"Eine neue Lieferung": a. Der Hauptgang
a. Für die nächste Lieferung
Das Sternchensymbol bedeutete Restaurant.
Das Pluszeichen stand für Krankenhaus, Labor.
Die Zahl in Klammern sagte die Anzahl der Ware an, die geliefert werden sollte.
(4).
Vier Stück.
Bereits der nächste Auftrag. Nächstes Monat. Innerhalb der ersten Woche.
Die Doppelnummer war schließlich eine Wochenzahl.
Genervt schlug Robert Steltz dreimal mit der flachen Hand auf das Lenkrad.
Seit Stunden fuhr er nun rum. Ohne zu einem vernünftigen Entschluß zu kommen.
Jeden am Straßenrand ließ er bisher stehen. Obwohl er Personen mitnehmen sollte. Am besten jung und knackig.
Die Zeit, sie wurde ihm langsam knapp.
Spätestens übermorgen sollte er geliefert haben. Zwei Stück sicher. Oder es waren Nachfragen bei ihm zu befürchten.
Kurznachrichten mit dem "="-Symbol. Oder: "="-Symbol mit Leerzeichen und "?"-Symbol.
Eine Frau hatte er, die er zu lieben glaubte. Ein zehnjähriges Kind. Das in einem Monat elf wurde.
Deshalb war alles nicht ganz so einfach.
Locker den nächsten Flughafen anzusteuern, irgendeinen Flieger nach irgendwo zu nehmen, beliebtes Urlaubsziel oder nicht, das war nicht.
Alles aufgeben, ohne Elke und Markus davonrennen. Eine andere reale Identität in einem anderen Land anzunehmen - nicht einfach möglich. Nicht, wenn Elke und Markus ihm fehlten.
Einige Jahre ging er dieser einträglichen Beschäftigung jetzt nach. Nur, heute reichte es.
Irgendwann mußte man genug haben. Mit dem Schluß machen.
Paffen, das konnte einer auch nicht ewig. Mit der Zeit, daß alle möglichen Krankheiten sich beim Raucher einstellen konnten.
Dann mußte es sie gewesen sein, die letzte Kippe. Schließlich hatte man die Zeit zuvor genügend Glimmstengel gehabt.
Dieses Gefühl in ihm. Daß er sein Glück längst ausgereizt hatte. Seit einem Weilchen war es vorhanden, störte.
Stimmte schließlich. Lange genug war er Reisender in dieser einen Sache.
Die Brocken mir nichts, dir nichts hinzuschmeissen - das war ihm durchaus möglich.
Einmal, weil er eigentlich ziemlich wenig von den Leuten auf der anderen Seite der Leitung wußte.
Nur die, die ihn vor Jahren angeworben hatten, konnte er detailreich beschreiben. Wie sie damals ausschauten.
Seitdem hatte er nicht viele gesehen. So gut wie keinen.
Einen Dicken mit Glatze. Einen Dünnen mit Anzug und Krawatte, ein Schartengesicht. Grinsen wie ein Frettchen. Schwarzhaarig.
Dahingehend war nicht viel an Problematik zu erwarten, die Reisetätigkeit zu stoppen.
Trotzdem gab es reichlich einiges zu bedenken, mit ins Kalkül einzubeziehen, wurde von ihm der Schlußstrich gezogen.
Problem um Problem, Sorgen über Sorgen.
An allererster Stelle stand die Elke-Frage: Wie machte er Elke Dinge klar?
So gesichert schienen Elke ihre Lebensverhältnisse.
Großes Haus mit Garten, dickes Bankkonto ...
Und das sollte es unvermittelt nicht mehr geben?
Sie und Markus, sie sollten aus dem Städtchen fortgehen müßten, in der sie jahrelang unbeschwert gelebt hatten? Eine andere Sprache sollte sie, Elke, lernen, sich mit einer neuen Kultur vertraut machen?
Alles, was sie besaßen, unvermittelt war es zu verkaufen? Sämtliche Konten waren aufzulösen?
Bloß weil er, Robert, ihr Gatte, das ansagte?
Und dann: auf und davon? Was denn?
Schnellstens in ein südamerikanisches Land? Eins, ohne ein Auslieferungsabkommen?
Landstriche in Südamerika, die ihr, Elke, nur aus dem Schulunterricht bekannt waren. Weil Fragen darüber in einer Ex gestellt worden waren.
Mitten hinein in die Fremde. Eine neue Welt. Mit neuem Namen sollte sie, Elke, leben? Einem ganz neuen? Der überhaupt nichts mit ihr zu tun hatte? Nicht mal der Name war, den sie vor der Ehe hatte?
Tatsächlich, an einen neuen Familiennamen sollte sie sich gewöhnen?
War sie irre?
Möglicherweise war sogar angesagt, daß Elke ihr gesamtes Erscheinungsbild zu ändern hatte.
Mittels einer chirurgischen Operation der Marke Schönheits-OP.
Auch Markus. Auch Markus, der neue Punkte im Gesicht brauchte. Biometrische Daten.
Alles wegen den Gesichtserkennungsprogrammen dieser Welt.
Mehr als eine Brustvergrößerung oder eine gerichtete Nase beim Schönheitsarzt. Weil es mit der Schönheit nichts zu tun hatte.
Wie brachte er das Elke bei? Wie konnte Elke das am Ende begreifen?
Unter Umständen das Ende der Ehe mit Elke, das drohte.
Elke würde ihn, ihren Ehegatten, unfaßlich finden. Von dem sie dachte, daß er Jahre ein anderer geworden war. Daß er mit sämtlichen Geschichten abgeschlossen hatte, die ihn früher jahrelang ins Gefängnis brachten.
In nichts war Elke eingeweiht; von nichts ahnte Elke irgendwas.
Elke gefiel es in dem schönen doppelstöckigen Haus. Fast eine Villa.
Die Nachbarn waren nett.
In der Schule, die Markus besuchte, war Elke im Elternbeirat.
Ihr Mann Robert, der war in Artikeln für Zulieferfirmen der Auto- und Maschinenbauindustrie auf Reisen. Das antwortete Elke auf Fragen, die ihren Ehepartner anbetrafen.
Meistens unter der Woche, daß Robert nicht von seinen Reisen heimkam. Allerdings konnte es passieren, daß Robert auch am Wochenende nicht heimkam. Das kam ganz drauf an.
Als Handelsreisender, da konnte Robert sich die Zeiten nicht aussuchen. Dafür kam es ab und an vor, daß Robert ein, zwei Wochen am Stück daheim war.
Alles war schlimmer, als Elke sich das je in ihren schlimmsten Alpträumen ausmalen konnte.
Auf die Bremse stieg Robert Steltz; er war mit dem Auto bei viel zu hoher Geschwindigkeit unterwegs.
Einen Auffahrunfall zu bauen, wenn einer, der vorne fuhr, zu langsam war oder abrupt abbremste, das war nicht der Bringer.
Wenn er die Raserei auf vier Rädern wollte, mußte er auf die linke Spur rüberwechseln.
Noch niemals zuvor war er während der Fahrt dermaßen mit den Nerven runter.
Nahe am Offenbarungseid war er.
Elke sprudelnd zu erzählen, was wirklich war in seinem Leben. Bei Elke die Beichte ablegen ...
Daß ihm immer öfter gehörig die Muffen gehörig sausten, die Angst, man könnte ihn erwischen, herausfinden, daß ...
Die Welt, die ging ihm dann restlos unter, geriet er in die Fänge des Gesetzes und der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Elke hatte überhaupt keine Ahnung, was das anschließend sein würde, sollte ihr Ehemann darüber auspacken müssen, was er trieb. Seit Jahren. Sämtliche Medien, mit dem Aufmacher Robert Steltz dabei. Die Frage, an die Welt gerichtet: War Robert Steltz der einzige?
Eva, der Dreckshure, hatte er es vorgestern erzählt. Brühwarm.
Kein Wort hatte Eva ihm, ihrem Freier, geglaubt.
Für einen doofen Aufschneider hatte sie ihn, ihren Bobbele, gehalten, ihn ausgelacht und ihm, als er ihr nicht mit dem Gelaber aufhören wollte, gedroht, ihn dann aus der Wohnung zu schmeissen. Ehe die Stunde um war.
Der Gin hatte total die Zunge locker gemacht. Normal, daß er auf Alkohol ganz verzichtete. Sich von Eva Gin einschenken zu lassen ...
Wovon hatte er als erstes erzählt?
Von dem letzten Auftrag, der ihn ereilt hatte.
Via Expreß-Dienst, man stelle sich vor. Der Postweg. Ausnahmsweise keine Phone-Nachricht.
Die hatten neue Ideen.
Lieferung von vier Einheiten, das stand in dem Text des Lieferscheines. Nachdem die Pappschachtel aufgeschnitten war.
Zumindest zwei. Zwei sollten es mit Sicherheit sein, Bezahlungsmodalitäten wie üblich. Eine Konto-Nummer. Pin. Lade-Karte anbei. Natürlich erst nutzbar nach der Lieferung der Ware.
Ein Paket an seine Adresse, daß mit Absender geschickt wurde.
Beinahe, als wollte hier jemand ein massives Beweismittel erschaffen. Nachvollziehbare Wege. Oder ihm, Robert Steltz, die Ehefrau an Normalität denken lassen.
Es war später Freitagnachmittag. Gemeinsam mit Elke hockte er daheim im Wohnzimmer auf der Couch. Am Fernseher lief "Das verflixte siebte Jahr" mit Marilyn Monroe. Der Film war aus der Videothek und Elkes Wunsch. Elke hatte ihn besorgt.
Da hatte es an der Haustür geklingelt. Draußen: Ein schwarzuniformierter Expreßbote mit einem größeren Pappaket, Inhalt: ein Dutzend T-Shirts, Größe XL. Und eben der besondere Geleitbrief.
Am nächsten Morgen in der Früh war er, Robert Steltz, aufgebrochen, in die eine Eigentumswohnung in der weit entfernten Großstadt.
Alles wie immer, auch wenn es das Wochenende zu Hause kostete.
