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Blog von TeddeMehr

"Insel der Überraschungen" (21-30)

24. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

 
 
 
 
21. Die Strecke verblasen
 
 
* Nicht die halbwüchsigen Nackedeis vom Teenager- und Kindersklavenmarkt wären hier die Treiber gewesen, sondern die im Piraten-Look, das wäre er sich sicher, meinte Ivan Hammer. Nicht gleich begriff René Depart, den das Treiben bei denen im Waidmannkleid voll in den Bann schlug, wovon Hammer redete. Ausschließlich die Gruppe der "Raptoren"-Jäger und die nahezu nackten mittelalten Kinder, die René Depart im Auge hatte. Aber, nachdem Ivan Hammer es leisen Tones angesprochen hatte, weitete sich René Departs Blickhorizont. Das fand René Depart sehr ärgerlich, daß erst Ivan Hammer ihn darauf aufmerksam machen mußte, daß hier noch andere vor Ort waren. Das wären die wirklich gefährlichen Leute, raunte Ivan Hammer. Und dem war für René Depart nicht zu widersprechen. Mit Sicherheit waren das diejenigen Personen, die den Jägern die "Raptoren" im Grunde genommen zum reinen Abknallen vor die Flinten getrieben hatten. Die Treiber der Jagd.
 
* Die "Piraten". Es war die dritte Gruppe auf der Szene drunten. Zur Absicherung standen sie überall verteilt. Schwerbewaffnete Männer und Frauen, eine Bewaffnung, fast wie Soldaten: Maschinenpistolen, Schnellfeuergewehre. Zu dem Dolch, der Machete in Lederscheiden, der Pistole im Lederholster, die jeder "Pirat" am Gürtel trug. Schwarze oder rote Kopftücher; weiße, blaue Hemden; rote Pluderhosen, das "Piraten"-Kleid. Die roten Signal-Jacken, die sicher die Jagdtreiber bis vor kurzem getragen hatte, befanden sich auf einem Haufen über ein Gestell geworfen. Die "Piraten", die wären da und wären doch nicht da, meinte Pierre Raul beeindruckt; die verstünden ihr Geschäft der Unsichtbarkeit. Pierre Raul rutschte von der Felskante weg etwas nach hinten, drehte sich auf den Rücken, um sich einen Schluck aus der Wasserflasche zu genehmigen.
 
* Zwei stämmige Kerle mit einem roten Kopftuch, weißem Hemd und roter Pluderhose waren mit Metallkoffern mitten auf die Bühne unten getreten. Aus den Kofferteilen holten die  Männer mittelgroße Motorsägen, längliche Gegenstände, wie Langmesser. Diese Kleinigkeiten wurden am Erdboden verteilt ausgelegt. während er suchend herumschaute. Dann verfing sich bei ihm der Blick eines Knaben, und den winkte der aus der "Piraten"-Mannschaft zu sich. Der Bursche war sicherlich der älteste der Kinderschar, groß gewachsen. Vorher war er auf dem Schoß der weißhaarigen Dame aus der Jägergesellschaft herumgehockt, bis die mit dem Fingern aufhörte. Dem Teenager drückte der "Pirat" die Motorsäge in die Hand, erörterte sichtlich die Aufgabe. Der zweite Pirat schrie jetzt nach den Knaben, Mädchen. Einige eilten auf der Stelle herbei. Langmesser wurden verteilt. Der eine Jüngling schritt mit der Motorsäge von dannen. Zwei dreizehn-, vierzehnjährige Mädels bekamen ebenfalls Motorsägen ausgehändigt gekriegt.
 
* Die, die die langen Messer in der Hand hatten, mußten Bastkörbe holen gehen. Als die Mädchen, Jungs zurückkamen, begaben man sich zu der Strecke dahingemetzelter "Raptoren". An die Arbeit machte man sich pärchenweise oder zu dritt. Die mit den Motorsägen trennten den reglosen "Raptoren"-Körpern den Kopf vom Hals. Den ließ man dann erst mal liegen; das Teil sollte sichtlich ausbluten. Die Kleinmädchenschönheiten und kleinen Jungs beschäftigten sich damit, dem "Raptoren" die Sichelkralle und restlichen Klauen abzuschneiden. Das Abgetrennte warfen sie in den nächsten Bastkorb.
 
* Drei aus der Jägerclique - eine jüngere Dame und zwei mittelalte Männer mit Durchschnittsgesichtern - stellten sich in ihrer Jagdmontur auf dem Kiesweg gegenüber den abgeschlachteten "Raptoren" Seite an Seite in Positur. Der Mittlere des feierlichen Trios gab ein Zeichen mit gestrecktem Zeigefinger, darauf setzten sich das Trio beinahe gleichzeitig die Jagdhörner an die Lippen. Die drei begannen, nach gutem Jägerbrauch, die Strecke erlegtes Wild zu verblasen. Die Hornbläser verstanden ihr musikalisches Geschäft.
 
 
 
22. Jaques
 
 
* Unten auf der freien Fläche Wiesenboden ging das lustige Treiben bei den Jägern weiter, die sich zutoasteten, unterhielten, Mädchen, Knaben zu sich auf den Schoß zogen. Metallisches Klicken ließ die vom Spähtrupp von der "Peter" zusammenzucken. Irgendwie jedem ein allzu bekanntes Geräusch: das Entsichern einer Waffe.
 
* Sie sollten allesamt keinen Blödsinn machen, langsam sich auf die Füße erheben und die Hände hochnehmen, ließ sich eine spöttische Männerstimme hinterücks erlauschen. Reglos lagen Ivan Hammer, René Depart, Pierre Raul, Irene Depart und Gina Davies am Felsboden. Um dann anzufangen, in Zeitlupe auf die Beine hochzumachen und die Hände über den Kopf zu heben. Langsam wandten sich die von der "Peter" um. Drei grinsenden Kerlen in roten Pluderhosen, blauen Hemden und mit schwarzen Kopftüchern standen sie gegenüber; zwei Maschinenpistolen waren von denen links und rechts auf sie gerichtet, von denen eine mit Sicherheit schußbereit war.
 
* Das war ärgerlich, daß keiner vom Spähtrupp von der "Peter" mit so was gerechnet hatte. Keiner, der den Wächter spielen hatte wollen. Alle hatten sie am Fels drunten gelegen, um auf das Geschehen unterhalb am Wiesengrund zu gaffen. Ein Narbengesicht hatte der, der der Anführer des "Piraten"-Trios zu sein schien. Als einziger hatte der Mann keine Waffe in der Hand, dafür ein Sprechfunkgerät. Auf dem schwarzen Ding drückte er unten eine Taste, redete in die hinein: Henry hier, sie hätten oben am Fels einen netten Fang gemacht. Drei in Soldatenkleidern, aber keine Soldaten, zwei in zivilen Safari-Hosen. Fünf Nasen. Zwei davon Frauen. Wahrscheinlich die, die vom Hubschrauber aus gesichtet worden wären. Richtig, Jaques hätte recht gehabt, daß die überlebt hätten. Nicht lange, daß es gedauert hätte, bis die ins Netz gingen. Ziemlich dämliches Volk.

