Overblog Alle Blogs Top-Blogs Literatur, Comics & Gedichte
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU
Werbung
Blog von TeddeMehr

"Insel der Überraschungen" (31-40)

24. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

 

 

 

 

31. Re-Vital

 

 

* Interessant fand René Depart die Beobachtung, daß es die Jung-"Raptoren" waren, die das meiste der geheimnisvollen Kräuter feinkauten und auf große Lilienblätter spuckten. Die "Alten" speichelten das wenig später noch mal länger durch, fügten die eine oder andere Blüte und noch mal grünes Zeug der Paste zu. Jedenfalls hätte er, René Depart, gerne das genaue Rezept gehabt; das wäre interessant gewesen, aus welchen Pflanzenbestandteilen die lange nicht austrocknende, heilfördernde Grünpaste gemischt wurde. Hätte man schließlich verkaufen können. Denn das Zeug half. Stunden des Vortages hatte René Depart bewußt erleben können, ehe die Schwärze des Nichtwissens wiederkehrte. Und der neue Tag, der war jetzt sogar noch besser, was seinen körperlichen Zustand anbetraf. Größerer Schmerz entstand René Depart nur, wenn er sich einmal zu heftig bewegte.

 

* Fast wollte René Depart alles wie eine wundersame Erscheinung vorkommen. Das allergrößte Geschenk, das ihm dabei zuteil wurde: das Leben. Er, René Depart, durfte am Leben bleiben. Während Ivan Hammer, "Hammer der Schreckliche", Pierre Raul und Gina Davies tot waren. Beste Freunde waren sie für ihn, René Depart, gewesen; viel hatte man gemeinsam miteinander erlebt. Überdies Irene, Irene, seine einzige Tochter, Irene, die war ganz woanders. Tanzte in der Umgebung dieses Jaques' herum. Das war die Frage, ob Irene sich dieser Verhältnisse sicher sein konnte. Ob für Irene das bei Jaques auf die Dauer gutging. Auch Irene war eine, die man, hatte der Boß sie satt, der Mannschaft übergeben konnte. Freigegeben für deren kurzes Gelüst. Um Irene in einem halbtoten Zustand dem Dschungel zu überantworten.

 

* René Depart hatte nicht die Absicht, sich nur in trüben Gedanken zu verlieren. In die Höhe rappelte René Depart sich, stellte sich auf die Füße. Kein Schwindelgefühl mehr; das hatte ihn verlassen. Fast war sein Befinden wie sonst. Die nächsten Schritte wagte René Depart, weiter als zuvor. Neben René Depart hinkte ein grünschuppiger "Raptor" her, einer, der sich ebenfalls daranmachte, nach einer bösen Verletzung neu ins Leben zurückzukehren. Der "Raptor" blickte aus seinen gelben Augen trübe, stumpf auf René Depart. Als läge er doch noch mehr darnieder, als daß er Teil der lebhaften, hüpfenden Welt wäre.

 

* Zu leben, das war schön. Das Leben wurde immer besser. Überall sah René Depart geschäftiges Treiben. Ungefähr armlange Jung-"Raptoren", die herumsprangen, sich um alles und jedes kümmerten. Die boshaften Kleinen waren den Älteren wirklich eine Last. René Depart beobachtete, daß die Kleinen wie Vögel im Nest von ihren Vogeleltern gefüttert wurden: Sie bezwitscherten das Elterntiere, bis die beruhigend zurückzwitscherten, endlich die großen Mäuler aufrissen. Die Kleinen fraßen den Großen das Vorgekaute aus dem Maul heraus.

 

* Einge der erwachsenen "Raptoren" schleppten Geäst. Andere beschäftigten sich mit bewässertem Sand mit dem Bau von Erdhügeln. Wahrscheinlich, daß in dem einen oder anderen halbmannsgroßen Hügelchen, wenn sie nicht als Vorratskammer diente, die nächste Brut schlüpfen würde. Dachte er, Rene Depart, nach, überschaute er die Zahl der Jungtiere, waren das vier-, fünfmal so viele wie die Erwachsenen. Das war so viele, als müßte noch eine Auslese stattfinden. An strategisch wichtigen Punkten des Lagers waren Wächter aufgestellt. Grimmig wirkten diese Wächter. Guckte man sich diese "Raptoren" an, war es die Frage, ob die nach außen wachten oder die Wache denen drinnen galt. Trotzdem marschierten die "Raptoren" an ihnen vorüber, ohne sie großartig zu beachten. Wahrscheinlich, weil die Welt in Ordnung war. Es wollte niemand an den Machtverhältnissen rütteln.

 

* Ein Stöhnlaut entwich René Depart; er hatte "Chef Rotschnauze" entdeckt. "Chef Rotschnauze", der mit zwei "Kollegen" daherstolzierte. Die nächste "Krankenvisite", die für René Depart anstand. Und die Erinnerung an kürzlich erlittene Qualen durch die Heilpaste machte, daß bei René Depart recht wenig Freude aufkam. Auch der "Raptor", der neben ihm dastand, empfand das nicht anders, ließ einen Jammerquietschlaut vernehmen, wandte sich um, um auf sein Strohlager zurückzukommen. Weit weg von der Welt neuer Qualen war das allerdings nicht.

 

 

 

32.  Kleine Biester

 

 

* Das Fleisch, das die "Raptoren" ihm, René Depart, und anderen Verletzten ans Krankenlager brachten, von dem er sich ausreichend was griff, war gekocht; sogar Wurzelgemüse war im Blatt dabei, ein bißchen scharfe Würze. Da nirgends eine Feuerstelle brannte und auch keine Kochtöpfe vor Ort waren, mußten die "Raptoren" in der Nähe eine heiße Quelle wissen. Das war zumindest René Departs Gedankengang. Möglicherweise legten die "Raptoren" größere Fleischstücke mit dem Knochen nach oben ins siedende Wasser, während sie Innereien und das in Blätter einwickelten, reinwarfen. Auf alle Fälle mußte das Ganze einfach zu greifen und herauszuholen sein, ohne viele Spritzer Kochwasser abzukriegen.

 

* Das war ein glatter Durchschuß, den ihm der Jäger verpaßt hatte, resümierte René Depart, sich betrachtend. Knapp genug beim Herzen, aber hinten wieder raus, ohne daß das Schulterblatt getroffen worden wäre. Jedenfalls eine Wunde, die heilbar war, wenn man sich darum kümmerte; wie es bei ihm, René Depart, geschehen war. Glück im Unglück, das René Depart hatte. Schrilles Gekreisch ließ René Depart aus seinem Nachdenken hochrumpeln. Da waren sie zurück, die drei Jungtiere, die es besonders darauf anlegten, bei ihm, René Depart, Ärger aufkommen zu lassen. Mit den Mäulern stießen sie, als der eine es vormachte, nach René Depart, als wollten sie was picken. Nachdem René Depart auf die Beine gehüpft war, sprangen die Mini-"Raptoren" mit spöttischem Gekreisch und Gezwitscher von dannen ins nahe Gebüsch.