Elke war traurig, weil ihr Ehemann wieder über das Wochenende wegfuhr, hatte ihm vor der Abfahrt links und rechts Abschiedsküßchen auf die Wangen gegeben ...
Seine Auftraggeber wären ihm auch nicht böse gewesen, wenn er mehr als vier beschaffen würde.
Das gäbe für ihn eben entsprechenden Bonus.
Das Problem: Er hatte bisher noch nichts an der Hand. Nichts und niemanden.
In der großen Stadt angekommen, fühlte er wochenends nicht den großen Antrieb, Lust, aus seiner Stadtwohnung rauszugehen. Außer zum samstäglichen Einkaufen. Oder zu Eva, seiner momentanen Lieblingshure.
Leute von der Straße mit hoch zu nehmen, oder vom Wegfahren für eine Tournee, keine Rede.
Nichts war. Außer, daß Robert Steltz seine Zeit vertrödelte.
Wie es ausschaute, war es das mit Eva.
Ohnehin bildete Eva sich schon was ein. Eva, die er vor drei Wochen einmal erwischt, als sie unvorsichtig war.
Seine herumliegenden Sachen, daß Eva durchwühlte. Auf der Suche nach der Brieftasche.
Freie Sicht auf die Karten. Eventuell den Zettel mit den Pin-Nummern. Fürs Abschreiben demnächst mal.
Den Ausweis mit dem Realnamen, der echten Adresse. Welchem Beruf ihr Kunde tatsächlich nachging, das war es, was Evas prüfender Blick erfaßte.
Die eine Scheckkarte hatte Eva eben zurückgeschoben, als vom Flur her losraschelte, sie, Eva, bei ihrem Treiben überraschte.
Eva, die kühl blieb. Obwohl sie die Geldbörse mit allem Drum und Dran in den Fingern hatte. Himbeerrot angemalte Fingernägel.
Und jetzt, in der Gegenwart, wußte Eva sogar die ganze Geschichte!
Ohne daß Eva viel dafür extra getan hätte.
Es war total überlegenswert war, Eva zu trinken zu geben. Und Eva, wenn sie willenlos war, aus ihrer Wohnung hinauszuführen, zum Hauslift. Eva zu seinem Auto zu geleiten, Eva abzufahren. Nach einem Örtchen, wo die Erdenwelt für Eva eine andere wurde; eine ganz andere.
Welche Probleme waren zu bedenken? Die Aufzeichnungen der zwei Cams Evas über der Wohnungstüre, da mußten sämtliche Aufnahmen des Tages gelöscht werden. Dann hatte Eva noch eine dritte Cam im Oberlicht versteckt.
Eine Buchführung hatte Eva auch noch. Einen Kalender mit Namenseinträgen. Seiner: Bobby.
Vielleicht das nächstemal, wenn er in der schönen Großstadt zurück war, daß Eva etwas passierte.
Mit Eva mußte jedenfalls was gemacht werden, ehe sich Größeres mit Eva entwickelte.
Eva hatte einige Polizeikontakte.
Warum hatte er bei Eva das Maul nicht zubehalten können?
Statt dessen ein Spiel mit der Gefahr.
Wäre Eva keine Freiberuflerin, eine, die mit Risiko lebte, wäre das ein viel größeres Problem, Eva aus dem Verkehr zu ziehen.
Hätte gereicht, wenn Eva ihn, Bobbele, durch den Kakao zog, bei Gemeingut zu bleiben.
Eine aufgeplatzte Lippe, wenn sie doof daherredete, konnte bei Eva gut sein. Eva mit Nasenbluten, während schon der nächste bei Eva am Sofa hockte, kein Problem.
Würde schon bald aufhören, die Bluterei. Und Eva kannte wieder den Standpunkt. Würde immer reichen, bei Eva, für den neuen, nächsten, daß der drangenommen werden konnte, der, der neu in Wohnungseinrichtung gekommen war. Hauptsache, er durfte nach Eva fassen, und Eva faßte zu, half, Dinge zu vergrößern.
Eva, eine einzelne Person in einer Wohnung, die Eva selber für sich gemietet hatte.
Während es bei anderen mit Evas Beruf bevölkerter zuging. In den Erotik-Zentren schauten sie sich als Kolleginnen gegenseitig beim Warten oder bei ihrer Betätigung zu. Bewachten sich.
In mehrstöckigen Häusern hockten sie in den Wohnungen haufenweise aufeinander. Daß einer an vielen achtsamen Augen vorübermachen mußte, wollte er eine von ihnen ins Freie entführen.
Da gab es Empfangstheken, Rezeptionsdamen oder -herren. Baseballschläger, Feuerlöschgerät, Elektroschocker griffbereit. Oder die Dose Pfefferspray.
Diverse Gesichter, wortreiche Ansagen an die, die aufbrach, um wegzugehen, wo sie denn mit dem Kerle hinwolle.
Reichlich unangenehmer, so ein Versuch, eine solche, die demselben Geschäft wie Eva nachging, aus so einer Örtlichkeit hinauszubegleiten.
Hatte man als Liebhaber unzählige Kleinigkeiten zu klären.
Eigentlich Glück, daß Eva keine war, die sich in einem Puff für Geld anbot. Daß Eva eigenen Wohnraum hatte. Wenn Evas Bobbele demnächst mal mit ihr spazierenfahren wollte.
Der Tank war wieder voll.
Die Beine, die sich Robert Steltz am Rastplatz nahe der Tankstelle vertrat. Eine Viertelstunde lang.
Beim Abfahren in seinem Wagen übersah Robert Steltz die am Straßenrand stehenden Anhalter mit ihren Pappschildern.
Erst mal sollte die Reise so weitergehen. Er fühlte sich noch nicht in der Verfassung dafür, Leute mitzunehmen. Irgendwie mußte das passen, stimmig sein.
Der richtige Moment, der hatte zu kommen. Dann, plötzlich, würde er auf die Bremse steigen, jemanden, der rumstand, den Daumen hochreckte oder ein Schild vor sich hielt, zu sich ins Auto holen.
Jemand, der ihm gefiel. Die reine Sympathie.
Der Termin der Fälligkeit, der war zwar bald. Aber nichts war deswegen unmittelbar.
Erst wenn sich zwei, drei Tage nach dem Datum immer noch nichts am Bestimmungsort angeliefert hatte, die erste Nachfrage.
Kurznachrichten, die sich auf dem Phone zeigten. Mit den bekannten Symbolen.
Daran erinnerte Robert Steltz sich, daß er, als er mal nicht geliefert hatte, einen Anruf erhalten hatte. Aufs Phone. Eine weibliche Stimme, die aufklang. Aber doch merklich automatengeneriert. Persönlich, das meinte die Dame, daß sie mit Robert Steltz sprechen wollte. Als wäre es nicht Robert Steltz' persönliches Phone, sein Name. Ein Gerät, das wohl nur einer hatte, Robert Steltz selber. Die Frage, die Robert Steltz wiederholt kriegte, ob er selber dran wäre. Als Robert Steltz, der zornig wurde, mit "Ja" geantwortet hatte, wurde aufgelegt. Ohne jede zusätzliche Textentwicklung, nichtsdestotrotz bedeutungsschwanger.
Anderntags hatten die Leute ihre Lieferung. Jeder war glücklich. Das Geld floß pünktlich.
Das Herz raste Robert Steltz unvermittelt.
Das mit dem Herzrasen war dermaßen, daß Robert Steltz sich deswegen Sorgen zu machen anfing.
Die nächste Ausfahrt die Autobahn runter, die Robert Steltz nahm.
Wäre Elke nur nicht eine, so verdammt bieder und anständig.
Hier war der Nachteil Elkes.
Schaute er, Robert, sich Elke an, war es für ihn ein echtes Wunder, daß Elke einen geheiratet hatte, von dem sie wußte, daß er vorbestraft war.
Elke hatte sogar auf ihren Robert gewartet.
Die Haftstrafe war viereinhalb Jahre. Viereinhalb Jahre, die Elkes Robert als Mitglied einer mafiös strukturierten Schutzgelderpresserbande abzusitzen hatte. Überdies mußte Elke etwas von Delikten wie schwerem Betrug, Körperverletzung erfahren.
Hätte er Elke gegenüber jedoch nicht Besserung gelobt, hätte Elke ihn nach der Haftentlassung nach drei Jahren nicht zurückgenommen.
Wegen guter Führung war er rausgekommen.
Mit einem Heinze war Elke zusammen. Diesen Heinze ließ Elke dann fahren, Heinze, der Elke schon länger den Hof gemacht hatte.
Frisch erst war Elke bei Heinze eingezogen.
Nur die Frage, wie Heinze denn so im Bett war, die hatte Elke ihm, Robert, nie beantworten wollen. Statt dessen, daß Elke boshaft guckte.
Elke, eben eine treue Seele und Mutter.
Und Markus, Markus, der war sein Sohn. Und Elke hatte immer gewollt, daß der Vater ihres Kindes auch ihr Ehemann würde.
Ein Dreivierteljahr hatte er zur damaligen Zeit, nach seiner Haftentlassung, eine Beschäftigung in einem Warengroßlager. Eine werktägliche Tagesbeschäftigung, die er aufgab, um als fahrender Händler in den Kleinteilehandel für Zulieferfirmen einzusteigen, wie er Elke erzählte.
Das brachte irgendwann richtig Geld. Hin und weg war Elke dann vom Einkommen ihres Mannes.
Elke, er, Robert, und Sohnemann Markus, sie zogen bald aus ihrer möblierten Mietwohnung aus. In ein kleines Städtchen. An den Rand der Ortschaft.
Ein Eigenheim hatte die Familie Steltz.
Die Ratenzahlungen für das Haus von Elkes Konto, von Elke ein Jahr nach dem Einzug gestoppt. In zwei Chargen, daß Robert Steltz auf Elkes Bankkonto überwies. Plötzlich war die Wohnanlage vollständig abbezahlt, und Elke konnte die Tatsache nicht fassen.
Das war nur zu schaffen, weil Elkes Robert einen so tollen Beruf hatte. Einer Beschäftigung nachging, mit all den Bonuszahlungen mehr als einträglich.
