diejenige eindeutig genauer über bestimmte Verhältnisse bei Angelika Bescheid. Daß der, mit dem Angelika beisammen wäre, einen Knall hätte.
Trotzdem hat Angelika das Ganze stundenlang ertragen. Sich nur an einem erfreut, daß sie öffentlich erklärt hatte, sie wäre verlobt. Was bei Angelika ja überhaupt nicht stimmte. Trotzdem machte Angelika das öffentlich. Daß ihre beiden Eltern sich darauf einstellen mußte. Am Schluß der Festivität ist Angelika gegen eins reichlich angeheitert in ihr Bett gefallen, alleine. Obwohl man das mit ihrer Treue zu mir einer echten Belastungsprobe unterzog. Bei all den gut aussehenden Kerlen, die um Angelika herumscharwenzelten. Männerwelt, die gerne dafür gesorgt hätte, daß Angelika, trotz ihrer der breiten Öffentlichkeit verkündeten Verlobung und gegenüber den Typen mehrfach wiederholtem Treuebekenntnis, fremdgegangen wäre.
Hat alles seine psychologischen Aspekte momentan. Mußte Angelika aufpassen, daß sie nicht irgendwohin manipuliert wurde. Wie die Figur auf einem Schachbrett.
Eh, ob Angelika mir treu ist oder nicht. Ob Angelika sich von mir trennt oder nicht. Interessiert mich das?
Finde, hätte Angelika sich einen anderen aufgetan, wäre das momentan überhaupt nicht so schlimm für mich. Hätte ich dann, wäre ich bei Angelika draußen, schließlich wieder eine andere Perspektive. Hätte ich, käme Manuela zu mir, Angelika nicht bei mir dabei.
Was will ich denn hier? Was soll das weiter?
Bis auf weiteres keine Manuela weit und breit, das ist das Problem.
Warum mache ich foxy.jpg. auf? Um das in foxy.jpg. festzuhalten, daß ich mich nach Manuela sehne. Ich ersehne sie, Manuela.
Manuela müßte hier irgendwo in meiner Nähe sein. Oder ich müßite wissen, wo ich sie, Manuela, finden könnte, damit ich zu ihr, Manuela, kommen könnte.
He, habe meinen letzten Eintrag in foxy.jpg. kurz gegengelesen, ein wenig korrigiert.
Da tippe ich jetzt schnell die Fortsetzung. Was in jener Mittwochnacht im August denn noch los war. Schließe hiermit den Kreis.
Ich war munter zugange, mit diesem Manuela-Dombrowski-Foto nahe von meinem Schoß. Bis ich, erinnere ich mich, still am Drehstuhl dagesessen bin, das Läppie am Tisch zugeklappt. Dort war es schließlich auch nur immer das gleiche.
Über das Leben habe ich sinniert. Und über den Tod.
Was war das, das Leben? Im Leben war normal eins sicher: der Tod. Dem Tod konnte keiner entrinnen. Die Frage, die die Menschheit seit urdenklicher Zeit quälte: Was war nach dem Tod? Gab es nach dem Tod ein Weiterleben? So was wie eine Seele, die den Körper verließ. Aber, eine Seele war eine Seele. Und ich hatte Manuela gesehen, Manuelas Fingerspitzen berührt, war von Manuela betatscht worden, und ich habe auch zu Manuela rübergepatscht. Geküßt hat Manuela mich, und ich habe Manuelas Küsse gespürt. Nicht nur als Hauch. Das waren echte Lippen.
Wenn es mich bei überhöhter Geschwindigkeit aus einer Bergstraßenkurve hinaustreibt, ich mit der Wucht meines schweren Fahrzeugs die Leitplanke durchschlage, daß es jenseits rausging. Ab, daß ich, auf dem Fahrersitz hockend, fliege. Eine rasante Abfahrt den steilen Wiesenhang hinunter, daß ich in meinem Fahrgeschäft erlebe. Bis ich an einem uralten, aber zufälligerweise in der Gegend immer noch ziemlich gesunden, dicken Tannenbaum auftreffe.
Wenn ich aus dem Gefährt herausgeschnitten werden mußte. Der Notarzt vorher bei mir Genickbruch und Tod feststellte.