 

* Der eine Kleine hatte es auf ihn, René Depart, besonders abgesehen; die anderen beiden, das waren nichts als jämmerliche Mitdabei, denen der Saft sofort fehlen würde, wenn ihnen einmal der Anführer abhanden kam. Gerne suchte das Trio, René Depart mit lautem Gekreisch zu erschrecken; zum Beispiel, wenn er nach dem Genuß seiner Eßration nachmittags am Einschlafen war. Es war ein Spaß für sie, wenn alle drei zwischen den Stauden heraussprange, dorthin, wo René Depart eben getreten war; gefährlich führten alle drei sich auf, als wollten sie jede Sekunde echt angreifen. Noch dazu war lustig, wie langsam der Zweibeiner war, wenn er hinterhersetzte. Nie kriegte er einen von ihnen zu fassen kriegte, sosehr er sich auch mühte, ganz anders als andere Erwachsene in der Umgebung, die mit den Mäulern zuschnappten, hochhoben, bis doch ängstlich gequiekt wurde.

 

* Abermals kehrten die heranwachsenden Biester zurück; ihr zudringliches Fiepen klang auf. Das alles kannte René Depart jetzt zur Genüge. Diesesmal beabsichtigte René Depart, der sich friedlich gegen den Baum gelehnt hatte, das Treiben im "Raptoren"-Lager zu überblicken, die lustigen drei nicht zu beachten. Plötzlich fühlte René Depart etwas, Schmerz. An seiner rechten Hand war das Gefühl von Zähnen, die sich auf seine Haut draufklemmten. Nicht um zu beißen, sondern gemein zu zwicken. Als der kleine Drecks-"Raptor" wegzuckte, schaute René Depart sofort nach der Handkante: tatsächlich kein Blut. Das miese Mistvieh hatte lediglich gezwickt, auf den Biß verzichtet.

 

* Das miese Stück Kleinst-"Raptor" bleckte die Zähnchen, verharrte weiter ganz nahe bei René Depart. Als könnte ihm nie irgendwas passieren, wäre es gegen alles gefeit. Unvermittelt trat René Depart mit seinem Stiefel nach dem Unterbauch des Jungtiers. Das erste Mal, daß der Kleine seinen Gegner anscheinend unterschätzte, nicht schnell genug reagierte. Ausgezeichnet traf René Depart den Ball. Zwei Meter flog das Drecksstück eines "Raptors" durch die Luft, blieb sogar geschockt länger liegen. Als wäre ihm eine Idee gekommen, sprang der Mini-Boß, der die Augenpaare seiner beiden Freunde, die er gewöhnlich beherrschte, auf sich wußte, nach kurzem Herumliegen wie ein Flummi auf.

 

* Alles hatten die Freunde ganz genau gesehen. Mitgekriegt, daß er, der Boß, erwischt worden war; sogar mit ein wenig Tran. Wutentbranntes Gefauche und Gezwitscher des Kleinen Richtung René Depart. Schreck, Ungläubigkeit, tiefere Verletzung, davon erzählten die hellblauen Äuglein des Nachwuchsmonsters. Nicht zu fassen, daß dieser dämliche, langsame Depart ihn am Bauch erwischen hatte können. René Depart meinte, aus dem Ausdruck der gelben Augen des Mini-"Raptoren" herauslesen zu können, daß Mini-Boß alles andere als ein guter Verlierer war; was ihm durch René Depart passiert war, hätte ihm nie und nimmer passieren dürfen. Konsequenzen müßte das für René Depart haben, die über das bisherige hinausgingen. Für Schlimmeres war René Depart nun vorgemerkt, als das, was ihm bisher geschehen war.

 

 

 

33. Das Unglück

 

 

* Unruhe fand sich in René Depart. Er konnte nun als Mensch nicht für immer in dem "Raptoren"-Lager bleiben. Das war eine endliche Zeit. René Depart fand es komisch, wie ruhig es in der Gegend der "Raptoren"-Ansiedlung war. Keine Angriffe durch die Jäger-Clique, die Jaques kontrollierte. Die vergangenen Tage hatte René Depart hin und wieder gemeint, das Geräusch eines Hubschraubers zu erlauschen. Jedoch ziemlich fern. Genausogut hätte es eine Einbildung sein können. Jedenfalls: Keine Schießerei  mehr nirgendwo. Dabei war "Chef Rotflecke" bereits einmal in die Gefangenschaft der Jäger geraten. In Strandnähe hatte sich die "Raptoren"-Gemeinschaft sich niedergelassen. Nachts hörte René Depart das Meeresrauschen immer am deutlichsten. War das Meer nahe, war die "Peter" nicht im Bereich des Unmöglichen. Kein Ding der Unmöglichkeit für René Depart, zu seinen Freunden von der "Peter" gelangen zu können. Damit sich ihm, René Depart, endlich die Frage beantwortete, was die Mannschaft der "Peter" trieb. Das wäre es für René Depart gewesen, einfach in eine Richtung am Strand längs zu marschieren, zufällig jemandem von der "Peter" zu begegnen. Andererseits: Existierte die "Peter" überhaupt noch? Angesichts der Gefahr, die von Jaques, dem Piraten, ausging. Jaques, den Irene gesehen hatte, um von Jaques geblendet zu werden. Wenn es die "Peter" noch massiv gab, mußte René Depart das erfahren.

 

* René Depart zögerte. Es war echt der Widerwille in ihm, die Grenze zu überschreiten. Bisher hatte René Depart sich das nie getraut, die nächste Umgebung seines Krankenlagers zu verlassen, in das "Raptoren"-Lager hineinzuspazieren. Zwischen den Nest- und den anderen Hügeln herumzugehen, als wäre das das Allernormalste auf der Welt. Andererseits: Wenn er, René Depart, erst drüben war, konnte er jenseits der Palmen laufen. Auf der Strandseite war René Depart frei, sich unbesehen oder ohne daß es größere Beachtung fand davonzumachen. Wenn René Depart von einem Ausflug nicht zurückkehrte, würde das der mit dem roten Fleck auf der Schnauze gewiß verstehen. Der Anführer. Schließlich gehörte René Depart in keinster Weise in seinem Lager irgendwie dazu.

 

* Endlich hatte René Depart genügend Antrieb gefunden; lange genug hatte es gedauert. Ziel war jenseit der Palmen der Strand. Der Strand und den Strand hinauf irgendwann die "Peter". Er mußte wissen, wie es seinen Freunden von der "Peter" ergangen war. Dort war René Departs Platz, dort gehörte René Depart hin. Langsam, zaghaft schritt René Depart voran, als könnte einer der "Raptoren" seine Absichten erraten. Hin und wieder blieb René Depart stehen, betrachtete interessiert einen der Erdhügel. Dann setzte René Depart seinen bedächtig langsamen Spzierweg wieder fort. Wie vor eine Wand gelaufen, Dann verhielt René Depart wie vor eine Wand gelaufen im Schritt: seine drei "Freunde". Seine kleinen Quälgeister. Als der Mini, der den Anführer des Trios abgab, die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen hatte, krähte er lauthals. Die beiden Kumpane links und rechts daneben glotzten matt und undefinierbar.

