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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (30.09. - 05.11.), No. 4

27. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Fünfter November, foxy.jpg. zurück am Ticker.

Montag am Abend. 21:16 Uhr.

 

Angelika ist ausgeflogen. Das Miststück ist nicht daheim.

 

Um damit besser in die Reihe zu kommen ...

Mittag ist Angelika mit mir zusammen von der Uni heimgekommen.

Zwei Stunden: Mittagspause. Anschließend war SIE: Frau Doktor Sybille Hella.

Eineinhalb Stunden: Frau Doktor Sybille Hella. Dann durfte ich unvermittelt bei Frau Doktor Hella raus, zu Angelika, die im Wartezimmer auf mich gewartet hat, Angelika ansagen, das wärs für heute, wir können nach Hause.

 

Siebzehn Uhr dreißig. Da kam ich zufällig aus dem Bad. Sehe ich etwas huschen, einen dunklen Schatten.

Dachte mir, was Angelika so geheim herumschleicht. Oder war das nicht Angelika?

Auf meinen besockten Zehenspitzen bin ich dem leise hinterher. Nahe der Schlafzimmerschwelle dort bin ich in die Knie gegangen. Habe mich vorgebeugt. Seitlich von der Schlafzimmertür aus habe ich in das Schlafzimmer von Angelika und mir hineingestarrt.

Reglos ist Angelika an ihrem großen Schminktisch mit Spiegel gehockt.

Wollte mich eben von der stillen Szene abwenden, beugte Angelika sich herab, schob das unterste Hochfach auf.

Ihre schwarze Schmuckschatulle holte Angelika zu sich auf den Schoß herauf. Den Geheimcode gab Angelika ein, klappte den Deckel auf.

Hat all ihre wertvollen Schmuckstückkleinigkeiten ganz genau durchgesehen, Angelika.

Richtig habe ich das Angelika angesehen, wie Angelika imaginiert hat. Ob ihr irgendwas vom Inhalt der Schatulle abgehen könnte. Ein, zwei, drei Stücker.

Eine konzertierte Aktion Angelikas, nicht fehl zu interpretieren: Angelika traut mir zu, daß ich bei ihr an der Schmuckkiste herummanipuliere. Vielleicht diese, trotz des Codes, den ich nicht wissen sollte, öffne. Daraus was Schönes für mich zu entnehmen. Mit dem Gedanken im Hintergrund, Angelika hätte nie im Leben ihren ganzen Schmuck im Kopf. Wenn ich aufpaßte, nicht ausgerechnet eines von Angelikas Lieblingsschmuckstücken nahm ...

 Mißtrauen, mir, ihrem Geliebten und dem gegenüber, den zu heiraten sie die Absicht gehabt hätte, bei Angelika ins Herz gepflanzt. Eine Duftnote von Angelikas Eltern. Ein Drang, unwiderstehlich war der in Angelika: einen Blick mußte Angelika in die Schatulle werfen.

Die von der Familienspitze ganz weit oben, total für blöde  halten mich die anscheinend. Daß mir das einfallen könnte, mich an läppischen Preziosen vergreifen zu müssen. Auch wenn die wertvoll sind. Wenn ich doch Angelika habe.

Die meinen tatsächlich, wenn Angelika mal all die großen, kleinen Fächer ihrer Schatulle genauer durchsieht, daß drinnen möglicherweise das eine oder andere vom Schatz fehlen könnte.

 

Hey-ho! Vielleicht hat Angelika sogar die Codekombination geändert.

Habe ich dann nicht mehr gesehen, weil ich schließlich keine Lust mehr hatte, Angelika bei ihrem Treiben zuzuschauen.

Oder - Angelika hat alles beim alten belassen. Für mich.

Nur, daß Angelika jetzt wieder alles ganz genau weiß. Sozusagen aufgefrischt ist.

Na ja, alle Möglichkeiten müssen in Betracht gezogen werden. Immer.

 

Momentan muß ich allerdings nirgends in der Wohnung mit Angelika zusammentreffen. Angelika, das Vögelchen, ist aus ihrem Nest ausgeflogen.