 

* Ihre Rucksäcke, die Gewehre und Handfeuerwaffen mußten die Leute von der "Peter" am Felsboden zurücklassen. Henry machte mit seinem großkalibrigen Revolver einen Wink zu René Depart hin, Depart sollte schnell fliehen, das wäre eine gute Gelegenheit. Trotzig blieb René Depart in der Reihe hinter Ivan Hammer. Henry, der "Pirat" feixte; das wäre doch zu spaßig, würde einer der frisch eingefangenen Leute einen Fluchtversuch unternehmen. Hätte man schon den ersten erschossen.

 

* Ohne jede Eile wurden René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul, Gina Davis und Irene Depart auf einem längs dem Fels abwärts verlaufenden Pfad auf die Dschungelstraße hinabgeführt. "Pirat" Henry versuchte seinen Spaß auf der Dschungelstraße nochmals, diesmal bei Ivan Hammer. Henry meinte zu Hammer, daß er ihm jetzt noch schnell eine Chance gäbe, hier abzuhauen. Keiner würde schießen. Keinerlei Regung von Ivan Hammer. Grinsen bei Henry, das Henrys Narbengesicht gräßlich entstellte. Großzügig erklärte Henry, er bekäme seine Extraprämie, auch wenn er Affen lebend anbrächte.

 

* Alle die Hände hinter dem Kopf in den Nacken gelegt, von den Maschinenpistolen von Henrys Kumpanen bedroht, durchschritt der in Gefangenschaft geratene  Spähtrupp von der "Peter" die Felspassage. Bei der Clique der "Raptoren"-Jäger ging ausgelassen fröhlich zu. Der dicke Grünrock beschäftigte sich, aus der Kinderschar Paare zusammenzustellen: Jungen mit Jungen, Mädchen mit Mädchen, Mädchen mit einem Jungen. Klar, was sie jetzt miteinander anfangen sollten. Hier würde die Musik spielen, schnarrte Henry, das Narbengesicht, der, der todernst blickte. Nach dem Wink Henrys wandten sich alle Neuankömmlinge von Deck der "Peter" von dem Jagdtrupp und ihren Späßen ab.

 

* Ein Mann kam in Sicht, der auf einem vereinzelten Felsbrocken oben hockte. Einer, ganz in Schwarz gekleidet. Das Schnellfeuergewehr zwischen den Beinen. Mit dem Stetson fächelte sich der Cowboy Luft zu. Aus der Distanz, mit der der Spieleveranstalter und Besitzer eines Kasinos die Glücksspieler an den Tischen betrachtete, überschaute der Cowboy die Szenerie bei der "Raptoren"-Jagdgesellschaft, wo Mädchen, Jungen sich hingekniet hatten, während die anderen dahinter standen. Henry sprach den schwarzgekleideten Cowboy an, nannte ihn "Jaques", sagte, hier wären die Leute, die man oben beim Heruntergaffen erwischt hätte. Jaques war ein wirklich gut aussehender Herr: schwarzes gegelltes Haar, ebenmäßige Gesichtszüge, gerade Nase, volle Lippen. Ein Frauenliebling erster Güte, wenn er ein Frauenliebling sein wollte. Erst beguckte Jaques Ivan Hammer, dann Pierre Raul. Bei Irene Depart blieb Jaques' Blick hängen. Nur noch Augen für Irene Depart hatte Jaques.

 

 

 

23. Handschellen - Fußfesseln

 

 

* Die Handschellen rieben an den Handgelenken, und die Fußfessel ließ niemandem vom Spähtrupp von der "Peter" ganze Schritte machen. Sehr zur Freude von Henry. Henry, der Anführer und Herschreier, der es vor Minuten gerne eigenhändig übernommen hatte, allen Gefangenen außer Irene Depart die die Bewegungsfreiheit einschränkenden Fesseln anzulegen. Im Schritt am Kiesweg verhielt René Depart, daß Pierre Raul und Ivan Hammer ihm parallel kamen. Einen Moment begegneten sich die Blicke René Departs, Pierre Rauls und Ivan Hammers. Henry, der die Szene beobachtet hatte, lachte, erkundigte sich, ob sie alle lebensmüde wären. Sie sollten nicht nebeneinander gehen, sondern zuschauen schön hintereinander an der Schnur aufgereiht. Unterhaltung hätte sich bei den Gefangenen, die glücklich sein sollten, nicht schon lange tot zu sein, auch keine abzuspielen. Wenn keiner die hochwohlgeborenen Herrschaften was fragte, hätten keiner von ihnen was zu sagen. Angst müßten sie im übrigen auch nicht haben, "Lager eins" wäre gar nicht so weit entfernt.

 

* Unvermittelt war Henry an der Seite von René Depart, der dahinschritt, rempelte René Depart mit der Schulter, daß René Depart sich taumelnd nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Das wäre also wirklich eine Süße, die Kleine, seine, René Departs, Tochter, quakte Henry mit gemeinem Unterton, schlug René Depart gegen das Schulterblatt, daß es sehr schmerzte. Im Moment hätte Jaques sich das Engelsgesicht ausgeguckt, setzte Henry fort; aber das müßte nicht bedeuten, daß nicht bald einige mehr etwas davon hätten. Unter anderem auch er, Henry; einiges, das er machen könnte. Trotzdem, trotzdem, er, Henry, hätte das anders gemacht: er hätte der Bitte Irenes, dem Töchterchen René Departs, entsprochen. Er hätte die Leute von der "Peter" gehen gelassen, und sie dann beim Abmarsch von hinten allesamt abgeknallt. Aber das, daß sie jetzt alle nach "Lager eins" gehen müßten, und das in Handschellen und mit einer Fessel an den Füßen, das wär auch was Nettes. "Lager eins", das müßten sie alle gesehen haben. Dort müßten sie in ihrem Leben einmal gewesen sein.

 

* Der Schweiß rann ihnen in Strömen herunter, und weder René Depart noch Pierre Raul oder Ivan Hammer konnten ihn sich abwischen oder dorthin fassen, wo es zwickte. Henry, der Nerver mit dem Narbengesicht, kam zu René Depart, erkundigte sich, ob alles gut bei ihm wäre. Gut die Handschellen, gut die Fußfessel? Er, Henry, würde Leute kennen, die in Handschellen und mit den gleichen Fußfesseln schneller vorankommen könnten, wenn die Straße schon so gut wäre. Sein breitestes Grinsen aufgesetzt, das ihn wirklich abscheulich unsympathisch aussehen ließ, präsentierte Henry ein handliches Elektroschockgerät. Henry erklärte, daß sie, wenn sie hier nicht augenblicklich in einem höheren Tempo voranmachten, sie alle die gesunde Wirkung des Schockers zu spüren kriegen würden. So ein Schocker, der konnte besser sein als jede Peitsche. Schade, daß sie keines ihrer Mädels dabei hätten; Mädels mochten das, "geschockt" zu werden. Kleine Mädels wimmerten so schön.