 

* Eine bessere Lösung des Problems fiel René Depart nicht ein als Nichtbeachtung. René Depart drehte sich einfach zur Seite, eine andere Marschrichtung einzuschlagen. Das halbe Anführerlein zwitscherte aufgebracht. Plötzlich merkte René Depart, daß er von hinten angesprungen worden war. Einen kleinen Stich in den Rücken spürte René Depart. Der Angreifer, der außer Reichweite davonhüpfte, war nicht der kleine Chef selbst, es war einer seiner Knilche. Auf das zwitschernde Kommando des Anführers hin griffen alle drei an. Nach besten Kräften suchte sich René Depart der Attacken zu erwehren, trat, schlug zu, schmiß sie von sich herunter. Aber jedesmals rappelte man sich hoch, um erneut anzugreifen. Abermals spürte René Depart, daß eine Sichelkralle ins Ziel gefunden hatte, an der rechten Hüfte. Die Verzweiflung bei René Depart wuchs von Sekunde zu Sekunde. Immer häufiger, daß die Mini-Monster ihn stachen. Die Verletzung auf der linken Brusthälfte heilte zwar gut, aber der Beweglichkeit des linken Armes half der Schmerz und das Ziehen nicht. Das durfte es nicht sein, demnächst am Boden zu liegen zu kommen, während das Angreifer-Trio das Angriffsziel Hals frei hatte. Auch wenn das nur die Kleinen der "Raptoren" waren, wäre das für ihn, René Depart, das sichere Ende gewesen.

 

* Schlagartig war dann alles vorbei, Ruhe herrschte auf der Szene. Schweiß wegblinzelnd guckte René Depart auf den Nachwuchsanführer des Mini-"Raptoren"-Trios herab, der im Staub dalag. In Agonie zuckte der Mini, blutüberströmt. Die beiden restlichen Kerlchen, die ständigen Satelliten des einen, waren spurlos verschwunden. Rundum sich im Kreis drehend, überschaute René Depart die stille Runde erwachsener "Raptoren". "Chef Rotflecke" zwitscherte niedergeschlagen. Sonst tat sich bei "Chef Rotflecke" nichts. Eine der "Raptoren", die René Depart umstanden, trat zur Seite, gab für René Depart den Blick frei Richtung altbekanntem Platz Krankenlager. Sofort begriff René Depart, daß das jetzt sein Weg war. Der einzige, der für ihn zu nehmen war. Und René Depart, der an Händen und Füßen zitterte, ließ sich torkelnd nicht lange bitten, brachte sich in Bewegung, stellte einen Schritt vor den nächsten, ohne hinzusinken. Der Einfall, alle Kraft zusammenzunehmen, loszulaufen, das wäre sicherlich der tödliche der Fehler gewesen. Solange er, René Depart, schließlich lebte, war das Zeitgewinn. Vielleicht ergab sich doch noch was für ihn.

 

 

 

34. Stufen, hinaufzusteigen

 

 

* Es herrschte Ruhe auf der "Krankenstation". Die drei anderen Patienten, von denen der eine oder andere sonst immer längere, kürzere neugierige Blicke über René Depart hinwegschweifen ließ, drehten ihre Schnauzen nur mehr selten Richtung René Depart. Blieben abgewandt. Als hätte René Depart jetzt ein Stigma erhalten. Die Gefühlslage René Departs war ganz weit unten im Keller; mit zittriger Hand wischte er sich Tränen weg. Langsam überforderte ihn die Geschichte wirklich. Das, was sich mit dem Kleinen abgespielt hatte, das hatte er, René Depart, nicht gewollt; der Mistvogel aus der Nachwuchsmannschaft war selber schuld an seinem Geschick. René Depart schimpfte auf sich, weil er Mitleid mit der krallenbewehrten halben Portion hatte, das ihm den Rücken hergestochen hatte, daß ihm Blut gelaufen war. Das kleine Drecksvieh, das es geliebt hatte, sich als Anführer zu gebärden. Besser, der war hinüber, als er, René Depart. Interessant bei der Angelegenheit war nur eins: daß sich der "Raptoren"-Nachwuchs im Staub wiederfand, im Sterben liegend. Hätte das nicht umgekehrt sein sollen?

 

* Hemd und Unterhemd hatten die Mini-Biester, die ihn angegriffen hatten, René Depart zerrissen. Das Männerhemd hing hinten sogar in Streifen; bloß der Kragen hielt die Stoffware noch zusammen. Die Kratzer und die im Grunde harmlosen Stichwunden würden relativ bald heilen. Nur, er, René Depart, war auch gebissen worden. Von Waranen wollte auch keiner gebissen werden. Warane, wußte René Depart, mußten ihren Opfern nicht lange nachstellen, ihnen einen schnellen Todesbiß zu verpassen. Waranen genügte es, einmal irgendwo ihre Beißer in die Flanken reinzuschlagen. In absehbarer Zeit lag das unglückliche Tier, das es erwischt hatte, am Erdboden. Der Waran mußte lediglich der Riechspur nachgehen, die Mahlzeit war ihm serviert.

 

* "Chef Rotflecke" kam als Arzt zu René Depart zurück, begleitet von zwei "Raptor"-Riesen. Seine Gesten bezeigten, René Depart sollte sich ausziehen. Und René Depart gehorchte. Dann kriegte René Depart eine Heilpastenbehandlung. Nur, Fröhlichkeit beherrschte nicht mehr die Szene. Die "Raptoren" zwitscherten nicht untereinander. Keinen Ton hörte René Depart von ihnen. Nur Schnauben, das gefährlich klang. Weil René Depart sich einwandfrei verhielt, ergab sich jedoch für keinen des Trios die Gelegenheit, René Depart gegenüber Aggression zu entwickeln. Fort schritt "Chef Rotflecke", setzte die Krankenvisite bei einem anderen auf der "Krankenstation" fort. 

 

* René Depart fand, er sollte endlich davon runterkommen, daß Irene nicht recht gehabt hätte. Die reptilienartigen Wesen waren keine gewöhnlichen Reptilien wie etwa ein Krokodil. Das war eine ganz andere Art. Das mußten Raptoren. Raptoren, die es aus der Dino-Zeit in die Gegenwart geschafft hatten. Aus irgendeinem Grund. Lebendige, übermannshohe Raptoren. Zweieinhalb Meter bis drei Meter, wenn sie sich aufrichteten. Auf diesen komischen Eiland, daß sie lebten. Genauso wie andere Kreaturen, von denen er, René Depart, bereits Abkömmlinge zu Gesicht gekriegt hatte. Leider sehr lebendige Monster, wenn das kein Traum war, aus dem René Depart irgendwann aufwachen würde.