Zu Betsy ist Angelika. Betsy, eine allerbeste Freundin. Viel Trost braucht Betsy.

Betsys Freund - Karlie der Broker - ist Betsy abgehauen. Verlassen hat Karlie-Broker Betsy. Nachdem es einen heftige Auseinandersetzung zwischen Betsy und ihm gegeben hatte.

War handgreiflich geworden, Karlie-Broker. Verhauen hat Karlie-Broker Betsy, Betsy mehrfach zu Boden geschubst.

Ehe Karlie-Broker aus der Betsy-Wohnung rausmarschiert ist, hat Karlie-Broker Betsy noch ihr Smartie am Flur unten zerdeppert hat. Betsy hat aber nicht nur das eine, sondern gleich mehrere verschiedenster Marken. Mit einem davon hat Betsy Angelika antelefoniert.

 

He, ich wollte, mit Angelika mitkommen. Angelika zu Betsy begleiten. Machte mich schon daran, mich an der Seite Angelikas umzuziehen.

Aber Angelika hat zu mir gemeint, daß ich sie nicht begleiten könnte. Das, was Betsy mit Karlie-Broker passiert ist, das sei wohl eher was für trostspendende Gespräche unter Frauen. Sicher wollte Betsy nichts aus dem Mund eines Kerls, und seien es die schönsten, tröstensten Worte.

Das fand ich irgendwie verständlich. Habe zu Angelika hin die Schulter gezuckt. Hatte jetzt eben ein neues Hemd an. Was sollte es?

Dürfte ich nicht mit, könnte ich gut für ein Weilchen für mich alleine daheimbleiben, sonderte ich Angelika gegenüber ab. Daß ich das ohne weiteres könnte, das, für mich zu bleiben, hätte ich die letzten Tage knapp bewiesen. Sorgen um mich müsse sich keiner machen. Außerdem hätte ich ja noch die Telefonnummer Frau Doktor Hellas. Jederzeit könnte ich mir schnell ein Taxi kommen lassen, das mich zu Frau Doktor Hella fährt. Kein Problem. Auch mitten in der Nacht dürfte ich bei ihr in der Praxis vorbeikommen, hätte Frau Doktor Hella zu mir und Angelika gesagt.

Ohne mich und sorgenfrei ist Angelika also zur von Karlie-Broker hergehauenen, niedergeworfenen Betsy, die am Dauerflennen war, abgedüst.

Angelikas teure Busenfreundin Betsy, eine, statt sich über den Abgang von Broker-Karlie zu freuen, trägt die wegen Broker-Karlie Trauerflor. Tiefschwarz.

 

Ah, wie ich hier in foxy.jpg. bereits des öfteren freiweg von der Leber erwähnt habe, wird Frau Doktor Hella von mir nur zu gerne irgendwo außen vor gelassen.

Vielleicht hat Frau Doktor Hella ja in diesen Sekunden jetzt gerade auch was Besseres vor. Nutzt ein bißchen Freizeit. Indem sie bei sich schieben läßt.

Wär doch die Möglichkeit, daß Frau Doktor Sybille Hella mal andere Sachen im Kopf hat.

Sehe das ziemlich deutlich meinem geistigen Auge, wie Frau Doktor Hella unten ohne die Beine weit auseinander hat.

Ziemlich dick, die Oberschenkel von Frau Doktor Sybille Hella ...

Konnte ja bereits öfters die Gegend ungefähr überblicken, das Drumherum von ungefähr taxieren.

Wie es ganz genau dort ausschaut, ich weiß das natürlich nicht. Die Oberweite könnte bei Frau Doktor Hella nicht zu verachten sein, bricht sie aus ...

 

Am Samstag, überraschend daß Angelika heimkam. Ohne das vorher mit mir zu kommunizieren. Keine Kurznachricht, die Angelika mir getextet hatte, keinen Anruf bei mir getätigt. 

Als Überraschungs-Ei ist Angelika in ihre Wohnung zurückgekehrt. Weil ich sie eigentlich erst am Sonntagabend oder am Montag zurück erwartet habe.

Wegen der Heimkehr Angelikas mußte ich den Samstag-Eintrag in foxy.jpg. abbrechen. 