An Geld fehlte es der Familie hinten und vorne nie mehr. Und wenn mal wieder ein, zwei Scheinchen mehr benötigt wurden, legte Robert sofort zu an Tempo im Job. Schnell wieder war alles paletti.
Elkes Vorschlag, kaum daß er mit ihr nahe am Dorfrand wohnte: Mitglied im Schützenverein sollte Robert werden. Oder bei der Feuerwehr. Die ausgedruckten Adressen der Kegelvereine legte Elke ihm, Robert, hin. Was Elke dazu laberte, war, ein Verein wäre wichtig. Für die Geselligkeit. Damit sie nicht bloß daheim herumhockten. Sondern unter die Leute kamen. Neue Bekanntschaften machten. Soziale Kontakte.
Elkes Suche nach dem Mittelpunkt der Gesellschaft. Wo die mit dem Ansehen waren.
Geärgert hatte es Elke, daß sie nicht die Sprecherin des Elternbeirats der Volksschule geworden war. Obwohl Markus die Schule ab dem nächsten Schuljahr ohnehin nicht mehr besuchen würde.
Der Wechsel aufs Gymnasium war von Elke für Markus angedacht. Dafür bekam Markus, der schlecht war in Mathe und nur ungern las, in den Ferien täglich und jedes Wochenende Nachhilfeunterricht.
Das war das mit Elke, seiner Gemahlin: Elke plante Dinge. Ziemlich im voraus.
Es war nicht leicht. Elke jetzt bald mal was zu verklickern, das war wirklich das Gegenteil von leicht.
Die Wahrheit noch dazu. Nichts als die Wahrheit. Womit er, ihr Ehemann, in Wirklichkeit sein Geld verdiente, Elke das beizubringen. Indem er Elke die volle Wahrheit sagte. Reinen Wein einschenkte. Das würde der Wahnsinn werden, Elke die volle Wahrheit zu sagen.
Heute noch, sobald es früher Abend wurde, würde er von seiner nächsten mehrtägigen Geschäftsreise heimgekehrt sein. Mit neuer Ware zum Liefern oder nicht. Der Ehemann und Vater, der nach Hause zurückgekehrt war. Ein bißchen früh in der Woche.
Sicher war, daß Elke die heutigen Abendstunden bis zehn, halb elf am Abend nicht im Wohnhaus anwesend sein würde.
War Elkes Frauenabend. Oder nicht? Der Frauen- und Emanzenverein. In der viel über Männer gesprochen wurde. Die Weiber an die Macht.
Nachdem Elke von der Geselligkeit zurück war, konnte man sich jedoch noch stundenlang miteinander unterhalten und auseinandersetzen. Sogar bis in die frühen Morgenstunden.
Nur Markus hatte einen Pflichttermin am Morgen: Markus mußte in die Schule.
Markus würde er, der überraschende Heimkehrer von seiner Handelsreise, vor achtzehn Uhr daheim antreffen, Markus, seinen Sohn.
Markus, der Fußballtraining hatte. Ab achtzehn Uhr. Bis neunzehn, neuzehn Uhr dreißig.
Nach achtzehn Uhr heimzukehren, hieß, daß Elke Markus ins Training gefahren hatte. Eine Viertelstunde, die Elke auf sich warten lassen würde.
Frage: Brachte er sich nun Arbeit mit? Oder wagte er ihn, den Schnitt?
Das letzte Mal, daß er eigentlich noch mal was liefern könnte.
Damit hätte er zumindest Zeit gewonnen. Erst mal keine Nachfrage, warum nichts geliefert wurde.
Verlassen hatte man sich darauf, daß er liefern würde, und er, Robert Steltz, lieferte nichts.
Fünfundvierzig Mal war er letztes Jahr zu einer seiner drei, vier, fünf Tage dauernden geschäftlichen Reisen aufgebrochen.
Im Jahr davor, der einsame Höhepunkt. Praktisch jede Woche mit Lieferungen jeden zweiten Tag.
Robert Steltz, sein Arbeitsleben. Ein Doppelleben. Über das keiner Bescheid wissen sollte.
Wenn Elke davon erfuhr, was das tatsächlich für ein Geschäft war, das er, ihr Gemahl, betrieb - das war eine Art Weltuntergang.
Ein herber Einschnitt. Die Neuigkeit würde Elke total fertigmachen.
Derzeit reiste er zumeist am Montag in der Früh mit dem Auto ab. Mit zwei Schnitzeln und Brötchen fürs Mittagsessen im Wagen.
Im Fahrzeug war er ständig über Mobilfunknetz und Freisprechanlage für Elke erreichbar. Bei Gelegenheit chattete er mit Elke. Oder Markus. Mit Markus eigentlich immer nur kurz. Markus ließ sich nicht so gern ausfragen. Sobald Markus anfangen sollte, zuviel von sich zu berichten, würgte Markus das mit der Zeilenschreiberei ab.
Öfters hatte Elke das Bedürfnis, mit ihrem Ehegatten zu telefonieren, ihm Wichtigkeiten mitzuteilen. Neuigkeiten aus der Nachbarschaft oder der Zeitung, die sie sofort erzählen mußte, Geschichten, die Markus in der Schule hatte.
Komisch war nur, daß Elke am heutigen Tag immer noch Pause hatte. Von Elke kam nichts. Kein Anruf, keine Kurznachricht. Keine Schwatz-Anfrage, nichts.
Weil Elke auf ihn, ihren Gatten, schaute, ließ er sich mehrere Male im Jahr von Elke zum Flughafen fahren. Um in einem Kleinflugzeug abzufliegen. Frankfurt, Hamburg, Leipzig. Zweck des Ganzen jedesmal: einen Großkunden aufzusuchen. Wenigstens sollte das Elkes Meinung sein. Verschiedene Maschinenbaufirmen, über deren Namen er Elke vor jeder Reise informierte. Firmen, die wirklich Einträge im Handelsregister hatten. Falls Elke auf die Idee kam, kurz nachzuforschen. Namen in Suchmaschinen einzugeben.
Die Realität des Robert Steltz: Huren. Huren wie Eva. Schließlich hatte er zwischendrinnen Zeit totzuschlagen. Ehe die Reise wieder losging.
Wie es ihm vorkam, steigerte sich die Nachfrage wieder mehr. Mimimum vier Einheiten, die bestellt wurden.
Sogar in den zweistelligen Bereich hatte er bereits Anfragen gehabt. Die er jedoch minimierte.
Weil: Die Steigerung, die brachte zwar mehr Geld. Mehr gutes Geld.
Gleichzeitig potenzierten die erhöhten Kopfzahlen das Risiko.
Überaus ärgerlich war, daß er nicht jede Geldsumme, die man ihm übermittelte, offen auf die Bank bringen konnte. Stückeln mußte er.
Unter seinem Familiennamen durfte er nicht zuviel anlegen. Schließlich: Erkundigte sich jemand nach der Herkunft der Geldbeträge, konnte es passieren, daß Fragen plötzlich ungeklärt blieben. In Betracht zu ziehen: Schwarzgeld.
Die Problemlösung war ehedem gewesen, daß er Schmuck, Gold kaufte.
Dafür hatte er sich in Hamburg, Frankfurt, Leipzig, München extra Bankfächer zugelegt, Zeug zu lagern.
Nun war das, was ihm Sorgen bereitete, wie er die kleinen, größeren Goldbarren und die teuren Schmuckstücke wieder zu Realgeld machen konnte. Zuviel davon im Reisekoffer, das war zu sperrig.
Die Augen des Staates waren überall. Das Finanzamt war praktisch ständig am Fahnden nach Namen von Leuten, die Schwarzgeld horteten.
Sommerliche Temperaturen herrschten im September. Mit dem Papiertaschentuch wischte Robert Steltz sich das Gesicht.
Insgesamt hatte sich Robert Steltz' Stimmung wieder aufgehellt. Keine Ahnung hatte er eigentlich, warum.
Auf der Hauptstraße fuhr er in ein Städtchen ein, dessen Namen er gelesen und doch nicht bewußt wahrgenommen hatte.
Dann war er durchgefahren, durch die Ortschaft. Und er erblickte sie am Straßenrand: ein paar, die den Finger raushielten.
Tramper. Autostopper.
Jetzt paßte plötzlich was. Bei einem schönen Mädchen, das beim Ranfahren als erste der Reihe herumstand.
Direkt seitlich der Schönheit hielt Robert Steltz den Wagen an, reckte sich rechts rüber, öffnete die Beifahrertür. "Wo willst du hin, Mädel?"
"Irgendwo südlich runter. Du fährst ungefähr dorthin?"
"Genau die Richtung, in der ich fahr'. Fahr' da an ein paar großen Städten vorbei. Mußt du nur was ansagen, kann ich auch 'nen kurzen Umweg machen. Kann auch wo in 'ne Stadt reinfahren, wenn du das willst. Stadtmitte. Kein Problem. Steig ein!"
"Das ist aber lieb", meinte die hübsche Blondhaarige. "Für mich fährst du sogar Umwege ...?"
"Tut mir leid, Leute, nehm' nur eine mit, die da", sagte Robert Steltz den beiden, die von voraus zu der Schönen dazukamen, ins Fahrzeuginnere hereinschauten, während die Blonde weiter draußen rumstand. "Willst du nicht endlich einsteigen, Mädel?"
"Die hier, die sind vorn. Die stehen schon viel länger als ich. Ich bin erst kurz da. Ein paar Minuten ..."
"Wenn du keine Lust hast, schlag die Autotür wieder zu. Dann fahr ich weiter alleine weiter."
Die Blondine nickte jetzt mit herabgezogenen Mundwinkeln zu Robert Steltz herein. Auf den Beifahrersitz kletterte sie kompliziert, plazierte ihr Hinterteil auf dem Sitz, stellte sich ihre Tasche auf die Bodenmatte zwischen den Beinen.
"Du nimmst also nur sie mit?" fragte der eine der Rotmützenträger herein, die sich zum Hereinschauen herabbeugten.