 

* Dreimal hatte René Depart sich erwischt, wie ihm der Kopf auf die Brust gesunken war. Nachdem die Spannung bei ihm nachgelassen hatte, wollte die Müdigkeit ihren Tribut von ihm verlangen. Wenn eins sicher: Sogar im Auge des Wirbelsturms konnten Menschen irgendwann schlafen. Der Schlaf, der übewältigte einfach. Plötzlich wurde René Depart etwas bei sich gewahr, ruckte erschrocken hoch. Die Raptoren! Unhörbar waren sie zu ihm, René Depart, zurückgekommen. Wie aus dem Nichts materialisiert, standen drei Gestalten reglos vor René Depart herum. "Chef Rotflecke" und drei weitere des Rests, die wichtig blickten. Die Art, wie die vier auf ihn, René Depart, herabglotzten, verhieß keine angenehme Zeit.

 

* "Chef Rotflecke" zwitscherte auf eine ungute Weise, beugte sich herab, hatte die gelben Augen auf René Departs Augenhöhe. Der Schreck überwältigte René Depart, machte, daß er einen Meter rückwärts rutschte, nur fort von diesem Maul. Obwohl, im Grunde genommen gab es es keine Fluchtmöglichkeit für René Depart. Eine sinnlose Sache. Der mit dem roten Fleck auf der Schnauze war nicht zufrieden mit René Depart und seinem ängstlichen Getue. Nach René Departs Hemdskragen in René Departs Nacken schnappte er zielsicher. Strampelnd half René Depart dabei mit, auf die Beine zu kommen. Das mit der "Krankenstation" und dem Strohlager war für ihn vorüber, begriff René Depart. Von dem Ort der Heilung wurde René Depart fortgezerrt. Wollte "Chef Rotflecke" ihn, René Depart, irgendwo anders exekutieren?

 

* Aufgeregt deutete René Depart in die andere Richtung, dorthin, wo er den Sandstrand wußte. Wenn ihn "Chef Rotflecke" und seine drei Begleiter nicht umbringen wollten, sondern fortschicken, wäre der Strand sein Weg. Was sollte er hier an dieser Felswand, die steil nach oben ging? Diesmal stieß "Chef Rotflecke" René Depart den Schädel vor die Brust, daß René Depart das Gleichgewicht verlor. Hart landete René Depart auf Gestein. Zum Glück konnte er den Faller mit seiner Rechten abfangen; links, das hätte zu viel Pein gebracht. Daß fast eine Ohnmacht fällig werden hätten können. Sehr gefährlich.

 

* Nachdem René Depart sich unverzüglich aufgerappelt hatte, panisch nach rückwärts glotzte, entdeckte er, daß er auf einer Steinstufe dastand. Steinstufen, die hinaufführten. Das Ganze, als hätte er das nicht vorher sehen können, mußte er darauf gestoßen werden, die steinernen Stufen zu bemerken. Böse starrten die Raptoren auf René Depart. René Depart hatte das Gefühl, ein Angriff stand bevor. Ein Gezwitscher von "Chef Rotflecke", und die drei, die ihn begleiteten, fauchten und kreischten los. Das war der finale Angriff, meinte René Depart, warf sich mit panischem Schrei herum, nahm die ersten der schmalen Stufen hinauf. So schnell er konnte, stieg René Depart aufwärts. Dann merkte René Depart, der beinahe kurz ausgerutscht wäre, daß etwas fehlte. Schwer atmend schaute René Depart zurück, abwärts. Zu seiner Überraschung erblickte René Depart die vier Raptoren nicht unmittelbar hinter ihm, sondern einige Meter unter sich am Fuß der Steintreppe. "Chef Rotflecke" und die, die bei ihm waren, hatten sich dort nicht von der Stelle gerührt. Es war dem vier überhaupt nicht eingefallen, René Depart hinterherzusetzen. Daß dem so wäre, das hatte er, René Depart, sich nur eingebildet. Aber eins war trotzdem sonnenklar: Nach unten zurück konnte er, René Depart, nicht mehr. Unten, daß sie nur darauf warteten, daß der Mensch umkehrte. Außerdem sicher, daß dort welche Posten stehen würden ...

 

 

 

35. Der weite Blick

 

 

* Die Todesangst saß René Depart im Nacken. Die Überlegung, umzukehren, war etwas Unmögliches. Vielleicht gaben die "Raptoren" ihm zwei, drei Minuten Vorsprung, ehe sie dem Menschen hinterhergesprungen kamen. Dann konnte René Depart, der sich für diesen Sport nicht fit fühlte, nicht mehr. Mit rasselndem Atem hockte er sich auf die nächste der Stufen, eine, auf die sein Hinterteil paßte. René Depart war es egal, ob die "Raptoren" nachkamen oder nicht.  Den Kopf legte René Depart auf die Arme, schloß die Augen. Zurück, das konnte er zu einhundert Prozent nicht. Wenn "Chef Rotschnauze" ihm, René Depart, eine Chance gab, dann die nach oben und voran. Sollten die Raptoren ihn erwarten, sobald er droben angekommen war, mußte das eben so sein. Wie schön hätte die Welt für ihn, René Depart, sein können, hätte es dieses halbstarke Biest, das den anderen den wichtigen Chef vorspielen mußte, nicht gegeben. Auf René Depart abgesehen hatte es das Drecksstück aus dem "Raptoren"-Nachwuchs. Daran war es verstorben. Weil es keine Ruhe hatte geben können.

 

* Er konnte nicht ewig an Ort und Stelle herumhocken. Stöhnend erhob sich René Depart, hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Kein angenehmer Sturz. Vielleicht hätte der erste Treppenknick den Faller gestoppt. Die Stufen waren für kleine Füße gemacht, wenigstens die meisten. Kleingewachsenes Volk, das diese Stiege in den Fels schlug, in früherer Zeit hier heraufstieg.

 

* Kein Raptor, nirgendwo. Zur Linken schaute René Depart Baumbestand. Die felsige Mitte war weit wie ein städtischer Marktplatz. Alles begrenzte eine Steinmauer, die rechter Hand an einem gewaltigen Steinquader endete, der sich wiederum an die Fortsetzung des Felsens anschloß. Reichlich Stufen führten zu dem Granitblock hinauf. Das Mauerwerk schien von den gleichen Leuten und ihren Arbeitskräften geschaffen, die auch das große Steintor gefügt hatten, durch das er, René Depart zusammen mit seinen Freunden Ivan Hammer, Pierre Raul, Gina Davies und Tochter Irene vor ewigen Zeiten geschritten waren. Die Arbeit eines Riesen bewunderte René Depart. Der "Riese" war Volk mit Kinderfüßen.

 

* Einhundertundsiebenundvierzig Stufen zählte René Depart, der zu der Tischfläche des Steinblocks hinaufsteigen mußte. Die obere Fläche des granitenen Blocks mußte als Altartisch gesehen werden. Ein Opferaltar. Hier wurden in altvorderer Zeit Opfer dargebracht, Blutopfer. Klar, daß die Rinnen im leicht abfallenden Stein Blutablaufrinnen sein mußten, nichts anderes. Blut war hier geflossen. Jede Menge Blut. Von unbekannten Hohepriestern wurde unbekannten Gottheiten geopfert. War es aber auch Menschenblut? Sah man die "Raptoren" als Tiere, waren hier Menschen am Werk. Aber, diese "Raptoren" waren verflucht organisiert. Da konnte es schon die eine oder andere Entwicklung gegeben haben. Generationen, während denen man einmal klüger, dann wieder weniger klug war.