 

* Der Marsch auf der mit Kies aufgeschütteten Dschungelstraße endete, als er zu dauern anfing. Die Gruppe der Wächter und der Gefangenen kam zwischen den Bäumen auf eine weite Lichtung heraus. Jede Menge fettes Gras und ungefähr in der Mitte der Dschungellichtung Palisaden. Lautstark lachte Henry, unterrichtete, daß das der Ort wäre, den Jaques "Lager eins" taufte. Die Palisaden, das wären amerikanische Palisaden. Einen tiefen Schluck aus seiner Wasserflasche genehmigte sich Henry, säuselte sich weiter voran: Jaques wäre sich sicher, daß die Lichtung nicht natürlichen Ursprungs wäre, sondern daß die Amerikaner den Dschungel hier extra rodeten. Hinter den Palisaden wären die "Navy-Leute" zusammengekommen, hätten Andachten abgehalten. Die "Amerikanos" liebten es, zu beten, Beter wären die "Amerikanos", nicht zu fassen. Vor einem behauenen Felsstück stünde ein großes Holzkreuz, an dem mal ein mit Stroh gefülltes Püppchen hing. In das Stück Fels hätten die "Amerikano"-Soldaten mit Meißeln Buchstaben geschlagen, für Namen mit Rang und Kreuzsymbol dahinter. An die Namen der Wissenschaftler; an die hätte die "Amerikanos" deren Doktortitel und das Gebiet, auf dem sie Forscher gewesen waren, angefügt. Wenn man sich das überlegte, wären das echt viele Namen. Das Leben hier in der Ortschaft kostete schon früher einigen das Leben; jetzt bräuchten die "Amerikanos" auch noch, kamen sie zurück, einen neuen Stein hier. Gäbe ein paar Tote mehr zu beklagen.

 

 

 

24. "Lager eins"-Absurdität

 

 

* Obwohl Henry wiederholt lautstark schrie, zeigte sich oben auf den Palisaden kein Mensch. Schließlich verfluchte Henry, der "Pirat", die Welt, zog seine Pistole, schoß in die Luft, dreimal. Kurz darauf erschien droben über einem angespitzten Palisadenstamm ein Gewehrlauf und ein Frauengesicht. Die Dame war nicht bereit, sofort zu schießen, schien Henry doch irgendwie zu kennen. Ungläubigkeit im Gesicht, fragte Henry, ob man denn hier völlig durchgeknallt wäre, daß kein Mensch auf Wache wäre; wenn Jaques das erführe, könnte es was geben. Die blonde Mittdreißigerin verschwand von ihrem Standort, Ohne einen Ton für Henry unterhalb übrig zu haben, verschwand die blondhaarige Mittdreißigerin von ihrem Standort hinter der Palisade drobenzu. Einige Momente drauf tat sich die gut vier Meter hohe Palisadentorhälfte rechter Hand mit krächzendem Scharniergeräusch auf, von je zwei Männern in roter Pluderhose, mit nacktem Oberkörper und rotem Kopftuch aufgeschoben. Das erste, worauf René Depart, Ivan Hammer und Pierre Raul schauten, als sie in "Lager eins" hineinblickten, waren bunte Tipis und zwei große Expeditionszelte. Zu beiden Seiten des für fahrbaren Untersatz freigehaltenen Weges waren zur Begrüßung Fahnenmäste in den Boden getrieben, an denen die amerikanischen Flaggen auf Halbmast hingen. An dem größten Mast jedoch war eine Totenkopffahne wie aus dem Piratenfilm angebracht; darunter präsentierte sich eine Fahne mit weißem Hintergrund und zwei diagonal sich gegenüber gelegten schwarzen Kreuzen.

 

* Drinnen in "Lager eins" erinnerte alles eher an ein provisorisches Camper-Lager als an sonst etwas. Überall standen Kisten, Behälter neben den vielerlei Arten von Zeltaufbauten. Schnell hingestellt, um ebenso schnell abgebaut zu werden; oder: auch gut fürs Zurücklassen, weil allgemeines Gebrauchsgut, wie es jeder haben konnte. Auffällig waren für René Depart die Maschinengewehrnester alle paar Meter auf dem inneren Palisadendeck; schwere, große Maschinengewehre für den Krieg auf den Sandsäcken, wegen des Verbergens seitlich gelegt. Nebendran standen massenhaft Panzerfäuste ans Palisadenholz gelehnt auf der Gehfläche, Panzerfäuste, die der Schütze bloß hochzunehmen brauchte, um zu entsichern und Feuer zu geben. Außerdem marschierte die Blonde droben auf den Holzplanken. Eine einzige müde Wache. Dabei sah die Bewaffnung nach kriegerischen Vorkommnissen aus.

 

* Männer, Frauen waren aus der Innenwelt der Zelte ins Freie herausgekommen. Männer, Frauen, in ihrem Piratenkleid; einige jedoch ganz nackt, als wäre man bis vor einer Sekunde miteinander beschäftigt gewesen. Bauchige Wein-, Schnapsflaschen, daß der eine oder andere sich torkelig ansetzte, um zu trinken. Die ganze Szene sah aus als wären man mitten in eine Filmszene mit feiernden Piraten geraten. Die Menschenmenge, nicht wenige, hielt Maulaffen feil.

 

* Vor einen Holzbau mit einem oben angebrachten Eisenkreuz kam der Trupp von der "Peter", dem Henry vorausging, an. Stimmengewisper hatte jeder von der "Peter" in den Ohren. Die Hände in die Hüften gestemmt, drehte Henry sich um die eigenen Achse, beglotzte die Menge rundherum. In Henrys Gesicht arbeitete es merklich. Bis Henry den Männern und Frauen im Rund erst mal nach allen Himmelsrichtungen den Mittelfinger zeigte. Dann brach bei Henry Geschrei aus. Alle Idioten sollten sich schleunigst wieder in ihre Zelte verziehen, um bitteschön mit der Sorglos-Party weiterzumachen. Man würde das schon noch mitkriegen, demnächst, daß er, Henry, darüber mit Jaques würde reden müssen; über diese Geschichte müßte er sich mit Jaques unterhalten, daß nur ein einziger Wächter droben auf den Palisaden war. Einige hier würden zu ihrer Verantwortung stehen müssen, daß sie Dinge leicht nahmen. Wenn man keine Disziplin hatte, nicht das mindeste Maß an Ordnung halten konnte, gäbe es irgendwann auf den Arsch. Hier wären wirklich viel zu viele besoffen, fickrig und lebensmüde. Zumindest die Plätze neben den Maschinengewehren hätten besetzt sein müssen.