 

Christine Dombrowski, die war an diesem Mittwoch ziemlich früh am Morgen bei mir in der Wohnheimbude drinnen. Das Manuela-Foto - das mit Manuela Dombrowski mit den bauschigen Kupferhaaren drauf -, das verlangte Christine Dombrowski von mir. Immer nachdrücklicher.

Bittesehr, Christine Dombrowski lasse ich mit mir sprechen.

Ganz genau werden wir das wohl nicht zueinander gesagt haben, Christine Dombrowski und ich. Aber, ich schwöre, irgendwie so in der Art war es. So ist es zwischen Christine Dombrowski und mir wirklich zugegangen.

 

Christine Dombrowski möchte, daß ich ihr das bestimmte Fotowerk hinreiche, hielt mir die ausgestreckte Hand hin. Christine Dombrowski: 'Gibst du mir jetzt das Foto, Bernd? Gibst du es mir, bist du mich sofort wieder los. Im nächsten Moment bin ich bei dir draußen.'

Auf Manuela Dombrowskis Abbild mit dem kupferfarbenen Haar auf dem fotografischen Werk habe ich kurz schlau herabgeguckt.

Herrschte allerdings weiterhin Reglosigkeit dort auf der Szene bei Manuela Dombrowski. Fast eine Enttäuschung, daß sich bei Manuela am Bild nichts regte.

Christine Dombrowski: 'Weißt du, Bernd, etwas andres, als das mir geben, solltest du nicht tun. Bis jetzt bin noch nett zu dir. Aber ich kann auch anders. Und, stell dir vor, Bernd: Ich war bei dir daheim. War bei deinen Eltern an der Haustür. Mit deinen beiden Schwestern habe ich mich unterhalten. Bettina und Tanja, heißen die. Von deinen Eltern hab ich deine Adresse zwar nicht bekommen, aber deine Schwestern haben mir wenigstens gesagt, wo du studierst. Siehst du, Bernd, und jetzt, jetzt bin ich hier. Hier bei dir droben ... Du brauchst mir nur das Foto meiner Schwester Manuela zu geben, ist zwischen uns beiden erst mal alles erledigt. Das kannst du wirklich nicht behalten, Bernd. No way.'

Angeblinzelt habe ich Christine Dombrowski, die Platinblonde. Na gut, gebe zu, Tränen habe ich mir weggeblinzelt. Tränen, die mir Wangen hinunterzulaufen anfingen.

Dicke Tropfenohrringe hingen Christine Dombrowski links und rechts die Ohrläppchen herunter, bemerkte ich an Christine Dombrowski. Die Jeansjacke, die Christine Dombrowski anhatte, ein verwachenes Blau.

Das weiße Bauschehemd Christine Dombrowskis, irgendwie geschnitten, daß ich bei dem ich trotzdem was von Christine Dombrowskis Brüsten wahrnahm ...

Ich konnte Christine Dombrowski die Fotografie doch nicht einfach rüberreichen. Mir nichts, dir nichts. Ich: 'Was is-ist mit de-dem Foto, daß du mich wegen ih-ihm be-su-chen komm-kommst, Christine? Was hat es für einen Wert für dich? Sag mir was. Sonst kriegst du das nicht.'

Christine Dombrowski: 'Das hat dir meine Mutti einfach irrtümlicherweise gegeben, Bernd. Sonst ist nichts damit. Ach, bitte, Bernd, gib mir das Foto da einfach. Eine Sekunde, bin ich wieder draußen hier bei dir ...'

Ich glotzte Christine Dombrowski an.

Christine Dombrowski: 'Du kannst viel schönere Fotos mit Manuela drauf von mir haben, Bernd. Auf zwei, drei von denen, die ich noch dabeihabe, hat Manuela nichts an, Bernd. Darfst dir Bilder aussuchen. Von mir aus nimmst du auch alle, willst du alle haben. Dafür gibst du mir das Foto da. Dann bin ich schnell weg, Bernd. Bei dir draußen.'