 

* René Depart stieg auf den Opfertisch, begab sich an den Rand. Verlor er, René Depart, das Gleichgewicht, fiel er tief, tief. Steil führte der Fels hier in die Tiefe. Ein monströser Felsabsturz. Die Weite, die sich hier dem Blick René Departs eröffnete, das war der Hammer. Das haute in den Kopf. Unterhalb schaute René Depart bis zum dunstigen Horizont nichts als Dschungelgrün mit weißen Nebelklecksen. Milchiges Weiß, die Ausdünstung des feuchten Dschungels. Welch eine Ferne! Das Wort "Normalität", an diesem Ort vollends zu vergessen. Welche Größe hatte dieses Gebiet? Konnte das die Erde sein? Auf der man alles und jedes kannte. Die Erdkugel, von Satelliten umflogen. Meßgeräte zuhauf, die ihre Impulse herabsandten. Millionen von Bildern, die geschossen wurden, an ein Rechnerzentrum weitergeleitet ...

 

* Das, was er, René Depart, hier überblickte, schrie geradezu danach, in jedem Nachrichtenmagazin an erster Stelle zu stehen, überall der Aufmacher zu sein. Ob geschrieben oder in Worten. Hatte es nicht geheißen, sie hätten die Welt bis in die Untiefen der Meere hinein und die höchsten Gipfel hinauf mit ihren exakten Geräten vermessen? Nichts konnte den Messungen dabei entgehen, nicht an Land, nicht zu Wasser. Nicht die allerkleinste Unebenheit. Eine vollständige Karte der Erdenwelt hätten sie hergestellt. Wie konnte das dann allerdings sein, daß noch kein Mensch von dem, auf das er, René Depart, herabschaute, irgendwie vernommen hatte? Warum wußte niemand von diesen "Raptoren", den restlichen Monstern? Normal war, das überall hinauszuplärren, daß derartiges Getier auf einem Eiland seinen Platz hatte. Was für Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Es sei denn, es sei denn, es wurde einiges dafür getan, daß das unterblieb, daß die Menschenwelt irgendeine Neuigkeit von der Örtlichkeit vorgeführt kriegte. Schließlich befand sich amerikanisches Militär auf dem von Meerwasser umgebenen Gebiet.

 

 

 

36. Brüller

 

 

* Entlang der Steinmauer verlief ein Weg, einmal schmäler, einmal breiter, der für René Depart Richtung abwärts führte. Fast wirkte es auf René Depart, als wäre es dem Dschungel mit seinem satten Pflanzenbewuchs verboten, zur granitenen Mauer rüberzuwachsen. Obwohl die Wahrscheinlichkeit größer war, daß die "Raptoren" ihm einfach entgegenliefen, hatte René Depart nicht die geringste Lust, sich ohne das kleinste Messer durch Dschungeldickicht zu kämpfen. Nur wenn die Umstände ihn zwangen, würde er, René Depart, den Weg in die Bepflanzung hinein nehmen, aus der Getier herausschrie, firpte, quäkte. Die Erinnerung an die Geschehnisse im Sumpf, noch frisch genug für René Depart.

 

* Die Hände in den Hosentaschen schlenderte René Depart ohne Eile dahin. Ab und an blieb René Depart stehen, bewunderte die Mauer, betrachtete gegenüber schön erblühtes Gesträuch, das Insektenwelt herschwirrte und mit Summen erfüllte. Jedenfalls half die Raptorenpaste gut gegen anfliegendes Kleingetier; vor diesen miesen Satelliten, die sich auf ihn herabstürzen wollten, ihm die Haut herzustechen, hatte René Depart bis auf weiteres Ruhe. Grob schätzte René Depart, daß er bald sechs, sieben Kilometer Wegstrecke zurückgelegt haben mußte. Da es stetig abwärts ging, mußte er irgendwann auf Höhe Wasserspiegel ankommen, Ebene erreichen. Vielleicht kam er alsbald am Strand heraus. Weißen Sandstrand und Palmen zu blicken, das wäre eine Entwicklung gewesen. Einem von der "Peter" in die Arme zu laufen, die Freude schlechthin. Wenig später auf die "Peter" rübermachen, sich erst mal in die Koje zu werfen, auszuschlafen. Das hieß, wenn es die "Peter" noch gab. Wenn Jaques' "Piraten" die "Peter" nicht bereits versenkt hatten. War nicht anzunehmen, daß Jaques Zeugen brauchte. Auf jeden Fall keinen von der "Peter". Mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht Irene, Tochter Irene.

 

* Die Mauer endete. Mit dem Rücken lehnte sich René Depart gegen einen Granitklotz in Würfelform gegenüber des Abschlußstückes Mauerwerk. Vor sich überblickte er Eine saftig grüne Wiese überblickte René Depart; satter Rasen, der ausschaute, als hätte eine Schafherde an dem Ort geweidet, die Halme gekürzt. Jenseits der Wiesenfläche gab es Bäume, Gestrüpp. Fragen über Fragen, die René Depart im Kopf hatte. hauptsächlich aber die: Wo waren die Feinde? Zum Beispiel die in der Form der "Raptoren". Die grünschuppigen übermannshohen Biester, die zwei Laufbeine hatten, krallenbewehrt. Wenn das nicht der Ort war, wo sie lauerten, wo waren sie dann zu erwarten? Davon war auszugehen, daß sie irgendwo auf ihn, René Depart, warteten. Irgendein guter Platz, den sie sich ausgeguckt hatten, den Menschen zu metzeln. Der ein paar Stunden noch eine friedliche Zeit hatte.

 

* Ein heftiges Gebrüll ließ René Depart zusammenzucken. Welch ein Brüller! Zweimal wiederholte sich das Brüllen; wirklich ohrenbetäubend laut. Sehr unmittelbar. Das schien ein äußerst großes Tier zu sein, das herausbrüllte, daß es da war. Versonnen blickte René Depart den Steinbruch hinauf, der rechter Hand so fünfzig Meter entfernt von der uralten Steinmauer anfing. Der Fels war an manchen Stellen steil, dann wieder nicht. Sah alles aus, wie erkletterbar. Wenn er, René Depart, den Felsen erklimmte, würde er eventuell sehen, welche Kreatur das war, die dermaßen einen Lärm verursachen konnte. Schätzte René Depart das Felsstück richtig ein, war dort trotz Verletzung seinerseits locker ein Aufstieg möglich. Oft genug hatte er, René Depart, in Paris im Verein an Kletterwänden trainiert; meist freitags, gegen sieben Uhr am frühen Abend. Eine Stunde Kletterei war das mindeste. Und das an der künstlichen Kletterwand, das war schlimmer, als das hier aussah. Wenn er dort raufkletterte, hatten die "Raptoren" für eine Weile keine Chance, ihn vor die Sichelkralle zu kriegen. War es für die Monster nichts damit, ihm das Gedärm aus dem Leib zu reißen. Um ihm zuzuschauen, wie er langsam starb. Dieser Gedanke entschied es, René Depart machte sich daran, zum Felsabsatz hinzuspazieren. Ohne Hast begann René Depart, das relativ angenehm geneigte Felsterrain hochzusteigen.