Ein Mann noch dazu, der sich damit auskennt. Wie sich alle übrigen rundherum in der Sache auskennen.
Trotzdem: Weiter, daß man sich um mich kümmert, bemüht ... Von diversen inneren Verletzungen war späterhin die Rede, die ich zusätzlich erlitten hätte. Urteil: War nicht zu überleben, meine Geschichte. Ich war mausetot. Noch dazu nach einer Obduktion.
Danach müßte es stimmen ... Das, daß ich ... Obwohl ich äußerlich aussehe wie unverletzt.
Müßte wirklich ...
Das Leben ist schließlich kein Spiel. Eins, in dem es wie einem Computerspiel unendlich viele Möglichkeiten gibt, Tode zu sterben, um wiederaufzuerstehen. Gesund und munter, der gleichen mörderischen Situation wie zuvor ausgesetzt. Eine, die nicht mir nichts, dir nichts zu überleben war. Um diese mit putzmunterer Spielfigur aufs neue durchzuspielen. Bis ...
Bis ich die Lage endlich bewältigt mit dem richtigen Kniff bewältigt hatte. Geschafft, das Level.
Hatte knapp dreißig Fehlversuche, war dreißigmal abgekackt. Nur: Wen kümmerte das? Jetzt ging es für mich endlich weiter zum nächsten. In dem sich mir fünf Feinde gegenüberstellten, mit denen ich erst zurechtkommen mußte ...
Bloß, das eine heißt Spiel, Spaß, Spannung. Das andere Realität. In der Realität hieß der Tod Tod. Möglicherweise mußte etwas aufs erste Mal klappen.
Nichtsdestotrotz war das Tatsache, daß ich Manuela Dombrowski gesehen hatte. War auf Manuela Dombrowski getroffen. Als hätte sie einen Extra-Versuch. Manuela Dombrowski, mit der ich vor zehn Jahren ein Jahr lang eine Liebesbeziehung hatte.
Alles war am zehnten Juli sehr, sehr real für mich. Und das, obwohl Manuela Dombrowski da bereits Monate am Gnaden-Friedhof der Stadt unter der Erde in einem Sarg ihr Plätzchen hatte.
Und genau das war es, was mir den Geist verwirrte. Das mich kirre, irre machte.
Oder wie sollte ich mir die anderen Erscheinungen im Zusammenhang mit Manuela Dombrowski erklären, als mit Irrsein? Der Irrsinn hatte mich gepackt.
Auf Fotografien, daß mir die festgehaltene Szene plötzlich zum Leben erwachte. Als hätte nur kurz ein Film am Fernsehgerät gestoppt, der jetzt aber am Bildschirm auf einmal für mich weiterlief. Als wäre das keine ordinäre Fotopappe, die ich in den Fingern hielt, sondern irgendeine elektronische Gerätschaft mit Speicherchip. Eventuell die Wärme meiner Hand bringt die Bilder zum Laufen.
Wie ich es auch drehte und wendete, ich kam wieder mal beim Nachdenken über alles zu keinem brauchbaren Ergebnis. Ich blieb der Irregeleitete, geistig Verwirrte, der, dem Puzzleteile fehlten.
Schwer erschlagen fühlte mich. Auch wenn ich sicher nicht schlafen würde können, ein bißchen mich auf mein Bett niederlegen, das konnte ich mich trotzdem. Ein paar Tränen, die mir die Wangen hinunterliefen.
War schon an meinem Bett, als lautstark an die Tür meiner Wohnheimbude geklopft wurde.
Das Herz schlug mir bis zum Hals, der Kehlkopf hüpfte mir auf und ab. Das Klopfen wiederholte sich.
Auf meine wackligen Beinen habe ich mich von der Bettfläche hochgeschafft, auf die ich unwillkürlich vor Schwäche niedersinken habe lassen. Auf der Anzeige meiner Digitalarmbanduhr war es halb fünf Uhr vorbei.
Nochmaliges Anklopfen.
Durch das Guckloch schaute ich, sah draußen am Gang nur das Dunkel.
Es wurde bei mir angeklopft und angeklopft. Ungeduldig jetzt. Bald sollte ich aufmachen. Oder ...