"Nur die", erwiderte Robert Steltz.
Die beiden mit den roten Sportkappen warfen einen Blick auf die Blonde, Robert Steltz' neue Beifahrerin, nickten.
Der eine Kerl warf die Beifahrertüre scharf zu, daß Robert Steltz sich fragte, ob er es sich nicht anders überlegen sollte. Drei waren mehr als eine. Da fehlte am Schluß nur noch eine Portion, dann war die Kopfzahl erreicht.
Beide Jungmänner, die fortspazierten, sich an die ihre ursprünglichen Plätze zurückzustellen.
"Danke, daß Sie mich mitnehmen!" säuselte Robert Steltz' frische Mitfahrerin. "Aber, ich bin hier wirklich erst vor knapp zehn Minuten dazugekommen. Bin eigentlich die letzte der Reihe. Die beiden und die andern noch weiter voraus stehen schon viel länger. Bei denen ist vorne, ich stehe eigentlich ganz am Schluß ..."
"Wenn du jetzt aussteigst, nehm' ich deswegen auch keinen andern mit", ließ Robert Steltz hören. "Entweder dich oder keinen. Kann ich dann wegfahren? Oder steigst du wieder hier aus?
"Nein, ich steige nicht aus. Aber - Vorsicht! Ich hab Pfefferspray. Kann ich schnell vorholen. Falls du so Gedanken hast ..."
"Echt, Pfefferspray ...?" Robert Steltz schüttelte den Kopf, lenkte seinen gemieteten Wagen auf die Fahrbahn zurück.
"Pfefferspray ist 'ne Sache, kriegt man's ins Gesicht, wenn man fährt ... Ich heiße Robert. Wie heißt du?" Nach der rechten Seite starrte Robert Steltz kurz rüber.
"Lena!"
"Sehr schön! Lena - ein berühmter Name. Also 'Lena' hat Klang. 'Le-na' ... Wie He-le-na. Singst du in 'ner Band? Oder kennst du Paris?"
"Mann, sind wir witzig heute, was?" Alles andere als glücklich und zufrieden blickte Lena zu Robert Steltz herüber, Robert Steltz hinter dem Lenkrad.
"Was denn?" Robert Steltz runzelte die Stirn, schaute seitlich nach Lena.
"Das ist erste Klasse. Daß Sie mich sogar irgendwo in 'ne Stadt reinfahren würden ... Besser hätt' ich's ja nicht treffen können."
"Denk' ich auch. Würd' mich an deiner Stelle auch freuen."
An der Auffahrt die Autobahn hinauf fuhr Robert Steltz' Wagen vorüber.
"Wollten Sie nicht die Autobahnauffahrt rauf? Fahren Sie auf der Landstraße weiter?"
"Haha!" Ins Gesicht grinste Robert Steltz Lena, die ihn anglotzte. "Du mußt nicht denken, ich will mir von dir 'ne Ladung Pfefferspray verpassen lassen. Nein! Muß sogar auf der Landstraße weiterfahren. Droben hat's ein paar Kilometer weiter unten auf der linken Spur 'nen Unfall gegeben. Hier also ganz in der Nähe. Leider die Richtung, in die wir fahren. Unsere Fahrrichtung. Hab' ich in den Meldungen im Radio vorhin zufällig gehört. Beidseitige Straßensperrung. Fahrzeuge haben gebrannt ... Wer sich auskennt, soll großflächig umfahren ... Ich kenn' mich nicht aus, fahr' aber trotzdem nicht auf die Autobahn rauf ..."
"Immer diese Raser ..."
"Stimmt schon. Leute fahren Rennen, überholen andere Leute. Auf die Tube wird gedrückt, als wäre Formel eins. Man hat's irgendwie eilig. Ich aber nicht. Ich habe Zeit. Siehst du, ich halte mich an jede doofe Geschwindigkeitsbegrenzung."
"Wie kommt's, daß Sie auch in den Süden runter fahren? Ziemlich weite Strecke, von hier aus."
"Bin auf Geschäftsreise. Ein Geschäftsreisender. Komm' eben aus Hamburg. Aber nicht von den Nutten dort - hahaha! Muß Richtung Bayerischen Wald. Da hab ich ein Geschäft mit einer Firma. Hab' dem Betrieb da neue Software schmackhaft gemacht. Jetzt muß ich persönlich zu denen hinkommen, die installieren ... Das mach' ich oft. Und du? Was ist mit dir? Schaust jung genug aus, könntest noch in die Schule gehen ... Die Schulen haben seit Tagen wieder mit dem Unterricht angefangen, soviel ich weiß. Weiß nichts von Ferien irgendwo ..."
"Danke, daß Sie mich für so jung halten. Könnte aber auch studieren, nicht?"
"O ja! Das könntest du. Durchaus. Gibt's da nicht Einschreibungsfristen?"
"Studiere nicht. Ich bin auch schon zweiundzwanzig. Ich bin lange arbeitslos gewesen. Jetzt bin ich auf dem Weg zu meiner Tante Frida. Dort will ich wohnen bleiben, bei meiner Tante. Das heißt, ich habe da eine Lehrstelle in Aussicht. Übernächsten Monat, daß ich da anfange. Bis ich selber Geld hab', darf ich bei meiner Tante wohnen. Wenn ich ihr ein bißchen im Haushalt helf', geht das klar. Und wo sollte das Problem sein, ihr nicht ein bißchen im Haushalt zu helfen ...?"
"So hübsch, wie du bist. Da wundert's mich, daß du länger arbeitslos wärst ... Warum hat dich denn keiner mehr länger eingestellt?"
"Hatte ja auch Arbeit. Bin nie lange arbeitslos. Nur, sagen wir mal so: Wenn man Leute erst kennengelernt hat, tut am Schluß Schönheit nichts mehr zur Sache. Ist sogar eher ein Nachteil. Bestimmte Kerle denken immer, ich wär' leicht zu haben. Dreimal hatt' ich bis jetzt eine Lehrstelle - dreimal hab' ich abgebrochen. Weil ich mir nicht alles gefallen lass'. Jetzt hoff' ich, daß ich mal wo dabeibleiben kann ..."
"So! Eine Eigenwillige bist du? Hast 'nen eigenen Kopf?"
"Für jeden Mist, der nicht im Lehrvertrag steht, bin ich nicht zu haben. Will einer 'ne Nutte, soll er wegfahren, sich anderswo eine kaufen."
"Achso!"
Eine Viertelstunde des Schweigens war vergangen, währenddessen von Robert Steltz vorangefahren wurde.
Nach rechts verdrehte Robert Steltz den Kopf, guckte auf seine mürrisch dahockende Beifahrerin. "Redest du nicht mehr mit mir? Was ist denn? Hab' doch nichts Schlimmes gesagt, oder?"
"Hab's nicht nötig, dauernd und ununterbrochen was immer und zu jeder Zeit zu sagen."
"Nein?"
"Hab' nicht nötig, was daherzulabern, nur um mich labern zu hören, sag' ich."
"Fand, wir wären nett dabei, uns zu unterhalten, Lena ..."
"Sie haben da vor ein paar Minuten was von 'nem Unfall auf der Autobahn dahergeschwatzt. Dann haben Sie Ihr Autoradio überhaupt nicht an ... Es meldet sich auch nicht. Es gibt keine Durchsage bei Ihnen im Wagen, nichts ... Und, bald könnten wir auf die Autobahn rauf, oder?"
"Entschuldige, Lena, das Radio hab' ich ausgeschaltet, bevor ich dich einsteigen hab' lassen. Hast recht, sollt's wieder anmachen. Schnell jetzt." Auf den Einschaltknopf des Radios in seinem Auto drückte Robert Steltz.
Zu Lena auf dem Beifahrersitz schaute Robert Steltz. "Zufrieden? Jetzt hören wir Musik."
Leise dudelte alltägliche Gebrauchsmusik im Fahrzeuginnern. Einmal deutscher Schlager, dann was Eingängiges in englischer Sprache.
Die blondhaarige Schönheit, die blaue Jeans an den Beinen anhatte, ein dünnes, hüftlanges rotes Glitzerhemd, das die Hügel ihrer Brüste gut erahnen ließ, ein gelbes Samthalstuch am Hals, schwieg sich an der Seite Robert Steltz' trotzig aufs neue voran.
"Du guckst hier in der Gegend rum, weiß nicht", meinte Robert Steltz zu seiner Befahrerin hinüber. "Denkst du echt, ich denk' da dran, über dich herzufallen?"
"Keine Ahnung, was Sie denken. Könnt aber schon gut sein, daß Sie da dran denken. Wenn ich mein Pfefferspray in die Finger kriege, müssen wir schauen, was dann passiert. Gefallen lass' ich mir auf alle Fälle nichts, wozu ich nicht Lust hab'."
Robert Steltz linste wieder zu seiner Beifahrerin rüber, die sich abermals Minuten nicht mehr geregt hatte. "An so miese Stimmung hab' ich nicht gedacht, als ich dich zu mir ins Auto geholt hab'."
Abfällig prustete Lena eins durch die Nase. "Hättest mich ja dort stehen lassen können, wo ich gestanden bin. Die andern, die da schon länger standen, die wären vielleicht spaßiger drauf, jetzt."
"Schau, dort vorne! Von denen nehmen wir jetzt auch noch einen mit. Dann sind wir zu dritt im Auto. Das geht doch in Ordnung, oder? Dann regst du dich ab, ja?"
"Sie können tun und lassen, was Sie wollen. Mitnehmen, wen Sie wollen."
"Na denn!" Auf die Bremse stieg Robert Steltz, stoppte vor dem nächsten, der als Einzelgänger dastand.
"Sie wollen mich mitnehmen?" fragte der mit einem großen, weißen Taschentuch auf dem Kopf, der sich auf Höhe des offenen Beifahrerfensters bei Lena herabbeugte, Robert Steltz. "Die da vorn, die stehen aber eigentlich schon länger ..."
