deMehr's K.K.-Expo, II 1
2. Teil: Die Suche nach der weißen Frau
Elf Jahre später
1. Der Expreßbote
* Julia würde nicht wieder zu ihm kommen, das schwor sich René Depart; diesesmal war es das. Gerade zwei Stunden hatte er die Nacht geschlafen, wegen Julia und Julias wüsten Beschimpfungen und Drohungen. So was stand nicht in den Geschäftsbedingungen mit dem Eskortservice. Dort war nichts fixiert, was "Liebe" hieß; oder daß der Kunde, zu dem die Liebesdienerin hochkam, ihre Dienstleistungen anzubieten, diese heiraten sollte. Ob die Philosophiestudentin Julia Coré noch einmal von einem Freier solch eine Summe kriegte, wie sie sie von ihm bekam, das war die Frage. Für jede Nacht, die Julia Coré exklusiv bei ihm verbracht hatte, hatte er den Betrag bezahlt, den Julia Coré erhalten hätte, wenn sie die Nachtstunden durch bei zwölf Männern gelegen wäre. Dazu die Geschenke, die Julia Coré nebenbei mitnahm: teure Halsbänder, Diamantringe und Pelzmäntel.
* René Depart schmiß den elektrischen Naßrasierer ausgeschaltet in die volle Badewanne. Julia, das Miststück, dachte, sie könnte das für sich ausnützen, daß bei René Depart eben die Scheidung von Frau Ruth durch war. An die Stelle Ruthies wollte Julia Coré sich ihm zur Rechten plazieren. Wenn er nicht wolle, daß sie zur Presse ginge, der Journaille ihre Geschichten erzähle, müßte er ihr erlauben, daß sie bei ihm einzog. Der Wahnsinn! Was glaubte die? Was war das für ein Gott Julia Corés? Vollkommen durchgeknallt, Julia, die kleine Hure.
* Mies gelaunt war Julia bereits raufgekommen. Und Julia war schmutzig; erst ihre Unterwäsche, dann sie selber. Nur aus dem Mund hatte sie nicht gestunken, von dem abgesehen, was sie sprach. Julia quakte, jeder dürfte mal dreckig sein; sie beide, sie könnten doch jederzeit zu zweit in die Wanne steigen. Danach wäre sie sofort sauber, und auch er würde besser duften. Wie die zu reden wagte, wie die sich aufführte, keifte, schrie. René Depart trat den mit rotem Samt verkleideten Abfalleimer zur Seite, daß es ein Umstand war, daß das Teil samt Inhalt nicht umfiel.
* Da traf Julia den Nagel auf den Kopf: Die Schlagzeilen der Regenbogenpresse, die geschäftsschädigend waren, würden nicht weniger werden, wenn sie über ihr Verhältnis mit René Depart plauderte. Ruthie hatte ja bereits nicht darauf verzichten können, jedem Reporter, der bei ihr wegen eines Interviews nachfragte, ins Mikrophon zu plappern. Die Journalisten hatten Überschriften verfaßt wie: "Der alternde Staranwalt und der wilde Sex"; "Das Scheitern einer offenen Ehe"; "Geiziger Anwalt der oberen Zehntausend ficht Ehevertrag an" ... Wenn Julia Coré jetzt nachlegte, das würde die Auflagen weiterhin hochhalten. Zumindest war es das mit Ruthie, hatte er von nun an Ruhe vor Ruthie und ihren Freundinnen, Verwandten und Ruthies Einflüsterern.
* Es klingelte an der Wohnungstüre. Seufzend band René Depart den Bademantel zu, schritt in Badelatschen den langen Gang zur Wohnungstür hinunter. Er schaute durch das Guckloch, öffnete. Der orange uniformierte Expreßbote lächelte angenehm freundlich, grüßte. Ob er Herr René Depart wäre, fragte der Mann. Natürlich war er René Depart, antwortete René Depart. Der Bote nickte, hielt René Depart das schuhschachtelgroße, hellbraune Paket entgegen. Als René Depart den Namen des Absenders gelesen hatte, traten ihm die Augen aus dem Kopf: Jack Spearbow. Jack Spearbow! Wie in Trance unterschrieb René Depart die Quittung, reichte dem Expreßdienstangestellten aus dem Geldbeutel für alle Fälle auf der Ablage rechter Hand der Türe einen Tausender.