Oder was?
Zu meinem Phönchen zu machen, die Polizei zu rufen, das hatte ich im Kopf. Oder: Dejenige draußen sollte sehen, wohin ihn das brachte, immer heftiger bei mir an die Türfläche zu hämmern. Konnte möglich sein, daß sich jemand wegen nächtlicher Ruhestörung erregte.
Leiser wird das Anklopfen.
Vertraut hörte es sich an. Als müßte man sich kennen.
Plötzlich konnte ich nicht mehr an mich halten. Die Türkette habe ich weggenommen, den Schlüssel im Türschloß zweimal gedreht, die Klinke heruntergedrückt - für den, die draußen war offen. Die Tür schwang nach innen auf.
Großäugig starrte ich auf diejenige, die mir auf der Türschwelle stand.
Zwei, drei Schritte taumelte ich zurück, angesichts von der, die es zu mir hereindrängte.
Christine Dombrowski!
Es war Christine Dombrowski.
Christine Dombrowski, grußlos. Ohne große Freundlichkeit im Gesicht, daß Christine Dombrowski sich bei mir in der Bude einfand. Hinter sich, daß Christine Dombrowski meine Budentüre zumachte. Leise schnappte die Tür ins Schloß.
Christine Dombrowski, die ältere der Dombrowski-Schwestern. Die, die auch offiziell noch lebte. Christine Dombrowski war bei mir drinnen. Christine Dombrowski mit platinblondem, von viel Sprayarbeit aufgebauschtem langem Haupthaar.
Ins Gesicht griente Christine Dombrowski mir mit ihrem überschminkten Gesicht boshaft. Sich sichtlich an dem Moment, das sie bei mir verursachte, weidend.
Eine blaue Jeansjacke hatte Christine Dombrowski an, darunter ein weißes Bauschehemd, das trotzdem zum Ausdruck brachte, daß Christine Dombrowski Brüste hatte. Einen schwarzen Kunstlederminirock mit Schlitz vorne trug Christine Dombrowski. Ein Mini, der Christine Dombrowski bis Mitte der weißhäutigen Oberschenkel herabreichte.
In der Hand hielt Christine Dombrowski eine braune Handtasche am Griff, zweimal handgroß.
Wie es für mich ausschaute, drohte Christine Dombrowski mir, mit dem Ding nach mir zu schlagen, wenn ich nicht an Ort und Stelle stehenblieb. Viel bräuchte ich nicht bringen, Christine Dombrowski würde was mit mir unternehmen.
Reglos, stumm stand ich Christine Dombrowski gegenüber.
Die Präsentation einer Bordsteinschwalbe, Christine Dombrowski. In meiner Wohnheimbude stank es fett nach dem Karamelduft-Parfüm Christine Dombrowskis.
Ganz klar wußte ich, wo Christine Dombrowski gerade verschärft herkam: vom Spreize-Betrieb am übernächsten Straßenstrich.
Schwer für mich nur zu sagen, wie viele Freier Christine Dombrowski die Abend- und Nachtstunden durch schon hatte. Konnten einige sein, die Christine Dombrowski abgefertigt hatte.
Jetzt hatte Christine Dombrowski jedenfalls, weil das mit ihrem Geschäft für sie die Nacht weitestgehend vorbei war, sich meiner erinnert. War in der Stimmung, kurz bei mir vorbei- und zu mir raufzumachen. Hatte Christine Dombrowski auch in die Tat umgesetzt, das.
Verhältnismäßig knochig, dürr und hochgewachsen war Christine Dombrowski immer schon gewesen. In der Gegenwart schien sich das mit Christine Dombrowskis Klapprigkeit jedoch verstärkt zu haben. Außerdem: Wie Christine Dombrowski mir da so gegenüberstand, mich hämisch angrinsend, war mir, als könnte Christine Dombrowski sich mit der Bleiche ihrer Haut sekündlich in Nebel, Luft auflösen.
Im wahrsten Sinne des Wortes, daß ich das wahrzunehmen meinte.