 

 

 

37. Gigant

 

 

* Hätte er mit seiner Linken besser zupacken können, wäre der Aufstieg für René Depart ziemlich locker gewesen. Weil René Depart aufpassen mußte; zog das mit der Raufsteigerei zeitlich deutlich in die Länge. Eine Weilchen her, seit René Depart den letzten Brüller gehört  hatte. Fast schien es René Depart, daß er das mysteriöse Wesen, das ohrenbetäubend gebrüllt hatte, nicht mehr vorfinden würde, war er droben auf der Felsfläche angekommen.

 

* Endlich war René Depart droben. Was René Depart blickte, das fand er, das war der Wahnsinn. Mit dem Anblick hatte René Depart nicht gerechnet. Das, was er schaute, das war etwas wie die Abart eines haarigen, dunkelbraunen Gorillas. Nur gigantisch. Dieser Affe war ein Gigant. Zyklopisch in den Ausmaßen. Reglos verharrte das Affenmonstrum, starrte Richtung weitläufiger Geröllhalde in der Gegend rum. Unvermittelt riß der alle Dimensionen der Vorstellungskraft sprengende Monster-Gorilla das Maul auf, kreischte, daß René Depart es von dem Lärm die Ohren überschlug. Das gewaltige Affenwesen trommelte sich mit beiden Fäusten vor die Brust, reckte darauf die geballte Faust drohend gen Himmel. Nochmals ein kreischendes Gebrüll, und die Riesenkreatur, ein Gorilla-Abkömmling, hockte sich nieder. Es regte sich nicht mehr, sah aus wie in eine Meditation versunken.

 

* René Depart überlegte, daß das jetzt langsam auch langweilig wurde, ewig einen Affen anzuschauen, der sich nur in einem von anderem Affen unterschied: in seiner Größe. Zwar die Frage, warum das Vieh so riesig sein konnte. Wie direkt einer anderen, phantastischen Weltensphäre entstammend, aus irgendeinem Grunde an diesem Ort materialisiert. Trotz dieses Gedankens: René Depart gähnte herzhaft. Blinzelte müde.

 

* Unvermittelt kehrte das Leben in die Monströsität eines Menschenaffen zurück. Auf die Beine hüpfte das Riesentier, unternahm auf der Gehfläche mehrere Trippelschritte zur Seite, winkte. Die Augen wurden René Depart wieder groß: Ein kleineres Wesen derselben Art erschien zaghaft auf der Bühne, deren Hintergrund eine Felswand voller Klüfte war. Etwa halb das Format des ersten Giganten hatte es. Das war ein Junges, schoß es René Depart durch den Kopf; ein Muttertier und ihr Junges. Die Mutti nickte freundlich zum Nachwuchs herunter, deutete im Halbkreis herum. Dann beugte sich die monstermäßig aufgewachsene Gorilla-Mutter herab, rannte auf allen vieren dem Nachwuchs voraus. Beide Abkömmlinge einer Gorillaart, von der René Depart noch nie was gesehen oder gehört hatte, entschwanden René Depart Blick einem dunklen Spalt. Die nachtdunkle schmale Öffnung zu einer Höhle mußte das sein, verstand René Depart die Welt richtig; sicher eine Felshöhle gewaltigen Ausmaßes, wenn die zwei Monster drinnen hausen konnten.

 

* Beinahe wollte in René Depart Zweifel aufkommen. Der Zweifel, ob er das wirklich gesehen hatte, was er zu sehen gekriegt hatte. Konnte die Szene nicht eine Halluzination sein? Eine Fata Morgana? Vielleicht hatte er, René Depart, einen Sonnenstich. Andererseits, wirklich es geschaut oder es nicht geschaut, das war am Schluß für ihn, René Depart, vollkommen gleichgültig. Total egal. Klein, groß, ungeheuerlich riesig, betraf ihn, René Depart, das denn in irgendeiner Weise? Im Grunde sollte das für René Depart das Interessante sein, daß hier das Meer nahe war. Möglicherweise war gerade Ebbe. Wenn das Meerwasser wieder anstieg, überspülte das Wasser die Gesteinsfläche drunten. René Depart entschied, daß er lange genug an dem Ort herumgelegen war. Die schräge Felswand, die er hochgestiegen war, würde er jetzt sofort wieder hinuntersteigen. Unten zurück, daß er einfach geradeaus weitergehen würde. Wenn hier Meernähe war, konnte der Sandstrand nur einige Steinwürfe weg sein. Wenn er, René Depart, das schaffte, heil auf die "Peter" zu kommen, dann war der erste Teil geschafft, der zur Rettung nötig war. Auf der "Peter" gab es zu essen und zu trinken. Vielleicht auch nur, um sich zu besaufen. Das wäre es, für ihn, René Depart, die andere Lösung all seiner Sorgen und Nöte. Nichts weiter hören und sehen zu müssen. Sollte es sich auf der "Peter" herausstellen, daß es nichts damit war, davonzusegeln, dem Eiland zu entkommen, konnte man sich wenigstens noch mit Alkohol zuschütten.

 

 

 

38. Irene, eiskalt

 

 

* René Depart lag auf dem Rücken, schaute in den blauen Himmel hoch. Die Liegerei hatte ihm überhaupt nicht gutgetan. Die Schußverletzung, immer noch im Heilungsprozeß, tat verdammt weh. Außerdem war das vielleicht doch zuviel, an diesen Ort am Felsen oben hinaufzusteigen. Voll matt und mitgenommen, daß René Depart sich fühlte, und jetzt mußte er dieselbe Passage, die er heraufgekommen war zurück und hinunter. Eben beabsichtigte René Depart, sich probeweise auf die Beine zu schaffen, als voraus drunten Knallerei losging. Schüsse klangen. Wüste Schießerei.

 

* Nachdem René Depart an den Felsrand heranrobbte, hinabschaute, sah er unten auf der Geröllhalde zwei Männer laufen. Gleichzeitig wandten sich beide um, gaben mit ihren Gewehren Schüsse ab. Den einen Kerl, den erkannte René Depart auf der Stelle: Henry. Henry kahlköpfig. Henry, den er, René Depart, als Befehlegeber kennengelernt hatte. Im Lauf wurde Henry in den Rücken getroffen. Schnell, daß am Hemd Henrys ein roter Fleck zu sehen war. Ein gellender Schrei Henrys, Henry schleuderte sein Schnellfeuergewehr von sich, ging hinter größeren Gesteinsbrocken zu Boden, war damit für René Depart außer Sicht verschwunden. Der zweite Bursche aus Jaques' "Piraten"-Mannschaft in roter Pluderhose und weißem Shirt sprang im Zickzack von Stein zu Stein, warf sich dann hinter eine annähernd halbmannsgroße Steinkugel in Deckung. Ohne Unterlaß, daß geballert wurde. René Depart sah das Gestein bei dem einen "Piraten" förmlich spritzen.