"Ich nehm' nur einen mit - dich", hielt Robert Steltz fest. "Wenn du nicht einsteigst, nehm' ich keinen hier mit. Mag mir das Auto außerdem nicht bis zum Rand auffüllen ... Was ist? Kommst du nun eingestiegen ...? Oder lassen wir's bleiben?"
"Entschuldigt, Leute!" hörte Robert Steltz den Autotramper-Knilch draußen nach vor sagen, wo drei am Herankommen waren. "Er will nur einen hier mitnehmen. Mich. Entweder mich oder keinen."
"Dann steig schon ein, du Arschloch!" krähte der mit dem Cowboyhut, der mit seinem Kumpel vor der Motorhaube von Robert Steltz' Fahrzeug stehengeblieben war. "Mach, daß du hier wegkommst ..."
Die beiden, die sich abwanden, während der eine Robert Steltz anschaute, Robert Steltz, der den Kopf schüttelte.
"Wo soll ich meinen Rucksack hintun, mein Herr?" erkundigte sich der junge Mann, der wieder durch das Beifahrerfenster an Lenas Brusthügeln vorbei zu Robert Steltz hereinblickte.
"Wart mal , ich steig' schnell aus", erklärte Robert Steltz. "Hinten, in den Kofferraum, tun wir dein Zeug rein ..."
Die Fahrertüre schwang Robert Steltz auf, nachdem er nach dem Verkehr geguckt hatte, stellte sich auf die Beine. Die Autotüre schlug Robert Steltz zu, begab sich nach hinten.
"Nein, ich nehm' wirklich nur einen mit. Den da jetzt. In Ordnung?"
"Wenn Sie der glücklich macht", erwiderte der nächste mit einem Cowbowhut über der langen Matte Robert Steltz.
"Darüber mußt du dir keine Sorgen machen", gab Robert Steltz zurück. "Weißt du, wir sind dann zu dritt im Auto. Das reicht doch, oder?"
"Stimmt schon!"
"Na denn!"
"Piff" machte es, als Robert Steltz auf den Funkschlüssel drückte, der Kofferraumdeckel, der hochschwang.
Robert Steltz packte mit an, half, die Tramperausrüstung mit Metallgestell, Trinkflaschen und allem seines neuen Mitfahrers hineinzuheben.
"Wo soll's denn hingehen, mein Lieber?" erkundigte sich Robert Steltz bei dem, der ihm gegenüber aufgebaut dastand. Seinem neuen Mitfahrer.
"Südwärts", erwiderte der andere, lächelte, daß seine Schwitzigkeit besser zu erkennen war. "Richtung Bodensee würde gut passen."
"Ah, da bist du bei mir fast richtig", erklärte Robert Steltz. "Bei mir geht's südwärts. Wenn wir südlich sind, du raus willst, mußt du das aber sagen ... Sonst fährst du mit in den Bayer-Wald. Geht das klar? Das paßt?"
"Ist okay."
"Also ... Alles super hier, was?" Die Mundwinkel Robert Steltz' waren herabgezogen.
"Besser könnt's für mich nicht laufen", schwatzte der Knabe zu. "Von München aus ist's auch gut Richtung Bodensee zu kommen ..."
"Schön, schön!" Robert Steltz nickte, drückte die Heckhaube händisch zu. "Dann steigen wir wieder ein, fahren mal los, um weiterzukommen. Du bist aber auf den billigen Plätzen hinten."
"Haha! Das macht nichts."
"Wenn das nichts macht, machen wir doch, daß wir hier weggkommen."
"Wir waren in Finnland, Schweden", ließ Benny wissen, Benny, der sich hinten auf den Fondsitzen eingewöhnt hatte. "Stockholm, Lundsvall, Lulea, Tornio, Helsinki, Lahti ... Immer für ein paar Tage. Aber nirgends länger als 'ne Woche. Am besten war Kainuu, in der Holzhütte am Fjord."
"Jetzt trampst du alleine nach Hause, Benny ...?" war Lenas nächste Frage, Lena, die sich am Beifahrersitz nach Benny umdrehte. "Wo sind denn deine Freunde?"
"Die andern, das sind solche Arschlöcher", brach es bei Benny aus.
"'Arschlöcher' ...?" echote Robert Steltz, als würde ihn ordinäre Sprache stören.
"Ja, Arschlöcher! Arschlöcher sind sie."
Über die Augen wischte sich Benny mit dem hochgereckten Zeigefinger, sah Robert Steltz durch den Rückspiegel.
"Die waren Arschlöcher. Und Helga auch ..."
"'Helga' ...?" fragte Lena nach, Lena, die nach hinten schaute.
"Wir waren nun den zweiten Tag in Hamburg am Zeltplatz. Am geschissenen Zeltplatz da. Da haben sich die andern gestern nachmittag entschlossen, noch mal nach Dänemark zurückzumachen. Weil das Wetter so gut dafür war, fanden die. Das Wetter wär gut, noch mal nach Dänemark zu machen. Und Helga hat gemeint, sie bleibt nicht bei mir, sondern kommt mit den anderen mit. Statt mit mir in die Heimat zurückzutrampen. Ich hab's Helga wiederholt, daß ich sicher nicht mit nach Dänemark mitkommen will. Weil wir da ja jetzt alle herkommen. Da waren wir schon. Ich reise nicht zurück, wegen schönem Wetter. Als hätt' ich zuvor keinen Wetterbericht gehört. Find', es geht im Leben nichts rückwärts, sondern nur nach vorn. Außerdem bin ich fast pleite. Thomas und Ali, die haben aber noch jede Menge Geld übrig. Helga hatte auch noch ihre Karte ziemlich gefüllt. Mensch, die meiste Zeit hat Helga mich für sich zahlen lassen. Für's Zahlen war ich ihr blöd genug. Hatte ja auch nichts dagegen."
"Scheint's, deine Freunde - nicht die besten Freunde, Benny ...", laberte Robert Steltz, während er mit gerunzelter Stirn nach Lena guckte, Lena deren Blick sich auf Bennys Gestalt auf den Fondsitzen festgefressen hatte. "Nicht die allerbesten Freunde, die man haben kann. Und Helga, deine Braut, die hatte auch ihre Mucken. Scheint's."
"O ja!" kam Bennys Zustimmung prompt. "Ich hab' Helga geliebt. Liebe Helga eigentlich immer noch. Helga hat mir das erst vorgestern auch noch mal gesagt, daß sie mich liebt. Mich würd' sie lieben. Pah! Dann bin ich vorgestern ins Zelt zurückgekommen, machen Thomas und Ali, meine beiden Kumpel, zu zweit mit ihr, Helga, meiner Freundin, rum. Wollten überhaupt nicht aufhören. Nur widerwillig haben sie damit aufgehört. Weil ich herumgeschrien hab'. Vorgestern am Abend. Da hab' ich dann alles erfahren. Was da so läuft, wenn ich nicht dabei bin. Wenn ich mal nicht bei Helga dabei bin. Sogar zu dritt, das haben sie schon öfters ... Thomas und Ali mit Helga - einer hinten, der andere vorn ... Je nachdem."
"Nicht nett von deiner Freundin und deinen Freunden, würd' ich mal sagen", raunte Robert Steltz. "Wenn das schon länger geht ... Du hast echt von nichts nie was mitgekriegt?"
"Ja, ich bin ein Idiot!" Bennys Kopfnicken, Benny, der sich mit einem Zipfel des Handtuchs hinten über seinem Nacken übers Gesicht drüberwischte.
"Ganz versteh' ich die Geschichte trotzdem nicht." Am Hinterkopf kratzte sich Robert Steltz. "Meine Freundin. Meine Freunde mit meiner Freundin. So viele Dinge, die ich verpass' ..."
"Stimmt, ich hatte Tomaten auf den Augen. Oder: Nichts ist bei mir direkt angekommen. Obwohl Helga, schon von Anfang an, blieb sie mit einem alleine ... Sagte Helga mir gestern wenigstens. Einmal der, dann der andere. So heruntergeholt, geblasen. Oder richtig feste ... Dann, die beiden zusammen. Immer, wenn ich nicht da. Haben Helga nur Zeichen geben müssen, und Helga ... Und dann hatte Helga ja auch noch mich. Mich. Ich war exklusiv dran, bei Helga. Hätte sich jetzt aber aufgehört ... Ich hatte es ja jetzt mitbekommen, daß ich nicht nur alleine ..."
"Hahaha!" Auf das Lenkrad haute Robert Steltz vor Lachen.
Die einzigen Worte im Wageninneren waren die der Sänger und -innen der Lieder, die im Radio gespielt wurden. Nicht laut, nicht leise gestellt.
Dreimal deutschsprachiges Liedgut. Das vierte Lied, das anfing, war in englischer Sprache.
Nach der Seite blickte Robert Steltz auf Lena. "Was meinst du, Lena, wenn Benni dein Freund wär - wärst du bei den andern beiden geblieben? Oder wärst du vielleicht jetzt mit Benny auf dem Heimweg? Was sagst du?"
Lena schürzte die Lippen, guckte starr zu Robert Steltz auf der Fahrerseite.
Die Schulter zuckte Lena dann. "Weiß nicht, was Sie von mir wollen ... Bin ich treu, bin ich nicht treu ... Ich sag' mal so: Kommt alles ganz drauf an. Einmal, wie die aussehen. Aber - ganz an erster Stelle -, ob ich mich so mit denen so verstehen würd', wie diese Helga sich anscheinend mit ihnen versteht. Helga, die Freundin von ihm ..."
Auf die Nasenspitze tippte sich Benny, sah Robert Steltz im Rückspiegel. Tränen, die sich Benni wegblinzelte.
"Thomas und Ali haben ganz klar zu mir gemeint, daß das schon seit Reisebeginn so gegangen wär, daß sie mit Helga rumgemacht hätten", drängelte von neuem was aus Benni raus. "Ohne daß ich irgendwas gemerkt hätt'. Haben sie ja auch aufgepaßt. Einmal der, dann der andere mit Helga. Wenn's einer nötig hatte, war Helga für ihn da. Oder für beide. Mal schnell mit der Hand, einen blasen ... Bumsen, bei Gelegenheit. Wenn ich nicht da war. Mit einem der andern wo unterwegs. Entweder mit Thomas oder Ali zusammen ... An so was hab' ich einfach nicht gedacht. Daß Helga ..."