 

* Nach der Ansprache von Henry liefen ein paar der männlichen, weiblichen "Piraten" los, um die Palisadenplanken wieder neu zu besetzen. Die letzten der übrigen, denen die Ansprache Henrys scheinbar nicht aufs Gemüt geschlagen hatte, verzog sich in den jeweiligen Zeltbau hinein. Drinnen wurde die Plane heruntergemacht oder ein Reißverschluß heruntergezogen. Daß das Tipi, das Zelt zu war, und man drinnen seine Ruhe hatte. Um weiterzutrinken oder was immer zu tun. Obwohl überall Gelächter, weibliches Gekreisch und Schreierei war, waren die Zwischenräume von "Lager eins" wie ausgestorben.

 

* Minutenlang verharrte Henry mit finsterem Blick an Ort und Stelle. Die Henry begleitenden "Piraten" umklammerten ihre Gewehre, als könnten sie Henry gehorchen, würde Henry befehlen, nach den Zelten, Tipi-Aufbauten Gewehrfeuer zu geben. Das dumpfe Motoregeräusch wurde dröhnend laut. René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies konnten nicht mehr anders, mußten hochblicken. Und weil Henry das nicht untersagte, starrte jeder von der "Peter" weiter in die Lüfte hinauf. Über die Palisadenfestung hinweg flog ein großer Militärhubschrauber, mächtige Rotoren drehten sich hinten und vorne. Am Bauch des Lasthubschraubers hing an einem dicken Stahlseil eine durchsichtige meterdicke Kunststoffröhre. In dem mit Wasser gefüllten Behältnis fand sich ein regloses Ungeheuer, groß wie der größte Wal, aber kein Wal. Ein gewaltiger Drachenkopf, ein Schwimmflossenpaar an der Brustpartie und dort, wo der Schwanz anfing. Ob das Monsterding lebte oder tot war, nicht wahrzunehmen für den Betrachter. Auf alle Fälle eine Kreatur wie direkt dem nächsten Saurierbuch entnommen. Einfach ein unfaßliches Wesen.

 

 

 

25. Irene erscheint

 

 

* Die Nacht verbrachten Ivan Hammer, René Depart, Pierre Raul und Gina Davies in einem geräumigen Zelt mit Wachposten draußen, die sich alle zwei Stunden ablösten. Weiterhin waren die von der "Peter" in Handschellen, hatte jeder die Fußfessel an. Außerdem hatte jeder von ihnen eine drei Zentimeter dicke Stahlkette um den Leib geschlungen und hinten durch den Gürtel geschlungen. Die Kette war an der dicken, tief in die Erde getriebenen Zeltstange festgemacht. Während den Nachtstunden war außerhalb des Zelts verschiedenstes Geräusch: Motorenlärm fahrenden Fahrzeuge, immer wieder Schießen, auch aus den Maschinengewehrnestern, die die Palisaden des Camps schützten. Dazu hörten die Leute von der "Peter" vielfach interpretierbares Gekreische von Frauen, Männern. Männer-, Frauenstimmen, die sich Kommandos zuriefen. Die "Raptoren"-Biester wollten anscheinend jede Stunde ans Lager heranschleichen, um die drinnen anzugreifen. Als René Depart, Ivan Hammer und Pierre Raul aus dem Schlaf erwachten, war von alledem nichts mehr, Stille beherrschte die Umgebung, als wären alle schlafen gegangen. Deutlich dafür die Kopfschmerzen, die alle von der "Peter" Kopfschmerzen hatten. Raul meinte, eine Dröhnung müßte im Wasser oder im Fraß gewesen. Wahrscheinlich eine Gabe Henrys, der höchstselbst am Abend hereingekommen war, ihnen das schale Müsli in einer flüssigen Pampe zu servieren.

 

* Langsam verstrich für die im Zelt gefangenen die Zeit. Unvermittelt hob sich die Zeltplane. Henry, der hereinmarschierte, den Schalter drückte, daß das elektrische Licht der leuchtkräftigen Glühbirne an der Leitung an einem der dünnen Zeltrahmenpfosten die Innenwelt flutete. Als sich die Augen René Departs, Ivan Hammers, Pierre Rauls und Gina Davies' an die Helligkeit gewohnt hatten, erkannten sie, daß drei Leute reglos bei Henry dabeistanden. Vor allem eine Person elektrisierte die von der "Peter": Irene! Irene, René Depart, die lächelte. Irene, die an der Seite Henrys stand, als wäre das das Natürlichste auf der Welt.

 

* Ausdruckslos beobachtete Irene Depart Henry dabei, wie Henry die Rückenketten entfernte, die Handschellen aufmachte und die Fußfesseln löste. Nachdem Henry sein Werk stumm vollbracht hatte, reichte Henry Ivan Hammer, René Depart und Pierre Raul je einen Wasserschlauch. Jetzt erst öffnete Irene Depart ihren Mund und ihre Freunde. Irene meinte zu Vater René, Jaques hätte es besser gefunden, daß sie, die von der "Peter", erst mal weiter gefesselt blieben, damit keiner Unsinn anstellte. René Depart schüttelte zu seiner Tochter Irene hin den Kopf. Irene berichtete ihren Freunden von der "Peter" großzügig weiter, wegen ihr, Irene, hätte sich niemand Sorgen machen müssen. Sie hätte die Stunden, seit sie Jaques getroffen hätte, wirklich eine tolle Zeit gehabt. Im "Basislager", das Fest, da hätten die von "Peter" dabeisein müssen. Das Fest wäre nicht von schlechten Eltern gewesen. Jede Menge zu essen, zu trinken, zu rauchen. Geile Musik von einer Tanzgruppe. Die ganze Zeit hätte sie, Irene, mit Jaques abgehottet. Jaques wäre auf der Skala von eins bis zehn einer, ganz weit oben. Daß sie, Irene, Jaques kennenlernen durfte, das wäre das Beste, was ihr, Irene, passiert wäre, seit sie auf der Scheißinsel landen mußte. Der Mund hatte sich nicht nur bei René Depart weit aufgesperrt, auch bei Raul, Hammer und Davies, die eigentlich die beste Freundin Irenes war, war das der Fall. René Depart brachte seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck, sagte, daß er, René, es nicht glauben könne, was Irene hier daherschwatze.

 

* An der Seite Irenes war Henry die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit in Person, beste Marke Arschkriecher. Eigenhändig trug Henry das Essen für die von der "Peter" auf, stellte den Pappteller samt dem Steak und der Jägersauce und dem Kartoffelsalat vor René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies auf den Stelltisch. Irene, die nichts reichen ließ, beim Mahl nicht mitmachen wollte, redete erneut drauflos: Es wäre ihr auch lieber gewesen, wenn Jaques mit ihr mitgekommen wäre. Um sich vorzustellen. Aber Jaques hätte gerade so viel zu tun. Was Jaques alles zu erledigen hätte - e-Mails zuhauf müßte Jaques schreiben. Das Krypto-Programm wäre der Wahnsinn. Dann müßte Jaques Listen mit Tabellen durchackern. Den Vorschlag Jaques' könnte sie, Irene, aber auch ohne Jaques an ihren Vater und ihre Freunde von der "Peter" weitergeben. Jaques schlug vor, daß ihr Vater, René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies auf die "Peter" zurückkehrten. Auf der "Peter" könnten sie die Mannschaft der "Peter" darauf vorbereiten, daß Jaques mit ein paar von seinen Leuten morgen für einen Besuch an Bord käme. Jaques wollte außerdem tatkräftig dabei mithelfen, die "Peter" wieder seetüchtig zu kriegen. Das würde sich von seinen, Jaques' Leuten, schon machen lassen.