 

* Droben auf seinem Felsplatz liegend, wunderte sich René Depart, daß der gigantische Gorilla nicht aus seiner Höhle herauskam. Das Monstervieh mußte die Ballerei mit Sicherheit hören. Als der unbekannte Schwarzhaarige aus Jaques' "Piraten"-Bande wieder einmal hochkam, um mit ein paar Schuß aus seinem Gewehr zu antworten, kriegte er es in den Oberkörper. Ungeschützt kam er am Rundstein zu liegen. Für René Depart war deutlich zu erkennen, wie der Mann bei jeder Kugel, die er abkriegte, zuckte, während er die Steinrundung runterrutschte.

 

* Die Schießerei war vorüber. René Depart fragte sich langsam, ob damit schon alles erledigt war, weil keiner drunten auftauchte, nachzuschauen, ob die, die niedergingen, wirklich tot waren. Andererseits empfand René Depart die Tatsache als brauchbar, wenn er die, die geschossen hatten, überhaupt nicht erst zu Gesicht kriegte. Als René Depart sich eben von der Felskante in luftiger Höhe zurückschieben wollte, hüpfte drunten eine ganz in Schwarz gekleidete Gestalt mit schwarzem Stetson auf dem Kopf ins Blickfeld. Natürlich unverzüglich, daß René Depart den Mann wiedererkannte. Es war Jaques. Jaques höchstselbst. Von nichts irgendwie bekümmert, sprang Jaques der Cowboy, links und rechts zwei Revolver am schwarzen Gürtel um die Hüften, das Gewehr in beiden Händen wie eine Balancestange nutzend, von Stein zu Stein. Der schöne Jaques. Und natürlich: Jaques der Boß. Keine Ahnung, was das für ein Spaß war. Henry und sein Kumpel mußten irgendwas für Jaques besonders Schlimmes angestellt haben, wenn Jaques sich darangemacht hatte, höchstpersönlich ihnen hinterherzusetzen.

 

* Eine Dame erschien unterhalb auf der Szene. Wasserstoffblonde Lockenfrisur, wie es schon bei Schauspielerinnen, Sängerinnen in Hollywood Mode werden konnte. Ein weißes, knielanges Miederkleid trug die Schönheit, wie eine Tänzerin aus dem Westersaloon gegen Mitternacht. Ziemlich mit Verspätung, daß René Depart erkannte, wer die Frau war, obwohl er sie sofort erkennen hätte müssen. Schließlich war sie das, Irene. Seine eigene Tochter Irene. Den zweien, Jaques und Irene, folgte jetzt noch ein Trupp verschiedener Männlein und Weiblein, die ihre Schießgewehre weiterhin nervös in Anschlag hielten. Welche aus der "Piraten"-Sippschaft, sämtlichst in roten, weißen Pluderhosen, blauen oder weißen Hemden, mit roten, weißen Kopftüchern.

 

* In unmittelbarer Nähe von dem Ort, wo Henry niedergegangen war, verhielt Jaques, das Gewehr schußbereit. Irene, die sich an die Seite Jaques' stellte, die Hände in die Hüften gestemmt. Der Pulk der Begleiter schwärmte im nahen Umkreis Jaques' und Irenes aus. Leute, die mal nicht da waren, trotzdem zur Lebendigkeit erwachen konnten. Irgendwas besprachen Irene und Jaques. Schließlich zeigte Jaques mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger in die Richtung von Henrys Liegeplatz. Irene zuckte die Schulter. Das Schulterzucken zu Jaques hin wiederholte Irene. Daraufhin zog Jaques einen seiner Revolver aus dem Holster, wog das Ding in der Hand, als müßte er das Gewicht der Waffe prüfen. Lachend sagte Jaques zu Irene ein paar Worte, Irene, die in ihrem weißen Miederkleid seltsamerweise eher aus- als angezogen aussah. Fahrig zupfte Irene nun an ihrer neuen weißblonden Lockenpracht herum. Nun hielt Jaques Irene den Sechsschüsser mit Nachdruck hin. Nach kurzem Zögern faßte Irene den Knauf des Teils.

 

* Auf den Revolver in ihrer Hand hinabschauend, stand Irene da. Sichtlich wurde Jaques ungeduldig, deutete vor sich Richtung des Ortes, wo René Depart wußte, daß Henry herumlag. Einige Worte sprach Jaques, winkte zu Irene hin ab. Irgendwas mußte Irene demnächst anstellen, oder er, Jaques, würde es selber machen. Jetzt packte Irene Jaques' Colt fester. Unvermittelt schaute René Depart zwei Arme, die vom Boden her zwei Arme in die Höhe ragten. Arme, die abwehrend verzweifelt wedelten, Henrys Arme, Henry, der irgendwas schrie, was René Depart nicht verstand. Verständlicherweise, Henry, der die Panik hatte. Gereizt aussehend trat Jaques aus der unmittelbaren Umgebung Irenes fort. Unvermitelt jetzt richtete Irene die Schußwaffe auf ihr für René Dapart, der oben am Fels lag, unsichtbares Ziel, Henry. Zweimal vernahm René Depart auf dem Felsen oben das Schießen. Zweimal, daß Irene geschossen hatte. Ungerührt reichte Irene Jaques die Waffe zurück, Jaques, der sich den Revolver ins Holster zurückschob. Tief verbeugte sich Jaques vor Irene. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, umarmte Jaques Irene. Irene, die war das doch, die Beste. Sein Liebling.

 

 

 

39. Jaques' Sprechgerät

 

 

* René Depart konnte das Beobachtete nicht fassen. Das konnte Irene, seine Tochter, doch nicht einfach so machen, einen umbringen. Nur um sich vor einem wie diesem Jaques zu beweisen. Ganz egal, ob der, den sie erschoß, ein bösartiger Kotzbrocken wie Henry war oder nicht. Einer mit wichtigtuerischen Gesten und herablassender, gemeiner Ansprache. Irgendeinen einfach so lässig zu erschießen, das, zu was Irene sich hatte hinreißen lassen, das überstieg jede Vorstellungskraft René Departs. Wenn jener Jaques etwas gegen den diesen Henry hatte, mußte Irene Henry deswegen lange nicht für Jaques erschießen. Das mit dem Abknallen war getrost Jaques oder jemand anders seiner Bande zu überlassen. Der Wahnsinn, Irene. Irene, immer noch ein weiblicher Teenager. Zwar oft exzentrisch, jähzornig, ungeduldig, eine, die nicht viel nach irgendwas fragte, Irene. Aber das hatte mit dem Charakter einer Mörderin, den Irene unten auf der Geröllhalde vorzeigte, nichts zu tun. Das war eine ganz andere Geschichte für eine junge Frau wie Irene, die man auch noch "Mädchen" nennen konnte. Jaques sein Mördergeschäft abzunehmen, Henry für Jaques praktisch zu exekutieren, sich da drauf einzulassen, nein, das durfte Irene nicht. Überhaupt die Frage, ob Jaques das ernstlich von Irene verlangt hatte, das zu bringen, was sie für ihn gebracht hatte. Bloß leider, Irene hatte es getan, für Jaques getan. Sich Jaques gleichgemacht. Mit unabsehbaren Folgen. Jaques, der wußte jetzt, zu was Irene fähig sein konnte.