Um es auf den Punkt zu bringen: Bei Christine Dombrowski war ein Effekt, als würde sie durchsichtig. Zu einem Geist. Jeden Augenblick wäre es möglich, Christine Dombrowski hätte ihre körperliche Substanz verloren Daß am Schluß von Christine Dombrowski lediglich noch die Gewandung bei mir am Fußboden herumlag, ihre übergroße Handtasche.
Irgendwas für mich Unverständliches, trotzdem böse, gemein im Klang, zischte Christine Dombrowski zu mir hin, womit mir Christine Dombrowskis Gestalt sofort wieder manifestierter wurde. Nichts mehr von der Durchsichtigkeit von Christine Dombrowskis Gesicht und Beinen von vor einer Sekunde, daß ich schon die braune Türfläche hinter Christine Dombrowksi blicken hatte können.
Schlimme Schauer liefen mir angesichts von Manuela Dombrowskis Schwester den Rücken hinauf und -unter. Grob, daß Christine Dombrowski mir daherschnauzte.
(Will das hier mal in der Gesprächsform niedertippen. Zunächst, wie es mir in den Sinn kommt, daß sich Christine Dombrowski ungefähr anhörte. Dann lese ich das gegen, ob das so hinkommen könnte, was Christine Dombrowski bei mir auf der Wohnheimbude vom Stapel gelassen hatte.)
Christine Dombrowski: 'Mann, Bernd, du blickst ja schön! Du hast aber nen Blick. Nur, ich sag dir eins: Fick dich! Fick dich!'
Ich blinzelte Christine Dombrowski an. Hatte tolles Herzrasen, kriegte den Mund nicht auf.
Christine Dombrowski: 'Wirst du wohl aufhören mit deinem doofen Dazwischengegaffe, Bernd, du elender Dreckssack! Fick dich, sag ich. Fick dich, sag ich dir.'
Jetzt war Christine Dombrowski mir endgültig wieder so körperlich verstofflicht, wie einem jeder Mensch in seiner normalen Manifestation sein sollte.
Christine Dombrowski: 'Du kannst einen vielleicht so was von blöde angucken, Bernd. Nicht zu glauben. Solltest du dir patentieren lassen, was fürn Doofglotzer du bist. Echt ne Wucht. Muß schon sagen. Hat schwer ein andrer, Bernd. Ich weiß, wovon ich rede. Fällt anderen nicht so leicht.'
Versuchte, mich für Christine Dombrowski größer aufzubauen. Die Arme stemmte ich mir in die Hüften. Obwohl ich am liebsten zu Boden gegangen wäre; läppisch für eine kleinmädchenhafte Ohnmacht.
Christine Dombrowski: 'He, ein spitzenmäßiger Blick, Bernd. O ja! Hast du den neu? Solltest du dir patentieren lassen. Kenn ich eigentlich nicht von früher von dir.'
Ich hustete, räusperte mich, weil mir ein Kloß im Hals den Atem raubte.
Christine Dombrowski: 'Bernd, Bernd, Bernd - tststs! Deine Augen, Bernd, heute einfach die Scheiße. Hör doch auf, immer so zu glotzen. Sonst bleibt dir noch was.'
Konnte allerdings nicht dagegen machen, daß ich nur starr blicken konnte. Von einem komischen unheimlichen Effekt an der Gestalt Christine Dombrowskis kriegte ich nichts mehr mit.
Christine Dombrowski: 'Was sagst du, jetzt bin ich da bei dir?'
Wenigstens stand ich wacklig auf meinen Füßen, auch wenn zu sonst nichts in der Lage war.
Christine Dombrowski: 'Gut denn, Bernd, du Doofie! Bin bloß zu dir gekommen, weil ich möchte, daß du mir was gibst, was du versehentlich gekriegt hast. Das gehört nämlich mir, mir allein. Das sollst du mir wiedergeben, mehr ist nicht zwischen uns.'
Zu Christine Dombrowski hin schüttelte ich den Kopf.