 

* Ruhig erkundigte sich René Depart bei seiner Tochter, ob sie auch mit der Gruppe mitkäme. Irene schüttelte den Kopf. Irene sagte, daß sie bei Jaques bleiben wollte. Das wäre nicht das Allerschlimmste, weil Jaques sie gerne an seiner Seite hätte. Sie und Jaques, sie verstünden sich von der ersten Sekunde ihrer Begegnung so gut. So gut. Sie, Irene, würde dafür sorgen, daß die Mannschaft von der "Peter" mit allem versorgt würde; alles würden sie bekommen, was auf der "Peter" nötig wäre. Mit gerunzelter Stirn schaute René Depart Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies an. Ivan Hammers Blick sprach Bände. Irene Depart lächelte, wiederholte, ihr Vater müßte sich wegen ihr und auch wegen sonst nichts wirklich Sorgen machen; Jaques, das wäre der netteste, liebenswerteste Mann. Wenn René Depart Jaques erst kennengelernt hatte, würde er, Vater René, das sofort merken. Das Schweigen bei René Depart und den restlichen von der "Peter" hatte Weile. Irene räusperte sich, sagte, daß sie nun aber wieder zu Jaques zurückfahren wolle, Jaques die Neuigkeiten zu übermitteln. Zum Abschied schmatzte Irene Depart René, ihrem Vater, noch ein kleines Küßchen auf die Wange. Dann war Irene fort, aus dem Zelt hinausgeschlüpft. Henry, der zurückblieb, setzte wieder einen anderen Blick auf, den des unberechenbaren, bösartigen Henrys. Henry erklärte, sie würden alle vier jetzt noch eine halbe Stunde im Zelt bleiben, bis die Fotze fort wäre. Dann die von der "Peter" abgeholt; leider dürfte er, Henry, sie alle nicht auf der Stelle erschießen. Liebend gerne hätte er, Henry, das auf der Stelle gemacht, ihnen eine Kugel zwischen die Augen gejagt. Bei einem Fluchtversuch aus dem Zelt heraus, wäre das eine gute Gelegenheit, die seine, Henrys, Lezute kriegen würden. Man müßte nur losmachen.

 

 

 

26. Herausgescheucht

 

 

* René Depart strich sich über das wegen Aufschürfungen noch mal frisch bandagierte Handgelenk. Ivan Hammer grüßte zum wiederholten Male zu der Maschinengewehrschützin auf den Palisaden rechter Hand hinauf. Hammer meinte zu der Mittdreißigerin in roter Pluderhose, weißem Hemd und schwarzem Kopftuch, das wäre heute wieder ein schöner Nachmittag; an so einem herrlichem Tag, da müßte sie die mörderische Sonne sein. Als Antwort kriegte Ivan Hammer von der Angesprochenen den Mittelfinger gezeigt. 

 

* Pierre Raul fingerte an seinem Gewehr herum. Raul meinte, das wäre ja schon gut, daß jeder von ihnen dreien das gleiche Fabrikat einer Schußwaffe überreicht bekommen hätte; die eigenen Waffen wäre aber besser gewesen. Endlich schritt Gina Davies durch die Palisadentorhälfte zu ihren Freunden von der "Peter", die warteten heraus, gesellte sich zu Ivan Hammer, René Depart und Pierre Raul. Gina Davies schien aufgebracht, zornig zu sein. Die Langwaffe, die ihr gehörte, reichte Hammer Gina hin.

 

* Gina Davies sagte zu René Depart, daß Irene vor einer halben Stunde abgefahren wäre, Trotzdem hätte sie, Gina, bei Henry im Zeit sitzen bleiben müssen, mit Henry noch einen Tee trinken, obwohl Irene längst gegangen war, zu Jaques in das Basislager zurückzufahren. Henry, hätte sie, Gina, nicht doch noch in einem Geländewagen ihrer Freundin Irene hinterherfahren wollte. Irene hätte sich darüber doch gefreut, Jaques auch. Dasselbe wie davor hätte Irene bei Henry im Großzelt gelabert: So viel logistisches Zeug, das Jaques derzeit zu erledigen hätte, da hätte keiner eine Vorstellung von. Die nächste Zeit wollte sie, Irene, erst mal an Jaques' Seite bleiben. Außerdem würde sie ihren Vater René und ihre Freunde sowieso die nächsten Tage an Bord der "Peter" sehen. Zusammen mit Jaques. Ivan Hammer guckte Pierre Raul und René Depart mit großen Augen an, blies die Wangen auf. Dann drehte Ivan Hammer sich um, winkte zu Henry hinauf, der droben auf der Palisade erschienen war, zu denen von der "Peter" runterzugucken. Ein neues Winkewinke an jedermann von Hammer. Sie würden jetzt hier langsam weggehen, verschwinden, rief Hammer; das sollten sie doch jetzt, wo Gina als letztes wieder zu ihnen dazugestoßen war. Antwort erhielt Ivan Hammer keine von Henry.

 

* Gina hatte René Depart den Arm hingehalten, um sich bei René Depart unterzuhaken. Sie würden dann jetzt weggehen, meinte Pierre Raul noch mal zu Henry hinauf, verbeugte sich tief, um sich umzuwenden, voranzuschreiten. Ohne jede Eile schlenderte der kleine Trupp von der "Peter" am Kiesweg voran. Würden sie ihnen in den Rücken schießen, würden sie das nicht, meinte Hammer zu seinen Freunden hin. Der Wind strich über das satte Grün der Wiese, auf der das Gras kniehoch wuchs.

 

* Das wäre wirklich die Frage, wie dieser Jaques Irene so schnell um den Finger wickeln hatte können, hörte René Depart von Gina Davies an seiner Seite. Irene wäre eben manchmal ein komisches Ding, erwiderte René Depart. Bloß noch eine relativ kurze Strecke wäre das bis zur Dschungelstraße, sprach Pierre Raul es aus; das wären hübsche Maschinengewehre. Das man nicht beschossen würde, wüßte man erst, wenn man im Dschungel war. Vielleicht würden sie alle hier Irene ja falsch einschätzen. Am Schluß war das ein Opfer, das Irene brachte. Weil, wenn die Liebe nicht wäre, die Welt wäre eine andere. Vielleicht wäre es doch möglich, daß sie alle auf die "Peter" zurückkommen würden. Wegen Irene und Irenes Schönheit. Die so toll auf Jaques wirkte. Müßte jeder irgendwann bei Irene seine Abbitte leisten, weil man gesund geblieben war. Wenn sie in den Dschungel eingetaucht waren, wüßten sie Bescheid. Sie sollten alle wieder losgehen. Gina zuckte zu René Depart hin die Schulter. In dem Moment fing das Schießen an. Aber es kam nicht von hinterrücks der Leute von der "Peter" her, sondern von den Seiten. Jede Menge der grünen "Raptoren" stürmten rechter und linker Hand aus dem Dschungeldickicht, wie freigelassen und durch das Schußgewitter herausgescheucht. Zu viele davon rannten geradewegs auf den Menschentrupp von der "Peter" los.