Obwohl mir überhaupt nicht danach war, trotzte ich. Ich: 'Und we-wenn ich die ganzen anderen Fotos mit Manuela drauf nicht haben will? Wenn i-ich lieber das eine hier behalten möchte? Sag mir einfach, was ist das mit dem Foto, Christine? Warum kommst du extra wegen dem zu mir? Warum willst du das unbedingt wiederhaben? Du hast doch so viele Fotos von Manuela. Hast sogar welche dabei. Und da willst du ausgerechnet das da. Das willst du ...'

Christine Dombrowski: 'Bernd, Bernd. Langsam solltest du mir das Foto geben, Bernd. Sonst hol ichs mir. Das will ich aber nicht machen, weil dem Foto dabei etwas passieren könnte. Es ist nämlich mein Lieblingsbild Manuelas. Du hast mein Lieblingsfoto mit Manuela gekriegt, Bernd.'

Das wollte ich nun nicht glauben. Ich wiederhole mein Kopfschütteln. Ich: 'Erst we-wenn du mir erklärst, was das mit dem Bild ganz genau ist, Christine. Will das verstehen können. Bei Foto Händel ist's entwickelt worden, am einundzwanzigsten Juli ... Wegen einem Foto geht doch keiner zu Foto Händel, Christine. Nicht wegen einem. Heuer im Juli nicht. Nicht nächstes Jahr im Juli. Da muß es eine ganze Fotostrecke geben. Wenn du eh noch mehr davon hast, Christine ...'

Christine Dombrowski: 'Du bist so eine Scheiße, Bernd. Echt die Scheiße. Ich will das Foto da, und du gibst es mir. Langsam verlier ich die Geduld mit dir. Wenn du es mir nicht bald gibst, hol ich es mir wirklich. Lasse es drauf ankommen ...'

Schweiß tropfte mir die Nasenspitze herunter. Äußerst wacklig stand ich auf meinen Beinen. Trotzdem ... Ich: 'Nein! Wenn du mir nicht was Interessantes dazu sagen willst, kriegst dus nicht. Ich gebs doch das nicht so einfach her. Fällt mir überhaupt nicht ein. Ich will schon noch was davon wissen, was mit dem Foto ist. Was du mir bisher dahergelabert hast, Christine, reicht nicht. Sag mir, was damit ist. Warum es im Juli, dem einundzwanzigsten ... Am einundzwanzigsten dieses Jahres ist Manuela seit Monaten tot. Und nächstes Jahr ist Manuela dann noch viel länger tot. Sag mir was dazu, Christine. Dann ... Dann vielleicht ...'

Mit dem Fuß stampfte Christine Dombrowski auf. Christine Dombrowski: 'Du blödes Arschloch. Schon damals, als du mit meiner Schwester zusammen warst, warst du nichts als ein blödes Arschloch. Habe das öfters zu Manuela gesagt. Daß ich dich für ein Arschloch halte. Daß sie dir nicht trauen darf. Nie. Nie konnte ich dich richtig leiden. Eine bornierte, verlogene Fresse, die geht zur Polizei ... Hätte Vati dich doch mal richtig zusammengeschlagen ... Wenn Vati sich dich mal so richtig vorgenommen hätte, ich hätte gern dabei zugeschaut. Aber Vati, der tut dir nie was. Nur anschnauzen tut er dich. Mehr nicht. Nicht zu fassen.'

Ich: 'Das stört mich nicht mehr, was früher war, Christine. War außerdem nicht mit dir zusammen, sondern mit deiner Schwester Manuela. Manuela, euer Nesthäkchen. Würd schon sagen, das war sie. Deshalb hat dein Alter das bleibengelassen, das zu machen, was, was du gerne gesehen hättest, daß er machen hätte sollen, wie du sagst. Ich sag ganz klar und deutlich: Entweder erklärst du mir jetzt was besser, was mit dem Foto Manuelas ist. Oder du kriegst das Foto nicht von mir. Ganz einfach.'