 

* Sich Tränen der Wut fortblinzelnd, glotzte René Depart auf Jaques und Irene, seine Tochter, auf der steinernen Halde. Jaques und Irene unterhielten sich, wirkten dabei, als wäre das eine Badeunterhaltung. Im Rund ließen Jaques und Irene ihre Blicke herumschweifen. Jaques wandte sich seinen zwei Dutzend wie ausgeschaltet in der Gegend herumstehenden Leuten zu, deutete auf zwei männliche Rothosen-Figuren mit weißem Kopftuch. Die Kerle traten vorsichtig vor, horchten auf Jaques' Befehle. Anschließend näherte sich der eine der "Piraten" dem Unbekannten, der bei Henry an der Seite vorhin mitgelaufen war. Denjenigen, der lange den Rundstein heruntergerutscht war, sich seitdem nicht mehr regte. Der zweite "Pirat" begab sich an Irene vorüber, schaute zu Henry hinunter, stellte sich in Position. Ein Zeichen Jaques', und das Duo schoß mit den Gewehren, je dreimal. Schüsse, die weithin hallten.

 

* Tief atmete René Depart durch. Ein Maschinengewehr, das René Depart sich wünschte, auf die Bande drunten zu schießen. Mit einem Armzeichen gab Jaques den Befehl zum Abmarsch. René Depart war überglücklich darüber, daß er von dem mörderischen Gesocks nun nicht mehr länger was sehen kriegen mußte. Wo er auf dem Fels dalag, fuhr René Depart vor Schreck zusammen: brüllendes Gekreisch. Das des Monsteraffen. Das zyklopenartige Ungetüm von einem Menschenaffen schaute aus dem für René Departs Blickwinkel schmalen Spalt seiner Großhöhle heraus. In voller Körpergröße verließ er auf seinem stämmigen Beinen die Höhlenbehausung. Ungeheuer mächtig ragte das gigantische haarige Wesen vor der dunklen Spaltöffnung in der Felswand in die Höhe.

 

* Auf der Geröllhalde blickte René Depart hinunter. Auf der steinernen Halde war nur noch von Jaques in seiner Cowboy-Montur etwas zu sehen. Jaques war an Ort und Stelle geblieben. Jaques, der sich das monströse Gorillaungetüm In aller Ruhe, daß Jaques sich das Goriallaungetüm auf der Gehfläche vor dem hochragenden Fels anguckte, die Macht des Bildes auf sich wirken ließ. Unaufgeregt holte Jaques einen handgroßen Gegenstand aus der Brusttasche seines schwarzen Hemdes, klappte das Ding auf. Eine Telefonie. Ein Sprechgerät bereit. In die Membrane sprach Jaques Worte. Irene kehrte tänzelnd auf die Szene zurück, Irene, die sich gezwungen sah, zu Jaques zurückzumachen, um sich an Jaques' Seite zu plazieren. Jaques, der sich von Anfang an nicht erschrecken hat lassen, der kühl stehengeblieben war, während der Rest gelaufen war.

 

* Der Gorilla-Gigant glotzte auf die Winzlinge auf der Geröllhalde. Das Monster ließ erneut Gebrüll hören. Weiterhin rührte sich bei dem lästigen Kleinvieh dort auf den winzigen Steinen nichts, also packte das Monstrum kreischend der Zorn, und es brachte sich in Bewegung, als könnte es hinabgehüpft kommen. Jetzt sah René Depart Jaques laufen, Jaques, dem Irene hinterherrannte. Der riesige Affe bemerkte die Flucht des Zwergenvolks, verhielt in der Bewegung. Der monsterhafte Gorillaart-Abkömmling brüllte lautstark, trommelte mit den Fäusten vor die eigene Brust.

 

 

 

40. Abschuß

 

 

* Der Affengigant wollte nicht wieder kehrt machen, um sich in seine Höhlenbehausung zu verziehen. Statt nochmals sein Gebrüll hören zu lassen, fauchte das Monstervieh gereizt durch die Gegend, wandte den Kopf nach links und rechts, trippelte unruhig auf der Stelle. Dann stierte der zu groß geratene Affe Richtung Himmel Die Riesenhand, die über die gewaltige Nase wischte, zitterte leicht. Das ganze Gehabe nun, als wäre etwas Unerfreuliches zu erwarten. Unterhalb huschte Schwarzes, lenkte René Departs Blick ab. Jaques war zurückgekehrt, überblickte René Depart, Jaques, der mit dem Arm weitschweifig gestikulierte, in seine Telefonie hineinredete. Das monsterhafte Affentier hatte keinerlei Interesse an Jaques' Erscheinung, verhielt reglos am Platz, horchte, wie atemlos. Dann erlauschte ein Geräusch René Depart: die Geräuschkulisse eines Hubschraubers, von Sekunde zu Sekunde lauter.

 

* René Depart drehte sich auf den Rücken, als der schwarzfarbige Helikopter direkt über seinen Liegeplatz hinwegflog. Ein Kampfhelikopter aus Armeebeständen, eine Kriegswaffe; das Emblem: weißer Hintergrund, zwei schwarze Kreuze sich diagonal gegenüberliegend. Die ungeheuerliche Affenabnormität brüllte seinem angekommenen fliegenden Gegner feindselig entgegen, trommelte sich mit den Fäusten vor die Brust. Sicherlich, um sich selber Mut zuzusprechen.

 

* Der Hubschrauberpilot verhielt sein Fluggerät in sicherer Entfernung in der Luft, richtete die Heli-Schnauze Richtung des Monstrums aus der Affenwelt aus. Ohne lange auf irgendwas zu warten, wurde aus dem Hubschrauber das Feuer eröffnet, Raketenbeschuß, zweimal. Die Raketen detonierten am Bauch des Affenungetüms. Das gigantische Gorillaweibchen kreischte vor schierer Pein; die Augen quollen ihm vor Schmerz aus dem Kopfes. Zwei feingliedrig wirkende Riesenhände hatten nach der Bauchgegend gefaßt, die eine einzige klaffende Wunde, aus der es rot strömte. Gedärm rutschte heraus; eine haarige Affenhand faßte reflexartig nach dem auseinanderdrängenden Darm, versuchte in einer unwillkürlichen Reaktion, alles zurückzustopfen.

 

* Da war nichts mehr zu machen, das hieß Tod für die monströse Kreatur, war es René Departs Gewißheit, René Depart, den die Grausamkeit der Szene gleichzeitig anzog wie abstieß. Sich die blutbesudelte riesige Hand vor die schmerzverzerrte Fratze haltend, stand die monströse Affenkreatur gegen den Vorsprung seitlich der Großhöhle gelehnt. Sichtlich konnte das Affenmonster es nicht fassen, welches böse Mißgeschick von einer Sekunde zur anderen über es gekommen war.

Werbung
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post