 

* Pierre Raul schrie, sie sollten laufen; vielleicht schafften sie es zwischen die Dschungelbäume. Ivan Hammer folgte Pierre Raul auf dem Fuß. Gina Davies wußte nicht, wohin sie rennen sollte; auch nach "Lager eins", das war für sie eine anscheinend eine Möglichkeit. René Depart hatte was gegen Gina Davies' Wahl, zog Gina Davies hinter sich her, lief Richtung Baumbestand. Dicht zischten die Kugeln René Depart am Kopf vorbei, während die "Raptoren" in ihrer Panik vorüberstürzten, statt einen einzigen von der "Peter" anzugreifen. Gina stolperte, René Depart mußte Gina in die Höhe reißen. Aus den Augenwinkeln erblickte Renè Depart, mitten in der Bewegung, "Rotschnauze", der mit aufgerissenem Maul zu ihm hinzischte, fast wie eine Aufforderung, noch schneller zu machen. Wie der Donner rannte "Rotschnauze" in Höchstgeschwindigkeit. Die einzige Wahl: hinein in den Dschungel. Rechts von René Depart stürzte ein grüner "Raptor", schwer tödlich getroffen. Einem anderen in unmittebarer Nähe Departs und Gina Davies' erging es ebenso.

 

 

 

27. Verschiedene Jagdgenossen

 

 

* Total außer Atem, stand René Depart gegen einen Baum gelehnt. Gina war vor Departs Beinen in die Knie gegangen, rang nach Luft. René Depart schaute rum, ob nicht irgendwo etwas von Ivan Hammer oder Pierre Raul zu entdecken wäre. Ein Schuß hätte sie erwischt, keuchte Gina, daß René Depart zusammenzuckte; zum Glück nur ein Streifschuß. Aus ihrer hellbraunen Expeditionshose holte Gina ein kariertes Taschentuch, drückte sich den Stoff gegen den linken Oberarm, dorthin, wo ihr die Kugel das schöne Jackett zerfetzt hatte. Es täte ihm sehr leid, meinte René Depart leise; aber er wäre sich sicher, daß die Geschichte nicht vorbei wäre, sie müßten die andern irgendwo entdecken und weiter, sofort. Entsetzen war auf Ginas Gesicht zurückgekehrt; gleich drauf hatte Gina sich aufgerappelt.

 

* Von irgendeinem der "Raptoren" wäre weit und breit nichts mehr zu blicken, redete Gina an der Seite René Departs leise daher. Schräges Gelächter linker Hand ließ Gina Davies und René Depart zusammenzucken. Am Arsch sollten sie ihn lecken - war Pierre Rauls Stimme deutlich zu vernehmen, als wäre der Ton plötzlich wieder an. Kein weiter Gehweg, schätzte René Depart, faßte Gina Davies am Jackettstoff ihres heilen Oberarms, zog Gina Davies in Richtung Pierre Raul. Für René Depart und Gina Davies kam Pierre Raul in Sicht; mit offenem Mund und aufgerissenen Augen verharrte Ivan Hammer an Rauls Seite. Mit seinem Gewehr zielte Pierre Raul auf zwei Männer, welchen von denen der Marke "Jäger": grüne Röcke, Kniebundhosen und Langschaftstiefel.

 

* Der Waidmann mit dem ordinär braunen Filzhut auf dem Schädel hob den Finger wie ein Schüler in der Klasse vor dem Lehrer. Als der Mann die Aufmerksamkeit aller gewahrte, versetzte er, sie beide, die sicher Scheißnamen hätten, wüßten doch, daß in ihren Scheißgewehren keine Scheißkugel wäre; ihre Scheißgewehre wären nur mit Scheißplatzpatronen geladen. Der zweite der Jäger, der mit dem grünen Filzhut, an dem eine lange weiße Feder dransteckte, konnte nicht mehr mit ernstem Gesicht dastehen. In schrilles, bösartiges Gelächter brach der Mann aus. Dann faßte der Kerl seine Büchse fester, als wolle er jetzt endlich mal wieder schießen.

 

* Ein Entsetzenslaut entfuhr Gina Davies, eine Sekunde drauf hatte Gina Davies sich herumgeworfen, um vor allem wegzurennen. Ungefähr in der Mitte der Distanz zwischen den beiden jetzt bekannten Jagdfreunde und ihm, René Depart, erschien wie aus dem Nichts ein neuer Jagdmann mit brauner Joppe und schwarzer Kniebundlederhose zwischen den Bäumen. Dem Neuankömmling war nicht nach langem Geschwätz; die Knarre an der Wange, verfolgte er Gina Davies' Lauf, drückte ab. Um Gina Davies' Hinterkopf entstand eine rote Wolke, spritzte auseinander; die Wucht des Kopfschusses warf Gina nach vorne, Gina landete zwischen moosartigem Grünzeug. Das heulende Geschrei Gina Davies' war abrupt abgebrochen.

 

* Wie ein Tier heulte Pierre Raul auf. Pierre Raul drückte ab. Zwei Schüsse krachten aus Pierre Rauls Gewehr. Die beiden Jäger, auf die Pierre Raul, der ein ausgezeichneter Schütze war, gezielt hatte, grinsten breit. Der eine verbeugte sich tief in Richtung Pierre Raul. René Depart schaute zu, wie Pierre Raul sein nutzloses Gewehr am Lauf packte, es hoch über dem Kopf hob und auf die beiden in der Waidmannskluft losstürmte, es ihnen mit dem Schaft und allem zu geben. Keiner der Jagdmänner war deswegen weiter beunruhigt. Seelenruhig ballerten beide aus der Hüfte mit ihren Schießprügeln, zwei Schüsse. Schwere Schläge trafen Pierre Raul vor die Brust, daß er abstoppte, keuchte. Aber dann gewann Pierre Raul, dem die eigene Waffe entfallen war, überraschend wieder an Tempo. Trotz zweier weiterer Schüsse, war Pierre Raul über dem Filzhuttypen, dem die Überraschung im Gesicht stand. Mit beiden Händen hatte Pierre Raul den an der Gurgel. Raul und sein Kontrahent entschwanden hinter dem dicken Baumstamm außer Sicht. Ein Gegurgle, das in einer Sekunde abbrach.