Ein Schniefgeräusch ließ Christine Dombrowski vernehmen. Ich beobachtete, daß Christine Dombrowski tief durchatmete. Und noch mal. Christine Dombrowski: 'Na gut, Bernd! Ein allerletzter Versuch. Ich will dieses Foto da. Und ich werde es von dir bekommen. Weil das ein besondres Foto für mich ist, will ich es wiederhaben. Bisher will ich nichts als dieses Foto, Bernd, begreifst du das denn nicht? Ein läppisches Foto, das du gekriegt hast. Gib mir doch einfach das Foto bitte, bin ich sofort hier weg. Bei dir draußen. Gib mir bitte das Foto, Bernd.'

Ich: 'Nein!'

Christine Dombrowski: 'Bitte, Bernd. Das ist mein Lieblingsfoto. Weiter ist da nichts. Was du sonst meinst, ist Müll.'

Als wäre ich am Grübeln kratze ich mich hinten am Kopf. Ich: 'Ich müßt erst schon noch was von dem Geheimnis wissen, Christine ... Irgendwie etwas, Christine. Ich mein, was ich bisher weiß - vielleicht fehlt mir nur ein klitzekleines Stückchen. So ein winziges Puzzlestückchen, ich könnt alles erkennen, Christine ... Warum holt Manuela sich das Foto nicht einfach selber bei mir ab?'

Schlagartig kamen mir Christine Dombrowskis Augen zu Bewußtsein. Fast, als würde ich nicht schon die ganze Zeit Christine Dombrowski anstarren. Gelbe Katzenaugen waren das.

Kontaktlinsen?

Halfen Christine Dombrowski bösem, feindseligen Gesichtausdruck, mit dem sie in meine Richtung glotzte.

Den Kopf mit den platinblonden Bauschehaaren hat Christine Dombrowski geschüttelt, nicht, um etwas zu verneinen, sondern etwas bei sich abzuschütteln. Vielleicht den Impuls, sofort auf mich loszuspringen. Christine Dombrowski: 'Ich und du, Bernd. Sonst ist keiner hier. Verstehst du das nicht? Du stellst meine Geduld auf eine Probe. Dazu laberst du nur Müll. Nichts als Müll.'

Plötzlich gewahrte ich Christine Dombrowski nur noch wie ein verhuschter Schatten, und ich hatte ich eine Art Assoziation. Den linken Unterarm habe ich mir diagonal vor die Brust gepreßt. Fürchtete, wenn ich einen Herzschlag hatte, hätte sich die Sache mit mir für jene Christine Dombrowski schlagartig erledigt.

Der Grund, warum sich Horror bei mir potenzierte, war die gerahmte Fotografie, die ich an der Geiersdorfer Bergstraße in den Händen gehalten hatte. Der Huschschatten, als den ich Christine Dombrowski einen langen Moment sah, erinnerte mich so ziemlich an das, was auf dem Foto im Rahmen in Manuela Dombrowskis Rücken befand. Manuela Dombrowski hatte auf dem hölzeren Koppeltor gesessen, und ich habe gedacht, das, was da so als grauer Scheme wahrzunehmen wäre, das wäre ein Pferd. Das bei Manuela Dombrowski nicht stillstehen hatte können. War auch nicht wichtig für den, der Fotografierte, weil schließlich Manuela Dombrowski das war, die auf dem Foto oben sein sollte.

Dieses lediglich krude wahrnehmbare Vieh hatte ich beim Anblick Christine Dombrowskis unvermittelt in meinem Kopf. Die Frage, die in meinem Kopf knallte: War das wirklich Christine Dombrowski mir gegenüber? Oder etwas ganz andres? Bloß, wie könnte ein unförmiges Foto-Monster mir jetzt als Christine Dombrowski ankommen? War doch alles jenseits aller Vorstellung, was ich mir einbildete.

Christine Dombrowski: 'Scheiße noch mal, Bernd, wie du dumm du einen anguckst. Du stellst meine Laune mal auf eine Probe. Und ein Scheißdreck ist das vielleicht, was du absonderst. Glaubst du doch alles selber nicht, was du anbringst. Ich glaub, dich sollte mal einer einliefern.'

Ich blieb stumm, schaute, um das Momentum bei Christine Dombrowski zurückzubekommen, als ich sie nichts als ein schreckliches Schemenwesen sah.

