deMehr's K.K.-Expo, II 2
2. Aus Zeitungen und Magazinen
* Verloren saß René Depart auf dem schwarzledernen Ruhesofa in seinem Privatbüro; die tausendsten Erinnerungen daran, wie und wo er Jack Spearbow zum ersten Male begegnen mußte, waren in seinem Kopf. Das Expreßpaket Jack Spearbows stand vor ihm auf dem niedrigen Getränketischchen; unversehens war da diese Scheu gewesen, sich das anzuschauen, was der Paketinhalt war. Zittrig griff René Depart erneut nach der Schere. Auf einmal entschlossen, stieß René Depart die Metallspitze mitten in das dunkelgraue Klebeband, schnitt das Paket in der Mitte auf, riß die Pappflügel mit beiden Händen auseinander. Auf einer blauen Plastiktüte fand sich ein weißer Briefumschlag, auf den in schwarzen Großbuchstaben "Für René Depart" gemalt war.
* Gereizt schlitzte René Depart den Umschlag mit dem Brieföffner vom Schreibtisch auf. Zwei zusammgeheftete, gefaltete Blatt Papier waren drinnen. "Persönlich zu Händen von Monsieurs René Depart", schrieb Jack Spearbow in Französisch mitten auf die erste Seite. Im amerikanischen Text auf Seite zwei erzählte Jack Spearbow, daß er sich vor drei Jahren aus den Diensten bei den "Marines" verabschiedet und sich ins Privatleben zurückgezogen hatte; darauf folgte die genaue Anschrift Jack Spearbows in New York. Wenn er, René Depart, demnächst in die Staaten abreisen würde, könnten sie sich zu jeder Zeit treffen. Das wäre so sicher wie das Amen in der Kirche, daß er, René Depart, bald in die Staaten reisen würde.
* Als René Depart in die Plastiktüte hineinblickte, sah er nichts als einen dicht zusammengepreßten Papierhaufen. Ohne große Umstände schüttete René Depart den Tüteninhalt auf den Teppichboden. Das blieb ein ziemliches Brikett. Nichts als zusammengelegte Zeitungsseiten, Seiten aus Hochglanzmagazinen, ausgeschnittene Zeitungsartikel ... Mit dem sollte er, René Depart, sich anscheinend spielen. Also plazierte René Depart sich mit dem Hinterteil am Teppich, begann mit dem Geschäft. Jack Spearbow schien ein Faible dafür zu haben, was die Damen und Herren Schauspieler in den Vereinigten Staaten von Nordamerika trieben und mit wem.
* Die Zeit verstrich, und René Depart fühlte sich langsam von Jack Spearbow verarscht. Eben wollte René Depart sich erheben, zur Abwechslung mal zum lautlos gestellten, ewig blinkenden Telefon sich begeben, dem erstbesten, der ihn belästigen wollte, einige nette Worte sagen, egal, wer das war, da zuckte René Depart zurück. Weit riß René Depart die Augen auf. Auf dem Hochglanzfoto, das er anschaute, erkannte er einen der grobschuppigen grünen Raptoren, einen Raptor der besonderen Art, einen, der ihm nur zu gut bekannt war. Das Farbfoto brachte den Raptorensproß sehr realistisch rüber, aber im Text drunter hieß es, daß der Präparator seiner Phantasie wohl ziemlich freien Lauf gelassen hätte, zweifellos ein sehr kunstfertig hergestelltes Tier; aber es konnte wohl kaum die Rede davon sein, daß solch ein Lebewesen tatsächlich in der Gegenwart von einem Jäger erlegt worden wäre. Das große Zittern war über René Depart gekommen. Oft hatte er in der Vergangenheit von den grünen Raptoren geträumt; manchmal erinnerte ihn bloßes Vogelgezwitscher in einem Garten an diese Unwesen. Diese Monster waren gräßlich, gefährlich und hochintelligent.
* Richtig das Fieber war über René Depart gekommen. Alles um sich herum vergessend, schaffte er sich von Papierstück zu Papierstück. Endlich kriegte er wieder was in die Finger. Der Artikel haute aus den Socken. Es war von einem Wanderzirkus zu lesen, der "Sponti" hieß, der in den Staaten auf Tournee war. Der Zirkus sorgte mit seiner "Dschungel-Schau" für helle Aufregung. Die Zirkusleute präsentierten nicht bloß präparierte Urwaldkrokodile, Warane und so - sie hatten noch ganz andere urweltliche Lebewesen auf Lager. Einen Anatotiten, einen Torosaurus, zwei Ankylosaurusse; dazu sieben Exemplare der grünschuppigen Raptorenart. Der Zirkusdirektor Dominik Sponti meinte zu dem Journalisten, daß die urzeitlichen Ungeheuer erst vor einigen Monaten im Amazonasgebiet erlegt und dort bald darauf von fachkundigen Männern und Frauen präpariert worden wären.