 

 

 

28. Verjagt

 

 

* In René Departs Rücken war jemand, hüstelte. Langsam wandte René Depart sich herum. Die großkalibrige Büchse auf den Oberschenkel gestemmt, den Revolver locker in der Hand, saß dort eine lässige Type wie frisch von der Safari im afrikanischen Busch eingeflogen auf einem dicken Wurzelstrunk. Sichtlich hatte der andere seinen Spaß an allem. Zu René Depart hin reckte der Fremde den Sechsschüsser, meinte, das hier wäre jetzt mal vorbei; jeder müßte über kurz oder lang woandershin, ohne das Licht auskommen.

 

* Großäugig glotzte René Depart. Der mit dem hellbraunen Safarihut mit rotem Band auf dem Kopf, der hellbraunen Jacke und Hose und den hellbraunen Stiefeln wollte ihn, René Depart, allerdings nicht einfach erschießen. Mit dem Westerncolt fuchtelte er herum, bezeigte René Depart, daß René Depart was unternehmen sollte. Angreifen, wegrennen, irgendwas. Damit es einen Grund gäbe. Freudlos nickte René Depart. Unvermittelt warf René Depart sich herum. Das Gefühl war in René Depart, die erste Kugel könnte ihm jeden Moment in den Rücken treffen. Trotzdem lief René Depart voran, ohne daß ein Schuß knallte. Ivan Hammer entdeckte René Depart plötzlich vor, eilte ihm entgegen, Hammer, der kühl, distanziert René Depart entgegenblickte. Schüsse ließen am Baumstamm über Ivan Hammer das Holz spritzen.

 

* Zwischen den Bäumen rannten René Depart und Ivan Hammer. Eine Treibjagd auf sie beide, die die Jäger veranstalteten; es reichte denen in Jagdkleidung nicht, ihre Opfer einfach wie ein Erschießungskommando abzuknallen. Die Gnade einer Chance gewährten sie. Schüsse krachten. Ein Geschoß sah René Depart nur knapp über Kopfhöhe in kurzer Entfernung vor sich in einen Baum einschlagen; die Rinde, die wegspritzte.

 

* Seltsamerweise hörte die Ballerei unvermittelt auf, als ob die Jägersleute urplötzlich die Lust an ihrer Jagd verloren hätten. Ivan Hammer, der sein nutzloses Gewehr weiterhin mit den Händen umfaßt gehalten hatte, warf das Ding zwischen zwei Stauden. Der Blick Hammers, sobald er René Depart, seinen Kameraden von der "Peter" kurz anblickte, war voller Feindseligkeit, Haß. Nachdem René Depart Anstalten machte, seinen Mund aufzumachen, um bei Hammer zu fragen, ob sie beide Richtung der "Peter" liefen, stieß Hammer mit beiden Armen nach René Depart, daß René Depart an einem Baumstamm landete, knapp den Aufprall seines Kopfes am harten Holz vermeiden konnte.

 

* Ivan Hammer war fort. Nirgendwo mehr war für René Depart irgendwas von Ivan Hammer zu sehen oder zu hören. René Depart verfluchte Ivan Hammer, der durchgedreht hatte. Immer ausgeprägter wurde es René Depart, daß er in sumpfiges Gebiet geraten war. Immer öfter trat er mit den Füßen in ein brackiges Wasserloch. Einmal waren die Beine René Depart wie festgesaugt, es wollte ihn hinabziehen. Hin und her schaukelnd befreite René Depart sich nach mehreren Minuten der Verzweiflung aus seiner mißlichen Lage. Auf festerem Boden lauschte René Depart auf Dschungelgeräusch. Gezirpe, Gequake, Gurren, schrille Schreie von Vögeln oder anderem Getier. Dann klang ein Lachen auf. Als hätte ein Mann höhnisch lauthals losgelacht.

 

 

 

29. Der dicke Brummer aus dem Mund

 

 

* Jede Art Zeitgefühl war René Depart abhanden gekommen. Immer größere Verzweiflung machte sich in Depart breit. Als hätte es die Viecher vorher nicht auf der Welt gegeben, umschwärmten ihn Massen von Insekten. Sobald René Depart einmal eine kleine Pause einlegte, wurde es für ihn unerträglich. Überall, wohin er auch hinbegab, war er von Schwärmen von Fluginsekten umgeben. Punktiert wirkte seine Haut von den Stichen, reflektierte René Depart kühl. Außerdem hatte er sich beide Hosenbeine zerrissen. Im Sumpf hatte er Blutegel aufgesammelt, das sich an ihm festgesaugt hatte.  Getier war schon auf ihm, Depart, gekrochen, daß René Depart sich wunderte, daß er wegen den Bissen, die er spürte, nicht lange tot irgendwo am durchweichten Untergrund herumlag. Ständig konnte er immer noch weiter durch die Gegend zwischen den Baumgestalten und Grasbüschelflächen, die blühende Blumen und Zeugs schmückten, taumeln.

 

* Leider war das aufregend, das Gehusche um ihn herum. Ohne daß René Depart bisher irgendwas zu Gesicht gekriegt hätte, was dort huschte. Einmal war René Depart, daß sich ihm im Sumpfwasser etwas Größeres näherte. Dem Gefühl René Departs nach war das andere was Riesiges, ihm bereits sehr nahe. Bloß, es tauchte noch nicht auf. Eine fürs Davonkommen länger anhaltend feste Fläche Erdboden im Sumpf war die Rettung, bewahrte ihn, René Depart, davor, das bald doch mal kennenzulernen, was da ankommen wollte. Reines Glücksmoment.

 

* Zwei Schüsse krachten, daß René Depart sich auf den Boden Sumpf niederwarf. Ein schriller Schrei hatte Depart in den Ohren geklingelt. Von einem Mann. Gar nicht so weit von ihm, René Depart, entfernt. René Depart raffte sich von dem dicken Wurzelstrunk hoch, nachdem er, weil er in Sumpfwasser gestürzt, Blutegel von sich runtergezupft hatte. Die kleinen Drecksviecher, die sich ständig auf ihn draufhockten, Blut zu saugen, die nahm René Depart mittlerweile nur noch wahr, wenn eines der Biester größer war, kräftiger hineinstach. Der wahnsinnige Einfall kam René Depart, einen der Schießer zu überwältigen. Das mußten Jäger gewesen sein, die ballerten; die Jäger hatten die Waffen, die funktionierten. Mit einer Schußwaffe in der Hand, das war sofort eine andere Liga. Dann war ein anderer in den Tod mitzunehmen; konnte er, René Depart, zurückschießen. Oder erschießen, was ihm an fremden Leuten in Jägerkluft vor die Flinte kam. Wie ein Jäger. Von diesem Gedankengang befeuert, schlug René Depart ungefähr die Richtung ein, aus der die Schüsse zu vernehmen gewesen waren.