Christine Dombrowski: 'Hör mal, Bernd. Wegen so nem Scheiß-Foto so nen Aufstand. Gib mir das Foto, Bernd. Gibs mir jetzt einfach, und du bist mich los. Ich bin bei dir draußen von der Tür. Oder gefällts dir, daß ich bei dir bin?'

Ich seufzte, stieß hervor: 'Nein! Das kannst du mir glauben, daß mir das nicht gefällt.'

Christine Dombrowski: 'Meinst du, weil ich ein Mädchen bin - könnte ich mir das Foto nicht auch so nehmen, Bernd ...? Das werden wir dann gleich sehen. Lieber wäre mir aber, du reichst es mir jetzt rüber. Bin ich sicher nicht böse deswegen, wenn du das machst. Dann geh ich auch sofort.'

Ich, am Aufdrehen: 'Hau bloß ab, du Monster! Was sagst du, wenn ich dir sage, daß du überhaupt nicht Christine Dombrowski bist?'

Richtig pikiert guckte Christine Dombrowski mich an, Christine Dombrowski, nicht bereit, die Tarnung fallen zu lassen: 'He - wa-as? Was laberst du denn für nen Stuß? Hallo, bist du noch ganz dicht, Bernd? Hätte nicht gedacht, daß das so gut wird, wenn ich dich besuche ...'

Einen Ausbruch habe ich. Ich: 'Ob ich noch ganz dicht bin? Weiß ich nicht. Keine Ahnung. Könnt schon sein, daß ichs nicht bin. Hab schließlich deine Schwester getroffen. Am zehnten Juli nachmittags. Die sollte eigentlich ganz tot sein, auch an dem Tag. Aber ich treffe sie - und seitdem ... Hm, ich sag dir noch mal, wies ist: Du bist überhaupt nicht Christine. Weißt du, woher ich dich kenne? Da, die Kurve nahe von Geiersdorf, aus der Manuela im Wagen abgeflogen ist, hab ich ein gerahmtes Foto gesehen. Auf dem Bild war nebenbei hinter Manuela so ein Vieh. So ohne rechte Form. Das warst du! Du warst das! Daher kenn ich dich! Dieses formlose Monster - das warst du! Ganz genau weiß ich das jetzt. Manuela war mir auf dem Foto von dem Koppeltor heruntergestiegen ... Keine Ahnung, wie die das gehen kann, wenn das ein Foto ist, sonst nichts. Aber das Biest hinter Manuela - das bist du! Als ich mit Fransen fertig geworden war, den Anhang heruntergekommen bin, mir das Foto im Goldrahmen noch mal angeschaut hab - da warst DU nicht mehr im Bild. Aber das Foto, das Foto, das hab ich kaputtmachen können. Ich habs kaputtgemacht. Habs in Fetzen zerrissen. Und das, das könnt ich jetzt auch machen. Könnt ich mit dem Foto da machen ...'

Christine Dombrowski: 'Du bist ja voll irre, Bernd! Laß dich einliefern. Das Foto kaputtzumachen, das läßt du bleiben, Bernd. Du zerreißt mir das schöne Bild nicht.'

Ich: 'Warum soll ich das denn nicht tun? Hab ichs nicht mehr - du aber auch nicht.'

Christine Dombrowski: 'Das tust du nicht, Bernd. Du läßt das Foto ganz. Gibst es mir.'

Ich: 'Verschwinde, sofort, Monster! Oder ich zerreisse das Foto ...'

In der Mitte hatte ich die Fotopappe am oberen Rand angefaßt. Drohte, meine Worte jede Sekunde in die Tat umzusetzen.

Christine Dombrowski stierte frustriert zu mir her.

Seitlich nach rückwärts trippelte ich unvermittelt, Richtung meines Schreibtischs am Fenster, Christine Dombrowski im Auge behaltend. Wußte, daß dort mein Smartie links seitlich oberhalb von meinem Läppie am Tisch dalag. Das Teil zum Telefonieren in die Finger zu kriegen, das wärs gewesen.

 

Als ich mir das Pohne von der Tischfläche greifen wollte, heulte Christine Dombrowski tierisch los, sprang mit ihren schrecklichen gelben Katzenaugen nach mir.