Mit einem Art knapp hautüberzogenen Knochenfinger - langer, angespitzter Fingernagel, mit schwarzer Nagellackfarbe bestrichen - deutete Christine Dombrowski auf die Fläche meines Niedertisches. Christine Dombrowski: 'Da ist das ja schon, was ich haben will, Bernd! Da liegt's ja schon für mich da! Das Foto da. Das Foto, das will ich wiederhaben. Will ich auf der Stelle zurück. Schön, daß dus schon für mich bereitgelegt hast. Aber, he, Bernd, ich wills dir nicht einfach wegnehmen. Sell dir vor, ich geb dir ein andres dafür. Sogar ein paar kannst du haben. Hab ein paar in meiner Handtasche dabei, Bernd. Kannst du auch alle haben, wenn dus möchtest. Aber das da, das möchte ich haben. Gibst du mir das schnell. Dann schau ich in meine Handtasche rein, Bernd. Aber nur dann.'
Das Foto mit Manuela Dombrowski mit dem kupferfarbenen Haar, das mitten auf der Tischfläche beim Aschenbecher herumlag. Dort gelandet war. Weil ich bis vor kurzem nichts Genaueres von einer unvermittelten Anwesenheit Christine Dombrowskis auf meiner Bude wußte, nicht von mir außer Sicht geräumt.
Christine Dombrowski: 'Das Foto gibst du mir, Bernd. Das will ich zurück. Unbedingt. Kriegst dafür auch ein andres. Auch ein paar, wenn du viele haben möchtest. Sogar das ganze Paket kannst du haben. Alles Fotos mit Manuela.'
Der Kehlkopf war mir am Hüpfen. Unzufrieden, daß ich auf Christine Dombrowski guckte. Ich ließ einem Räusperer hören. Ich: 'Wenn ich nun kein andres Foto haben möchte, Christine, was ist dann?'
Christine Dombrowski: 'Du wirst mir doch dieses eine doofe Foto da geben können, Bernd. Ohne, daß uns das ein Problem macht. Wenn ich sage, du kriegst dafür nen andres. Sogar jede Menge andre. Wenn du meinst, kannst du sie alle haben ...'
Ich, mit schriller Stimme: 'Nein!'
Christine Dombrowski: 'Das ist doch nur nen Foto, Bernd. En einziges.'
Ich, entschlossen auf der Wiederholungsspur, obwohl ich mir in die Hosen machen wollte: 'Nein! Nein!'
Christine Dombrowski: 'Ein einziges Foto ist das, Bernd. Ach, komm schon. Gib mir das Foto, kriegst du dafür andre von mir. Sogar haufenweise welche. Aber - das da, das möchte ich von dir wiederhaben. Es hat eine Bedeutung für mich. Mutti hätte dir das nicht geben dürfen. War nur für Mutti, das Foto. Eins für Mutti. Aber Mutti gibts dir. Hab ich auch zu Mutti gesagt, daß es nur für sie war, für keinen andren. Aber, obwohls nur für sie war, hats Mutti sogar hergeben. Auch noch dir. Komm schon, Bernd, gibts mir wieder. Wo ist das Problem? Gibs mir einfach wieder - dann bin ich sofort wieder weg. Kannst alle andren dafür haben, die ich mit dabei habe, ja ...?'
Aus dem Stand habe ich, für mich selber einigermaßen überraschend, den Schritt zum Niedertisch gemacht, mir die Fotografie Manuela Dombrowskis mit den Kupferhaaren gegriffen.
Christine Dombrowski: 'Gut denn, Bernd, du gibst mir das Foto, ja? Hab ich das Foto, bin ich sofort hier bei dir wieder raus ...'
Ich: 'Hm, Christine! Was denn los mit dem Bild, daß du es wiederhaben willst? Erzähl mir was, was damit ist. Ich seh nur, daß Manuela auf dem Bild kupferrote Haare hat. Vom einundzwanzigsten Juli irgendwann ... Heuer? Der einundzwanzigste Juli, der einundzwanzigste Juli - dieses Jahres, Christine ...? Oder des nächsten?'
Höre einen Schlüssel an der Wohnungstür von Angelikas Wohnung.
Wenn der Schlüssel dreimal im Schloß umgedreht wird, fliegen die vorgehängten Sicherheitsketten alle runter. Eine Vorrichtung, die Angelika erst vor kurzem an der Tür in die Wohnung herein anbringen hat lassen.
Angelika ruft nach mir ...
Komm gleich, Angelika!
Angelika ist nach Haus gekommen, verdammt.
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