Durch die Zähne pfiff Robert Steltz.
"Müßt' doch jetzt nicht herumzicken, jetzt, wo ich Bescheid wüßte. Ich könnt' doch auch mitmachen, hat Thomas gestern abend zu mir gemeint", war Bennys Fortsetzung. "Ali hat zu Thomas' Worten dazugenickt. Helga hat nur doof geschaut. Ich könnt' doch meine Freundin nicht immer nur für mich alleine haben, meint Thomas weiter zu mir. Wär doch so besser, daß jeder, als immer nur ich alleine mit Helga. Weil er und Ali weggegangen waren, mich und Helga alleine ließen. Helga, die könnt gut auch mit dreien. Helga, der würd's sicher auch Spaß machen, auch wenn ich dabei war ..."
"Das waren wirklich beste Freunde von dir, Benny, mit denen du in Urlaub gefahren bist und unterwegs warst?" mischte sich Lena auf einmal ein, sich wieder nach Benny umwendend. "Helga, deine Freundin? Du mußt doch was mitgekriegt haben? Glaub' es doch nicht hier, daß du nichts checkst, wenn Helga ... Helga mit jedem von euch ..."
"Sie haben's wirklich immer so gemacht, daß ich nichts mitgekriegt hab'", hielt Benny die Tatsache traurig fest. "Ich hab' jetzt keine Freunde mehr, die Thomas und Ali heißen. Und ich hab' keine Freundin mehr, die Helga heißt. Helga und ich, wir sind auseinander. Hab' mich von Helga getrennt. Helga hat sich wirklich entschieden, gestern. Für Thomas und Ali - gegen mich. Mit ihnen Thomas und Ali zusammen ist Helga jetzt sicher schon in Dänemark. Nur, mein Zelt haben sie nicht bekommen. Soll doch machen, was sie will, Helga ... Mit mir ist auf alle Fälle Ende. Bin doch nicht total plemplem, mit ihr weiter zusammensein zu wollen. So ein Miststück. So eine Hure."
"Hahaha!" brach das Gelächter auf ein neues aus Robert Steltz heraus.
Robert Steltz stellte fest, daß der einzige, der im Auto lachte, er war. Die beiden anderen Gesichter waren eine starre Maske.
"So schnell fahr ich nicht wieder in den Norden hoch", meinte Benny zu Lena nach vor. "Der Norden hat mir kein Glück gebracht. Meine Freundin ist weg, ich hab' zwei Kumpels weniger ..."
"Ich hab' vor, daß ich im nächsten Urlaub nach Spanien fahr'", eröffnete Lena.
"Alle wollen dorthin, das ist das Problem", meinte Benny launig. "In den Süden will jeder, oder? Spanien, Frankreich, Portugal, Italien, Griechenland. Ist doch langweilig, fand ich. Deswegen Finnland, Schweden, Dänemark. Die Tour. Was anderes, oder?"
"Stimmt, alle wollen südwärts." Lena nickte. "Wär' auch gern mal in Finnland unterwegs. Oder in Schweden. Grönland wär auch nicht übel."
"Ah ja, Grönland. Das könnt' ich mir für nächstes, übernächstes Jahr überlegen. Oder Island. Aber nicht Frankreich, Italien, Griechenland, Portugal. Das gähnt. Höchstens noch Bulgarien, Ungarn, Polen. Da war ich noch nie. 'ne andere Möglichkeit. Bulgarien, Ungarn, Polen, ostwärts ... Nach Rußland könnte man auch ..."
"Bulgarien, Ungarn, Polen, da war ich auch noch nie." Kopfnicken Lenas. "Rußland hatte ich noch nie als Idee."
"Vielleicht könnten wir ja Adressen, Nummern tauschen, Lena", eröffnete Benny das Schöne der Welt, wenn man bei Lena genau hinschaute. "Nächstes Jahr könnt' ich wieder was planen, und du kommst mit. Könntest mich begleiten. Wenn du Lust hast natürlich nur. Wir könnten uns auf alle Fälle zusammentelefonieren, öfter treffen, nicht? Du fährst ja jetzt in dem Wagen hier auch ungefähr dorthin, wo ich hinfahre, nicht?"
"Erst mal brauch' ich Käsch", versetzte Lena. "Käsch, Käsch. Nächsten Ersten geh' ich aber wieder in die Arbeit. Obwohl's wieder nur 'ne Lehre ist. Leider wieder nichts als 'ne Lehre. Mal sehen, ob die Leute diesmal was sind. Ob die nett sind, bei denen ich anfang'. Wenn ich aber bei meiner Tante wohnen bleib' ... Spar' ich mir zumindest die Kosten der Miete ..."
Lena, ganz schön geschwätzig, fand Robert Steltz.
Vor allem mit Benny schwatzte Lena, Benny, dessen Freundin es jetzt mit andern trieb. Lieber diente Helga, Bennys Freundin, Bennys Kumpels mit ihren körperlichen Vorzügen diente. Hatten das Benny ganz offiziell gemacht, Helga und Thomas und Ali, die Kumpane.
Keine Freude kam da bei Robert Steltz auf. Weil er hauptsächlich außen vor blieb, keine Worte von Lena abbekam. Auch nicht weiter von Benny beachtet wurde.
Noch nie hatte Robert Steltz das leiden können, wenn Leute ihn außen vor ließen. Verbissen starrte Robert Steltz voraus auf die rechte Spur der Autobahn, auf der er das Fahrzeug geradeaus lenkte. Noch.
"Das Geld für 'ne eigene Mietwohnung, das ich mir spar', das könnt' ich wirklich ansparen, für 'nen Urlaub", hörte Robert Steltz Lena wieder, für Benny auf den Fondsitzen mit ihrem Schwatz. "Zumindest einen gewissen Teil davon. Kommt drauf an, wieviel mir da bleibt, am Monatsende ... Bis jetzt bin ich noch nicht weit rumgekommen. Selber, mein' ich. Nur kurz auf 'nem Trip in die Niederlande. Sonst war ich noch nirgends."
"Hast du in 'nem Coffee-Shop was geraucht ...?" erkundigte sich Benny. "Kann man aber nicht mehr überall, was rauchen dort. Wird immer weniger."
"Stimmt!" Lena nickte zu Benny nach hinten. "Sonst rauch' ich nicht viel. Bin echt eingeschränkt, was Zigaretten angeht. Aber da war ich jeden Tag was rauchen ..."
"Hey!" rief Robert Steltz dazwischen, der fand, es reichte bald mal. Es mußte die Zeit kommen, daß hier das Glück zweier Leute weniger wurde. "Habt ihr Leute nicht Durst? Links am Boden von dir, Benny, der Kühlbehälter, der da steht. Dort sind ein paar Flaschen Cola drinnen. Ihr mögt doch gekühltes Cola, oder?"
"Eine Flasche Wasser wäre mir lieber", war Lena nicht zufrieden. "Cola - nur wenn's sein muß."
"Hab' nur Cola drinnen, Lenalein", gab Robert Steltz zurück. "Schön kühl aus dem Behälter - ist das nichts? Wärst du so freundlich, Benny, reichst Lena eine Flasche vor, ja?"
Herab beugte sich Benny, öffnete die Behälterklappe, holte drei Colaflaschen aus Plastik heraus, verschloß den Kühlbehälter wieder. "Hier, Lena - hier deine Cola. Wenn er sonst nichts hat."
"Danke, Benny!" Lena nahm die Halbliterflasche Cola aus Bennys Fingern.
"Hier ist Ihre Flasche, Herr ..., ja?"
"Danke auch!" sagte Robert Steltz, platzierte die Plastikflasche hinter die halbleere Mineralwasserflasche, die hinter dem Schaltknüppel bereits in der Getränkeabstelle drinnenstand. "Fahr' jetzt auf den Rastplatz da, der gerade auf dem Schild angekündigt worden ist. Können wir uns wieder die Füße vertreten. Einverstanden?"
"Klar paßt das!" raunte Benny, der den Flaschenverschluß abdrehte, erst mal wegen seiner Schwitzigkeit bloß ein kleines Schlückchen Colagesöff genoß, wie Robert Steltz im Rückspiegel beobachtete.
Das Auto von Robert Steltz stand abgestellt auf dem Rastplatz einigermaßen bei dichtem Gebüsch.
Drei große Transportlastwägen waren auf dem Autobahnrastplatz hingeparkt. Von Fahrern oder sonstigen Menschen war weit und breit nirgends was zu blicken.
Sowohl Benny als auch Lena hatten ihre Colas fast ausgetrunken, während Robert Steltz an der Colaflasche nippte und herumfingerte.
Lena hockte auf dem Fahrersitz, ihr behosten Beine außerhalb des Fahrzeugs auf dunkelbrauner Erde aufgestellt. Mit der Parkscheibe fächelte Lena sich Luft zu.
"Ist das eine Hitze heute, puh!" ließ Lena hören.
"Wie kommt's, Benny ...?" redete Robert Steltz, der sich sich mit dem Hinterteil an die Kühlerhaube angelehnt hatte, sich nun aber breitbeinig hinstellte, direkte Linie Richtung Lena und Benny, Benny an. "Du bist heute schon wie viele Tage auf Achse?
"Seit eineinhalb Monaten", antwortete Benny, der sich von ebenfalls dort von der Fahrzeugmitte zwischen den Seitentüre Beifahrerseite abstieß, dort, wo er sich rechts von Lena angelehnt hatte.