Ein einziger Sprung, so ist es mir vorgekommen, reichte Christine Dombrowski, bei mir anzukommen. Gerungen haben Christine Dombrowski und ich, während mir von meiner Bandscheiben her immer grellere Schmerzimpulse das Gehirn sättigten.

Stark war Christine Dombrowski. Bei weitem stärker, als es der langen, hageren, klapprigen Gestalt Christine Dombrowskis anzusehen war.

Ich schrie in Panik, weil ich dabei war, den Zweikampf zu verlieren.

Christine Dombrowski: 'Bernd, du Ratte! Du miese Ratte! Gib das Foto her, du Ratte! Gib her - oder ich mach' dich kalt!'

Verdreht und gewunden habe ich mich, alles dafür unternommen, daß Christine Dombrowski keinen Finger an die Fotografie mit Manuela, ihrer Schwester mit den Kupferhaaren drauf, herankriegen konnte. Mein Smartie war schnell meinen Fingern entglitten.

Dann, eigentlich war ich da mit meiner Körperkraft am Ende, sah ich, daß Christine Dombrowski den Mund mit den dick rotbemalten Lippen weit aufriß.

Es war schrecklich. So angespitzte Eckzähne zeigten sich groß bei Christine Dombrowski. Als hätte Christine Dombrowski sich für eine Stange Geld ein solches Gebiß bei einem Zahnarzt anfertigen oder sich bei einem solchen Menschen die Zähne anspitzen lassen. Die Spitzzähne hat Christine Dombrowski Mit einem Schnappen hat Christine Dombrowski mir jedenfalls die Spitzzähne in den Hals geschlagen.

Empfinde bis heute den Genuß, mit dem Christine Dombrowski das getan hatte. Es fühlte sich an, als würde Christine Dombrowski mit ihrem bösen Biß immer tiefer bei mir eindringen. Ich spürte, daß an mir gesaugt wurde.

Wie das bei mir war, mußte sich jemand bei einem Vampirangriff fühlen. Mir war wirklich, als sauge Christine Dombrowski bei mir Blut.

Irgendwie war etwas in mir geistesgegenwärtig. Irgendeine Art Klugheit. Hatte ja etwas, das wollte die Frau, jene Christine Dombrowski. Das Foto mit ihrer Schwester Manuela, Manuela mit den Kupferhaaren. Die Fotografie, die Christine Dombrowski ums Verrecken von mir haben wollte, habe ich Christine Dombrowski unmittelbar vor die Katzenaugen gehalten.

Um das fotografische Werk drehte sich der ganze Mist schließlich ursprünglich. Und ich hatte spontan den richtigen Einfall gehabt. Die Fotopappe hat mir Christine Dombrowski - oder wer oder was das immer war -, auf der Stelle aus den Fingern gerissen. Um daraufhin ohne weiteres von mir abzulassen.

 

Vom Fensterschreibtisch, auf dem ich mit dem Rücken auf meinem Läppie aufgelegen war, bin ich auf den Boden herabgerutscht.

Boshaft, daß Christine Dombrowski, die breitbeinig über mir stand, mir mit blutverschmiertem Mund eins hergefaucht hat. Die Handtasche, die ihr entfallen war, hob Christine Dombrowski vom Teppich auf. Öffnete die Tasche, schob die Manuela-Fotografie seelenruhig und erkennbar darauf achtgebend, daß das Bild nicht durch Blutspritzerchen besudelt würde, in ein Handtaschenfach.

In meiner Erinnerung blicke ich Christine Dombrowski weiter, Christine Dombrowski, die sich in meiner Bude zur Türe begibt, wo Nadine, die Französin, und eine zweite Studentin, die ich bloß vom Gesicht her kannte, sinnlos auf meiner Türschwelle herumstanden. Hinter Nadine und der anderen standen sogar noch welche größergewachsen, Kerle. Den Weg machen sie allesamt für Christine Dombrowski frei, daß Christine Dombrowski zwischen ihnen durch fortmachen konnte.