 

* Vor René Depart erschien ein vermoderter Baum, übermannshoch, bloß noch meterhohe Doppelstümpfe droben. Hier war er, René Depart, schon mal; die Wahrheit, daß er wieder mal nichts anderes getan hatte, als im Kreis herumzuturnen. Gereizt näherte sich Depart dem Baumüberrest; ein Weg, so gut wie jeder andere. Unvermittelt glaubte René Depart, irgendwas im Wasser zu blicken, so was ähnliches wie ein grünes Hemd. Ein paar weitere vorsichtige Schritte. Weiterhin festerer Boden. Scharf sog René Depart die Luft ein, als er genau sah. Das war Hammer, Ivan Hammer, der dunkelhäutige Russe. Ivan Hammer, bis zur Brust in Sumpfwasser. Verschiedene Insekten umschwirrten Ivan Hammer, der die Augen weit aufgerissen hatte, dem der Mund offenstand. Mitten in der Stirn hatte Ivan Hammer einen daumennagelgroßen roten Punkt. Wie mit einer Pistole dort erwischt. Zwischen Ivan Hammers Lippen schlüpfte in einer Sekunde ein echt fetter, schwarzer Brummer heraus, erhob sich in die Luft, wählte zweimal die Umlaufbahn um Hammers Kopf. Um wegzufliegen.

 

* Wenn einer aussah, als könnte er nie sterben, dann war das Ivan Hammer. Ivan Hammer, das war Lebenskraft in Person. Und jetzt war dort ausgerechnet Ivan Hammer: tot. Ivan Hammer, der Tote an diesem Ort im Irgendwo einer fremdartigen Inselwelt. Eine Leiche im Sumpf. Eine Stimme drängte sich René Depart ins Bewußtsein. Die Männerstimme meinte, ehe er seine Trophäe nicht hätte, wäre daran kein Gedanke zu verschwenden, zurückzugehen. Den Kopf würde er abtrennen, einpacken. Das würde ein schöner Schrumpfkopf, und die Kugel, wäre die im Schädel, die würde er herauspullen und in eine Schatulle legen. Eine Klarsichtschatulle, unten mit rotem Samt. Konnten Bräute sich anschauen. Würden es nicht glauben, wenn er es ihnen sagte. Gelächter.

 

* In Ruhe, aber doch so geräuschlos und schnell wie möglich, suchte René Depart, sich davonzumachen; ins Sumpfwasser durfte er dabei nicht treten; das Plätschergeräusch des Trittes würde unmittelbar gehört. Da wäre der andere, gellte eine Frauenstimme. Schüsse krachten, und René Depart spürte einen heftigen Schlag vor die linke Brust, der ihn nach rückwärts warf. Zum Glück fiel er nicht ins Schmutzwasser, sondern landete zwischen Wurzelsträngen. Scheiße, die "Grünen" griffen an, kreischte eine Männerstimme; wo die Mistviecher denn plötzlich herkämen. Aus dem Frauenmund gellte es panisch. Schießen. Das Geballere war das letzte, was René Depart erlauschte. Dann nichts mehr.

 

 

 

30. Paste

 

 

* Schmerz ließ René Depart zu sich kommen. Irgendwer war über ihm, fummelte an ihm rum; aber das war gleichgültig, wer das war, wenn man die Augen nicht aufbrachte, sich nicht rühren konnte. Dieses Lied hieß Hilflosigkeit. Und die Welt, sie bestand aus Pein. Daß man eigentlich von nichts was hätte wissen wollen. René Depart war, als würde ihm Weiches auf die linke Brustseite geklatscht. Melodisches Zwitschern. Dieses Gezwitschere, nach Vogelart, das kannte er; Vögel waren das bloß keine. Das waren die "Raptoren". Diese Erkenntnis brachte René Depart die Bewußtlosigkeit zurück.

 

* Beim nächsten Erwachen konnte René Depart die Augen aufmachen und wenigstens ein kleines bißchen die Füße bewegen. Die "Raptoren" waren kein Traum, nicht für ihn. Drei der "Raptoren" waren über ihm. Drei gewaltige "Raptoren"-Köpfe, unmittelbar nahe. Glotzende gelbe Augen. Gefährliche Mäuler öffneten sich, präsentierten rasiermesserscharfe Zahnreihen. Zum Fleischrausreißen und Töten gemacht, zu keinem anderen Zweck. Die offenen Biestmäuler senkten sich auf René Depart herab, und wieder kam für René Depart das Dunkel des Nichtwissens.

 

* Das war Weiterleben, das Leben eine Pein; wild warf René Depart sich hin und her, wand sich in der Gegend rum. Die brennende Qual vermehrte sich auch noch, hatte mit dem zu tun, was er von den "Raptoren" zielsicher auf die linke Brust geklatscht kriegte.  Irgendein hellgrünes Zeug. Das war direkt böse, unerträglich. Warum brachten die Viecher ihn, René Depart, nicht einfach um? Was hatte er ihnen getan, daß sie mit ihm herumspielen mußten, eine Schinderei bei ihm veranstalten? Ein schneller Tod, und nichts mehr, das wäre es doch gewesen. Für ihn. Warum fraßen die ihn denn nicht endlich auf. Gefiel ihnen das Foltern so sehr? Wie sehr er sich das Sterben wünschte. So hatte er sich das nie gewünscht, sterben zu dürfen. Lag es daran?

 

* Wieder war es die gleiche Szene mit den "Raptoren". Dann: Mit der flachen Hand klatschte René Depart gegen die Schnauze des "Raptoren", der sich gerade herabbeugte. Das hätte René Depart nicht tun sollen, der "Raptor" mit dem roten Flecken zischte böse. "Rot-Schnauze" näherte sich mit seinem Monstermaul René Departs Gesicht. Dann öffnete sich das Maul mit seinen Rasiermesserzähnen, fuhr herab, verpaßte René Depart ein sattes, schmerzhaftes Zwicken an der Kehle.

 

* Der Atem der "Raptoren" roch nach Minze; endlich hatte René Depart das Wort dafür. Dauernd hatte er herumüberlegt, war nicht draufgekommen, was das für ein Geruch war. Dann der Geistesblitz: Minze! Da, sie waren zurück: immer dieselbe Prozedur. Zu dritt beugten sie sich über ihn, René Depart, spuckten ihm das, was sie hergekaut hatten, auf die Brust. Für die Geschichte mit dem Rücken wurde er, René Depart, von zwei "Raptoren" angehoben und vorsichtig etwas gedreht. Anfangs wohlige Wärme, wenn das Zeugs seine Wirkung entfaltete, brannte es gräßlich. Ziemlich unerträglich weiterhin, aber ohnmächtig wurde er davon mittlerweile nicht mehr.

 

* Über René Depart wiegten sich die Äste; dichtes Blattwerk schützte vor der prallen Sonne. René Departs Lager fand sich auf weichem Stroh. Sobald René Depart den Kopf nach links oder rechts drehte, erblickte er "Raptoren", ebenfalls auf Strohlagern. Verletzte "Raptoren". Verschiedenste Verwundungen hatte die "Raptoren", am Unterbauch, an den Laufbeinen. Einem fehlten Krallen. Von den dreien rechter Hand war einem unter Tags öfters Blut aus dem Maul gelaufen. Der ging jetzt ab. Also mußte das Ende gekommen sein, war bei dem nichts mehr zu machen.

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