Zwei Meter Robert Steltz gegenüber stand Benny aufgebaut. "Heute früh bin ich aufgebrochen. So um halb sechs rum. Sie alle drei, Helga, Thomas und Ali, alle drei wollten, daß ich ihnen mein Zelt lasse. Weil Thomas und Ali kein eigenes mehr hatten, und ich sowieso am Heimweg war. Denen mein Zelt zu geben, ist mir nicht eingefallen. Hab' mein Zelt hübsch mitgenommen. Helga hat mich nur noch so komisch angegrinst. Dann bin ich weg von ihnen. War froh, dort wegzusein. War wirklich nur noch mies da. O ja, mein Zelt hätten sie gerne gehabt, die drei. Aber, ich habe es weiter. Vielleicht haben Thomas und Ali sich dann später eins wo gekauft. Helga hat auch noch jede Menge Kohle. Da könnt ein neues Zelt schon drinnen sein. Hab' also mein eigenes Zelt weiter, könnt's immer und überall aufbauen ... Überall gibt's irgendwo Zeltplätze, Sie glauben es nicht."
"Die Metallstäbe, die ich gesehen hab', sind also die Stangen zum Aufbauen von deinem Zelt und so ...?" plapperte Robert Steltz daher.
"Die Stäbe kann man zusammenstecken." Die Schulter zuckte Benny. "Mit dem Zelt, das ich dabei hab', bin ich wirklich ziemlich autark. Dann hab' ich Geschirr. 'nen Gaskocher. Hätt' ich noch ein bißchen mehr Geld, könnt' ich noch ein wenig in der Gegend rumreisen. Nur, so ohne Geld ... Und außerdem dann noch das, was mir mit Helga und den andern passiert ist ... Da geht's jetzt nur heim, Richtung Heimat."
"Für mich geht's auch geradewegs zu meiner Oma ...", meldete sich Lena zurück, willens, Senf dazuzugeben. "Mal sehen, wenn ich dann arbeite, was ich der alten Schabracke abdrücken muß, für Kost und Logis ..."
"Mögt ihr beiden eigentlich Eis ...?" kamen so Worte aus Robert Steltz' Mund heraus, beinahe spontan.
"Du hast Fruchteis und Schoko im Angebot, hab' ich gesehen, als ich vorhin aufgeklappt hab'", säuselte Benny.
"Klar mag ich ein Eis", klang Lena. "Fruchteis, Schoko, egal."
Mit seiner Sportkappe, an der er die ganze Zeit linke oder rechte Hand gefingert hatte, fächelte Benny sich Luft zu.
"Du auch?" sprach Robert Steltz Benny an.
"Schoko", antwortete Benny. "Bin ein Milcheis-Fan."
Über die Fondsitze beugte Robert Steltz sich ins Wageninnere hinein. Hob den Deckel von der Kühlbox weg. Ein Schoko- und ein Fruchteis nahm Robert Steltz aus den beiden Firmenverpackungen, Inhalt: jeweils ein Dreier, heraus.
Das Schokoeis mit der kleinen gelben Klebemarke dran wählte Robert Steltz für sich.
"Meine Nummer, Lena ...", hörte Robert Steltz, der sich aufgestellt hatte, Benny bewußt wieder was reden, Benny, der Lena ihr Phönchen zurückreichte.
"Ich schreib mal 'Danke, Benny', ja ...?"
"Hier, das Eis, Leute", sang Robert Steltz.
"Danke!" meinte Benny, der Robert Steltz das Schokoeis abnahm, das Fruchteis für Lena hielt, bis Lena den kurzen Text auf ihrem Display getippselt hatte..
"So, Benny! Jetzt müßte bei dir jede Sekunde Musik spielen ..." Lena grinste Benny ins Gesicht, steckte ihr Phone in die Hosentasche ihrer Jeans, nahm Benny ihr Stück Fruchteis ab.
Eine Melodie spielte auf Benny Phönchen, die Robert Steltz irgendwoher kannte.
Robert Steltz fand Lenas Gesicht eins zum Reinhauen, während Lena Benny, der auf seine Phone-Anzeige guckte, Benny eins hergrinste. Ihr Fruchteis befreite im Nu von der Verpackung, fing mit dem Schlecken an.
"Heiß heute, fast noch wie Hochsommer ...", stieß Robert Steltz hervor, betrachtete die Geschwindigkeit auf der Tachoanzeige, die einhundertundzwanzig anzeigte. "Mann, die Fahrpause hat's wirklich gebracht. Hat uns allen gutgetan. Fährt sich wieder besser hier ..."
"Mir ist plötzlich, als wär was mit mir ...", ertönte es von Lena, Lena, die bei Robert Steltz am Beifahrersitz ausgiebig gähnte. "Ich bin sooo mü-de."
"Ach was?" wiegelte Robert Steltz ab. Einen Schluck aus seiner Wasserflasche nahm Robert Steltz.. "Du sagst, daß du's erst vorgestern abend erfahren hast, Benny, das mit deinen Freunden Markus und Ali und deiner Freundin Helga ...? Schwer zu glauben, das ... Solange miteinander unterwegs, dann merkst du nicht, was die andern miteinander treiben?"
"War die letzten beiden Nächte alleine im Zelt, nachts", erwiderte Benny hinten kopfschüttelnd, als wolle er eine unerklärliche Belämmerung von sich abschütteln. "Die andern sind dann gegen dreiundzwanzig Uhr weg. Erst gegen vier, halb fünf in der Früh zu mir zurückgekommen. Wenn die rein sind ins Zelt, bin ich rau-raus. Das stimmt: Da war schon alles mögliche, und ich krieg nichts davon mit ..."
"Versteh' das nicht, Benny, was du laberst", konstatierte Robert Steltz. "Da kannst du doch nicht alles verpassen. Du bist doch einer, mußt irgendwann mal was mitkriegen ...?"
"Nei-ein, wa-war nich-nicht", stotterte Benny, leckte sich mit der Zunge über die Lippen. "Puh! Bin auch mü-de. Helga - Hel-ga, hab' sie ge-geliebt ... Heute frü-früh, ha-haben die andern gesagt, daß sie das Zelt mittags ab-bau-en. A-aber i-ich - ich hab' gesagt, daß ich jetzt sofort wegma-che von ih-nen. Ich bin dann in der Früh von ihnen we-weg, mit mei-nem Zelt ..."
"Eine Scheiß-Gesichte, deine Freunde, deine Freundin ...", laberte Robert Steltz, der Lena anguckte, die sich nicht mehr regte. Lena, der der Kopf zur Brust gesunken war. Der Brustkorb Lenas hob und senkte sich, Lena, friedlich eingeschlummert.
"Weiß ni-nicht ...", war Benny weiter wach, kämpfte gegen den Dämonen in sich an. "Wa-as is-ist mit mir, Mann! Was is-ist das? O nei-nein! Da wa-war was in dem geschissenen Eis, Mann! Du -!"
Als Benny hinten auf den Fondsitzen herrutschte, sich zu Robert Steltz vorzubeugen, Robert Steltz hinter dem Lenkrad anzugreifen, wandte Robert Steltz sich am Fahrersitz schnell um, haute Benny die Faust der Linken nach dem Kinnwinkel.
Zurück kippte Benny auf die Rückenlehne.
Still am Platz blieb Benny, dessen Gesichtszüge sich jedoch noch nicht entspannt hatten.
"Scheiße, was fährst du mit denen weg vom Parkplatz?" schimpfte Robert Steltz sich. "Das hätte ja ganz blöd laufen können ...
Benny regte sich jedoch nicht mehr; genausowenig wie Lena.
Als ob er doch eingeschlafen wäre, wirkte Benny auf Robert Steltz.
"Du dreckiges Scheißerchen, Benny ...", sprach Robert Steltz Benny an. "Deine Helga fickt die andern, und du hast nie was mitgekriegt ..."
Keine Regung Bennys.
Regelmäßig hob und senkte sich der Brustkorb Bennys.
Es war sicher, daß Benny ratzte. Lena, die Nummer zwei, ebenso.
Das Eis, über das hätten Lena und Benny Bescheid wissen müssen. Je zwei Stück von dem Schoko- und Fruchteis, die nicht frei von Tücke waren.
K.O.-Tropfen.
Von ihm, Robert Steltz, eigenhändig mit einer Mehrwegspritze in das leicht aufgetaute Eis hineingespritzt. Durch die Papier- oder Plastikhülle. Und dann wieder alles wieder in die Kühltruhe zurückgelegt.
Die Fläschchen mit den Tropfen, die ihm die, in deren Auftrag er, Robert Steltz, unterwegs war, regelmäßig in Schachteln verpackt zusandten. Ein paar mehr Kartons hatte Robert Steltz bei sich daheim, als er eigentlich brauchte. In einem Schänkchen in der Garage, in dem sich auch ein paar Waffen befanden. Zwei Pistolen, ein zehnschüssiges Pump-Gewehr, eine Uzi und ein großkalibriges Gewehr für die Hirschjagd.
An frühere Kunden erinnerte sich Robert Steltz, bei denen hatte das Zeug noch eine spätere Wirkung wie bei Benny. Obwohl auf Tiefschlaf dosiert war.
Kam total auf die körperliche Konstitution von jemand an, was die Trankwirke anging.
Die Tropfen waren aber die sauberste Lösung.
War zu hoffen, daß Bennys Bewußtlosigkeit andauerte, bis er, Robert Steltz, daheim angekommen war. Sonst würde sich er, Robert Steltz, noch bei seinen Auftraggebern beschweren. Wenn die Fläschchen schickten, auf deren Inhalt man sich nicht verlassen konnte. Weil man das mit der Dosierung nicht im ausreichenden Maße abschätzen konnte.
Zuviel durfte man schließlich auch nicht darreichen ... Passierte mal wieder eine Rasterfahndung irgendwo, auf der Autobahn, war es besser, Schlafende dabeizuhaben, nicht Tote. Wenn man von einer Type mit einer Kelle an den Straßenrand gewunken wurde.
Es war an der Zeit gewesen für Robert Steltz, die technischen Gerätschaften für die Kommunikation seiner Mitfahrer auszuschalten.
Ein Rastplatz war das, von dem aus man Richtung Bodensee weiterfahren hätte können.
Interessante Gegend für Benny und Lena.
Hier hätten beide vielleicht gerne miteinander bei Robert Steltz aus der Karre herausgemacht. Hätten Robert Steltz freudig angesagt, hier müßte man sich nun von ihm, der mitgenommen hatte, verabschieden. Weil man dort war, wo sie beide als Anhalter hinwollten.