Unauffindbar war Christine Dombrowski daraufhin für die Polizeifahndung. Wüßte bis heute nicht, daß mir jemand, der Mitarbeiter der ermittelnden Staatbehörde war, Mitteilung gemacht hätte, man hätte Christine Dombrowski aufgegriffen.

 

Von Christine Dombrowski wurde ich richtig gebissen. Vier Wundmale, die den Umfang von Christine Dombrowskis Mund erahnen lassen.

Die Male, die Christine Dombrowski mir verursacht hat, kann ich immer ausmachen, riskiere ich beim Rasieren einen Blick. Oder beim Zähneputzen.

Streiche ich mit den Fingern drüber, sind da leichte Vertiefungen in der Haut. Jetzt habe ich so was links wie rechts am Hals

 

Was mit mir weiter auf dem Budenboden dort im Wohnheim war?

Bei mir in der Nähe konnte ich mein Smartie auf der Bodenfläche liegen. Tatsächlich erlebte ich ein kleines Glücksmoment, denn das Ding war beim Herunterfallen nicht entzweigegangen zu sein. Nach dem Phönchen habe ich gegriffen. Die Anzeige ist angegangen, das Smartie-Telefonanrufe-Speicher war für mich einwandfrei zu öffnen. Die Nummer Angelikas war die erste, Angelika habe ich angerufen.

Und, ich konnte es nicht fassen - Anglika, die meldet sich für mich am anderen Ende der Leitung. Angelika, die die ganze Nacht mehr oder weniger wachgelegen war, wegen vielen Gedanken. Das meiste von Angelikas Denken hatte mich zum Mittelpunkt hatten. Nur mich. Und wie sie, Angelika, es anstellen sollte, wieder mit mir zusammenzukommen. Schließlich hätte es sein können, daß ich ihr, Angelika, böse gewesen wäre. Weil Angelika mir so lange die kalte Schulter gezeigt hatte.

'Ich bin verletzt', hauchte ich in mein Smartie. 'Ich bin ge-gebissen worden ... Angelika, bitte, komm schnell. Komm schnell bei mir vorbei.'

 

Kaum war von Angelika die Rede, hat Angelika in Echt bei mir am Eigen-Smartie Take five ertönen lassen.

Angelika meinte zu mir, nachdem ich sofort drangegangen war, sie würde heute bei Betsy übernachten. Auch die Nacht über bräuchte Betsy ihren, Angelikas, Trost, so sehr hätte Broker-Karlie Betsy vernichtet.

Fertig war ich. Das Herz hat mir gerast. Losgeschluchzt habe ich, als Angelika mit ihrer Mitteilung an mich aufgehört hatte. Wirklich, so was von hundserbärmliche Schluchzer, die ich hörbar für Angelika abgelassen habe. Der Zustand eines Zugrundegerichteten.

Als ich mich ein wenig klarer ausdrücken konnte, habe ich zu Angelika gemeint, daß Angelika unbedingt sofort zu mir nach Hause kommen sollte. Ich bräuchte sie, Angelika. Könnte für nichts garantieren, wenn Angelika nicht bis in einer Viertelstunde daheim eingetroffen wäre. Ich wäre fertig. Die Dinge, die würden wieder in mir hochkochen. Aus dem Fenster könnte ich mich schmeissen, mich runterstürzen. Oder, ich ginge hoch, auf das Hausdach. Von dort wäre es auch gut, abzuspringen.

 Angelika war von mir entsetzt. Betsy, die bei ihr im der Umgebung herumflippt, und jetzt wäre ich auch noch in einem Zustand, der ein böser Rückschlag für mich sei.

Ein Taxi, daß sie sich nimmt, hat Angelika zu mir gesprochen.

Muß eigentlich bereits auf dem direkten Weg zu mir sein, Angelika.

Hoffentlich kommt Angelika schnell! Ehe wirklich noch irgendwas ist.

Ich höre es am Fenster kratzen. An den Rolladen wird getippt. Das Rollo soll ich hochziehen.

 

Kann mich kaum beherrschen, nicht aufzuspringen, mich auf meinen Füßen ... Angelika, bitte beeil dich!

 

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