So befreundet wie die beiden, Benny und Lena, zuletzt waren. Hätte Benny Lena zu sich mit nach Hause und auf sein Zimmer nehmen können.
Als Helga-Ersatz hätte Lena wirklich etwas hergemacht. Bei der Figur, die Lena hatte.
Lenas Gesicht hätte sich eine wünschen können, der irgendwas mit ihrem Gesicht passiert war. Bei einem Unglück mit dem Schnellkochtopf. Oder einem anderen Unfall.
Die Reise mußte weitergehen. Wieder hockte Robert Steltz sich hinter das Lenkrad.
Nach Benny guckte Robert Steltz, über den er eine Decke gebreitet hatte. Die lediglich die Nasenspitze Bennys frei ließt.
Benny nervte schließlich. Benny war weggetreten, trotzdem einer der großen Annerver.
Bei Lena hatte Robert Steltz den Sitz auf der Beifahrerseite zurückgelegt. Süß, daß Lena in ihrem Schlummer ausschaute. Wie eine, die man sich behalten sollte.
Tatsächlich, ein wahrer Nerver-Knabe, Benny.
Während er auf den Autobahnen dahinfuhr, konnte Robert Steltz es nicht abschütteln. Er hatte die ständige Befürchtung, daß Benny hochrumpeln könnte. Jede Sekunde war es so weit, Benny kam hochgerumpelt.
Benny, der mit dem Oberkörper seitlich auf den Rücksitzen dalag, die rote Stoffdecke über sich gelegt, setzte sich auf. Die industriell genähte Decke schleuderte Benny von sich. Um Stunk zu veranstalten.
Schreierei in Robert Steltz' Richtung. Benny, in der Lage, Robert Steltz anzugreifen. Obwohl Robert Steltz im Auto auf der Autobahn dahinfuhr.
Im fahrenden Fahrzeug einen Angriff zu erleben, nicht die bestmöglichst vorstellbare Szene.
Regelrecht ein Horror, den Benny verursachte.
Wahrscheinlich wegen den Geschichten, die die Tage zuvor bei Benny waren. In Hamburg. Das mit Helga, seiner Freundin, die alles mit Bennys Kumpels Thomas und Ali getrieben hatte, was man sich vorstellen konnte. Ohne daß Benny was mitgekriegt hatte.
Die blonde Lena dagegen, die sah am zurückgelegten Sitz hübsch und brav aus.
Wie eine, die einen angenehmen Traum hatte, Lena.
Das Gesichtlein Lenas lag seitlich, ruckte, weil Robert Steltz' motorisiertes Reisegefährt über das nächste Schlagloch drüberfuhr.
Das Problem war, hatte er, Robert Steltz, Schlafende an der Seite, daß ab und zu was los war auf den Autobahnen.
Die von der Polizei veranstaltelten gerne eine Rasterfahndung.
Während die in Uniform oder ordinären Zivilkleidung, lediglich eine Warnweste übergestreift an, lange ins Fahrzeuginnere reinguckten, spielte es sich ab, daß keiner der Mitfahrer Robert Steltz' davon aufwachte. Damit war immer nur sehr schlecht zurechtzukommen für Robert Steltz. Das war immer ein Geschehen mit ungewissem Ausgang. Unerfreulich wie nichts.
Deshalb hatte Robert Steltz Benny und Lena etwas Hochprozentiges eingeflößt. Kirschwasser. Den Schnaps rochen sie, die Polypen.
Über Benny hatte Robert Steltz Bier drübergeschüttet, die leere Bierdose Benny beim Arm dazwischengeklemmt.
Die Fahne bei Lena und Benny würde jedem Polizeibeamte sofort entgegenkommen, näherte sie sich.
Schon eine Erklärung, der Schnaps. Eben zwei Komasäufer, die er, Robert Steltz, im Wagen hatte. Vertrauensvolle Leutchen, die sich anscheinend überall, wo sie waren zuknallten. Gab echt genügend, die sich Hacke machten, sich nicht vor den Folgen irgendwo fürchteten. Hauptsache, sie hatten sich dichtgemacht. Dann war gut.
Da konnte Robert Steltz sich vor seinem geistigen Auge sehen, wie er dem Polizisten hingrinste, zu ihm meinte, den beiden würde er, wenn sie wieder zu sich kamen, erzählen müssen, daß Polizeibeamte bei ihnen gerochen hatten. Zum Glück hatte keiner der zwei die Hosen voll. Auch wenn er einer war, der Trämper mitnahm, einer, der ihnen die Windeln wechselte, war er nicht.
So eklige Rasterfahndungen, dreimal waren ihm die bisher im Laufe des Jahres passiert.
Daß er, Robert Steltz, von der Fahrbahn heruntergewunken wurde. Augen, die ihm ins Autoinnere gafften. Ein Hund, der durch die geöffnete Seitentüre hereinroch. Geldscheine, Drogen, auf alles mögliche waren die Viecher abgerichtet.
Aussteigen mußte er, den Kofferraum öffnen.
Deswegen fand Robert Steltz es eigentlich auch angeraten, die Kunden, die er ihm Auto hatte, nicht zu bald in die Schlummerwelt zu schicken. Sondern solange wie möglich mit ihnen zu schwatzen und durch die Gegend zu kurven.
Daß er Benny und Lena heute bereits in den Schlaf geschickt hatte, eigentlich viel zu früh.
Das konnte sich eventuell als Fehler herausstellen.
Nur: Benny und Lena, die zwei, die hatten sich als wahre Keksgeher erwiesen. Waren ihm, Robert Steltz, wie noch mal was sauer aufgestoßen. Zwei, die den Fahrer lästig fanden. Obwohl der so freundlich war, sie bevorzugt mitzunehmen.
Nun war alles eben ein bißchen früher als ursprünglich in Planung für die beiden mit den hübschen Namen Lena und Benny gekommen. Fehlten ihnen eben für die Zukunft ein paar bewußte Momente.
Von der Autobahn fuhr Robert Steltz herunter. Suchte sich ein Waldstück.
Es war angesagt, technisches Gerät der Mitfahrer zu entsorgen und nach sonstigem zu suchen, was sie an verräterisches Zeug noch mit sich führten.
Das war schließlich ebenfalls auszuschalten. Irgendwo mußte es restlos mit nachvollziehbaren Impulse, von industriellen Einheiten in den Äther geschickt, zu Ende sein.
Das war jetzt endgültig fällig. Man mußte sich trennen.
Robert stieg aus, zog Lenas Phone aus ihrer Handtasche, suchte in Lenas Sporttasche herum. Nichts weiter. Die Sonnenbrille schien eine Sonnenbrille, nichts weiter.
Benny hatte ebenfalls ein Smartphone, das Robert Steltz zu Lenas in die Plastiktüte legte.
Mit dem Funkschlüssel öffnete Robert Steltz die Heckklappe seines Mietwagens, fingerte an Bennys Reiserucksack.
Ein Ipad besaß Benny darüberhinaus, voll funktionsbereit, eine seltsame Armbanduhr, die Robert Steltz aus einer Seitentasche herausholte.
Mit dem Arm holte Robert Steltz aus, haute die Plastiktüte mit dem Inhalt an moderner Technik mehrere Male gegen einen dicken Baumstamm.
Die Plastiktüte kriegte einen Riß. Also holte Robert Steltz sich noch so eine Tüte.
Mit dem Fuß, an dem er Halbschuhe trug, trat Robert Steltz auf alles in den Tüten drauf.
Dann holte Robert Steltz die kleine Klappschaufel seitlich rechts aus dem Kofferraum, klappte die Schaufel auseinander.
Nun grub Robert Steltz hinter einem Baum Ob ihm, Robert Steltz, einer zuschaute oder nicht, er grub ein schön tiefes Loch. Die Technikeinheiten für die Kommunikation und Überwachung in den Plastiktüten landeten in dem Erdloch.
Mit dem Fuß schob Robert Steltz die Erde über alles, trat es fest, besorgte sich zum Schluß Moos und Geäst, das Gesamte ein bißchen zu tarnen.
In der Nähe schien niemand zu sein. Es gab Leute, die traten ganz offen auf einen zu, fragten nach, was man denn so trieb.
Hätte Robert Steltz gut den oder die nächsten mitnehmen können. Auch mit Hund. Danach gefragt hätte Robert Steltz nicht.
Relativ flott ging die Fahrt auf den Autobahnen nun dahin.
Das mit den Staus wegen Baustellen, das schien an dem Nachmittag nicht stattzufinden. Vielleicht morgen, übermorgen, überübermorgen, war Robert Steltz auf neuer Autoreise.
Am Autoradio meldeten die ewig fröhlichen Ansager und Meldungsverleser nur verschiedene Radarfallen auf Landstraßen. Als ob Robert Steltz das nicht egal hätte sein können. Momentan hatte Robert Steltz nicht die Absicht, gegen irgendeine Regel der Straßenverkehrsordnung zu verstoßen. Fiel Robert Steltz überhaupt nicht ein.
Höchstens, wenn ihm der Wagen Feuer gefangen hätte ...
Schon die Sache, wie still Elke den ganzen Tag über war. Sonst rief Elke alle paar Minuten an, wollte von ihrem Robert jeden Pups wissen.
Anrufe Elkes, der letzte war um elf Uhr vormittags gewesen.
Komisch, Elke.
An der nächsten Großstadt ging die Reise vorüber, und Robert Steltz war auf dem Weg in heimische Gefilde.
Gegen halb fünf Uhr entdeckte Robert Steltz, daß er viel früher als angedacht daheim angekommen war.
Besser in die Planung hätte Robert Steltz gepaßt, gegen zwanzig Uhr in den heimatlichen Gefilden einzutreffen.
Aber, was sollte es? War Robert Steltz, Ehemann, Vati, eben ein bißchen früher dran.
Ob Elke heiß war?
Oder ob ihr Robert Elke helfen konnte, heiß zu werden?
Bei dem war Elke seit eineinhalb Monaten öfters launisch. Entwickelte nicht die rechte Laune, obwohl ihr Robert sich alle Mühe gab.